Klaus-Peter Behrens

Artefaktmagie, Teil 53

Grimmbart erreichte das Tor in dem Moment, als die Bombe hochging. Der gewaltige Donner der Explosion rollte über das Schlachtfeld, brach sich an den Wänden des Tals und wurde als vielfaches Echo zurückgeworfen. Mit unvorstellbarer Wucht war das hölzerne Faß explodiert und hatte seine Ladung mit tödlicher Vernichtungskraft in alle Richtungen geschleudert. Die Druckwelle ließ selbst das massive Tor in seinen Angeln erbeben. Wie Hagelkörner im Sturm prasselten Schrauben, Nägel, Muttern und andere stählerne Kleinteile gegen das hölzerne Tor und bohrten sich tief in das massive Hartholz. Einige rostige Bolzen und Schrauben zischten sogar durch die Öffnung im Tor und surrten gefährlich dicht über die Köpfe von Grüneich und Grimmbart hinweg, um irgendwo klirrend auf Stein zu treffen.

Auf der anderen Seite des Tors war kaum noch jemand auf den Beinen. Die stählernen Bolzen und Nägeln hatten die Schilde der Soldaten wie Papier durchschlagen. Überall lagen zerfetzte Körper herum und stiegen Wehklagen in den Nachthimmel auf.

Die Konstruktion des Rammbocks war völlig zerstört worden. Nutzlos lag die Ramme nun in einem Meer aus Blut auf dem Torweg, umgeben von toten und sterbenden Dämonen, während von den Mauern das Siegesgebrüll der Verteidiger erscholl.

Das dürfte ihnen auf den Magen geschlagen sein“, sagte Grüneich mit breitem Grinsen zu Grimmbart, der an seiner Seite die Treppe zum Wehrgang hinauf sprintete. Unter ihnen waren die Torwächter auf Befehl des Trolls bereits damit beschäftigt, die schwere Platte wieder vor die Öffnung zu rollen.

Oben angekommen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Grimmbart war schon auf vielen Schlachtfeldern gewesen, war durch Ströme von Blut gewatet und hatte dem Tod in seiner mannigfaltigsten Art ins Gesicht gesehen, und trotzdem erschütterte ihn das, was sich ihm hier bot, mehr als alles, was er zuvor in seinem Leben gesehen hatte.

In einem weiten Umkreis um den Aufgang zum Tor lagen die grotesk verkrümmten, verstümmelten Überreste derjenigen, die keine Chance gehabt hatten, der Explosion zu entkommen. Die Rampe glich einem Schlachthaus. Grimmbart war ein gnadenloser Krieger, aber selbst er war der Ansicht, daß ein Soldat nicht auf diese Weise sterben sollte, auch wenn er aus der Armee des Wandlers stammte. Er hoffte nur, daß diese Art der Kriegführung nicht in Mode kommen sollte, denn dann taten ihm schon heute die Soldaten von Morgen leid.

Viel Zeit, sich hierüber Gedanken zu machen, hatte er allerdings nicht, denn der verbliebene Rest des Feindes, der noch auf den Beinen war, begann sich bereits wieder neu zu formieren. Zwar hatte die Explosion den Vormarsch zum Stoppen gebracht, aber schon waren die gefürchteten Ulogs dabei, mit der Knute von den Pferden herab auf das Fußvolk einzuwirken. Weder Grimmbart noch Grüneich machten sich bei diesem Anblick etwas vor. Die Bombe hatte zwar Dutzende von Dämonen in den Tod gerissen, gleichwohl waren noch hunderte übrig, um erneut gegen die Mauern anzurennen.

Du hast nicht zufällig noch einen Joker übrig?“, fragte Grimmbart mit düsterer Stimme.

Grüneich schüttelte den Kopf.

Dann wäre es jetzt wohl an der Zeit für ein Wunder“, knurrte der Zwerg.

Dafür bin ich nicht zuständig, aber ich werde dafür sorgen, daß sie ihr blaues Wunder erleben“, brummte Grüneich und strich liebevoll über den Lauf seiner Tötzwanzig. Mit einem bösartig klickenden Geräusch rastete die Abschussvorrichtung ein.

