Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 9

Das ist mir egal…“, säuselte Blue. „Ich würde überall mit ihm hingehen,…könnte ich ihm nur folgen, könnte ich bei ihm bleiben, ich würde alles dafür opfern…“ „Ich nicht…“, sagte Ebony, „ich würde meine Lehrstelle bei Sooty nicht für tausend tolle Kater eintauschen.“ Plötzlich hörte Blue in der Ferne ein leises Geräusch. Ihre Sinne waren geschärft durch das Katzengras. Sie erhob sich und spähte über die Felder. Sie erschrak. In der Ferne entdeckte sie Sooty. Sie jagte in einem atemberaubenden Tempo über das Feld. Sie wurde von mehreren Katzen gehetzt. Sie waren ihr dicht auf den Fersen. Sooty überschlug sich fast beim Rennen und wirkte aus der Ferne wie eine dunkelbraune Kugel. Sie raste und doch verringerte sich mit jedem Meter, den sie gewann der Abstand zwischen ihr und der Meute. Blue starrte erschrocken auf das Schauspiel. „Ebony…“, rief sie, „Ebony, ich glaube Ralf und seine Meute sind hinter Sooty her…“ Ebony fuhr aus dem Katzengras auf. „Wir müssen ihr helfen…“, kreischte Ebony, bereit sich den Katzen entgegen zu werfen. Blue wurde mit einem Schlag wieder nüchtern, nur in ihren Ohren rauschte es leicht. „Das sind zu viele…“, sagte sie leise, „wir können es nicht mit ihnen aufnehmen…“ Ebony sah sie verächtlich an und begann Sooty entgegen zu laufen. Wie ein schwarzer Pfeil schoss sie auf Sooty und die sie verfolgenden Katzen zu. Obwohl Blue immer noch zögerte, erinnerte sich ihr Körper an die Kraft die Sooty in ihr geweckt hatte und sie begann ein Kampflied heraus zu donnern. Wie von selbst folgte sie Ebony in langen, geschmeidigen Sätzen. Wie ein Sturzbach rauschte ihre Fuge wilder und wilder aus ihr heraus. Sie spannte alle Muskeln an. Ihr ganzer Körper war in höchster Alarmbereitschaft. Ebony hatte Sooty bereits erreicht und feuerte sie an, noch schneller zu laufen. Doch Sooty verlor immer mehr an Geschwindigkeit. Ihr Atem ging keuchend. Blue konnte die angreifenden Katzen jetzt deutlich unterscheiden, sie waren zu fünft. Der gelbe Ralf führte sie an, zielstrebig und schnell kamen sie auf Sooty und Ebony zu. Der fette Russe mit seinem dicken Kopf und seinen goldfarbenen Augen war dabei und Wehringhauser mit dem spitzen Maul. An Ralfs Seite rannte eine braungelb getupfte Katze mit großen schräggestellten Augen, die Blue noch nie in der Gegend gesehen hatte. Sie hatten Blue wahrgenommen, eine Flucht war nicht mehr möglich. Der fette Russe schnitt Sooty und Ebony den Weg ab und die anderen kreisten die beiden Katzen ein. Blue tastete hastig den Ring ab, den sie bildeten, um eine Lücke zu finden, durch die Sooty und Ebony fliehen konnten. In diesem Augenblick begann Ralf eine wilde, obszöne Fuge zu singen und stürzte sich mit gezückten Krallen auf Sooty. Sein Gesichtsausdruck war böse und feindselig und voll kalter Wut. Er sprang Sooty an und stieß sie brutal um. Sooty war erschöpft von der langen Flucht. Sie versuchte, sich aufzurichten, aber da war in Sekundenschnelle der fette Russe über ihr und drückte sie zu Boden. Sie konnte nicht einmal den Kopf bewegen. Plötzlich wirkte Sooty sehr alt und hilflos. Ein kalter Wind fegte über die flache Ebene, das hohe Gras wogte und die Katzen wirkten verloren und klein unter dem endlosen Himmel. Ebony stürzte sich leicht schwankend von hinten auf den fetten Russen, doch es gelang dem großen Kater mühelos, sie abzuschütteln. Wieder