Wolfgang Hoor

Gehen, bleiben oder zurückgehn

Gehen, bleiben oder zurückgehn

 

Was ich sehe, ist grau, was ich höre, ist verschollen, sobald ich es vernehme. Da erwache ich in einen Traum hinein. Als der Traum mich mitnimmt, höre ich aus der weitesten Ferne Glockengeläut und unzählige Stimmen. Da will ich hin, sage ich meinem Traum, und mein Traum sagt: Überleg es dir gut. Es wird eine lange gefährliche Reise. Ich gehe vor die Tür und da stehen sie schon, meine Wanderschuhe und der Rucksack, den ich brauche. Ich ziehe mir die schweren Schuhe an, hieve den Rucksack auf meinen Rücken und stehe da und stehe und stehe.

 

Kommt die Straße herauf ein ganz kleines Mädchen in viel zu großen Wanderschuhen. „Was meinst du?“, fragt das Mädchen, „sind sie groß genug?“ - „Viel zu groß!“, sage ich. „Wahrscheinlich noch nicht groß genug“, sagt das Mädchen, „der Weg ist weit und unterwegs muss ich wachsen.“ – „Gehen wir zusammen?“, frage ich. „Sein Glück muss man alleine finden“, sagt das Mädchen und geht in die Richtung, aus der die Glockenklänge nicht kommen.

 

Ich muss zum Wasser, muss zum Fluss, muss über den Fluss. Am Fluss sitzt in einem Nachen ein Fischer. Er hat ein Gesicht mit sprechenden Runzeln. Ich frage: „Fährst du mich hinüber?“ Der Fischer gibt mir keine Antwort, aber seine Runzeln sprechen: „Die Wasser gehen und ziehen. Wir sehen den bleibenden Fluss.Ob du, was du tust, gehen oder bleiben nennst, ist Ansichtssache.“ – „Ich will keine Philosophie“, sage ich den Runzeln des Fischers. „Ich will hinüber.“ – „Aber im Traum brauchst du dafür nicht meinen Kahn“, sagt der Fischer und lächelt. Und also lasse ich mich von den Wellen hinüberziehen.

 

Das Glockengeläut ist näher gekommen. Aber ist es ein Geläut für mich? Ich mache eine Rast, schnüre meinen Rucksack auf, finde mein Brot, mein Wasser, mein Ei, meine Landkarte, meinen Personalausweis, Bilder von meiner Familie, die da drüben geblieben ist. Alles was mir zusteht, habe ich wiedergefunden. Ich gehe zurück, wie ich hergekommen bin. Und außerdem läuten die Glocken nicht mehr. Was will ich eigentlich hier? „Du suchst deinen Platz auf deinem Friedhof“, höre ich die Runzeln des Fischers sagen, und jetzt lächeln sie nicht mehr, sie verziehen sich zu einem bösen Grinsen.

 

Vor diesem Grinsen muss ich weg. Ich packe zusammen, laufe, strauchele, rappele mich wieder auf, strauchele wieder. Endlich höre ich die Glocken wieder. Muss ich wirklich zu diesen Glocken? Was hab ich denn davon, wenn ich unter einem Glockenturm stehe, vielleicht mit Tausenden, die auch wie ich hergerufen werden. Ich laufe durch Dickicht, Gestrüpp, der Boden ist uneben, zuerst matschig, dann fließt Wasser. Als ich aufsehe, steht vor mir mitten im Wald eine riesige Säule. Sie will wissen, was mich hierhergezogen hat. „Glockengeläut“, sage ich. „Aber ich weiß nicht mehr, was ich will, ob ich gehen oder bleiben oder zurück will. „Bevor du gehst, bleib. Bevor du weiter suchst, wandle dich. Ich war ein Haufen Steine wie du ein Haufen Gedanken bist. Aus mir ist eine Säule geworden. Aus dir wird ein Monument für die Ewigkeit. Und hier bist du sicher.“

 

Kirke, denke ich, die Göttin, die den Odysseus bei sich behalten wollte. Ich laufe. Aus dem fließenden Wasser wird ein Fluss, ein Meeresarm. Ich weiß nicht was mit mir ist. Ich treibe, ich treibe dem Läuten entgegen, treibe in treibenden Fluten, eine Achterbahnfahrt. Ich schreie. Niemand hört mich. Treibende tote Tiere, Treibgut, ganze Dächer, Untergang, Wasser schlägt mir ins Gesicht. An morschem Gehölz kann ich mich halten. Und dann treibt mich das Wasser in eine Bucht, es wird ruhig.

 

Und dann träume ich in ein Erwachen hinein. Sonne. Das Mädchen mit den viel zu großen Schuhen kommt mir entgegen. „Siehst du, wie ich gewachsen bin“, jubelt es. „Jetzt passen mir die Schuhe. Und du hast den Weg auch geschafft!“ - „Ja“, will ich sagen, aber dann weckt mich ein Farbengewitter, und ich höre die Glocken, die ich schon ein halbes Leben lang gehört habe und höre, dass ich sie ganz neu, ganz anders hören kann. Das war mein Ziel: das Andere im Vertrauten zu hören.

 

Ich habe mein Ziel erreicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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