Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 8

Blue beobachtete, dass sich die schwarzsamtene Brust des Korsaren kaum hob, als er jetzt Magnolia an der Kehle packte. Er hatte die Anmut eines Raubtiers, das gewohnt war zu siegen. Magnolia warf den viereckigen Kopf hin und her, als sie sich vergeblich bemühte, ihren Widersacher abzuschütteln. Speichelfäden flogen durch die Luft. Ein tiefes Knurren drang aus der Kehle des schwarzen Korsaren. Blue erholte sich langsam und beobachtete fasziniert den geschmeidigen Kampfstil des Korsaren. Die steile Narbe, die sich über die Wange des Korsaren zog, glänzte im Mondlicht. Blue wusste, dass es besser wäre, rasch das Weite zu suchen, doch sie betrachtete den fremden Kater mit einer seltsamen Gier. Sein Anblick zwang sich ihr fast gegen ihren Willen auf. Mit einem verzweifelten Satz gelang es Magnolia, sich aus dem schraubstockartigen Biss zu befreien. Doch sie bezahlte dafür mit einer tiefen Wunde in ihrem Unterkiefer. Das Blut floss in Strömen. Sie stolperte, knickte um und schützte ihr Gesicht mit beiden Pfoten. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Sie vermied es, den Korsaren anzusehen. Wortlos hinkte sie als Besiegte vom Platz. Sie hinterließ eine Spur hellroter Flecken. Sekunden später schluckte der schweigende Friedhof ihre massige Gestalt.