schrie Blue durchdringend und stürzte sich in den Ring. Sie versuchte, Ebony Rückendeckung zu geben, die sich wie eine Wahnsinnige wieder zwischen Sooty und Ralf drängte. Ihr schwarzer Körper wand sich, als sie sich an Ralfs Rückenfell klammerte und mit Zähnen und Krallen kämpfte, um Sooty zu befreien. Plötzlich spürte Blue die Tatzen der gefleckten Katze im Genick und sie warf sich herum. Sie blickte in zwei ovale, schräg gestellte Augen über hohen Wangenknochen in einem breiten Gesicht, die sie voller Verachtung ansahen und schon wollte sie die vertraute Schwäche wieder überfallen. Sie spürte, wie sie zitterte und sich ergeben wollte. Kurz streifte ihr Blick den fahlen Ball der Sonne am Himmel und sie hörte Sooty stöhnen, dann richtete sie sich auf und versetzte der Bengalkatze mehrere grobe Hiebe mit den Pfoten. Haare flogen durch die Luft und erschrocken wich die getupfte Feindin zurück. Blue setzte ihr nach und warf sich wieder und wieder auf sie, bis kein Blatt Papier mehr zwischen sie und die fremde Katze passte. Völlig zerrauft flüchtete sie über das Feld. Ihr Gesicht war rotgelb gefleckt von den blutigen Wunden, die Blue ihr geschlagen hatte. Doch bevor Blue Atem holen konnte oder sich einen Überblick über die Gesamtlage verschaffen konnte, stand breitbeinig Wehringhauser über ihr und bleckte die gelben Zähne. Blue wollte mit aller Macht siegen, da hörte sie in ihrem Rücken röchelnde Töne, die sich wie ein Schatten über sie legten. Wehringhauser packte sie an der Kehle und Blue schreckte hoch, wälzte sich herum, um ihn abzuschütteln, doch er ließ nicht los und seine Kiefer krampften sich in ihre Schulter. Er biss zu, packte Blue mit den Zähnen und schüttelte sie heftig. Blues Kopf flog von einer Seite zur anderen, bis ihr ganzer Körper zu erschlaffen drohte. Mit letzter Kraft krallte sie sich in Wehringhausers Fell und versuchte ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie biss in seinen Kopf, kratzte und zerfleischte ihn, in der Hoffnung, er würde sie endlich loslassen. Aber er duckte sich nur unter ihrem Angriff und knurrte, während er sie immer noch schüttelte. Blue stieß entsetzte Schreie aus. Ihre verzweifelte Attacke schien überhaupt keine Wirkung auf Wehringhauser zu haben. Er knurrte und sang eine kreischende, undeutliche Fuge. Aus weit aufgerissenen Augen sah Blue, dass Sooty schlaff und bewegungslos unter Ralf lag, der sich jetzt auf Ebony stürzte. Sie erstarrte. Vor kalter Angst krampfte sich ihr Magen zusammen. In diesem Moment flog ein großer Schatten über Blue und sie spürte, dass sich Wehringhausers Griff lockerte. Aus dem Nichts war der schwarze Korsar aufgetaucht. Im vollen Lauf stieß er seinen Kopf in Wehringhausers Seite. Blue duckte sich schnell unter ihnen weg, während die beiden Kater mit einem dumpfen Geräusch aufeinander prallten. Wehringhauser zischte und wich zurück. Der schwarze Korsar verbiss sich in seinen Hals und bearbeitete ihn mit seinen messerscharfen Hinterkrallen. Wehringhauser schrie auf und sein Blut floss in Strömen. Er taumelte zur Seite und sackte in sich zusammen. Als Blue sich zitternd wieder erhob, griff der Korsar bereits den fetten Russen an, der sich in Ebony verkrallt hatte. Ebony kämpfte wie eine Besessene mit dem Mut der Verzweiflung gegen die beiden Kater an. Sie hatte sich schützend über Sooty gestellt, die schlaff und bewegungslos unter ihr lag.

