Jürgen Skupniewski-Fernandez

Es offenbart sich mehr, als wir verstehen können

Das zunehmende, gleißende Mondlicht nährt die Schatten alter Bäume. Die Lichtung liegt still und friedlich, nichts regt sich. Ich gehe ein paar Schritte und spüre ganz deutlich: Ich bin nicht allein.

Etwas Vertrautes folgt mir, doch ich kann es beim besten Willen nicht zuordnen.

Von Angst oder innerliche Unruhe keine Spur. Im Gegenteil, ich fühle mich begleitet. Ich mache vor einem Baum halt und schaue überrascht auf einen dicken Ast.

Vor meinen erstaunten Blicken hängt ein Mensch, nackt, mit dem Kopf nach unten, in einer durchsichtigen Hülle, vom Mondlicht angestrahlt. Zuerst denke ich, dass es sich um einen leblosen

Körper handelt, aber dann bewegt sich dieser, als wolle er versuchen, sich aus dem Kokon zu befreien.„ Man muss ihn erlösen“, ist mein erster Gedanke. Ich gehe auf ihn zu und reiße einen Spalt in die Hülle. Der Mann schlüpft sofort wie ein Schmetterling aus der Puppe, stellt sich auf und geht seelenruhig seines Weges. Auch in den Bäumen am Rande der Lichtung hängen unbekleidete Menschen an den Ästen. Sie zerreißen ihre durchsichtigen Hüllen; strampeln sich frei und entschwinden, verschluckt vom nächtlichen Grau.

Ich fühle mich erleichtert und bin froh, dass alle ihre Kokons verlassen haben. Ich gehe mit meinem unsichtbaren Begleiter auf die Waldlichtung zu. Doch auch hier eröffnet sich mir eine befremdende Situation. Vor meinen Augen tut sich ein Gräberfeld auf. Alle Grabstätten sind offen und belegt. Es liegen, teils in weiß gekleidet, teils halbnackte Personen im ausgehobenen Erdreich. Sie scheinen sich zu bewegen. Ich laufe auf ein offenes Loch zu, knie mich hin und reiße die durchsichtige Hülle ein.

Genau in diesem Moment bewegen sich alle Körper in ihren Gräbern, zerren und strampeln solange bis sie sich selbst erlöst haben. Einige richten sich auf oder sitzen in ihren offenen Kuhlen und schauen sich um.

Dann stehen sie alle auf und verteilen sich in alle Himmelsrichtungen. Ich erkenne sofort, dass es Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften sind und ich denke: „Ja, wir sind alle Eines, unabhängig davon was uns die Welt versucht hat aufzuerlegen. Alle sind sie gemeinsam auferstanden“.

Auf ihren Gesichtern spiegeln sich Gelassenheit, Zufriedenheit und Zuversicht.

Sind es vielleicht die Seelen Verstorbener, die ich gesehen habe? Haben sie in ihren Gräbern auf einen Befreier gewartet, damit sie sich ihrer Hülle, ihrem toten Körper entledigen können? Brauchen vielleicht unsere Seelen schon zu Lebzeiten im Menschen Unterstützung, Zuneigung und Erkenntnis, damit sie hüllenlos im gleißenden Mondlicht ihrer Bestimmung folgen können?

Diese Fragen stellte ich mir, als ich aus dem Schlaf erwachte.

 

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