Ralph Bruse

Der Mann am Bahnsteig (Teamwork)

Der Mann am Bahnsteig
(Eine Teamwork-Erzählung)


Seit einer Stunde wartet sie hier am Bahnsteig bei drückender Schwüle.  
Seit Wochen kein Regen. Ihr leichtes Sommerkleid klebt ihr an der feuch-
ten Haut.
Der Zug hat Verspätung. Zeit der Ankunft: ungewiss.
Sie schlendert immer wieder an den Gleisen entlang. Marode, alles hier.
Ein Bahnhof, der Fremde nicht willkommen heißt. Jeden Moment fällt ihr
Blick zur Uhr. Nichts, gar nichts….
In der Tasche findet sie noch die Brezel von heute Morgen. Sie knabbert
daran – unkonzentriert – nur, um die Nervosität zu lindern. Strohtrocken
und geschmacklos. Überflüssiger Snack.
Die wenigen Menschen hier bewegen sich träge und misslaunig in der sen-
genden Hitze.

Endlich nähert sich der Zug. Ihr Herz pocht bis zum Hals. Wild, zum Zer-
springen.
Einige Leute steigen aus. Dort, der große Mann mit leicht ergrautem Haar,
das ist er…
Zögernd kommt er näher. Sein Blick streift sie kurz - und doch lange genug.
Erst widerstrebend, dann wie ein Getriebener, steigt er die Treppen hinun-
ter zum Ausgang.
Unschlüssig sieht sie sich wieder um – niemand hier, der abgeholt werden
möchte - oder ihr nicht begegnen kann, weil die plötzliche Unsicherheit zu
groß wurde.
Soll sie den nächsten Zug noch abwarten?
Der Unbekannte, der ausgestiegen war, sah ihm, den sie nur vom Foto
kennt, sehr ähnlich. Sie wischt sich Schweiss von der Stirn - überlegt an-
gestrengt.


2.
Lüder wartet in einer Nische der Bahnhofsmission auf sie. Er ist wie der
lange Schatten, in dem er minutenlang unruhig verharrt.
Da - sie geht vorbei. Wirkt verloren, mit weitvornüber gebeugtem Kopf
und müde hängenden Schultern. Die Schritte zögernd, ihr Blick abwesend;
wankt durch enge Menschenmassen, die ameisengleich hier - und dahin
streben.
Sie schaut - einer Eingebung folgend - genau dorthin, wo er steht...Lüder
zuckt zusammen; drückt sich tiefer ins Halbdunkel. Zu spät. Sie sieht und
erkennt ihn. Das Foto, das er schickte, ist über zehn Jahre alt - aber er ist
es, den sie am Gleis erwartete. Ganz sicher ist sie sich jetzt.

Alle klaren Sinne stürzen ein...Er stürmt vorwärts, rennt sie um. Sie fällt zu
Boden - ruft im Fallen noch seinen Namen. Er will ihr aufhelfen - würde al-
les geben, ihr hochzuhelfen! Rennt aber weiter, immer weiter - weg von hier,
weg von ihr, Richtung Innenstadt.
Am Marktbrunnen hält er schnaufend inne, klatscht sich mit zitternden Hän-
den Wasserfontänen ins Gesicht, in den schweissglänzenden Nacken, reisst
sich das T-Shirt runter, zieht es hastig durch die gelblich lauwarme Brühe
und kriecht wieder hinein. Sinkt auf einer Bank in sich zusammen. Dort sitzt
schon ein uralter, geplündert aussehender Mann. Und schwatzt, hocherfreut
über die erhoffte Gesellschaft sofort los, wie ein Maschinengewehr, während
Lüder noch immer nach Luft ringt.
Also weiter. Anderswohin.
Irgendwann findet er endlich einen ruhigen Platz im Parkschatten mächti-
ger Eichen. Er atmet tief ein und aus, sitzt dann lange still da. Aber in ihm
wüten Großfeuer.


3.
Sie sitzt am Küchentisch. Isst kaum. Das Foto von ihm gleich neben dem
Teller. Sie sieht es an. Immer wieder. Steht auf, nimmt das Bild in beiden
Händen mit. Läuft hin - und her. Bleibt schließlich am Fenster stehen, sieht
raus, in die anbrechende, schwüle Sommernacht. Hinab, zur Straße. Im
Lichtkegel der aufflackernden, einzigen Laterne steht ein Mann. Er starrt
nach oben. Genau in ihr Fenster. In ihr Gesicht. Mitten in die Augen...
Zunächst ist ihr Schreck heftig. Sie entflieht seinen Blicken. Ein, zwei Schrit-
te zurück...Dann lässt die Furcht jedoch nach. Wieder zwei Schritte vor...
Niemand mehr dort draußen. Er ist fort.


4.
Lange bohrten sich seine Blicke in ihre. Lüder stand unter ihrem Fenster,
als wolle er Abschied nehmen: schwer waren ihm Beine, Kopf - und Herz.
Die Augen schwammen in Tränen. Sie sah ihn - aber nicht so, wie er ist. Das
konnte sie auch nicht aus naher Ferne.

Schließlich ging er davon. Zog ihr Bild aus der hinteren Jeanstasche, strich
zärtlich darüber hin und zog es an seine Brust. Darin war alles dunkel, wie
die Nacht, da draußen.

Tage danach schrieb er ihr per E-Mail:


Das lange Einsamsein hat einen anderen aus mir gemacht.
Verzeih.



(c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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