Blue sprang zwischen sie und prallte gegen Ralf, während der Korsar dem Russen zusetzte. „Lauf, hauen wir ab, die Alte ist hin…, das ist der schwarze Korsar… mit ihm ist nicht zu spaßen…,“ schrie Ralf heiser. Er versetzte Blue noch einen schlag vor die Brust und setzte in weiten Sprüngen über das Feld davon. Mit einem heftigen Ruck riss sich der Russe los und folgte Ralf in schwankenden, schwerfälligen Bewegungen. Sie verschwanden hinter der Friedhofsmauer.

 

Mit einem Sprung war der schwarze Korsar neben Blue, die zitternd auf die leblosen Körper von Sooty und Ebony starrte. Verzweifelt wanderte ihr Blick vom Korsaren zu der grauenhaften Szene. Sooty lag mit nach innen gebogenem Rückgrat und lang ausgestrecktem Hals auf dem Feld. Blut färbte an mehreren Stellen das Gras unter ihr. Der Korsar leckte schnell über Blues Kopf und sagte leise: „Ich bin zu spät gekommen,…aber lass uns nachschauen,…ich glaube, die schwarze Katze lebt“. Plötzlich hatte Blue panische Angst, sie erinnerte sich an Sootys Ankündigung, dass sie bald verschwinden würde. Langsam, fast in Zeitlupe schlich sie hinter dem schwarzen Korsaren her, der die beiden Katzen eingehend betrachtete. Er wies auf Ebony und sagte: „Sie lebt, sie atmet noch…“

