Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 9

Der alte Zack

 

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Maurice aus dem Schuppen am Fluss kroch. Er fühlte sich völlig erschlagen. Sein schwarzes Fell war ungepflegt und struppig und seine Augen glänzten unnatürlich. Er redete zusammenhanglose Worte vor sich hin, dann stieß er plötzlich einen lauten Schrei aus, der seine tiefe innere Erregung verriet. Sein Erlebnis mit dem Katzenkraut hatte ihn furchtbar aufgewühlt. Verwirrt kämpfte er mit den Erinnerungen an Ägypten und Fleur, die ihn immer wieder überfielen. Etwas Gewaltiges und Ungeheures zerrte an ihm und brach immer wieder aus ihm heraus. Verzweifelt lief er auf unsicheren Beinen zu Pierre und Missy hinüber, die ihm besorgt entgegen sahen.

„Ich bin, nein...ich war der Kater des Pharao,...es gibt keinen Unterschied zwischen diesem Kater und mir, Fleur...ich muss sie finden...“, verzweifelt verstummte er. „Es war ein richtiger Tempel,...am Nil, weißt du...Fleur trug ein Halsband mit Smaragden,...doch es fehlt ein Bindeglied..., ich muss die Zeiten zusammen bringen..., vielleicht sollte ich noch einmal von dem Kraut fressen....“

„Verdammt Maurice..., das verdammte Katzenkraut zerstört deinen Verstand,...das sind alles Einbildungen,...friss ein bisschen Fisch und säubere dein Fell...“, schimpfte Pierre, der von den Eskapaden seines Freundes mehr als genug hatte. „Ich glaube, er hat Halluzinationen,...so nennt man das...“, fügte Missy besserwisserisch hinzu. Doch Maurice reagierte gar nicht auf die Worte seiner Freunde.

Plötzlich lachte er grell auf. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: „Meine goldene Pfote,...das ist es, ich muss sie verloren haben...“ Hastig und wirr fuhr er fort: „Fleur ist die einzige Katze, die ich je geleibt habe...ich gehe zu ihrem Haus...ich werde einen Weg finden.., meine goldene Pfote wieder zu finden... und dann bin ich unbesiegbar...“

Ohne sich noch einmal umzusehen, kletterte er die Böschung hinauf. Er wandte sich noch einmal um und winkte seinen Freunden zu, so als wollte er ihnen Lebewohl für immer sagen. Ohne auf Gefahren in seiner Umgebung zu achten, stürmte Maurice in die Altstadt. Er sah nicht nach rechts und nicht nach links, als er durch die Gassen strich zu Fleurs Haus. Er setzte sich davor und überwältigt von seinen Gefühlen stieß er wieder einen lauten Schrei aus.

Bruchstücke von Gedanken und die unbeantworteten Fragen kreisten sinnlos in seinem Kopf und eigentlich wusste er nicht genau, worauf er hier wartete.

Plötzlich schoss ein Kater auf ihn zu und warf sich über ihn. Als Maurice den großen Grauen erkannte, begann er zu lachen. Er wich nicht aus und wehrte sich nicht gegen die Schläge, denn plötzlich wusste er, wie er zu Fleur gelangen konnte, er musste dieses Katzenleben verlassen. Der große Graue war der Richtige, er würde ihn schnell ins Jenseits befördern, zu Fleur. Maurice erschlaffte, gab auf und alle Qual fiel von ihm ab. Er fühlte sich, als wäre er endlich von einer Krankheit genesen.

Doch plötzlich aus einer kaum nachvollziehbaren Regung ließ der Graue von ihm ab. „Hey Schwarzer, wehr dich,...es macht keinen Spaß auf einem lahmen Kater herumzuprügeln...“, brummte der Graue und sah Maurice misstrauisch an. Maurice schüttelte nur den Kopf, er konnte sein befremdliches Verhalten nicht erklären. Beunruhigt sagte der Graue: „Du hast doch nicht etwa die Katzenseuche..., die so viele dahinrafft...“
Er wartete nicht auf Maurice’ Antwort, sondern ergriff schnell die Flucht. Benommen richtete sich Maurice wieder auf. Er fühlte sich wie ein leerer Sack, innerlich zerrissen und unfähig weiterzuleben. Er schleppte sich ziellos durch die Altstadt und versank immer tiefer im ausweglosen Sumpf seiner Gedanken.