Mal sehen, wie ihnen das schmecken wird.“

 

Das Zorngebrüll Bors und der rollende Donner der Explosion hallte noch immer in Sids Ohren nach. Sie waren gerade im Begriff gewesen, sich südwärts entlang der bewaldeten Hänge des Tals durch die dichte Vegetation vorzuarbeiten, um die Flanke der Front nahe des Tors anzugreifen, als der gewaltige Donnerhall die Bären in helle Aufregung versetzt hatte. Irgend etwas Furchtbares mußte passiert sein, und die Tiere spürten instinktiv, daß dieses Geräusch Gefahr bedeutete. Es hatte der ganzen, jahrelangen Erfahrung der Bärenreiter bedurft, um ihre Tiere daran zu hindern, einfach die Flucht zu ergreifen. Noch immer ertönte ein tiefes Knurren aus dem breiten Brustkorb Bors, und die runden Ohren des Bären drehten sich wie kleine Radarschüsseln, um die Schlachtgeräusche zu analysieren, die bis zu ihnen hinüber drangen. Gelegentlich blieb er stehen und sog prüfend die Luft ein, die vom Geruch verbrannten Fleisches geschwängert war.

Sid und seinen Männern erging es nicht viel besser. An den wenigen Stellen, wo der Wald ein wenig lichter war, hatten sie Gelegenheit gehabt, das Schlachtfeld näher in Augenschein zu nehmen, und das hatte sie ernüchtert. Obwohl alle erfahrene, hartgesottene Burschen waren, die normalerweise keinen Kampf scheuten, war ihnen beim Anblick der Streitmacht, die gegen die Mauern der Bruderschaft anrannte, flau im Magen geworden. Es war schwer zu schätzen, wieviel Soldaten der Feind tatsächlich zählte, aber eins war gewiß.

Das Verhältnis sprach eindeutig gegen sie.

Um ein Vielfaches.

Und nun waren die Bären auch noch verschreckt. Sid konnte verstehen, daß die Motivation seiner Männer deutlich abgenommen hatte. Trotzdem war er sich sicher, daß sie ihm in den Kampf folgen würden.

Aber war er auch bereit, seine Männer in eine Schlacht zu führen, die sie womöglich verlieren und vielen den Tod bringen würde? Einige der Männer waren im Laufe der Zeit zu guten Freunden geworden, die Sid auf keinen Fall verlieren wollte. Sein Blick glitt unauffällig zu Arum hinüber, der auf seinem mächtigen grauen Bären neben ihm ritt. Der riesige Schmiedehammer des gutmütigen, ehemaligen Schmieds lag quer über dem Bärenrücken. An sich war Sid jedesmal, wenn er seinen Freund auf seinem Bären sah, beeindruckt und ein kleines bißchen eifersüchtig, denn Arum und sein Bär bildeten wahrlich einen furchteinflößenden Anblick, der unter normalen Umständen jeden Gegner in die Flucht geschlagen hätte. Aber die Umstände waren eben nicht normal, und diesmal durchströmte Sid stattdessen eine eiskalte Furcht als er seinen Freund ansah, den er möglicherweise in den Tod führen würde. Zum ersten Mal fühlte er sich lausig in seiner Rolle als Anführer.

Arum, der den Blick seines Freundes gespürt hatte, wandte ihm den Kopf zu. Ein trauriger Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

Wir hatten schon mal besser Zeiten, nicht wahr?“

Sid nickte bedrückt.

Hör mal, falls ich es nicht schaffen sollte....“

Sid wollte protestieren, doch Arum winkte ungeduldig ab.

Also, falls ich es nicht schaffen sollte, tust du mir dann einen Gefallen?“

Eine eiskalte Hand umklammerte plötzlich Sids Herz, angesichts dieser bedrückenden Worte. Beklommen nickte er.