Blue zuckte mutlos die Achseln. Sie wusste, dass es nicht unbedingt ein gutes Zeichen war, wenn eine schwer verletzte Katze überlebte, oft bedeutete das nur einen langsamen Tod. Der Korsar beschnupperte und betastete Ebonys Körper. Sie hatte eine klaffende blutende Wunde an der linken Schulter, viele Bisswunden an der Seite und eine blutende Nase. Teilnahmslos vor Kummer beobachtete Blue wie sich ihre Flanke beim Atmen schwach hob und senkte. Ebonys Augen waren geschlossen. Für Sooty kam jede Hilfe zu spät. Ihr Genick war gebrochen, doch sie schien im Tod leise zu lächeln. Blue weinte. Sie starrte über das Land und die Gräber auf dem Friedhof. Sootys Tod hatte ihr eine tiefe Wunde gerissen, ein hohles Loch klaffte in ihrem Herzen. Der Korsar leckte ihr wieder zärtlich über die Ohren und sagte: „Sorg dich nicht, Blue,…hab keine Angst…, jetzt bin ich ja da…“ Voller Zorn fuhr Blue auf: „Hättest du nicht früher kommen können… und Sooty helfen…“, schluchzte sie verstört. „Es stimmt, ich hätte trotz allem bei dir bleiben sollen…“, sagte der Korsar. Seine Stimme klang gepresst. „Ich habe Ralf nicht so früh erwartet…und Loretta…“, er verstummte. Blue hatte das Gefühl, vor Kummer und erlittenem Unrecht ersticken zu müssen. „Ralf muss das büssen, er muss Sootys Tod büssen,…“ sagte sie dumpf. Das Leben erschien ihr plötzlich entsetzlich und bedrückend sinnlos. In diesem Moment wäre sie fähig gewesen, ohne Schrecken selbst zu sterben. Sootys Tod erfüllte sie mit Grauen. Sie standen still aneinander gelehnt. Die Blätter einer verkrüppelten Linde schwankten leicht, dann war alles totenstill. Die Sonne war in den Wolken verschwunden und es war plötzlich neblig und kalt. Die Grabsteine verblassten im dichter werdenden Nebel. „Wir müssen Ebony in den Schuppen bringen, damit sie geschützt ist…“, sagte der Korsar. Er suchte Stellen, an denen sie Ebony mit den Zähnen anfassen konnten und zeigte Blue, wie sie sie transportieren konnten. Mit eiserner Hartnäckigkeit machte er sich ans Werk und Blue half ihm, Ebony vorwärts zu ziehen und zu schleppen. Es war ein langer Weg und eine sehr anstrengende Prozedur. Immer wieder spulten sich die Kampfbilder vor Blue ab, sie stiegen auf wie Silberblasen vom Boden eines Kochtopfes. Blue versuchte verzweifelt, ihre Gedanken zu verbinden, einen Sinn in dem Geschehenen zu finden, doch es gelang ihr nicht, einen durchlaufenden Faden zu finden. Sie konnte die Ereignisse nicht miteinander verknüpfen. Ebony bewegte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich. Der Blutfluss, das aus ihren Wunden gesickert war, versiegte langsam. Der Korsar redete leise und beruhigend auf Blue ein. Der Himmel wurde immer grauer und plötzlich bemerkte Blue, dass der erste Schnee in großen, feuchten Flocken zu Boden fiel. In großen Flocken glitt der Schnee über Bäume und Sträucher. Er schien sich schon im Fallen aufzulösen in immer kleinere, sprühende Teile und hielt sich nicht am Boden. Vogelköpfchen bewegten sich aufgeregt, wenn Blue und der Korsar mit ihrer Last näher herankamen. Spatzen huschten wie Erdflecken hin und her. Der Schuppen lag vor ihnen wie eine verwitterte Ruine. Die Wipfel einiger Fichten rauschten. Als sie kurz Pause machten, versuchte Blue verzweifelt Ebony zu wecken. Sie leckte mit ihrer Zunge über ihren Kopf, doch Ebony blieb bewusstlos. Die kahlen Zweige der Bäume wirkten unendlich trostlos, als sie sich weiterschleppten. Der Boden nahe einer Linde erschien aufgrund der vielen hellen Blätter, die dort lagen durchlöchert. Blue versank in Erinnerungen an Sooty und ihre Waldträume, die ihr so viel bedeutet hatten. Sie glaubte, nie wieder dorthin reisen zu können. Endlich erreichten sie den Schuppen. Der Schnee begann stärker zu fallen, als sie Ebony endlich durch die Türe zogen. Ein letztes Mal schaute sich Blue um, dann schlich sie hinein. Der Schuppen erschien ihr jetzt viel düsterer als früher. Der Korsar schob Ebony hinein und Blue schleifte schnell das alte Fell herbei, damit Ebony es wärmer hatte. Die Tür quietschte und Blue zuckte zusammen. Kurz toste der Wind wie ein Wasserfall, dann war es wieder völlig windstill. Die Bäume ächzten kurz auf wie eingesperrte Tiere. Der Korsar schob die Türe zu und Blue fröstelte. Sie lief nervös im Schuppen auf und ab und empfand eine überwältigende Hilflosigkeit. Wieder hatte sie das Gefühl, zu ersticken. „Warum hat Ralf das getan?“ fragte sie mehr sich selbst als den Korsaren. „Warum konnte sie sich diesmal nicht wehren, sie wusste doch soviel…, sie hatte soviel Macht…“ „Vielleicht wusste sie, dass ihre Reise hier endet…“, sagte der Korsar ruhig. Blue schluckte. „Ebony atmet immer noch…“, sagte sie leise. Der Korsar beugte sich über Ebony, beschnupperte sie und begutachtete nun gründlich ihre Wunden. Er wirkte überaus konzentriert. „Es ist schlimm, sehr schlimm…“ sagte er. „Aber nach allem, was ich sehe, glaube ich nicht, dass sie an den Verletzungen sterben wird…, ihre Wirbelsäule ist nicht gebrochen…“ Er drängte sich an Blue und wollte ihr über den Kopf lecken. Doch Blue war zu nervös und unruhig, um seine Zärtlichkeit erwidern zu können. Obwohl sie wusste, dass es ungerecht war, verdross es sie immer noch, dass er nicht früher aufgetaucht war und Sootys Leben gerettet hatte. „Wir müssen sie pflegen…, und es wird Zeit brauchen…, ich kann nicht sagen, wie lange es dauern wird, bis sie das Bewusstsein wieder erlangt…“