Plötzlich stieß er mit zwei Katzen zusammen. „Kannst du nicht aufpassen...“, schimpfte eine dicke gescheckte Katze, Kitty ist blind...“ Erst jetzt bemerkte Maurice, dass sich eine zweite langhaarige Katze ängstlich an die Mauer drückte. „Tut mir leid,...“, sagte Maurice und wollte an ihnen vorbeilaufen, als die dicke Katze rief: „Du da, willst du uns nicht begleiten,...wir gehen zum alten Zack, der kann kranke Katzen heilen,...er kann durch die Welten sehen und dort Klänge hören... du siehst aus als könntest du ein bisschen Hilfe gebrauchen...“ Maurice horchte auf. „Der alte Zack,...wer ist das?“ fragte er schnell. „Ach, weißt du, er hat ein Leben lang die Katzenkabbala studiert,...nur wenige sind so weise wie er...“, antwortete die dicke Katze uns lotste die blinde Kitty eine steile Treppe hinunter. Maurice kehrte in die Wirklichkeit zurück und seine Hoffnung, Fleur zu finden, flackerte wieder auf. Vorsichtig schob er sich hinter den beiden durch einen Türspalt in einen Kellerraum, in dem endlose Bücherregale die Wände überzogen. Überall lagen Stapel von Zeitungen und bedrucktem Papier herum und es herrschte ein großes Durcheinander.

Maurice schnupperte an den dicken in Leder gebundenen Folianten, als es plötzlich hinter ihm raschelte und ein alter, magerer Kater seinen Kopf um die Ecke schob.

„Wen hast du denn da mitgebracht..., Karin,...?“ fragte er die dicke Katze und musterte Maurice aus scharfen, gelben Augen. Sein Kopf schoss nach vorne und Maurice roch den fauligen Fischatem des Alten und sah seine gelblichen, schlechten Zähne.

Das Äußere des alten Zack flösste Maurice kein großes Vertrauen ein. Er bedauerte bereits, Karin gefolgt zu sein. Es war heiß in dem Kellerraum und Maurice hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Er hatte noch nie etwas von er Katzenkabbala gehört und war nahe daran, sich rückwärts aus dem Raum zu schleichen, als der alte Zack sagte: „Du hast eine Katze verloren...“ Maurice fuhr hoch: „Wo ist sie? Kannst du Fleur sehen...?“ Der alte Zack legte den Kopf schief und schien in unendliche Fernen zu lauschen. Gebannt beobachtete Maurice jede seiner Regungen. Der alte Zack wiegte den Kopf und sah Maurice besorgt an.

„Die Katze, die du suchst...hat diese Welt noch nicht verlassen...aber es bleibt nur wenig Zeit...“, begann er. „Sag schon,...schnell,... ich tue alles...“, unterbrach ihn Maurice mit äußerster Ungeduld.

„Der Eidechsenmann hat sie in seiner Gewalt,...und bald wird sie zum Fels der Engel aufbrechen,...denn wer dem Eidechsenmann begegnet, kehrt nicht zurück,..., es sei denn,...es sei denn..., man raubt ihm die Sicht..., die Lage ist außerordentlich ernst...und lässt das Schlimmste befürchten...“, krächzte der alte Zack. Maurice schrie: „Aber es muss einen Weg geben, ich werde den Eidechsenmann unschädlich machen...“ Der alte Zack kicherte hohl und wackelte voller Bedenken mit dem Kopf: „Dann tu, was du nicht lassen kannst, Söhnchen,...jeden Neumond steht das Tor zur Villa am Sumpf offen und du kannst ungehindert eintreten..., vielleicht gelingt es dir ja, ihm die Sicht zu rauben, das würde einen Zeitaufschub für Fleur bewirken...“ Maurice raste die Treppen hinauf. Er hörte kaum hin, als der alte Zack hinter ihm herrief: „Die Augen, du musst auf die Augen zielen...“

 

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