Sag Molog und den Kindern, daß ich sie liebe. Versprich es mir.“

Ich verspreche es“, preßte Sid mühsam hervor. „Aber du wirst es schaffen. Wir alle werden es schaffen. Hinein und wieder hinaus. Wie ein Geist.“

Klingt gut, aber hast du dir unsere Gegner schon einmal näher angesehen? Diese Bestien auf den schwarzen Pferden sind alles andere als leichte Gegner. Das wird kein Kinderspiel. Wir sollten uns für diesen Wahnsinn nach Möglichkeit eine Stelle für unseren Angriff aussuchen, wo sie nicht zu zahlreich vertreten sind, sonst sind wir gleich erledigt. Einer von ihnen dürfte für Zottel und mich zwar kein Problem darstellen“, liebevoll tätschelte er den gewaltigen Bärenkopf, worauf ein erfreutes Brummen ertönte, „aber wenn wir auf mehrere von ihnen zugleich stoßen sollten, könnte es eng werden. Viele von ihnen haben außerdem Armbrüste und Piken. Das könnte gefährlich werden. Unsere Bären sind mit ihren Harnischen zwar gut geschützt, aber sie sind nicht unverwundbar. Denk daran!“

Sid nickte erneut. Er wußte, wie sehr sein Freund an seinem Bären hing und konnte seine Sorgen gut nachvollziehen. Ähnliche Gedanken waren ihm auch schon durch den Kopf gegangen. Deshalb hatte er sich dazu entschieden, die Nachhut anzugreifen. Der Kampf tobte an den Mauern der Bruderschaft. Diesem Kampf galt die ganze Aufmerksamkeit der berittenen Kampfmaschinen. Weiter hinten, wo die Nachhut auf ihren Einsatz wartete, waren nur wenige der furchteinflößenden, berittenen Dämonen vertreten. Niemand erwartete dort einen Angriff, und deshalb würden sie genau dort zuschlagen. Ein wenig mehr Zuversicht durchströmte Sid, nun, wo er sich zu einem Plan durchgerungen hatte, den sie mit ein wenig Glück ohne Verluste würden umsetzen können.

 

Erneut brandete der Feind wie eine lebende Flutwelle gegen den Wall der Verteidiger an. Heisere, furchteinflößende Schreie drangen aus der Masse der Leiber zu ihnen hinauf. Bolzen und Pfeile prasselten gegen die Brustwehr. Hoch oben auf Wehrgängen leisteten die Bedrängten erbitterten Widerstand.

Erfahrene Soldaten standen in einer Linie mit Alten, Verletzten, Frauen und Kindern, denn der Feind war in seiner Wut so übermächtig, daß es jeder Hand auf den Wehrgängen bedurfte, um ihn zurückzudrängen. Und doch war allen bewußt, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis der Feind die Mauern nehmen und ihre letzte Stunde schlagen würde.

Im Umkreis von fünfzig Schritt rund um den Südwall war kein Fußbreit Boden mehr zu erkennen, so dicht drängte der Feind auf die Mauern zu. Überall wurden Sturmleitern zu Dutzenden angelegt, schwirrten Greifhaken in unzähliger Zahl durch die Luft, verbissen sich ins Mauerwerk und machten den Verteidigern das Leben schwer. Nur das Tor wurde gemieden angesichts der herben Niederlage, die der Feind hatte einstecken müssen. Grimmbart war aber überzeugt, daß auch dies nicht lange so bleiben würde, und bis dahin mußte ihnen etwas einfallen. Zwar besaßen sie noch immer ein weiteres der hochexplosiven Fässer, er bezweifelte aber, daß der Feind ein zweites Mal darauf hereinfallen würde.

Zehn Schritt weiter links war der Troll in seinem Element. Wie ein düsterer Gott des Krieges ragte der Hüne über den Köpfen der Angreifer auf, fegte mit bloßer Muskelkraft Leitern in den Abgrund und ließ seine Tötzwanzig vernichtendes Feuer spucken. Eigentlich hätte er längst dem unablässigen Beschuß zum Opfer fallen müssen, aber anscheinend machten selbst die Bolzen und Pfeile einen Bogen um den furchteinflößenden Riesen, dessen ständiger Begleiter der Tod persönlich war.