Plötzlich herrschte völlige Stille. Die blutverschmierte, schmutzige Blue sah immer noch benommen und verwirrt zu dem Korsaren hinüber. Nur langsam begriff sie, dass er ihr das Leben gerettet hatte. Sie wusste nicht, warum. Geistesabwesend leckte sie ihre Wunden unter dem dichten Fell, um Zeit zu gewinnen. Der Korsar sah zu ihr hinüber und ihr Herz begann schneller zu schlagen, als er sich ihr näherte. Reglos sah sie ihm entgegen. Sein Fell bewegte sich leicht im Wind. Erst jetzt bemerkte wie wieder, dass er leicht hinkte. Sein glühender Blick flog durch die Nacht. Wieder setzte er seinen tiefen Bariton ein und begann zu singen. Die Töne schmeichelten Blues Ohr und sie konnte nicht mehr klar denken. Eine plötzliche Unsicherheit überschwemmte ihren geschwächten Körper. Sie hielt den Atem an. Er glitt an ihre Seite, senkte die Augenlider und leckte ihr mit vollendeter Galanterie über beide Vorderpfoten. Blue schluckte. Seine Höflichkeit stand in einem eigenartigen und doch reizvollen Gegensatz zu der rauen Härte seiner Gestalt. Er warf ihr einen komplizenhaften Blick aus warmen, plötzlich fast von Sanftheit erfüllten Augen zu. Er sagte leise: „Ich hoffe, deine Wunden sind nicht tief, Blue…“ Überwältigt begann Blue herum zu stottern: „Ich danke dir sehr,…ich meine,… du bist großartig mit ihnen fertig geworden…“ „Schon gut, das war nur eine Kleinigkeit…“, sagte er und begann sich präzise und schnell das langhaarige Fell zu putzen. „Wer bist du? Ich habe dich noch nie in der Altstadt gesehen…?“ fragte Blue, die ihm gegenüber eine eigenartige Schüchternheit einfach nicht abschütteln konnte. Er lachte gurrend aus tiefer Kehle. „Ich bin überall zu Hause und nirgends…“, sagte er und sah zum Mond hinauf. Dann sah er sie ernst an und fügte langsam hinzu: „Aber, das was du sagst, stimmt nicht ganz,…wir sind uns gestern in der Abenddämmerung auf der Treppe begegnet…, du warst in Begleitung eines sehr dicken Katers und einer jungen Katze… und um dir die Wahrheit zu gestehen, ich beobachte dich schon eine ganze Weile ,…“ Blue errötete vor Verlegenheit und senkte verschämt den Kopf. Dann fragte sie schnell: „Warum hast du mir geholfen…, ich meine, warum beobachtest du mich…?“ Er ging nicht auf ihre Frage ein, sondern erwiderte: „Blue, du musst lernen, zu kämpfen…in dieser Gegend ist es wichtig, immer angriffsbereit zu sein…, die Einsamkeit hier draußen ist trügerisch…“ Blue nickte, ihre schnelle Niederlage war ihr plötzlich entsetzlich peinlich vor ihm. „Was suchst du in der Altstadt, warum bist du hier…?“ fragte Blue schnell, um von ihrer Niederlage abzulenken. „Leider muss das vorerst noch mein Geheimnis bleiben, Blue, es ist eine alte Geschichte und ich habe noch eine alte Ehrenrechnung offen… und ich möchte dich auf keinen Fall einer Gefahr aussetzen, die ich noch nicht genau einschätzen kann…, aber ich hoffe, die Angelegenheit noch vor Einbruch des Winters zu klären…, die Spur meines Gegners endet hier…“ Der Korsar beugte sich zu Blue hinunter und leckte wieder ihre Pfoten. „Hier bin ich nur ein streunender Kater ohne eigenes Terrain, ich könnte dir keinerlei Komfort bieten…, Blue“, fuhr er nachdenklich fort. Sie wagte es, sich ihm zu nähern und drückte sich für einen kurzen Augenblick an seinen dichten Pelz. „Auf Komfort kommt es mir nicht an…“, sagte sie schnell und ihre rosige Schnauze wurde dunkelrosa. Plötzlich sehnte sie sich danach, sein Leben zu teilen. Es war fast so, als drängte alles in ihr zu ihm hin, als wäre er ihr vorbestimmt. Sie war nahe daran, ihm zu erzählen, dass er bereits in ihrem Traum aufgetaucht war. Da sagte er: „Das habe ich auch nicht anders erwartet von einer Yankeekatze…, sie kann überall leben, aber ich kann dich erst zu mir holen, wenn ich einen passenden Unterschlupf habe und diese Angelegenheit geklärt ist…“ „Was fürchtest du?“ fragte Blue betroffen. Er antwortete schnell: „Nichts, Blue,…es ist nur mein altes Misstrauen…“ Sie wusste, dass er sie anlog, um sie nicht zu ängstigen. Einen kurzen Augenblick drückte er sich an sie, dann sagte er, wieder in seine Galanterie verfallend: „Je länger ich dich betrachte, desto schöner finde ich dich, Blue. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verwirrend du bist, wenn deine Augen glänzen wie jetzt, wenn ein wenig Müdigkeit deinen Kopf schwer macht…, wenn du erhitzt bist und dich zusammen nimmst, um mich deine Erschöpfung nicht merken zu lassen…“ Blue senkte wieder verwirrt den Kopf. Der fremde Kater riss sie in einen wilden Strudel der Gefühle gerissen. Eine unglaubliche Freude durchdrang sie wie ein rot glühendes Eisen, doch gleichzeitig konnte sie sich nicht von den Schmerzen in ihrem Körper lösen, die Magnolia und Willie ihr geschlagen hatten. „Wo willst du hin, Blue, ich werde dich begleiten…, bis du in Sicherheit bist…“, sagte der Korsar höflich. „Es ist nicht weit…, da vorne das kleine Holundergehölz…“, sagte Blue leise. Es wäre schön gewesen, einfach mit ihm heim zu gehen.

