Hans K. Reiter

Misere - Geschichte einer Tat

Nicht von ungefähr findet so mancher Mensch in einer Situation sich wieder, in die er, hätte er die Wahl gehabt, sich nicht hineinbegeben hätte.

Jetzt grübelt er, denkt nach, zermartert sich sein Gehirn, aber es bleibt, wie’s ist.

Ja, freilich fällt der Blick zuerst dorthin, wo die Misere besonders das eigene Schicksal umschließt. Also wird jener, der ganz unten sich wähnt, beklagen, was es dort eben zu beklagen gibt, und das kann eine Menge sein.

So werden wir geboren, erblicken das Licht der Welt, besitzen weder Einsicht noch Aussicht, wissen nichts von den Verhältnissen, in die wir hineingeraten sind.

 

Das Elend nimmt seinen Lauf.

Jahre später, wenn aus uns, dem kleinen süßen Irgendwas, ein despotischer Unhold und Menschenverächter geworden ist, ein kalter, nur dem eigenen Profit Verpflichteter, ein über Leichen Trampelnder oder eine arme Sau, die tagaus, tagein den Dreck der Straße fressen, für wenig Lohn die schlimmsten Arbeiten verrichten, stets auf Ämtern buckeln und bei anderen betteln muss, ziehen wir ein Resümee - vielleicht.

 

Es gibt auch solche unter uns, bei denen gerade dies nicht der Fall ist!


Ferdinand Freilander macht es sich in der Stube gemütlich. Ein Kissen im Rücken, fläzt er behaglich auf der alten Ottomane und lässt seinen Gedanken freien Lauf. 77 ist er jetzt, noch nicht alt, aber doch nicht mehr so jung, wie er es gerne wäre. Sein ganzes Leben hat er gearbeitet und so manches fällt ihm zunehmend schwer. Freizeit, wozu immer mehr davon? Er jedenfalls kann sie nicht mehr nutzen, wie er wollte.

Sabine Mehrlinger grübelt auch. Sie, mit 47, viele Jahre jünger, aber am unteren Ende der Leiter zuhause. Beschäftigung verloren, weil ihr Arbeitgeber einen Produktionszweig als Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie geschlossen hat. Umrüstung auf Elektroautos! Sie findet keine neue Beschäftigung, das Alter, sagt man ihr, zu wenig flexibel, im Level zu niedrig und nicht zuletzt, in der falschen Region zuhause.

Dr. Heribert Meinrath fehlt es an nichts. Als Justiziar einer großen Aktiengesellschaft sitzt er unverrückbar im Sattel. Gehalt stimmt, die Freizeit ebenso. Er spielt Golf, nicht nur in München. Seine Gedanken bewegen sich auch, in anderen Sphären jedoch. Urlaube in fernen Landen, Golfturniere, Einladungen, und, und....

Diese drei Figuren werden sich kaum jemals begegnen. Zu unterschiedlich ihr sozialer Status, zu unterschiedlich ihre Freunde und Bekannten, zu unterschiedlich eben alles, was das Leben ausmacht.

 

Der Justiziar schmeißt seine Golfschlägert auf den Rücksitz des Aston Martin. Im Kofferraum hätten sie keinen Platz gefunden. Teuer, das Auto, aber auch Mucken. Leasing, versteht sich. Für einen Mann in seiner Position normales Package. Alles im Gehalt berücksichtigt, sogar die steuerliche Eigenbeteiligung.

Während Heribert Meinrath mit offenem Dach die Fahrt zum Golfclub nach Iffeldorf genießt, studiert Sabine Mehrlinger die Xte Absage einer Bewerbung. Noch nicht einmal für ein persönlichen Gespräch war sie gut genug. Einfach Null, nichts, auch diese Firma brauchte sie nicht, entschieden nach Papierform, obwohl ihre Zeugnisse so schlecht nicht sind. Niemand steigt dahinter, nach welchen Kriterien die Auswahl erfolgt. Ein Algorithmus, vielleicht?

Ferdinand Freilander kennt weder Sabine noch Heribert. Wie auch? Zusammen mit der Firmenrente reicht es gerade so. Ein ganzes Arbeitsleben lang hat er in die Rentenversicherung einbezahlt. Mit 14 als Lehrling begonnen und mit 65 in Rente, ein Leben, sein Leben, immer in derselben Firma, 51 lange Jahre. Eine schöne Summe ist dabei in die Rentenkasse geflossen. Aber irgendwann haben sie damit begonnen, das Rentenniveau und damit die Rentenbezüge abzusenken. Schön wäre es, wenn er ebenfalls 71,75 % seines letzten Lohnes bekäme, wie die Beamten nach 40 Dienstjahren. Und die haben nichts dafür einbezahlt. So ist das Leben, sinniert er, hätt‘ste halt Beamter werden müssen, biste aber nicht!