 

An der Ostfront hatte sich die Lage ein wenig entspannt. Nach dem Fall des Turms war den Angreifern die Kampflust vergangen. Abgesehen von gelegentlichen Vorstößen mit Leitern und Greifhaken beschränkte sich der Feind im Augenblick darauf, den Gegner mit einem unablässigen Strom von Bolzen einzudecken. Mit Besorgnis hatte Wengor vor ein paar Minuten allerdings registriert, daß ein paar berittene Ulogs Teile der Truppe von dieser Seite abzogen. Wengor vermutete, daß sie einen Sturmangriff mit der geballten Streitmacht ihrer Truppen planten und die Soldaten deshalb abgezogen wurden. Unwillkürlich richtete sich sein Blick Richtung Süden. Es war nicht schwer zu erraten, wo dieser Angriff stattfinden würde, und er bezweifelte, daß sie diesmal davon kommen würden. Er beschloß, es dem Feind gleichzutun und ein Teil seiner Männer, die auf dieser Seite der Burg dem Feind trotzten, zur Verstärkung der Südfront abzuziehen.

 

 

 

Hoch über dem Boden des Kraters, durch die tiefen Schatten verborgen vor den Blicken der Gefährten, betraten die Dämonen das windumtoste Plateau, auf dem vor nicht allzulanger Zeit noch Michael und seine Gefährten gestanden und ehrfürchtig in die Tiefe gespäht hatten.

Der Anblick des hochaufragenden Monolithen inmitten des spiegelglatten, düsteren Sees beeindruckte auch die hartgesottenen Krieger wider Willen. Instinktiv spürten sie, daß von dieser steinernen Säule eine ungeheure Macht ausging, die für sie den Untergang bedeuten könnte.

Ein kühler Wind wehte vom Talgrund herauf und ließ den Anführer frösteln. Aus irgendeinem nicht greifbaren Grund hatte er plötzlich das Gefühl, als wäre gerade jemand über sein Grab geschritten. Er schauderte und trat an den Rand des Plateaus, wo er nachdenklich in den Abgrund starrte. Eine innere Stimme sagte ihm, daß sich an diesem Ort sein Schicksal entscheiden würde, fern ab seiner Heimat. Im Stillen verfluchte er den Wandler für seine Versprechungen, mit denen er ihn in diese Welt gelockt hatte. Nichts davon hatte sich als wahr erwiesen.

Weder waren die Bewohner so schwach und wehrlos, wie er es allen Glauben gemacht hatte, noch waren sie auf die Reichtümer gestoßen, die es hier angeblich zuhauf gab und ihnen ein sorgloses Leben bis ans Ende ihrer Tage hätten sichern sollen.

Nichts davon war wahr.

Gefunden hatten sie lediglich den Tod in mannigfaltiger Gestalt, und der erhoffte Erfolg lag ferner denn je.

Wütend knackte er mit den Fingerknöcheln, als er sich das Ausmaß seiner Situation vor Augen führte, aber für eine Umkehr war es definitiv zu spät. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Weg zuende zu beschreiten und das zu tun, was er am besten konnte. Jagen und Töten!

Und darin war er gut.

Sehr gut sogar.

Vielleicht würde sich doch noch alles zum Guten wenden, wenn es ihm gelänge, den Auftrag des Wandlers zu dessen Zufriedenheit auszuführen. Während er noch grimmig in den Abgrund starrte und über seine Zukunft sinnierte, hatten die Ulogs derweil den schmalen Pfad entdeckt, über den ihre Beute in den Talkessel hinab gestiegen war. Ein Knurren entfuhr ihren Kehlen, als sie tief unter sich ihre Beute entdeckten, die sich bereits auf dem Weg zum See befand. Fragend drehten sich die Köpfe der Ulogs zu ihrem Anführer herum. In den schwefelgelben Augen glühte die Jagdlust, während sie ungeduldig auf den Befehl warteten. Mit einer beinahe müden Bewegung nickte Gorgor, wobei seine Fangzähne tückisch blitzten.