 

Seite an Seite setzten sie sich in Bewegung. Hoch aufgerichtet lief der schwarze Korsar neben ihr her. Aus nächster Nähe war seine Größe noch imponierender. Seine dunklen Augen glitzerten gefährlich, wenn sein Blick das Gelände abtastete. Blue dachte erschauernd: „Er wäre imstande, eine andere Katze auf der Stelle zu töten…“ Sie zuckte zusammen, als ein Käuzchen in der Nähe schrie. „Es ist nichts…“, sagte der schwarze Korsar freundlich, „die beiden Katzen, die dich angegriffen haben, sind längst in ihre Löcher geflohen.“ Wie durch einen Zauber fühlte sich Blue durch seine Worte getröstet. Einträchtig liefen sie nebeneinander her. Bald kam das Holundergehölz in Sicht. „Wohnt dort nicht eine alte weise Katze…?“ fragte der Korsar. Blue nickte, dann sagte sie leise: „Viele sagen, sie wäre eine Voodookatze, eine böse Katze, die schwarze Magie treibt…“ Der Korsar lachte so schallend, dass Blue zusammenzuckte. „Schwarze Katzenmagie existiert nur in den Köpfen von abergläubischen Katzen,…“, sagte er, „es gibt nur den geschulten Instinkt, damit kann man viele Zeichen im Wind lesen…“, sagte er und stieß Blue kameradschaftlich in die Flanke. „Ich weiß nicht…“, flüsterte Blue, „dieser Angriff heute erscheint mir wie ein ungutes Vorzeichen,…in letzter Zeit ist in der Altstadt viel Schlimmes passiert…“ Der schwarze Korsar sah sie von der Seite an und sagte: „Nun, ich denke, in nächster Zeit werde ich auf dich ein Auge haben… ich bin in deiner Nähe, auch wenn du mich nicht immer bemerkst…“ Seine tiefe Stimme tat Blue gut und es beruhigte sie etwas, ihn in ihrer Nähe zu wissen. Dennoch war etwas in der Haltung des schwarzen Korsaren, das sie einschüchterte. Sobald Sootys Schuppen ein paar Katzenlängen von ihnen entfernt in der Dunkelheit aufragte, blieb er stehen und sagte: „Nun kannst du allein weitergehen…, unsere Wege werden sich bald wieder kreuzen…“ Er nickte ihr zu und als sie zögerte, stupste er sie aufmunternd an. Blue lief weiter. Erst nach ein paar Metern fiel ihr ein, dass sie sich gar nicht richtig von ihm verabschiedet hatte. Ihr Blick glitt zurück. Sie suchte die Gestalt des Katers und fand ihn in den Anblick des Mondes versunken. Seine Haltung verriet tiefe Konzentration. Mit eigenartigem Respekt betrachtete ihn Blue. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen. Welche Katzendamen hatten sein Leben gekreuzt? Hatte er einer sein Herz geschenkt, sie zu seiner Gefährtin auserkoren? Plötzlich musste sie an die Maskenkatzen denken, an ihr seidiges Fell und ihre geschmeidigen Bewegungen beim Tanz. Vielleicht hatte er ähnlich vornehme Katzenamen liebenswürdig empfangen, sich schmeichelnd und scherzend um sie bemüht. Eine wilde Eifersucht brandete in ihr hoch. Doch eine tiefere Stimme sagte ihr, dass er sich selbst genügte. Und plötzlich hörte sie sich sagen: „Ich werde meinen Platz neben ihm fordern…, ich weiß, dass ich zu ihm gehöre…“

 

