Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 11

Der Fels der Engel

 

Stumm sahen die Freunde zu, wie das Reich des Eidechsenmannes langsam zu Asche zerfiel. Als der Morgen dämmerte, begutachteten sie ihre Wunden. Maurices’ Fell war an mehreren Stellen versengt und Missy hatte sich die Vorderpfoten verbrannt, doch sonst war ihnen nichts passiert. Missy war in Hochstimmung, weil es ihr gelungen war, den Eidechsenmann zu besiegen. Sie tänzelte um Pierre herum und sprang übermütig auf seinen Rücken. Nur Maurice starrte vor sich hin und sprach kaum. Er war tief in Gedanken versunken.

Doch plötzlich konnte er nicht länger an sich halten und sprang auf. Seine grünen Augen funkelten. Er fauchte Missy an und sagte: „Und was haben wir nun erreicht,...Fleur ist da drinnen mit verbrannt...und du bist schuld,...immer du mit deiner Frechheit, deiner Gedankenlosigkeit,...ich will dich nicht mehr sehen,...verschwinde, mach dich vom Acker und tauche nie wieder in meiner Nähe auf...“

Außer sich über den Verlust von Fleur, stürzte er sich mit gezückten Krallen auf Missy, die schnell zur Seite sprang.

„Jetzt mach aber mal einen Punkt...“, grollte Pierre. „Missy hat uns allen das Leben gerettet,...und vor allem dir,...mit deinen ewigen Eskapaden...wegen einer weißen Katze, die nicht mal richtige Augen hat...“

„Halt den Mund,...ich wollte eure verdammte Hilfe nicht...“, zischte Maurice böse, „ich wäre lieber aus diesem Leben ausgeschieden und bei Fleur...“

„Du bist ja nicht ganz bei Trost...“, schimpfte Pierre, „seit du dieses blöde Kraut gefressen hast, bist du schwach in der Birne..., jawoll, so ist das,...“

Maurice starrte verbissen zu Boden. Nach wie vor gab er Missy die Schuld an Fleurs vermeintlichem Tod. „Verschwindet, macht, dass ihr fort kommt...“, wiederholte er. „Komm Missy,...wir hauen ab,...er hat uns gar nicht verdient...“, sagte Pierre und Seite an Seite verschwanden sie im Gebüsch.

Maurice hörte noch eine Weile das Rascheln ihrer Schritte, dann umgab ihn eine leblose Stille. Der Himmel war grau und ein kühler Wind wehte ihm den Aschegeruch ins Gesicht.

Plötzlich sah er wieder den alten Zack vor sich. Er schien den Kopf weit vor zu schieben und ihm etwas Dringendes sagen zu wollen.

Schlagartig fiel Maurice ein, dass der Eidechsenmann gesagt hatte, Fleur sei auf dem Weg zum Fels der Engel. Eine schwache Hoffnung keimte in Maurice auf. Vielleicht war es noch nicht zu spät und er konnte Fleur noch erreichen, bevor sie für immer im Land der schneeweißen Katzen verschwand. Plötzlich bedauerte er, seine Freunde vergrault zu haben. Er hatte keine Ahnung, wo der Fels der Engel lag. Müde drehte er eine kleine Runde um den Moorsee, doch er fand keine Abzweigung zu einem Felsen. „Dieser falsche Mistkerl hat mich belogen..., Fleur ist verbrannt...“, murmelte er übel gelaunt in sich hinein. Schon wollte er aufgeben und sich zusammenrollen, um zu schlafen und endlich nicht mehr nachdenken zu müssen, da entdeckte er hinter dem Rumpf der verbrannten Villa einen schmalen Weg, der zwischen Büschen steil bergauf führte.

Er duckte sich durch stachlige Büsche hindurch und erklomm eine Anhöhe mit freier Sicht. Überrascht hielt er den Atem an. Vor ihm erstreckte sich ein Steinbruch mit Kletterpfaden, die sich kahle Felsen hinauf wanden. Der graue Himmel hob sich kaum von dem Steinmeer ab Der Wind war hier oben unangenehm kalt. Nebelschwaden verhüllten die Gipfel. Nirgends entdeckte Maurice eine Spur von Leben, alles schien grau und verlassen. Beim Anblick dieser Steinwüste vermisste Maurice schmerzlich seine Freunde, doch es war zu spät. Er musste sich allein durchschlagen.

