Niklas Götz

Auswuchs

“Wie war das? Günther?”

“Nä! Däsch wär döch Tükäsch!”

“So etwas hätt ich damals ned gmach…die is doch gar keie…und überhaupd is die ene”, stammelte die alte Frau perplex, während der Mann kopfschüttelnd auf den Kaffee in der kitschigen Porzellantasse starrte, der unschuldig abkühlte.

Christian nippte seinen brühend heißen Tee, um nichts entgegnen zu müssen. Er sparte seinen Atem.




 

Der Kaffee floss in Strömen und gab dem Raum nicht etwa den Geruch eines Büros, sondern einer Pfarrgemeinderatssitzung. Christian konnte ihn gerade so abwehren und um einen der traurigen Teebeutel in der hintersten Schublade bitten. Schweigend zog er den Beutel durch das kalkige Wasser, während Stimmen an ihm vorüberrauschen.

“Dö Ördöpfel sön näx wörn däs Jöhr. Züviel Räche. Müscht ölläs dä Säu gäm.”, schnaufte der Mann mit dem Hitlerbart in die Mitte des Tisches.

“Na des kamme doch noch alles bränn. Des macheme morchen nach der Kirch!”, rief die alte Frau, da sie sich anscheinend angesprochen fühlte.

“Däsch fünchöniert döch nich! Dä Brännä isch döch käpüt!”

“Verstehst du unseren Dialekt denn überhaupt?”, meinte die Frau mit der Hakennase zu Christian, süffisant lächelnd, während sie ihren Kaffee mit Milch bleichte.

“Natürlich, ich bin doch auch hier aufgewachsen”, log Christian. Er hatte kein Wort verstanden, noch versuchte er es.

“Naja, man weiß es ja nicht… du warst ja schon sehr lange nicht mehr hier. Man kennt dich ja gar nicht mehr. Ich habe dich schon sicher 10 Jahre nicht mehr gesehen!”, wetterte es von der Nase zurück.

“Wirklich schon so lange…? Nunja, ich war eben lange im Ausland…”

“Und jetzt bist du plötzlich…”

“Aber jetscht bisd ja hier, dürlich verstäd der Chrisso uns, er isch doch auch eh Böhm! Und er wird als enziger de Namen wedertrachen!”

“Schaun wir mal…”, meinte Christian beiläufig, was fast allen entgangen zu sein schien.

“Wesch soll ich denn später kochn? Ä schöne Leber von der Sau die wir gestern gschlachted häm?”

Der Mann, der bei genauerer Betrachtung mehr Charlie Chaplin in Jeanslatzhosen ähnelt,e schaute immer noch leer in den Raum, aber jetzt mit einem leichtend Glanz in den Augen.

“Danke, aber ich esse kein Fleisch. Ich hatte aber schon lange keine Apfelpfannkuchen mehr…”

“Na desch geht doch gar ned! Du muscht doch Flesch ässe! Du bischt doch äh Mo! Was will dän ä Fra mit änne Mo der ke Flesch ischt! Der wird doch schwach und blöd!”

“Keine Sorge, ich komme sehr gut auch ohne Fleisch aus…”, sagte Christian und stoppte sich, bevor er anmerken konnte, dass man auch sehr gut mit Fleisch dumm werden kann, wenn man zu oft vom Trekker überrollt wird.

“Laber doch ken Unsinn! Dä Japaner äsche eh ken Flesch weil dä alle Muslim sin, drum sin dä alle gelb und klee!”

“Gänö! Ä Männ müsch Fläsch ässän!”

“Das kommt alles vom Studieren. Erst fangen sie an weite Hosen zu tragen, dann essen sie kein Fleisch mehr, am Ende gehen sie nicht mehr in die Kirche und wer weiß, was sie dann noch alles anstellen… Sie vergessen doch komplett wo sie hergekommen sind. Wenn er doch nur hier in der Werkstatt angefangen hätt wie meiner…”, zischte die Hakennase als einzige in Zimmerlautstärke.

Christian wusste, dass er jetzt ins Kreuzfeuer gekommen war, und wollte am liebsten schnellstmöglich raus hier, und wenn es durch den Schornstein des Holzofens sein musste. Aber er konnte nicht fliehen. Das Blut ware seine Fessel. Er saß und schwieg.