Schnell schlüpfte Blue durch den brüchigen Zaun und kratzte ungeduldig an der Schuppenwand. Sie miaute und wartete auf ein Zeichen von Sooty. Endlich quietschte die Tür in den Angeln und Sooty stand verschlafen vor ihr. „Blue, wo kommst du denn her,…du bist ja völlig verrupft…?“ sagte Sooty und musterte Blue von Kopf bis Fuß. „Magnolia und die Totengräberkatze haben mich beim Friedhof überfallen…“, sagte Blue und senkte den Kopf. Sooty warf ihr einen kurzen, scharfen Blick zu, dann knurrte sie: „Hoffentlich hast du sie ordentlich in die Flucht geschlagen, so wie sich das für eine junge Yankeekatze gehört…“ Blue schwieg, sie wollte Sooty nicht anlügen. Sie verschluckte sich und wurde von der Heftigkeit ihrer Gefühle geschüttelt. Dann fügte sie leicht triumphierend hinzu: „Der Korsar hat mir aus der Klemme geholfen…“ „Willst du damit sagen, du konntest deine Katze nicht stehen… und warst auf Katerhilfe angewiesen…“, sagte Sooty verärgert. Blue schwieg. „Wozu habe ich meine kostbare Zeit mit dir verschwendet…?“ sagte Sooty seufzend. „Du hast nichts begriffen von den Quellen der Eigenmacht…“, sie winkte müde ab. „Schlaf erstmal…und dann putz dich, du siehst unordentlich aus…“ Ohne Blue eines weiteren Blickes zu würdigen, trollte sie sich in ihre Schlafecke. Erleichtert, dass sie sich nicht länger rechtfertigen musste, kroch Blue hinter ihr Fass auf das alte Fell. Sie dachte an den schwarzen Korsaren und schnurrte leise. Sie summte vor sich hin: „Mein Herz ist ein gelber Wald voller Ahornblätter, eine gelbe Perle ist mein Herz.“

Erleichtert sprang Blue hinauf und rollte sich zusammen. Sie hörte die leisen Atemzüge Sootys und Ebonys. Der Schuppen schien zu summen.

 

Blue erwachte von grölendem Gelächter. Als sie die Augenlider hob, sah sie, dass Sooty und Ebony sich unterhielten und vor Lachen auf dem Boden wälzten. Sie streckte sich und sprang hoch. „Lacht ihr mich aus…?“ fragte sie schnell. Sooty musterte sie undurchdringlich. „Eigentlich sollten wir das…“, sagte sie dann, „wenn man so dumm ist, sich von der Totengräberkatze und Magnolia einschüchtern zu lassen…“ Wieder lachten die beiden. „Sie waren doch zu zweit… und Magnolia ist sehr kräftig…“, protestierte Blue. In der leuchtenden Vormittagssonne wirkten die Erlebnisse der letzten Nacht unwirklich. In diesem alltäglichen Schuppen schien es für den Glanz mit dem Blue den Korsaren umgab, keinen Raum zu geben. Sie versuchte sich vorzustellen, dass er da draußen irgendwo war und sich nach ihr sehnte. Als könnte sie ihre Gedanken lesen, sagte Sooty plötzlich: „Er hinkt und ist voller Narben, aber du findest ihn unwiderstehlich, Blue?“ Sie kicherte und ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Weißt du etwas über ihn, Sooty, bitte, bitte erzähl…“, bettelte Blue. Sooty ignorierte ihre Bitte und sagte unverfroren: „Kannst du dir nicht selbst helfen,…hast du keine Kraft, Yankeekatze…, bist du eine Schlappschwanzkatze wie so viele andere, die in der Altstadt herumhängen?“ Sooty und Ebony lachten unverschämt. Blue ärgerte sich, sie hatte genug von Sootys spitzen Bemerkungen. Plötzlich fühlte sie sich in dem Bretterschuppen verloren. Nie gelang es ihr, Sooty zu durchschauen. Außerdem war sie völlig ausgehungert. Sie wollte gerade vorschlagen, draußen Mäuse zu fangen, als sich Sooty mit gesträubtem Fell erhob und drohend sagte: „Wer nicht seine Katze stehen kann, soll auch nicht essen…“ Sie sah Blue böse an und drängte sie knurrend zurück in eine Ecke des Schuppens. „Sooty, lass das…“, schrie Blue, die nun langsam genug hatte. Wieder knurrte Sooty und schob Blue weiter in die Ecke. Ein Lichtstrahl fiel auf Sootys Gesicht, das Blue plötzlich alt und ausgezehrt erschien. Angst und Verwirrung überwältigten Blue. „Du bist nicht bereit, alles einzusetzen, du bleibst lieber eine ganz gewöhnliche Straßenkatze…“, schimpfte Sooty. Blue schluckte. Sie fragte sich kurz, wie sie sich gegen die Übermacht der beiden Katzen hätte verteidigen können, dann zuckte sie müde die Achseln. „Ich wusste nicht, dass sie da waren…“ „Ich wusste nicht, dass sie da waren,…“ ahmte Sooty Blues schwächliche Stimme nach. „Habe dich dir nicht gelernt, durch den Raum zu reisen,…ohne den Körper zu belasten…“ Blue dachte an ihre Träume von den roten Ahornwäldern und vom schwarzen Korsaren, aber sie wusste nicht, was das mit dem Angriff gestern zu tun haben sollte. Sooty schob Blue noch weiter gegen die Wand: „Selten habe ich so eine schwächliche Yankeekatze erlebt,…“ schimpfte sie in ihre Barthaare hinein. Plötzlich begann Sooty Blue mit den Vorderpfoten zu boxen. „Au…“, schrie Blue empört, „hör damit auf,…ich habe mich noch nicht erholt von gestern…“ „Ach ich habe das rote Samtkissen gerade verlegt,…auf dem du weich ruhen könntest…“, schrie Sooty und trippelte mit kleinen Schrittchen um Blue herum. Jedes mal, wenn Blue aus der Ecke fliehen wollte, boxte Sooty sie zurück. Sie begann, seltsame tiefe Töne auszustoßen, die in einen monotonen Gesang übergingen. Plötzlich rammte sie ihren Kopf in Blues Bauch und rollte wild mit den Augen. Sie benahm sich völlig verrückt. Blue heulte und protestierte, aber Sooty beachtete sie gar nicht.