Müde schleppte er sich voran. Die scharfen Felskanten schnitten in seine Pfoten und die Luft schien in der Höhe dünner zu werden. Das grenzenlose Grau saugte Maurice die letzte Kraft aus dem Körper und er war nahe daran, aufzugeben.

Er zwang sich, höher und höher zu steigen. Die empfindlichen Ballen seiner Pfoten schmerzten. Plötzlich entdeckte er die Kontur eines Engels. Er wusste sofort, dass es ein Engel war, obwohl er nie zuvor einen gesehen hatte. Sein Umriss erinnerte an eine Schneewolke mit einem Gesicht. „Hallo..., hallo du da...“, schrie Maurice aufgeregt, „ich suche eine weiße Katze...“ Der Engel hatte unregelmäßige Flügel, die weit ausgebreitet waren, als wollte er abspringen. Er bewegte sich mit der Leichtigkeit eines Tänzers. Er lachte über das ganze Gesicht, oder wenigstens erschien es Maurice so. Als Maurice sich näher heranpirschte, bemerkte er, dass der Engel keinen Geruch hatte. Er reagierte überhaupt nicht auf Maurice, sondern verschwand hinter einem Felsen und löste sich spurlos auf.

Traurig blickte Maurice ihm nach. Als er in die öde Steinwüste hinausblickte, war er wieder nahe davor, umzukehren. Doch plötzlich näherte sich ihm in großer Schnelligkeit ein zweiter Engel. Er schritt mit ernster Miene auf Maurice zu, ging wortlos durch ihn hindurch und verschwand. „Halt, warte, ich suche Fleur...“, rief Maurice aufgebracht. Doch der Engel sah sich nicht einmal nach ihm um. Enttäuscht kletterte Maurice weiter. Er erreichte ein Plateau, von dem aus er die ganze Felsenlandschaft überblicken .konnte. Plötzlich entdeckte er wenige Meter unter sich Missy und Pierre, die sich langsam anpirschten. Außer sich vor Freude miaute er laut und winkte ihnen mit der Pfote zu. „Wo kommt ihr denn her?“ rief er und vergaß für einen Augenblick, wie wütend er auf Missy gewesen war.

„Meinst du, wir geben so schnell auf...“, brummte Pierre, „der Eidechsenmann hat was vom Fels der Engel gesagt, also haben wir uns auf die Suche gemacht...“ Schnell unterbrach ihn Missy: „Die Engel reden nicht mit uns,...sie sehen uns gar nicht... sie kümmern sich überhaupt nicht um uns Katzen...“ Maurice räusperte sich und scharrte verlegen mit der Pfote: „Tut mir leid,...Missy, wegen vorhin, meine ich...“ Missy grinste verlegen und sagte: „Schon gut Maurice, wir haben alle mal einen schlechten Tag...“ „Wir müssen höher rauf,...“ meinte Pierre und sie erklommen hintereinander einen kahlen Felsen, der die Form eines großen Kopfes hatte. Missy tänzelte vorne weg. „Schaut mal, da oben...“, rief sie und zeigte auf einen kleinen Engel, der frei schwebte, „der sieht netter aus als die anderen,...frag den mal...“ Vorsichtig pirschte sich Maurice näher heran. Er befürchtete, auch dieser Engel könnte sich jeden Moment einfach auflösen. Als er ihn fast mit der Pfote berühren konnte, rief Maurice tonlos: „Hallo, du..., ich bin Maurice, der Kater vom Fluss,...ich suche Fleur..., eine weiße Katze...“ Der Engel lächelte ihn honigsüß an: „Hat sie zwei verschiedenfarbige Augen?“ Maurice hielt den Atem an, dann nickte er schnell. „Oh, die ist schon durch,...wahrscheinlich erreichst du sie nicht mehr,...“ „Ist sie,...“, stammelte Maurice, „ist sie schon...im Land der schneeweißen Katzen...?“ Der kleine Engel zuckte die Achseln. „Sie ist nicht sehr schnell gelaufen, ich meine,...sie hatte es nicht besonders eilig,.., dort anzukommen,...vielleicht kannst du sie noch einholen...“

 

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