Er schien nachzudenken. „Ich werde draußen etwas Rosmarin und Kohlblätter vom Feld holen für ihre Wunden…“, sagte er und schickte sich an, Blue mit der bewusstlosen Ebony allein zu lassen. Sie senkte den Kopf und vergrub angstvoll das Gesicht zwischen den Vorderpfoten. Sie versuchte, ein Zittern zu unterdrücken. Einen kurzen Augenblick fürchtete sie, er würde nicht zurückkommen. Er schob die Türe einen Spalt auf, die Dämmerung brach schon herein. Der Korsar verschwand mit hoch aufgerichtetem Schwanz und einen kurzen Augenblick sah Blue die zitternden Lichter der Altstadt über dem Hügel aufscheinen. Die Schneeflocken fielen durch den Wind fast waagrecht ein, wurden zur Seite getrieben. Blue stand mit den Vorderbeinen auf dem eigenen Schweif, um ihre Pfoten zu wärmen und sah ihm nach. Er blieb kurz stehen, als ein Vogel über ihn hinweg flog und sah zu ihr zurück, dann lief er unter den Schneeflocken durch. Wieder bemerkte sie sein leichtes Hinken, das ihn beim Kämpfen aber nicht zu behindern schien. Blue ertrug es nicht, allein zurückzugehen, sie setzte sich mit dem Gesicht zum Schnee in den Türspalt. Die letzten nicht abgefallenen Blätter stießen bei jedem Windhauch gegeneinander. Sie spähte in die fallende Nacht hinaus und wartete. Sie dachte an die leere Hülle von Sooty, die nun einsam und kalt auf dem Feld lag und schauderte. Sie schlug nun doch die Türe zu und näherte sich vorsichtig Ebony. Sie atmete immer noch und lag regungslos auf dem alten Fell. Alles in dem Schuppen erinnerte an Sooty. Blue drückte ihre Nase in Ebonys Seite und wartete auf die Rückkehr des Korsaren. Immer wenn Blue die Augen schloss, sank sie wieder in die furchtbaren Bilder von der toten Sooty und den Katzenkämpfen ein. Erleichtert richtete sie sich auf und streckte sich, als sich der Korsar endlich durch die Türe zwängte. Er trug nicht nur ein paar Zweige Rosmarin, sondern auch ein Kohlblatt und eine große erlegte Maus im Maul.

 