Tötet sie!“, knurrte er, worauf die Ulogs herumfuhren und sich sofort an den halsbrecherischen Abstieg machten. In sicherem Abstand folgte Gorgor. In diesem Fall überließ er den muskelbepackten, schweren Kampfkolossen gerne den Vortritt. Der schmale Pfad, der sich eng an die Felswand geschmiegt zum Grund des Talkessels hinabwand sah alles andere als ungefährlich aus, und er hatte nicht die Absicht, als Voranschreitender die gefährlichen Stellen auszuloten und eventuell in den Tod zu stürzen. Für solche Fälle gab es die Ulogs.

Das lose Gestein knirschte unter seinen schweren Kampfstiefeln, als er sich der ersten Kehre näherte und einen Blick in die Tiefe warf. Von hier hatte er eine gute Sicht auf das noch vor ihnen liegende Wegstück, und was er sah, war nicht ermutigend. Soweit er das von hier oben beurteilen konnte, war der Pfad an einigen Stellen von Erdrutschen weggerissen worden, so daß sie sich dort an das nackte Gestein würden klammern müssen, um die Lücken zu bewältigen.

An vielen anderen Stellen verjüngte sich der ohnehin schmale Pfad zu noch nicht einmal zwei Fuß breiten Felsvorsprüngen, unter denen der Abgrund gähnte. Der Abstieg war selbstmörderisch, und zum ersten Mal empfand der Dämon Respekt für seine Gegner, denen es gelungen war, dies unbeschadet zu überleben. Dann knurrte er zufrieden. Je widerstandsfähiger die Beute, um so anspruchsvoller war die Jagd. Dies war eine Herausforderung, und er hatte die Absicht, sie zu meistern. Trotz des unter ihm gähnenden Abgrunds beschleunigte er seinen Schritt und trieb die Ulogs zu höherem Tempo an. Die Beute hatte einen gehörigen Vorsprung, und den galt es aufzuholen.

 

 

 

Der strenge Geruch der Dämonen lag in der Luft, als Sid seinen Trupp im Schutz der Waldgrenze keine zehn Fuß von dem vor ihnen liegenden freien Gelände anhalten ließ, auf dem die Nachschublinie des Feindes auf ihren Einsatz wartete.

Alles lief soweit nach Plan.

Nur zwei der berittenen Kampfmaschinen hielten sich in der Nähe auf. Ihre Pferde schnaubten unruhig, als sie die Nähe der Bären spürten, aber die Ulogs achteten nicht darauf. Ihr ganzes Augenmerk galt der Koordination der nachdrängenden Truppenteile. Gerade kam von Osten her ein weiterer Fußtrupp von gut hundert Mann heran, der von einem Dutzend Ulogs zu Pferd zur Südfront weitergeführt wurde. Sid wartete, bis der Trupp weit genug entfernt war, dann wandte er sich seinen Männern zu, die auf ihren Bären nicht mehr als Schemen in der Nacht waren.

Dunkle Geister des Waldes, die jeden Moment Tod und Verderben über die ahnungslosen Dämonen bringen würden, deren ganze Aufmerksamkeit der Schlacht am Fuß des Festungswalls galt, nicht ahnend, daß der Tod nur ein paar Schritte entfernt im Verborgenen lauerte und sie bereits ins Auge gefaßt hatte.

Sid überdachte noch einmal ihre Strategie, konnte aber keine Schwächen entdecken. Sie würden sich wie besprochen in Zweier- und Dreiergruppen aufteilen und auf breiter Linie in die ahnungslosen Reihen der Dämonen einfallen. Und bevor diese überhaupt mitbekamen, was über sie gekommen war, würden sie bereits wieder mit den Schatten des Waldes verschmolzen sein. Sid bezweifelte, daß die Überlebenden ihnen dorthin folgen würden. Der Plan war gut, trotzdem war Sid alles andere als wohl, als er das vereinbarte Signal zum Angriff gab. Der imitierte Ruf des Käuzchens, des Todesboten, schallte daraufhin durch den Wald, worauf sich der Bärenclan wie eine gut geölte Maschinerie unaufhaltsam in Bewegung setzte und rasch an Geschwindigkeit gewann. Panzern gleich brachen die gewaltigen Muskelpakete einen Augenblick später aus dem Wald hervor und stürmten kompromißlos auf den, ihnen der Zahl nach vielfach überlegenen Feind zu.

