Alexander Riechelmann

Herr Bode

Na endlich. Herr Bode war erleichtert, als er das leuchtende Logo des Supermarkts sehen konnte. Die Fahrt hierhin kostete ihm viel Zeit, nachdem er vergessen hatte, dass auf dem üblichen Weg hier hin ein Teil der Straße gesperrt war und er somit einen großen Umweg fahren musste. Wie achtlos von ihm. Heute morgen hat er doch noch von dem Umbau in der Zeitung gelesen. Angekommen hastete er über den Parkplatz und nahm sich einen Wagen am Eingang. Bei lauter Aufregung hat er ganz vergessen, in welchen Gang er denn jetzt muss. Seit seiner Rente nutzt er viel Zeit, um seine Kochkünste zu verfeinern. Almas Kraft gab immer mehr nach und sie aß nur noch sehr wenig. In der Hoffnung, ihr Appetit würde sich verbessern, probierte er schon mehrere Gerichte für sie aus. Sülze mit Kartoffeln und grünen Bohnen, Seelachs mit Spinat und Dill- Rahmsoße, Rinderroulade in Bratensoße mit Apfelrotkohl. Er machte sich ein eigenes Kochbuch aus Rezepten, die er in der Zeitung oder in den Klatschzeitschriften seiner Frau fand. Diese schnitt er dann aus, foliierte sie und heftete sie in einen Ordner. Doch all das Kochen brachte bisher nichts. Mal aß sie einen kleinen Teller, dann wieder nur die Beilagen, sodass der Rest an Herrn Bode hängen blieb. Doch er gibt nicht auf. Heute wollte er einen Klassiker zubereiten: Spaghetti Bolognese. Die Bolognese köchelte schon, bis ihm erst spät auffiel, was gerade eigentlich fehlte. „Die Spaghetti!“ dachte er und fasste sich an die Stirn. Wie konnte er nur die wichtigste Zutat vergessen?
Angekommen am Regal schnappte er eine Packung und legte sie in den Einkaufswagen, jetzt nur noch ab zur Kasse. Doch zu früh gefreut. Vor ihm wartete eine endlos lange Schlange. Warum muss das denn jetzt so lange dauern? Er lässt Alma nur ungerne alleine Zuhause. Erst wollte er sie mitnehmen, aber sie wollte partout nicht. Einmal wollte sie sich Suppe warm machen, als er spazieren ging. Er kam gerade nach Hause, als er die Rauchmelder losgehen hörte. Sofort lief er die restlichen Treppen nach Oben, sperrte die Tür auf und schob den verschmorten Topf in die Spüle. Seit dem Vorfall nimmt er aus Angst die Drehknöpfe vom Herd, wenn er dann doch mal die Wohnung ohne sie verlassen musste. Vielleicht ein bisschen radikal, dachte er, aber sicher ist sicher. Auch seiner Nachbarin entging das schrille Geräusch des Melders nicht. Als er am nächsten Tag herunter ging, lauerte dort schon die neugierige Frau Knappstedt an der Haustür, um zu erfahren, was oben vorgefallen war. Bei Klatsch, Tratsch und Vorfällen aller Art war sie die erste Adresse. Durch ihre Fenster im Erdgeschoss und ihrer Arbeit im Mieter- und Gartenvorstand kriegt sie alles mit, was in der Nachbarschaft gerade passiert. „Ach, alles in Ordnung, Frau Knappstedt.“ beruhigte er sie. Manchmal hat er das Gefühl, sie würde ihn durch den Türspion beobachten, wenn er durch den Hausflur geht.