“Ach wes, des is doch ke Ding. Da kommt der Jung de nächste Wochn met uf de Ernte, des biechd den wedder graad, des het schon met se Vadder Wundr gewircht. Den Christo machen me schon wieder zu enen von uns! Danach is da uch Hoffest. Vellächt is da uch a ne schöne Mädel da…”. Die alte Frau zeigte ihr bestes Hexenlächeln.

Christian ließ fast die Kuchengabel senkrecht in den Streuselkuchen fallen. Er fühlte sich bald mehr wie bei einer anthropologischen Expedition. Er dachte er tut hier für ein paar Stunden seine Pflicht, und kriegt einen Fünfzigeuroschein zugesteht, ahnte aber nicht, dass man ihn hier gleich festsetzen und zu einem Bauer machen würde.

“Oh, ähm…das ist ja eine nette Idee aber…ich … hab nächste Woche noch Klausuren.”

“Der Jung, immer so viel zu tun! Abär I verstäh scho, haschd scho viel Stress. Abär in de Ferie muschd auch ma zu uns komme, me wolle auch a bissl was von dir. Und immerhin bischd einer von uns und muschd ä bissl was von hier mitkrieche, des werd uch alles mal däns sen. Mussd wissn was unere Ördöpfelfelder sen, un wie me sich um de kümmerd.”

Die alte Frau lächelte und die Falten auf ihrem Gesicht vervielfachten sich dadurch wie Grashalme auf frisch bereitetem Boden nach dem ersten warmen Frühlingstag. Sie machte sich daran, noch ein weiteres Kuchenstück neben dem halb verspeisten Zucker-Butter-Klotz auf Christians Teller zu schieben. Seine Zustimmung dazu war nicht erforderlich.

“Ich komme bestimmt mal an einem Wochenende! Aber ich bin mit meinem Studium und der Arbeit doch ziemlich beschäftigt, und ehrlichgesagt glaube ich nicht dass ich wissen muss wie man Kartoffeln anbaut. Ich studiere ja nicht um Bauer zu werden.”

Christan lächelte angestrengt, um den leicht abwertenden Ton des letzten Satzes zu kaschieren.

“Kein Bauer, aber den Namen weitertragen will er?”, schnaubte die Hakennase über den Tisch.

“Wäsch isch däs ägäntlich däsch dü “studierst”?”, fragte Charlie Hitler Christian abschätzig.

“Mathematik. Mit Schwerpunkt auf Kategorientheorie”, antwortete Christian, wohlwissend dass diese Antwort genauswo wenig zur Aufklärung seines Gegenübers beitrug als wenn er laut losgelacht hätte.

“Ünd wäsch mächt mä dämit? Wö könnä mir Leud däs gebrauche? Wie bringd däsch Bröt öf dän Disch?”

Er hatte diese Frage schon irgendwie erwartet, wenn auch nicht so eloquent formuliert. Dennoch wusste er nicht wie er darauf antworten sollte. Wie könnte man jemanden, der vermutlich noch nicht einmal das Wesen der Mathematik versteht, erklären, welcher Sinn hinter seiner vermutlich trockensten Disziplin liegt?

Er versuchte es erst gar nicht und wandte sich dem Parallelgespräch zu – Dorftratsch.

“Du, die Lisa, die hat nen neuen Stecher!”

“Was soagst? I dachd die wär de Schickse vom Norbi?”

“Na, die geht jetzt mit dem Klaus. Die ziehen jetzt sogar zusammen! Nach nur zwei Monaten!”

“Herrgottszeiten! So ä Sauerei! Der Klaus ist doch noch ned ma in der Kirch! Was sachen den deren Eldern zu der Hurerei?”

Christian starrte entgeistert auf seine Familie, als hätten sie sich vor seinen Augen in Giftschlangen verwandelt.

“Müsst ihr echt so abfällig über sie reden nur weil sie mit ihrem Freund zusammenzieht?”

“Näch zwe Monadn mit enem Unglöbigen? Bah! Desch is ja onanständig. Mein Vadder häd mich grün und blau geschlage für sowas!”

“Aber was ist denn so schlimm daran? Wenn sie zusammen sein wollen, warum denn dann nicht? Und was geht uns das an?”

“Ä Sauerei is des ond nechs aneresch! Rechdschaffene Leud wie wir machen des ned!”

Christian schloss die Augen, wohl wissend dass er gleich verbrannte Erde hinterlassen wird.

“Ich wohne auch mit meiner Freundin zusammen. Sie heißt Golnoosh.”

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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