Geschickt versorgte der Korsar Ebonys Wunden. Zum ersten Mal zuckten ihre Ohren. Der Korsar lächelte: „Sie wird es schaffen, sie ist eine zähe Haut…“ Er zerlegte die Maus und forderte Blue auf, an seiner Seite zu fressen. Blue musterte den schwarzen Korsaren, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Sie bemerkte seine Strenge und seine enorme Selbstbeherrschung und glaubte zu ahnen, dass darunter eine glühende Katersinnlichkeit verborgen lag. Mürrisch kaute sie auf einem Mäuseschenkel herum. Es ärgerte sie, dass er so schweigsam war und sie nicht an seinem eigentlichen Leben und seinen Sorgen teilnehmen ließ. Insgeheim verglich sie ihn mit Said. Der schwarze Korsar konnte es mit Saids glatter Schönheit nicht aufnehmen, er war aus einem raueren Holz geschnitzt. Doch sie kannte den Korsaren kaum und sie stieß sich an seinem eisernen Willen. Er war hart, verschwiegen, bestimmt und viel listiger als Said es je sein würde. „Ich werde Ralf für Sootys Tod bezahlen lassen…“, knurrte Blue mürrisch in sich hinein. „Dann wirst du erst die Grundregeln des Kämpfens lernen müssen,…“, sagte der Korsar und lächelte ironisch. „Ich weiß selbst, was ich zu tun habe…“, entgegnete Blue hochmütig. „Madame…“, sagte der Korsar, „ihre Talente sind mir nicht verborgen geblieben…, aber sie bedürfen der Förderung, um es mit der Meute von Ralf aufzunehmen…“ Blue verdrehte die Augen. „Ich habe keine Angst vor diesem Gesindel…“, sagte sie und biss die Zähne zusammen. Sie zog sich zurück an den Rand des Schuppens und ließ ihren Kopf auf die Pfoten sinken. Sie hörte den Korsaren spöttisch lachen. Als sie aufsah, bemerkte sie, dass er sie nicht aus den Augen ließ. Langsam hinkte er auf sie zu. „Darf ich mich neben Sie setzen, Madame…“, sagte er in demselben galanten, ironischen Tonfall. Blue nickte wortlos. Sie versuchte, gleichmütig dreinzuschauen. Er lachte leise. Dann legte er sich neben sie, so dass sich ihre Fellspitzen berührten und fragte: „Kennt Ihr den Minesang der Katzen? So wie er seit Jahrhunderten gepflegt wird?“ Blue schüttelte den Kopf, sie hatte in der Altstadt nie etwas davon gehört und fühlte sich wieder einmal ungenügend. „Ich habe ihn in Frankreich kennengelernt…, den Gesang der Liebe, die weiche Sprache mit Tönen aus Gold…“, sagte er und sah Blue tief in die Augen. „Ich bin einer der letzten Katzentroubadoure…“, fügte er wehmütig dazu, „und wenn mir kein Sohn geboren wird, werde ich diese Kunst wohl mit ins Grab nehmen…“ Als Blue schwieg, fügte er hinzu: „Die Liebe ist eine Kunst, die man erlernen kann,…habt ihr euch schon einmal für die Kunst der Liebe interessiert,…Madame…, für schweigende Worte, für Worte, die wie Vögel zum Himmel aufsteigen, für Berührungen mit Pfoten aus Samt…?“ Blue wusste nicht was sie antworten sollte. Sie dachte an ihre Liebesnacht mit Said, die so einen schalen Nachgeschmack hinterlassen hatte. Sie war zu feinfühlig, um nicht den leicht ironischen Ton in seiner Stimme zu hören. „Ich bin keine Madame…“, sagte sie schroff, „ich bin nur eine Straßenkatze aus der Altstadt…“ Betäubt von den Ereignissen des Tages, war sie nicht in der Stimmung für eine Tändelei. Sie drehte den Kopf weg und starrte zu Ebony hinüber. Sie merkte, dass der Korsar noch näher an sie heranrückte, rührte sich aber nicht. „Ich habe einmal einen Brunnen mit grünem Wasser gesehen…“, fuhr er fort, „in das der Mond tauchte wie ein Krötenstein in ein Glas Anis, nun dieses Wasser hatte die gleiche Farbe wie deine Augen, mein Liebchen…“ Blue verharrte schweigend wie eine Statue. „Nirgends auf der Welt bin ich solchen Augäpfeln begegnet…“ Mit einer schnellen Bewegung sprang der Korsar auf Blue. Sie schrie erschreckt auf. Im gleichen Augenblick ließ der Korsar sie los. „Du möchtest nicht mit mir Liebe machen in dieser Nacht…“, sagte er und erhob sich. Seine Silhouette reckte sich in dem monderhellten Schuppen. Blue starrte ihn mit klopfendem Herzen an, ihre Empfindungen für ihn verwirrten sie. „Blue, ich werde dich nicht zwingen, du arme kleine Jungfrau…“, sagte er spöttisch. „Das ist nicht meine Art,…ich habe in meinem Leben viele Katzen besessen, weiße, schwarze, gelbe und getupfte, aber ich habe keine mit Gewalt genommen und ich habe sie nicht mit Leckerbissen angelockt, sie sind gekommen und du wirst auch eines Tages, oder in einer mondhellen Nacht zu mir kommen…“ Blue ärgerte sich plötzlich maßlos. „Nie…“, schrie sie auf und es klang wie ein Peitschenhieb. Das spöttische Lächeln des Korsaren erlosch nicht. „Blue, du bist eine kleine wilde Yankeekatze, aber das missfällt mir nicht, eine leichte Eroberung macht die Liebe wertlos, eine schwierige macht sie unbezahlbar…“ Blue schwieg verbissen. „Gute Nacht, Blue, schlaf gut in deiner Ecke, allein mit deinem köstlichen Fell, das nun ungestreichelt bleibt…, ich werde bei Ebony wachen…“