 

Heribert, einige Schläge absolviert und einige hundert Meter später, sogar gelaufen und nicht im Caddy zurückgelegt, denkt, dass es für heute reiche und er sich nunmehr lieber den Gaumenfreuden des Club-Restaurants hingeben wolle. Es sind nicht die richtigen Leute am Platz. Niemand, mit dem er wirklich ins Gespräch kommen will. Er hätte sich verabreden sollen. Aber so aufs geradewohl, ein Fehler.

Sabine ist trotz vieler Rückschläge kein Mensch, der Trübsal bläst. Schnell packt sie einen Korb, schwingt sich aufs Rad und ab, hinaus in die Landschaft, in die Natur, der Sonne entgegen.

Ferdinand überlegt noch, wählt bedächtig bequeme Klamotten, wirft noch einen letzten Blick in den Spiegel am Gang und macht sich auf in die Tiefgarage. Schnell bringt ihn der Diesel, dessen Raten in wenigen Monaten abbezahlt sein werden, hinaus aufs Land. Er mag es, wenn die Bäume, die Wiesen, die Dörfer an ihm vorbeifliegen. Nicht zu schnell, gerade, wie’s erlaubt ist, seine Devise, und trotzdem Spaß haben, Spaß am Fahren, mehr brauchte er nicht.


Golf, hierzulande ein Sport für das gehobene Level, verlangt den Menschen einiges ab, wenn..., ja wenn sie sich diesem Sport auch mit Sorgfalt und dem vollen Einsatz ihres physischen Vermögens hingeben. Vieles ist nur Schein, denkt Heribert, der Justiziar. Natürlich trägt auch er die neueste Mode und seine Schläger tragen das Siegel einer edlen Marke, deren beständigen Gebrauch man dem Schlagwerkzeug ansieht, gerade so wie echte Profis es eben handhaben. Heute schweifen seine Gedanken ab. Er ist nicht richtig bei der Sache. Die Firma! Wieder einmal, er müsste nachzählen wie oft schon, soll die vorhandene durch eine neue Struktur umgestülpt werden. Er könnte in den Vorstand berufen werden. Ein Sprung, der letztmögliche seiner Karriere! Höhere Bezüge, mehr Freiraum, mehr Ansehen, keine Frage. Alles hängt vom Aufsichtsrat ab. In den nächsten Tagen wird die Entscheidung fallen.

Fahrradfahren ist beliebt und gesund, wenn es nicht gerade inmitten der Stadt im dichten Verkehr betrieben wird. Sabine hat ihr Ziel erreicht. Ein idyllischer Ort zum Verweilen. Sie kommt oft hierher. Ruhe und Entspannung, Gedanken entledigen, nennt sie das. Heute jedoch ist es gerade andersherum - Gedanken festhalten. Nur eine Idee, bis jetzt, aber vielleicht die Zukunft, ihre Zukunft! Sie ist nicht in der falschen Region zuhause, wie man ihr einreden will, sie ist hier genau richtig! Sie versteht einiges von Büroorganisation, weiß sehr genau, was Vorgesetzte erwarten, welcher Art deren private Sorgen und Nöte sind, wo und vor allem wie Sekretariate, Sekretärinnen, eingreifen können und auch müssen, um Dinge im Fluss zu halten, wie unverzichtbar Netzwerke und Bekanntschaften sind, das Wissen um Zuständigkeiten bei Behörden, um Unlösbares lösbar zu machen und vieles mehr. Und genau darum kreisen ihre Gedanken und Ideen. Während alles sich ständig wandelt und im Umbruch ist, will sie fortan der fehlende Ruhepol sein. Der Pol, an dem die wuselnden Chefs und Mitarbeiter jeden Geschlechts ihrer ehemaligen Firma und anderer Firmen in ähnlicher Lage, den Partner finden, der ihre Nöte versteht und hilft, der eben tut, was Sekretariate tun. Sie wird sich mit ein paar Frauen vernetzen und eine kleine, aber schlagkräftige Organisation ins Leben rufen!

Bald schon werden Diesel und Benziner nicht mehr fahren. Schade eigentlich, meint Ferdinand. Ob die da oben auch wirklich alles bedacht haben? Gewissenhaft stellt er sein Gefährt auf dem Parkplatz ab. Bedächtigen Schrittes schlurft er zum hinteren Teil des unter unzähligen Kastanien gelegenen Biergartens. Man kennt sich hier, die Leute grüßen ihn. Eine Russenmass aus alkoholfreiem Bier ist schnell gebracht und die mitgebrachte Brotzeit dem Korb entnommen. Bayerische Lebensart, wie Ferdinand sie schätzt. Besonders aufregend erscheint ihm sein Leben allerdings nicht. Eigentlich immer das gleiche. Entweder er hockt zuhause, fährt durch die Gegend oder kehrt ein, wie jetzt. Ausflüge mit Freunden sind kaum noch angesagt, die sind noch schlechter zu Fuß als er. Ich muss noch etwas machen! Und so entwickelt sich die Idee, unentdeckte Biergärten und andere Verweilstätten aufzuspüren, genau passend für Menschen seines Alters, ohne Trubel und Klamauk, vielleicht sogar ein wenig verschlafen. Fotos, ein wenig Text, bloß kein Reiseführer oder ähnliches, eine Gruppe für Interessierte einrichten und den Rest Facebook und ähnlichen Medien überlassen.

