Markus Zinnecker

Cadillac

Er seufzte erleichtert, als der Aufzug ihn zur Tiefgarage hinab trug. Die Sitzung mit dem Vorstand der Bank hatte ewig gedauert, viele lästige Themen. Auch das Thema, das ihn als Sicherheitschef besonders beschäftigte, war zur Sprache gekommen. Er wollte die Videoüberwachung des Gebäudes ausweiten und auch die Tiefgarage erfassen. Die Anzahl der Autodiebstähle in der Gegend war in letzter Zeit gestiegen. Gerade spät am Abend, so wie jetzt, gab es dafür ein recht hohes Risiko.

 

Sein Wagen stand in einer etwas abgelegenen Ecke der Garage. Ein fast neuer Cadillac, den er sich von seinem letzten Bonus geleistet hatte und der jetzt schwach im Licht der Neonröhren glänzte. Doch da war noch etwas. Eine seltsame Bewegung im Inneren des Fahrzeugs? Für einen Moment blieb er stehen, halb von einer Säule verborgen. Tatsächlich, da saß jemand in seinem Auto und dieser Jemand schien am Armaturenbrett herum zu fummeln. Als er sich weiter näherte, erkannte er eine Gestalt in einem schwarzen Hoodie. Ohne weiter nachzudenken, ließ er die Aktentasche fallen und rannte los. Nur etwa zehn Schritte trennten ihn von der Fahrertür, die er einen Wimpernschlag später aufriss. Die Gestalt im Hoodie bemerkte ihn erst, als er sie am Arm packte und aus dem Wagen zerrte.

Das jahrelange Judo-Training machte sich jetzt bezahlt. Mit einem geübten Griff drückte er seinen Gegner auf den Garagenboden und hielt ihn fest. Es dauerte einen Moment, bis er bemerkte, wie klein und dünn dieser Gegner war. Ein leises Wimmern war alles, was er zu hören bekam. Physischer Widerstand blieb völlig aus. Erstaunt lockerte er seinen Griff und drehte den Gegner, den er noch immer fest hielt, auf den Rücken. Dann trafen sich ihre Blicke.

Der Sicherheitschef schrak zurück und ließ los. Sein Gegner hätte jetzt die Gelegenheit zu einem Fluchtversuch gehabt, doch der Schreck war so groß, dass er einfach regungslos liegen blieb. Noch immer berührten sich die Blicke der beiden und er erkannte, dass er es eigentlich mit einer Gegnerin zu tun hatte. Ein junges Mädchen, vielleicht siebzehn, eher etwas jünger. Struppige braune Haare lugten unter der Kapuze hervor und in ihren Augen sah er eher Schreck und Furcht als Aggressivität.

„Was soll das hier?“ Seine Frage war mehr an sich selbst gerichtet als an sie. Eine Antwort bekam er auch nicht. Stattdessen sagte er: „Bleib da sitzen. Ich rufe die Polizei.“ Als er sein Handy aus der Tasche zog und den Notruf wählte, bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass sie zu weinen begonnen hatte. Einige kurze Worte mit dem Beamten in der Zentrale folgten, dann legte sich ein seltsames Schweigen über die Szene. Er musterte sie eingehend und beobachtete, wie sie die Kapuze abnahm. Ihr rechtes Auge, das bisher im Schatten gelegen hatte, war von einem blauen Ring umgeben, auf der Stirn zeigte sich ein weiteres, scheinbar schon älteres Hämatom. „So sieht also ein Autodieb aus“, dachte der Sicherheitschef und ließ den Blick in den Cadillac wandern. Das Radio hing halb aus dem Armaturenbrett, ein Schraubenzieher und eine Zange lagen auf dem Boden. Er schüttelte den Kopf und sah sie an. „Warum machst du so was?“ Die Frage erstaunte ihn selbst. Allerdings nicht so sehr wie ihre Antwort: „Mein Alter, der braucht Kohle für Schnaps. Darum schickt er mich Zeug von Autos klauen. Radios, Kats und manchmal sogar Felgen.“ „Warum machst du da mit?“ Sie begann wieder zu weinen. Dann begriff er: „Dein Gesicht, das war er, oder?“ Sie nickte nur stumm.

Einen Moment später waren Sirenen zu hören und das noch entfernte Blitzen von blauem Licht wurde sichtbar. Er sagte zu ihr: „Los, hau ab. Verschwinde, solange du noch kannst.“ Wortlos sprang sie auf und rannte. Wo hin? In die Dunkelheit, aus der sie gekommen war.

Es vergingen fast zwei Stunden, bis alles erledigt war. Fragen und Antworten. Gefolgt von neuen Fragen und neuen Antworten. Polizeibeamte, Spurensicherung, Fotograf. Der Sicherheitschef kannte das Prozedere in der Theorie und sah es jetzt zum ersten Mal in der Praxis. Später, als alles getan und gesagt war, stieg er endlich in den Cadillac. Das an seinen Kabeln baumelnde Radio klapperte leise auf dem Holz der Mittelkonsole und die Tür, deren Schloss herausgerissen war, blieb einen Spalt weit offen. Aber der Motor sprang an. Sein dumpfer Herzschlag erfüllte für einen Moment die Garage. Eine unwirkliche Symphonie der Mechanik an diesem seltsamen Ort, der in dieser Nacht eine besondere Bedeutung bekommen hatte.

Mit leerem Kopf fuhr er aus der Garage. Die Ausfahrt zielte in eine kleine Seitenstraße. Die Scheinwerfer erfassten für einen Moment eine verschwommene Gestalt, die am äußersten Rand des Lichtkegels einer Laterne stand. Eine Gestalt, die ihn dazu veranlasste, auf die Bremse zu treten und die kurz danach vor dem herabgelassenen Seitenfenster auftauchte.

 

Ihr Gesicht war wieder von der Kapuze verdeckt. Tiefe Schatten verbargen die Spuren in ihrem Gesicht. Für einen Moment schwiegen beide, dann sagte sie: „Warum hast du das gemacht?“ Er schwieg für einen Moment: „Weil es sich in dem Moment richtig angefühlt hat.“ Sie sagte nur: „Danke.“ Dann wollte sie gehen, doch er sagt: „Warte.“ Er griff in die Aktentasche, die nun auf dem Beifahrersitz lag. Seine Hand zog eine Visitenkarte heraus und gab sie ihr. „Nur für den Fall“, sagte er. Dann verschwand sie in der Nacht. Von einem guten Platz in vertrauter Dunkelheit aus sah sie, wie sich die Rücklichter des Cadillac langsam im Dunkel auflösten.

 

Er hat nie wieder etwas von ihr gehört.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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