 

Blue rollte sich zusammen. Sie wusste plötzlich selbst nicht, warum er so heftige Gefühle der Abwehr in ihr erregt hatte. Aber ihr Stolz bäumte sich auf und sie wollte sich ihm keinesfalls unterwerfen, wie die vielen anderen Katzen, die er erwähnt hatte. Sie beachtete ihn nicht weiter und überließ sich ihren Gedanken. Im Schuppen hatte sie immerzu das Gefühl, Sooty läge um die nächste Ecke. Sie glaubte, ihr raues Lachen zu hören, ihre derben Witze. Sie seufzte leise. Sie fragte sich, ob Sooty schon im Schattenland war oder auf der Reise dorthin. Sie hoffte, sie würde von ihr träumen, sie wiedertreffen in den roten Ahornwäldern.

 

Doch als Blue endlich in einem schweren Schlaf fiel, kreiste sie in großer Höhe über dem Kampffeld und hörte gurgelnde, dumpfe Geräusche. Unentwegt verfolgten sie die zweifarbigen, zusammen gekniffenen Augen des gelben Ralf und sie fürchtete, er würde sie erwischen und ins Schattenland treiben. Eine große Dunkelheit schien sie in die Tiefe zu ziehen. Sie trieb auf einem schwarzen Strom dahin durch unterirdische Höhlen. Seltsame Katzenbilder waren mit Strichen in die Felswände geritzt, die sich zu bewegen schienen, als sie vorbei glitt. Die großen, gemalten Katzen tanzten über die dunklen Felsen und ihre Gesichter bewegten sich. Blues Herz schien zu glühen, während hinter ihr Schattenkatzen jagten. Sie suchte Sooty in der Dunkelheit, doch fand sie nicht. Plötzlich traf ein schreckliches Auge sie im Rücken, das Ralf war und doch nicht Ralf und sie sah wieder den zerbrochenen Körper Sootys und ihre verrenkten Glieder. Sie roch verdorbenes Fleisch und wusste plötzlich um die gnadenlose Endgültigkeit des Todes.

Sie schreckte hoch und atmete schnell.

Voller Angst schlich sie zu Ebony, an deren Seite der Korsar eingeschlafen war und leckte ihre Wunden. Sie fühlte die Wärme von Ebonys Körper und beruhigte sich etwas. Plötzlich hörte sie ein leises Zirpen und als sie sich über Ebony beugte, hörte sie, dass sie schnurrte. Blue versuchte, zu verstehen, was Ebony sagen wollte. Sie verstand die Töne nicht. Sie fürchtete, Ebony würde sich von ihr verabschieden du auch ins Schattenland tauchen. Panik überschwemmte sie. Sie stieß den Korsaren an. „Sie will uns etwas sagen…“, flüsterte sie atemlos, „ich kann sie nicht verstehen…“ Der Korsar richtete sich auf und lauschte auf den schwachen Ton. Verstört und unsicher sah Blue ihn an. Sie konnte die Ungewissheit nicht länger ertragen und hielt den Atem an. „Das ist ein gutes Zeichen…“, sagte der Korsar endlich und nickte Blue zu. Sie sank vor Erleichterung zu Boden und verbarg ihr Gesicht in den Pfoten. Sie zitterte und hatte Mühe, die Fassung zu wahren. „Sie wird Sootys Erbe antreten… sie besitzt Ausdauer und Zähigkeit…“, sagte der Korsar leise und legte sich wieder zur Ruhe. Blue verkroch sich hinter den staubigen Fässern und fiel endlich in einen tiefen, ungestörten Schlaf.

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