Philipp Hallen

Unser besonderer Tag

Unser besonderer Tag
Philipp Hallen

Die ersten Sonnenstrahlen schlichen hinter den Hügeln hervor und kündigten einen warmen Tag an. Krähenrufe eilten über das stumme Feld. Maximilian Küchner lehnte seinen strapazierten Rücken an die kalte Erde des Schützengrabens. Anfangs machte er nachts kein Auge zu, mittlerweile, nach all den Wochen, zwang die Erschöpfung ihn, von Alpträumen erfüllten, Schlaf auf. 
Hauptmann Müller rief zum Appell. Befehl für heute: Angriff!
Das Wort hinterließ jedes Mal einen dicken Kloß im Hals und einen ziehenden Schmerz in der Magengrube. Wird dies sein letzter Tag auf Gottes Erde? Nachdenklich nahm er die Kette aus seiner Tasche und öffnete das silberne Amulett. Seine Schwester hatte es ihm zum Abschied geschenkt. Eine Fotografie der ganzen Familie. 
Schrilles Pfeifen drang durch den Graben, Maximilians Kameraden sahen sich an. Angsterfüllt suchten ihre Augen halt. Wie jeden Tag standen die jungen Männer auf, luden ihre Gewehre durch, rückten den Helm zurecht und setzten einen Fuß sprungbereit auf das Treppchen vor ihnen. Eins war jedoch anders an diesem Tag, heute hatte Maximilian Geburtstag. Eine kurze Gratulation vom Hauptmann, Peter und Fritz, die neben ihm standen, nickten freundlich, dann kam der Befehl. Unter dem tosenden Donner der Artillerie sprangen die jungen Männer aus den Gräben. Der Boden war braun, die letzten Grasbüschel ausgerissen. Durchzogen von Stacheldraht und getrocknetem Blut lagen dreißig Meter vor ihnen. Eine kurze, doch zugleich schier unüberwindbare Distanz. Alle wussten es, trotzdem rannten sie. 

Dort drüben lag James, sein Gewehr im Anschlag, bereit zu feuern. Es war auch sein besonderer Tag, sein Geburtstag. Wie gern wäre er jetzt zuhause bei den Eltern auf der Terrasse im kleinen Garten. Seine zwei jüngeren Brüder würden fangen spielen, seine Mutter Butterbrote und Tee zum Frühstück reichen und sein Vater die Cricket Ergebnisse in der Times studieren. Captain Durand, ein adretter schlanker Kerl aus Kent, hatte ihm gratuliert, dann allen den neuen Befehl aus London übermittelt: Angriff! 
Nicht lange nachdem die Deutschen aus den Gräben gestürmt kamen, ertönte die Trillerpfeife in James‘ Ohren. Er stand zwischen Simon und Francis, die drei jungen Männer sahen sich an, dann sprangen sie auf das Feld und rannten um ihr Leben. 

Mit voller Wucht schlug eine Granate in die aufgewühlte Erde, ein Splitter riss durch Maximilians zarten Hals, sein lebloser Körper brach zusammen. Die Schockwelle wirbelte eine Staubwolke auf und zwang James die Augen für einen kurzen Moment zu schließen. Mit dem Handrücken rieb er sich das Gesicht frei, bis etwas ruckartig die Luft aus seiner Lunge presste und ihn zu Boden drückte. Auf dem Rücken liegend sah er zum Himmel, zwei Habichte kreisten hoch über ihm. Keine Wolke war zu sehen. James wurde kalt und das Atmen fiel ihm schwer. Dunkles Blut quoll aus seiner jungen Brust und tränkte die grüne Uniform. 

Nach stundenlangem Gemetzel kehrten die Überlebenden in ihre Gräben zurück. Niemand hatte die dreißig Meter überwunden. Langsam füllte das Abendrot den Himmel und die stillen Schatten der Nacht bedeckten Maximilian und James. Das war ihr besonderer Tag, ihr neunzehnter Geburtstag an diesem sonnigen Julitag im Jahre 1916.  


© Philipp Hallen 2021

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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