Doris Fischer

Mutterliebe

Meine Mutter ist eine Frau, die Zeit ihres Lebens immer etwas „Besseres“ sein wollte. Mit der Heirat eines angesehenen Kaufmanns, einem ehemaligen Jurastudenten, schien das Ziel des sozialen Aufstiegs in greifbare Nähe gerückt zu sein. Wenn da nur nicht die „böse“ Schwiegermutter gewesen wäre, von der sie niemals akzeptiert, geschweige denn respektiert wurde. Diese bitteren Erfahrungen prägten meine Mutter und ihr weiteres Leben aufs äußerste. Das Zusammenleben mit ihrem Ehemann und dessen Mutter stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die familiären Verhältnisse waren durch die täglichen Reibereien und Zwistigkeiten ziemlich belastet.
Da meine Mutter eine gutmütige und harmoniebedürftige Frau ist, ließ sie immer alles Unrechte wortlos über sich ergehen. Sie ist eine Frau, die es immer nur den anderen Menschen Recht machen wollte und dabei ihre eigenen Bedürfnisse vergaß. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass selbst mein Vater nur tatenlos zusah wie seine Frau unter den Anfeindungen ihrer Schwiegermutter gelitten hat.

Trotz dieser sehr schwierigen Situation übernahm meine Mutter sämtliche Aufgaben in unserer Familie , denn mein Vater war beruflich sehr eingespannt und konnte ihr keine Unterstützung anbieten.
Meine Mutter ist eine starke, selbstlose Frau und erfüllte die ihr auferlegten Verpflichtungen ohne den geringsten Missmut. Im Grunde ihres Herzens aber war sie sichtlich bedrückt und verzweifelt darüber, wie sie die täglichen Belastungen dauerhaft ertragen sollte. Es war natürlich nicht anders zu erwarten, als dass meine Mutter auch mit der Erziehung der Kinder allein gelassen wurde, wie das in der damaligen Zeit leider so üblich war. Es war auch nicht zu übersehen, dass sie zeitweise erheblich mit der Rolle einer liebevollen Mutter überfordert war.

In meiner Kindheit und Jugendzeit bekam ich ihre „Überforderung“ beinahe täglich hautnah zu spüren. Auf jeden noch so kleinen Ungehorsam lässt meine Mutter ohne Wenn und Aber die nötigen Strafen folgen und ihre Erziehung ist geprägt von konsequenter Strenge und Härte. Bei ernsteren „Vergehen“ strafte sie mich sogar mit Liebesentzug und sprach tagelang kein einziges Wort mit mir.
Das war dann immer die „Höchststrafe“ für mich und verletzte meine zarte, kindliche Seele bis in den letzten Winkel. Ich strengte mich dann dermaßen an, meine Fehler wieder gut zu machen, damit mir meine Mutter wieder verzeiht und mir wohl gesonnen ist. Unter Tränen flehte ich sie sogar inständig an, mich doch wieder richtig lieb zu haben und „ihr Kind“ nicht zu verstoßen.
Solche Erlebnisse hinterließen bei mir tiefe seelische Spuren und ich hatte damals nicht nur als Kind, sondern selbst noch als junge erwachsene Frau ziemliche Angst vor meiner Mutter.
Angst davor, immer wieder für meine Fehler und mein Aufbegehren bestraft zu werden wie es früher passierte. Das war eine entsetzliche Erfahrung für mich, zu spüren, dass ich meiner Mutter niemals genügen konnte. Meine Mutter behandelte mich oft stiefmütterlich und ich wartete vergeblich auf ihre mütterlichen Gefühle, nach denen ich mich so sehr sehnte.

Trotz diesem konfliktbeladenen Mutter- Tochter -Verhältnis bin ich schon immer die stets respektvolle und mitfühlende Tochter gewesen, die ihre Mutter zu schätzen und zu lieben weiß. Obwohl ich viele Schmerzen an Körper und Seele erleiden musste, brachte ich es bisher nicht übers Herz, meiner Mutter Vorwürfe zu machen und sie anzuklagen.

Im Gegenteil – ich bin dankbar dafür, noch eine Mutter zu haben. Sie ist inzwischen 94 Jahre alt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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