Blue bekam Angst. Sooty hatte sie in ihrer Gewalt. Sie fühlte sich völlig hilflos, fast genauso hilflos wie gestern Nacht. Wieder war ihr Willen wie gelähmt und ihre Beine fühlten sich entsetzlich schwer an. Sooty sang immer lauter. Sie sah aus, als hätte sie jede Selbstbeherrschung verloren und wäre nicht mehr verantwortlich für das, was sie tat. Sie lallte und schrie und ohrfeigte Blue mit den Pfoten. Blue duckte sich und fragte sich, ob Sooty zuviel Katzengras gefressen hatte. Doch als nichts Schlimmeres geschah, ließ ihre Furcht ein wenig nach. Sie beschloss, einfach abzuwarten, bis Sooty ihre Vorstellung beenden würde und hielt sich die Pfoten schützend vor die Augen. Sie hörte Ebony im Hintergrund kichern.

Das schien Sooty überhaupt nicht zu gefallen. Sie zückte nun die Krallen und stürzte sich mit drohender Miene auf Blue. Sie begann Blue mit ausgefahrenen Krallen zu bearbeiten und sie gegen die Wand zu stoßen. Blue begann schrill zu miauen. Die Angst kehrte zurück. Vielleicht war Sooty ja doch eine gefährliche, völlig unberechenbare Voodookatze und würde sie nun töten. Blue weinte und jammerte. Sooty gebärdete sich immer verrückter. Sie riss Blues Schulter mit den Krallen auf. Blut floss. Als Blue Blut aus ihrer Schulter fließen sah, schlug ihre Angst blitzschnell in Zorn um. Sie brüllte Sooty an und schrie völlig außer sich: „Ich werde dich umbringen, du alte Voodookatze, ich werde es tun…“ Plötzlich war Sooty wie verwandelt, sie sah Blue klar an und sagte mit völlig nüchternem Blick: „Ich werde erst aufhören, wenn du deine Kraft gefunden hast…“ Blue starrte sie mit großen Augen an, doch bevor sie sich sammeln konnte, attackierte Sooty sie erneut mit ihren spitzen Krallen.