Die Auswirkung war verheerend.

Bevor der erste Dämon die Gefahr realisierte und in schrille Schreckenschreie ausbrach, waren die Bärenreiter bereits in die Reihen der Dämonen eingefallen.

Riesige, mit Klauen bewerte Pranken fegten entsetzte Gegner beiseite und trampelten Dämonen, die sich ihnen in den Weg stellten, einfach nieder. Unterarmlange Reißzähne zerfetzten mühelos die Harnische derjenigen, die ihnen zu trotzen wagten, und wer das Glück hatte, der Bärenattacke zu entgehen, wurde dafür von den Reitern auf ihren Rücken gnadenlos niedergemetzelt.

Es war ein Blutbad.

Grausam, brutal und effektiv.

Binnen kürzester Zeit zogen die Bären und ihre Reiter eine Spur der Verwüstung durch die Reihen der Dämonen. Jede Möglichkeit einer geordneten Verteidigung war angesichts des Überraschungseffekts dahin. Zwei Ulogs, die auf ihren schwarzen Pferden mit eingelegten Lanzen herangestürmt kamen, wurden ebenso problemlos liquidiert, wie Dutzende von Fußsoldaten, die angesichts der titanischen Kräfte der Bären so wehrfähig waren, wie ein dreijähriges Kind, das sich mit einem ausgewachsenen Grizzly anlegt.

Trotzdem war Sid sehr wohl bewußt, daß das Kriegsglück jeden Moment zugunsten der Feinde umschlagen konnte, sollte es diesen doch noch gelingen, sich zu formieren. Ihre Stärke lag in ihrer Zahl, und auch die Bärenreiter und ihre Tiere waren nicht gegen einen Bolzenhagel gefeit.

Inzwischen war der Alarm bis zu den vordersten Reihen durchgedrungen, wo ein Haufen Ulogs ihre Pferde wendeten und auf die neu entstandene Front zusprengten. Sid, der dies vom Rücken seines Bären mit Besorgnis registrierte, blies auf einer kleinen, aber sehr lauten Pfeife zum Rückzug. Sofort setzte der koordinierte Rückzug ein, und einen Augenblick später verschmolz auch schon der letzte Bärenreiter mit den Schatten des nahen Waldes, wie ein Gespenst in der Nacht.

Zurück blieb ein Schlachtfeld, auf dem in diesem Moment eine Einheit wütender Ulogs auf ihren Pferden eintraf. Für einen Moment erwogen sie, den Feinden zu folgen, aber die Schatten des Waldes waren selbst für ihre Augen zu tief und der Feind im Vorteil.

Er kannte dieses Land, sie nicht.

Frustriert rissen sie ihre Pferde herum und organisierten statt dessen mit harschen Befehlen die in desolater Auflösung befindlichen Truppenteile. Ein zweites Mal würde ihnen eine solche Schlappe nicht passieren.

 

Wir bekommen Verstärkung!“

Grüneichs Stimme schallte bis zu Wengor hinunter, der in diesem Moment die Treppe am Südtor hinauf hastete. Kaum war er oben angekommen, berichtete Grüneich ihm in knappen Worten, was er gesehen hatte, ohne allerdings den Wall unter sich aus dem Auge zu lassen. Der Angriff aus dem Hinterhalt und das Kreischen der Angegriffenen hatte den Vormarsch zwar für einen Augenblick ins Stocken gebracht, aber Grüneich machte sich keine Illusionen. Noch immer brandete der Feind wie eine Flutwelle gegen die Mauern der Bruderschaft, und die unverhoffte Unterstützung war genauso schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Wer wußte schon, ob sie wieder zuschlagen würde.

