Monika Jarju

Das ist so Usus

Nach einem Jahr zum ersten Mal wieder in der City, fielen mir die vielen Obdachlosen und Bettler auf. Unter den S-Bahndurchführungen kampierten sie auf Matratzenlagern mit ihren Tüten und Taschen. Bettelnde Frauen saßen nebeneinander mit dem Rücken an die Hauswände gedrückt auf dem Boden. Ansonsten reger Autoverkehr, vereinzelte Menschen, keiner trug eine Maske trotz Pflicht auf den Magistralen. Ich lief an einer Unzahl leerstehender Geschäfte vorbei, die ich von früher kannte, gab es nicht mehr. Las an Schaufenstern Aushänge wie „click and meet“, hörte eine Verkäuferin zu einem Kunden sagen: „Scannen Sie zuerst den QR-Quode!“. Unter den Linden glich einer unbelebten Kulisse aus Stein, Glas und Beton, nur das Schild „Kaffee-Flatrate 14,90 €“ deutete auf menschliche Bedürfnisse hin. Die Stadt schien aus dem Gleichgewicht geraten, ein Umbau hatte begonnen, Fehlbildungen fielen mir ins Auge. Schon in der halbleeren S-Bahn war mir die Stille bewusst geworden. Keiner telefonierte, niemand sprach oder unterhielt sich mit jemand, nur die Bettler, die durch die Züge wankten, baten um eine Spende. Und auf der Steintreppe unter dem Fernsehturm saßen weit auseinander vereinzelte Afrikaner, jeder auf sein Handy starrend – das Bild erinnerte mich an Lissabon. Aber ich war mitten in Berlin, das nicht mehr das Berlin von vor einem Jahr war. In der folgenden Nacht hatte ich diesen Traum. Sonnenlicht fällt durch die halbgeöffnete Haustür. Plötzlich wird die Klappe am Türschlitz angehoben, eine Männerstimme sagt laut und deutlich: „Hasenscharte“. Wie üblich schiebe ich daraufhin dem Bettler vor der Tür einen Euro durch ohne hinzusehen, wer dort steht.

 

 

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