Plötzlich war Blue von einem unbändigen Hass erfüllt, den sie im ganzen Körper spürte. Aber er war nicht so sehr gegen Sooty gerichtet, sondern gegen sich selbst, weil sie immer wieder zuließ, dass andere sie fertig machten und sie hilflos ausgeliefert war. Der Hass durchströmte sie von den Pfoten bis zum Kopf und schien weit in der Zeit zurückzureichen. Plötzlich drang ein wilder Schrei aus ihrer Kehle. Sie fühlte sich plötzlich wie eine viel größere Katze. Wieder schrie sie grell. Die Schreie schienen zu brennen, Funken zu sprühen. Sie fiel Sooty an und jetzt gelang es ihr mit Leichtigkeit, sie zurückzutreiben. Sie schüttelte Sootys Pfoten ab wie Spinnweben und stürzte sich wieder auf sie. Gleichzeitig wurde Sooty ganz ruhig. Sie taumelte zurück und wirkte plötzlich sehr alt und müde. Sie kauerte sich am Boden zusammen und beäugte Blue. Dann stand sie auf und rieb ihren Kopf an Blues Stirn. Plötzlich hing ein schwerer Tabakgeruch im Schuppen. Er schien aus Sootys Maul zu entweichen. „Ich hoffe, du denkst nicht, dass das alles ein Traum war…“, zischte Sooty leise, „endlich hast du deine Kraft gefunden…, und bloß kein Selbstmitleid mehr, damit erreichst du nichts…“ Während sie ihre letzten Worte sprach, lachte Sooty, dann verließ sie den Schuppen. Blue rief ihr eine letzte Frage nach: „Woher kennst du den schwarzen Korsaren…?“ Sooty drehte sich um und sagte kurz angebunden: „Ich weiß nichts von ihm…“, dann verschwand sie in Richtung Friedhof.

 

