Doris Fischer

Beste Freundin

Eines Tages kam eine neue Schülerin in unsere Klasse. Gleich am ersten Tag durfte sie sich aussuchen, neben welchem Mädchen sie sitzen wollte. Etwas schüchtern schaute sich die Neue im Klassensaal um und entschied sich dann für den freien Platz neben mir in der letzten Reihe.

Das Mädchen mit dem aschblonden Pagenkopf hieß Helene und war eigentlich nicht besonders hübsch gewesen. Sie hatte ein rundes blasses Gesicht, wasserblaue Augen mit langen Wimpern und ihre Oberlippe zierte ein auffallender, dicker Leberfleck. Ihre Figur war eher pummelig und sie wirkte auf mich sehr verschlossen. Meistens trug sie karierte Faltenröcke, pastellfarbige Pullis, Nylonstrumpfhosen und flache Schuhe.

Als sie sich in dieser ersten Schulstunde neben mich gesetzt hatte, begann ich ein freundliches Gespräch mit ihr. Zurückhaltend beantwortete sie meine Fragen und es dauerte eine Zeitlang bis eine zaghafte Unterhaltung zwischen uns entstand. Erst nachdem Helene ihre anfängliche Scheu und Unsicherheit überwunden hatte und ein wenig Vertrauen zu mir gewonnen hatte, wurde ihr Verhalten offener und selbstbewusster. Unsere Gespräche im Pausenhof verliefen von Tag zu Tag angeregter und vertraulicher. Zur Begrüßung fielen wir uns um den Hals und alberten ausgelassen herum . Nach Schulschluss konnten wir es kaum erwarten, bis wir uns am nächsten Tag wieder sahen. So entwickelte sich immer mehr eine vertrauliche und intensive Freundschaft und wir waren nicht nur in der Schule, sondern auch in unserer Freizeit unzertrennliche, beste Freundinnen. Wir erledigten sogar zusammen die Hausaufgaben und bereiteten uns regelmäßig auf Klassenarbeiten vor.

Es verging kein Tag , an dem wir nicht zusammenhockten und über Gott und die Welt quatschten. Nach einiger Zeit entdeckten wir sogar ein neues Hobby – das Reiten. Gemeinsame Ausritte auf unseren Lieblingspferden gehörten zu den schönsten Erfahrungen während der Zeit unserer lang andauernden Freundschaft . Außer den Treffen im Reitstall und beim Reitunterricht , wo wir jedes Mal großen Spaß miteinander hatten, entdeckten wir nun auch das Interesse an Parties und Kneipenbesuchen. So stand ab sofort jeden Samstagabend Tanzen in der Disco auf unserem Programm. Helene und ich mischten uns gutgelaunt unter das Partyvolk und amüsierten uns die halbe Nacht bei heißer Musik.

Schon nach kurzer Zeit stellte ich aber fest, dass meine Freundin angeblich keine Lust mehr hatte auf unser abendliches Ausgehen . Vor jeder neuen Verabredung hat sie mich mit zweifelhaften Ausreden abgespeist. Ich war wie vor den Kopf gestoßen und verstand die Welt nicht mehr. Bis zu dem Tag, an dem ich den Grund für ihr merkwürdiges Verhalten herausfand.

Meine Freundin Helene war eifersüchtig auf mich, weil ich besser tanzen konnte und somit bessere Chancen bei den Männern hatte. Sie gab mir enttäuscht zu verstehen, dass sie sich dabei immer als „Mauerblümchen“ fühlte, weil sie von den Männern nicht beachtet wurde. Letztendlich machte sie mich dafür verantwortlich, dass sie durch diese bittere Enttäuschung ihr Selbstwertgefühl verlor. Obwohl ich sie zu trösten versuchte und ihr fest versprach, dass unsere Freundschaft nicht wegen Eifersüchteleien zerbrechen wird, zog sie sich immer mehr zurück. Ich musste tatenlos zusehen, wie unsere langjährige Frauen - Beziehung immer mehr Risse bekam und am Ende ganz zerbrach. Ich habe lange gebraucht, das alles zu verstehen und darüber hinweg zu kommen. Von diesem Moment an habe ich nie mehr etwas von meiner Freundin Helene gehört.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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