 

Es wird Zeit. Heribert pack seine Utensilien, wieder auf die Rückbank, weil der Kofferraum des schicken Sportwagens eben nichts hergibt und schmiegt sich in den Fahrersitz aus feinem Leder. Anlasser, acht Zylinder, ein angenehm durchdringendes Surren und zurück in die Stadt. Die Gedanken nur halb auf der Straße, ansonsten bereits im erhofften neuen Büro mit den riesigen Fenstern zum Innenhof, sehr elegant. Ein wenig beschleunigend, die Straße ist frei, leichtes Röhren des Motors, wunderbares Gefühl, so erhaben, über allem schwebend!

Er bemerkt es! Zu spät, Bruchteile von Sekunden nur! Vorbei das Träumen! Wie ein Messer bohrt sich der Adrenalinstoß in Magen und Brust! Heribert steigt auf die Bremse, vehement! Quietschen, der Aufprall, unweigerlich, es ist nicht mehr zu verhindern!

Unfähig, sich zu bewegen, wie paralysiert! Heribert erhascht im Rückspiegel, wie hinter ihm ein Wagen zum Stehen kommt, jemand herausspringt, zu ihm nach vorne eilt und etwas ruft wie, er komme gleich wieder, würde nur zunächst die Unfallstelle sichern.

Dann ist der Mann wieder bei ihm. „Rufen Sie Notarzt und Polizei!“, sagt der Mann, aber Heribert versteht nicht, was los ist, rührt sich nicht!

Während der Mann nach vorne rennt, zieht er ein Handy aus der Tasche.

„Scheiße!“, entfährt es dem Mann, während er ins Handy spricht. Weiter vorne rechts eine Person, am Fahrbahnrand, bewegt sich nicht. „Sichern Sie die Unfallstelle auf Ihrer Seite!“, ruft er einem Motorradfahrer zu, der angehalten hat.

Dann ist der Mann bei der Person am Fahrbahnrand. Kreidebleich kommt jetzt auch Heribert hinzu. Der Mann sieht ihn und herrscht ihn an: „Steigen Sie wieder ein und bleiben Sie in Ihrem Wagen. Notarzt und Polizei sind verständigt. Gehen Sie in Ihr Auto, bevor Sie noch umkippen!“

Er ist nicht mehr der Jüngste und hofft, dass die Rettung schnell eintreffen wird. Die Person, keine Regung! Was tun?

Der Motorradfahrer kommt auf ihn zu. „Kann ich helfen?“

„Können Sie Herzmassage? Sie sind kräftiger als ich. Wenn Sie nicht mehr können, löse ich Sie ab und so weiter, okay?“

„Okay“, dann kniet der Mann schon beim Unfallopfer. „Eine Frau“, sagt er noch, dann hört man nur noch seinen Atem.

„Und, geht’s noch?“, fragt der Mann. „Die müssten jeden Moment hier sein.“

„Ja, passt schon!“, presst der Motorradfahrer hervor.

 

In der Ferne sind Martinshörner zu vernehmen. Weitere Passanten stehen herum, schauen betreten, tun nichts.

Minuten später übernehmen die Rettungssanitäter. „Gut gemacht!“, bemerkt einer von ihnen. Der Notarzt ist über die Frau gebeugt. „Wir haben sie wieder“, sagt er und nickt dem Motorradfahrer zu.

„Wenn Sie bitte mit ans Fahrzeug kommen. Wir müssen Ihre Personalien aufnehmen und auch, ob Sie zum Unfallhergang etwas sagen können?“, sagt einer der eingetroffenen Polizisten.

„Ferdinand Freilander, ja ich habe den Unfall beobachtet. Der Fahrer des Cabriolets muss das Stoppschild übersehen haben. Er ist ungebremst weitergefahren, jedenfalls habe ich keine Bremslichter bemerkt. Und dann war da schon das Fahrrad, die Frau! Es war unausweichlich. Er hat sie voll erfasst!“

Ferdinand unterschreibt das Protokoll und hört, wie ein weiterer Polizist der Leitstelle Kurzbericht erstattet: „Unfallopfer Sabine Mehrlinger, 47, mit dem Fahrrad von einem PKW erfasst, laut Notarzt schwere innere Verletzungen nicht ausgeschlossen, auf dem Weg ins Krankenhaus. Unfallverursacher nicht vernehmungsfähig, Schock. Personalien zweier Unfallhelfer aufgenommen, ebenso die Erstaussage zum Unfallhergang eines Zeugen.

 

Der Tag hätte anders enden können. In diesem winzigen Segment unseres Planeten hat Unachtsamkeit ein Verhängnis heraufbeschworen. Anderswo sind andere Auslöser im Spiel. Und stets ist jemand betroffen, geschehen Dinge, die so nicht gewollt sind.

Und doch können wir uns nicht herausreden. Manche versuchen es, aber es ist zwecklos!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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