Erschöpft setzte Blue sich in die Ecke neben Ebony. Ihre Gedanken überschlugen sich. „Sie ist eine großartige Lehrerin…, findest du nicht…“, sagte Ebony. Blue war noch benommen von dem Kampf und nickte nur schwach. „Sie findet für jeden die richtige Aufgabe,…ich lerne bei ihr alle Katzenkräuter kennen, ihre Standorte und ihre Wirkung,…bei welchem Mondstand man sie zu sich nimmt,…soll ich dir draußen mal alle zeigen…?“ fragte Ebony und ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. Sie zwinkerte Blue zu und sagte: „Die Katzenminze hast du ja schon ausprobiert…, aber ich kenne jetzt noch viele andere…“ Sie schlüpften aus dem Schuppen. Das Licht war gleißend hell, die Wolken zogen schnell über den kühlblauen Himmel. Sie warfen sich ins hohe Gras und Ebony lief voraus zu einer stark riechenden Pflanze: „Das ist wilder Knoblauch…, er säubert dich innen und macht dein Fell glänzend…“, sagte sie. Blue schnupperte skeptisch an den Blättern, sie rochen stinkig. „Wirst du eine Katzenheilerin…?“ fragte Blue grinsend. „Das ist nur der Anfang…“, meinte Ebony, „ich will alles lernen, was Sooty mir beibringen kann…, alles, verstehst du…ich bin so froh, dass ich hier bei ihr leben darf…“ Flüchtig erinnerte sich Blue an ihren letzten Traum. Sooty hatte gerufen, dass ihr nicht mehr viel Zeit in der Altstadt verblieb. Ein flaues Gefühl kroch in ihre Magengrube. Sie seufzte leise, wollte aber Ebony nicht beunruhigen. Sie standen vor einer krautigen Pflanze mit derben Blättern. Ein paar späte Hummeln kreisten um die blauen Blüten und die kräftig behaarten Blätter. „Gurkenkraut…“, erklärte Ebony stolz, „es weckt die Lebensgeister und bringt dir Freude und starke Knochen…“ Blue knabberte an einem der Blätter und fand, dass die Blattspitzen durchaus genießbar waren. „Hat Sooty dich Zaubern gelehrt?“ fragte sie und musste plötzlich kichern. „Sie antwortet nicht auf Fragen, aber das hast du ja auch schon gemerkt…“, sagte Ebony verlegen. Sie wollte Blue unbedingt noch mehr Kräuter und Gräser zeigen, obwohl Blue eigentlich keine Lust mehr hatte und lieber etwas Essbares besorgt hätte. Sie machte einen Buckel und trollte hinter Ebony her, die ihr Süßgräser zeigte und Farne. Sie kosteten hier ein bisschen und knabberten dort an den saftigen Farnblättern und alberten herum. „Und die Katzenminze kennst du ja“, sagte Ebony mit einem anzüglichen Ton, „sollen wir uns darin rollen,…?“ „Hast du sie inzwischen auch probiert?“ fragte Blue neugierig. Ebony nickte. Ihre grasgrünen Augen überzogen sich mit einem sehnsüchtigen Schleier. „Blue, ich bin nach Ägypten gereist,…ins Land der Pyramiden, das helle Licht dort in der Wüste werde ich nie vergessen…, diese strahlende Helligkeit und die unermessliche Weite…“, schwärmte Ebony, „ich trug einen kleinen Smaragd zwischen den Augen auf der Stirn. Als die Sonne sank zeigte sich die Katzengöttin Bastis in einer klaren Spiegelung der Luft. Sie tanzte und sang. Sie trug ein Sistrum in der Hand…“ Ebonys Augen leuchteten, als sie sprach und Blue fühlte sich plötzlich so übermütig, dass sie in kleinen Sprüngen um die Katzenminze herum sprang. „Weißt du bei Sooty verwandeln sich die Dinge ganz von selbst, sogar ein Gänseblümchen ist unter ihren Augen weniger blass und wirkt feierlich. Um Sooty ist ein großes Geheimnis, manchmal hat ihr schwarzes Fell fast einen purpurfarbenen Schimmer oder es funkelt, als wäre es von Feuer durchströmt.“ Ebony redete sich immer mehr in Begeisterung: „Blue, weißt du,…“, fuhr sie fort, „ich habe hier draußen viel von meiner Härte verloren, …manchmal erscheint es mir, als ob mein Körper mehr Licht durchließe, mein Rückgrat ist weich wie Wachs und ich träume und träume…“ Sie warf sich in die Katzenminze und schnappte nach Luft. Sie grinste triumphierend. Blue rollte neben sie, ihr Blut war aufgepeitscht und ihr Herz schlug schnell gegen ihre Rippen. Ihr Fell kribbelte, als sie sich an der Katzenminze rieb. Sie sah jeden Grashalm gestochen klar. Alles begann zu tanzen, das Gras und die Wolken. Ebonys schwarzes Gesicht wippte auf und ab und ein fahler Falter schaukelte dicht an ihren Ohren vorbei. Sie knabberte an der Katzeminze und die Bäume schienen auf- und nieder zu springen. Es gab nichts Ruhendes, Feststehendes mehr im Katzenuniversum. „Ich habe so einen tollen Kater getroffen, das glaubst du nicht…“, säuselte Blue in Ebonys spitzes Ohr. Die Wiese kräuselte sich. „Weißt du, ich wünsche mir so sehr, dass er mich ruft, dass er mich suchen kommt…, dass er einfach nicht fernbleiben kann, sondern hierherkommt…“ Schnelle Wellen schlugen gegen Blues Rippen, schaukelten sehnsüchtig in ihrem Bauch. „Du meinst diesen Korsarenkater…?“ lallte Ebony. „Ihm eilt der Ruf voraus, ein gnadenloser Kämpfer zu sein…, viele meinen, er sei mit dem Teufel im Bunde…“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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