Herr Bode ließ seinen Blick über die Leute an den Selbstbedienungskassen schweifen. Doch Moment, da hinten ist doch Eine frei. Vor ihm wartete noch ein Mann, aber warum geht der denn nicht weiter? Ihn ärgerte es, dass der Mann, im Gegensatz zu seinen Adleraugen, die Kasse nicht gesehen hat.
Er tickte ihn an der Schulter an. „Warum benutzen Sie nicht die Kasse da vorne? Die ist doch frei.“
„Sie funktioniert nicht.“
„Wieso funktioniert sie nicht? Die ist doch frei, da ist nichts.“
„Sie funktioniert nicht.“ wiederholte der Mann in einem genervten Ton.
Das kann doch nicht sein, dachte er. Mit seinem Einkaufswagen fuhr er vorbei an dem Mann, dann an den anderen Kunden, die bereits eine freie Kasse sichern konnten. Fast war er dort, da hörte er von der Seite eine Kassiererin: „Guter Mann, diese Kasse können Sie nicht benutzen!“  Im selben Moment sah er das `Defekt` Schild auf dem Bildschirm. Was für eine Demütigung. Die Kassiererin brüllte fast so laut, als wenn man es nicht nur im Laden hören konnte, sondern auch auf dem Parkplatz. Jetzt musste er sich sogar wieder hinten anstellen, so dauerte es nur noch länger. Den ganzen Weg trottete er mit gesengtem Kopf zurück zur Schlange.
„Ich hab`s Ihnen ja gesagt.“ sagte der Mann mit einem Achselzucken und selbstgefälligen Grinsen.
„Konnt` ich ja nicht sehen.“ grummelte Herr Bode.
Der Mann schaute fast so frech wie der neue Mieter von gegenüber, der nie das Treppenhaus sauber machte. Herr Bode wusste so gut wie nichts über ihn. Der Kerl hat sich ja nicht mal bei ihnen vorgestellt. Er schätzt ihn aber auf Anfang Dreißig. Einer, der erst mittags das Haus verlässt, manchmal auch gar nicht. Schwer arbeiten tut der bestimmt nicht. Soll er wissen, wo er bleibt, aber seinen Pflichten nicht nachkommen? Wie kann er das vergessen? Schließlich ist die monatliche Reinigung einer der ersten Punkte im Mietvertrag. In dieser Zeit schaute er immer mindestens 3-4 Mal am Tag aus der Wohnungstür, ob der Boden nass war. Doch nichts passierte. Vielleicht hat er ihn doch verpasst, aber nicht mal der Duft von Putzmitteln war im Flur zu vernehmen. Dieser Faulpelz. Für die nächste Zeit nahm er sich vor, einen Beschwerdebrief an die Hausverwaltung zu schreiben.
Zuhause erwartete ihn Alma am Küchentisch. Wie ein Häufchen Elend saß sie zusammengesunken auf dem Stuhl, formte ein müdes Lächeln und begrüßte ihn mit einem „Na.“
„Na“, sagte er, während er das Essen wieder zubereitete. Er packte eine Kelle Spaghetti auf einen kleinen Teller und machte ein wenig von der Bolognese rüber. Dann verrührte er beides zusammen und schnitt ihr die Spaghetti klein.

In den frühen Morgenstunden wurde Herr Bode aus dem Schlaf gerissen. Alma bekam keine Luft mehr und gab nur noch ein angestrengtes Röcheln von sich. Er sah, wie sich wenig später der Rettungswagen sich ankündigte, indem er von weitem die lange Straße immer mehr in ein blaues Licht tauchte. Bis dahin stützte er sie und half ihr dabei, sich ein wenig aufzurichten. Sie deutete auf ihren Brustkorb, aber konnte kein Wort herauskriegen. Schnell noch die wichtigsten Sachen rausgesucht, während die Sanitäter die Trage vorbereiteten. Alle Karten und Unterlagen bewahrt er jetzt immer in einem Karton auf, damit sie nicht mehr verloren gehen. Vorher suchten sie sonst vor den Arztbesuchen die Krankenkassenkarte, bis Alma kurz darauf fragt, nach was sie denn eigentlich schauen.

