Francois Loeb

DIE WEGWARTE

Der Lebensweg? Was es mit ihm auf sich haben kann in meiner Wochengeschichte zu lesen:



Ich gehe meines Weges. Halb träumend die Natur bewundernd. Hier der noch nackte Apfelbaum, dessen Blütenpracht mir bald viel Freude bereiten wird. Der Mandelbaum bereits in voller Blüte. Fruchtvielfalt versprechend. Und Löwenzahn in Unzahl. In Gelb die Landschaft tauchend. Samenvielfalt bereits jetzt versprechend. Und da die kleine blaue Blume am Wegrand. Sie fällt mir in ihrer Bescheidenheit besonders auf. Pflücken? Nein, zu schade. Die Herrlichkeit lieber stehen lassen. Bücke mich. Will riechen. Das kann der Schönheit keinen Abbruch tun. Doch, ich kann es kaum glauben. Bin ich noch im Traum des Frühjahrs versunken? Da flüstert mich die blaue Blüte mit dem feinen Blütenmund leise an: „Zieh Deine Mütze! Zieh sie einfach vor mir! Du musst mich ehren. Aber rasch. Denn auserkoren als Heilpflanze des Jahres 2020 wurde ich geadelt. Trotz meines gemeinen Namens. Gemeine Wegwarte wurde ich bis damals genannt. Doch nun! Nun endlich, nach Tausenden von Jahren ist das gemeine von mir abgefallen. Ehren musst Du mich. Zieh Deine Mütze vor mir. Aber rasch. Sonst wirst Du Deine blauen Wunder zu erleben haben." Innerlich überzieht mein Seelenmund ein heiteres Lächeln. Meine Seelenlippen schmunzeln. Was will denn so eine kleine Blume? Mir den Drohfinger zeigen? Besitzt das Kraut einen solchen? Droht sie mit ihrem Stempel? Mit den Blütenstäben? Blütenstaub? Jedenfalls ist die Wegwarte eine Pflanze. Auch wenn sie geadelt wurde und dadurch einen Dünkel eingefangen hat der sich gewaschen hat! Jedenfalls ziehe ich weder Mütze noch Hut vor einer Blume. Was denkt sich diese Wegwarte. Ist doch kein Landvogt Gessler der seinen Hut auf eine Stange setzte der zu grüssen war.
So, ich muss weiter gehen. Meine Mutter ruft pünktlich zwölf Uhr zu Tisch. Wird ungehalten, wenn ich mich auch nur um Minuten verspäte. Will von der Betrachtungshocke aufstehen. Will mir einfach nicht gelingen. Fühle wie Wurzeln aus meinen Sohlen wachsen. Verzweifelt nach Wasser gieren. Festgewurzelt, wie in Stein gehauen bin ich da am Wegrand. Erblicke in der Regenpfütze mein Antlitz. Es ist blau. Blaues Blut?
Bin jetzt eine Wegwarte. Warte am Weg. Und die geadelte sitzt wohl bei Mutter am Mittagstisch. Darf ich Dich liebe Leserin, lieber Leser bitten mich, wenn Du mich am Wegrand siehst, zu pflücken? Nach Hause mich zu tragen. Aber nicht ohne Hut oder Mütze zuerst vor mir ehrenvoll zu ziehen. Denn jetzt bin ICH geadelt. Durch Deinen Grossmut ...

Wer steht oder sitzt nicht mehrmals im Leben am Wegrand, überlegt welche Weggabelung einzuschlagen ist?
Ich wünsche, wenn es wieder so weit ist, Vertrauen und Zuversicht!
Herzlichst François Loeb

François Loeb liest seine Kurzgeschichten vor
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Humorvoll schreibt der Autor über eine Kindheit im Jahr 1949 in einem kleinen Dorf in der damaligen "Ostzone".
Armut ist allgegenwärtig und der Hunger ein ständiger Begleiter. Für den 11 jährigen Walter, mit der Mutter aus Schlesien vertrieben, ist es eine Zeit des Wandels, der Entdeckungen. Einfallsreichtum und Erfindungsgabe gehören zum Alltag.

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