„Das hab` ich dir doch schon gesagt, wieso begreifst du das denn nicht?“ schnaubte er sie an. Er brüllte nie, aber er bemerkte augenblicklich, wie genervt sein Tonfall ist und lauter wurde. Manchmal schon abwertend. In der selben Sekunde schämte er sich dafür. Wie konnte er auf sie Böse sein, wenn sie doch gar nichts dafür konnte? Viele sagten das sei normal. Man sei ja auch nur ein Mensch, da vergisst man sich schon mal. Trotzdem war er wütend, dass er sich nicht besser unter Kontrolle hatte. Im Auto fragte sie, von woher sie jetzt kommen würden oder wohin sie fahren. In einigen Momenten kann er ihr das selber nicht beantworten. Manchmal fuhren sie mehrmals die Woche zu den verschiedensten Ärzten und Kliniken. Wenn sie das Wohnhaus wieder erreichen, steigt seine Frau zuerst aus und wartet vor der Eingangstür, während Herr Bode nach einem Parkplatz schaut. Ab und zu würde er am liebsten im Auto sitzen bleiben und weiter die Decke anstarren, um einen Moment Inne zu halten.

An Schlaf war für ihn natürlich nicht mehr zu denken. Den ganzen Tag über wartete er schon auf einen Anruf vom Krankenhaus, doch bis jetzt kam noch immer nichts. Und je länger Herr Bode wartete, desto nervöser wurde er. Warum hat er nicht schon früher gemerkt, dass mit seiner Frau etwas nicht in Ordnung war? Gestern war es Schlimmer als sonst. Nicht mehr als zwei Löffel rührte Alma von ihren Spaghetti an. Herr Bode setzte sich in die Küche mit einem Kaffee und einer Zigarette. Früher rauchte er im ganzen Haus, aber da es anonyme Beschwerden über den Geruch im Treppenhaus gab, ging er nur noch Nachts schnell vor die Tür wenn Alma schlief. Oder er pustete den Rauch durch die weit geöffneten Küchenfenster. Das Einzige, was er von draußen hörte, waren die Vögel und das Rauschen des Laubs. Je mehr er auf die Ruhe draußen achtete, desto schläfriger wurde er auf dem Küchenstuhl.

Es war später am Abend als er wieder aufwachte. Herr Bode wunderte sich. So lange hat er doch schon ewig nicht mehr geschlafen. Er schaute auf das Telefon in der Ladeschale, aber noch immer kam nichts. Aus dem Fenster spürte er die kalte Luft von draußen. Ein wenig raus gehen wäre vielleicht gar nicht so schlecht, dachte er. Gerade ist es sowieso ziemlich still. Er schmiss sich seine beige Stoffjacke um und verließ die Wohnungstür. Das Flurlicht blieb aus, damit die Nachbarn ihn beim Verlassen des Hauses nicht sehen. So kann er ihnen aus dem Weg gehen. Bei all dem Aufruhr mit dem Krankenwagen bekam das hier sicherlich jeder mit. Später müsste er sich bestimmt noch von den Nachbarn wie Frau Knappstedt die Fragen anhören, was mit Alma passiert ist. Das hätte noch gefehlt! Draußen blickte er über die zugeparkte Straße. Geradezu menschenleer, bis auf der Nachbar von nebenan, der ihm jetzt entgegen kam. Der hat doch bestimmt auch mitgekriegt, was mit seiner Frau heute Morgen los war. Wenn der auch nur einen Ton sagt, kriegt er eine gewaschen. Doch er sagte nichts. Er blickte nur kurz auf, nickte Herrn Bode zu und ging durch die Tür. Da hat er aber noch Glück gehabt, dachte er. Sein Ärger verflog wieder schnell. Und das Bild von Alma auf dem Bett schoss ihm wieder durch den Kopf. Gedankenversunken drehte er eine Runde um die Häuser, bevor er sich bettfertig für eine schlaflose Nacht machte.

Herr Bode griff sofort nach dem Telefon auf dem Nachttisch, als ihn das Krankenhaus morgens anrief. Heute könne Alma er besuchen kommen. Nach einem schnellen Frühstück zog Herr Bode sich an und machte sich auf den Weg. Doch er musste sich am Treppengeländer festhalten. Fast wäre er über den nassen Flurboden ausgerutscht.

 

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