Das muß Sids Clan gewesen sein“, brüllte Wengor über den Schlachtenlärm hinweg, während er Seite an Seite mit Grüneich und Grimmbart unverdrossen auf alles einschlug, was sich erdreistete, den Kopf über die Mauer zu stecken. „Gelon muß es geschafft und uns Verstärkung geschickt haben. Wieviel waren es.“

Schwer zu sagen. Ich denke um die zwanzig“, brummte Grüneich, während er einen vorwitzigen Dämonen, der Mithilfe eines Greifhakens bis zum Mauerrand hinauf geklettert war, mit seiner Keule bekannt machte. Das Brechen der Schädeldecke ging im allgemeinen Kampflärm unter. Befriedigt sah Grüneich dem hinabfallenden Körper hinterher, der in die Reihen der Dämonen einschlug, dann wandte er sich wieder Gelon zu, der gerade ein Seil kappte, an dem auf halber Höhe ein Dämon hing. Der gellende Schrei des Abstürzenden übertönte kurz den Kampflärm und brach dann abrupt ab.

Ich bezweifle, daß sie wiederkommen. Sie sind zu wenige“, grollte Grüneich, indes er nach neuen Gefahren Ausschau hielt.

Dafür haben sie aber für eine Menge Chaos gesorgt. Diese Bären sind wahre Kampfkolosse“, schaltete sich Grimmbart bewundernd in den Disput ein. Seine Axt schimmerte Rot vom Blut derjenigen, die ihm hier oben in die Quere gekommen waren.

Ja, und Sid ist ein Draufgänger. Er wird wieder zu schlagen. Allerdings befürchte ich, daß es ihm dann nicht mehr so leicht gelingen wird, wieder zu entkommen.“

Dann mögen die Götter mit ihm sein“, brummte Grüneich und nahm erfreut ein halbes Dutzend Dämonen ins Visier seiner Tötzwanzig, die das Pech hatten, ihre Sturmleiter ausgerechnet in seinem Schußfeld an die Mauern der gegnerischen Festung anzulegen.

 

Zweige peitschten Sid ins Gesicht als er tief vorn übergebeugt seinen Bären durch den Wald trieb. Die Geräusche brechender Äste links und rechts von ihm zeugten davon, daß die Kampfgefährten ihm folgten. Sid hoffte inbrünstig, daß es allen gelungen war, dem Schlachtfeld zu entkommen, doch im Augenblick war dies unmöglich festzustellen.

Er konnte nur beten.

Wenigstens hatte er Arum auf seinem großen Grauen kurz links von ihm durch das dichte Geäst brechen sehen. Bär nebst Reiter hatten einen putzmunteren Eindruck gemacht, und Arum hatte ihm für einen Augenblick sogar fröhlich zugewunken, bevor er wieder von den Schatten des Waldes verschluckt worden war. Als der Schlachtenlärm allmählich hinter ihnen verklang, schlug Sid einen weiten Bogen nach Süden ein. Er beabsichtigte nun, am Südtor erneut zuzuschlagen. Niemand würde damit rechnen, daß der unbekannte Angreifer, nachdem er zuvor aus dem Hinterhalt die unaufmerksame hintere Linie des Feindes angegriffen hatte, das nächste Mal ausgerechnet dort zuschlagen würde, wo der Hauptkampf tobte. Genau diesen Überraschungsmoment wollte er sich zunutze machen, auch wenn ihm die Gefährlichkeit dieses Plans deutlich bewußt war. Das nächste Mal würde es enger werden, und möglicherweise würden nicht alle ungeschoren davonkommen, weswegen sie schnell sein mußten, verdammt schnell.

Aber würde das genügen?

Ein Gefühl böser Vorahnung drückte auf seinen Magen und verursachte ihm Übelkeit, als sei er wirklich krank. Leise Stimmen flüsterten ihm beharrlich ins Ohr, daß ein weiterer Angriff Wahnsinn sei und seinen Getreuen den Tod bringen würde. Energisch verschloß er seinen Geist vor derartiger Kritik. Sicher, ein erneuter Angriff war mit Risiken behaftet, aber auf der anderen Seite konnte er ihre Verbündeten auch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Das entsprach nicht seiner Mentalität. Im Übrigen würde er sich nirgendwo mehr blicken lassen können, sollte sich die Kunde verbreiten, daß er nicht den Mut aufgebracht hatte, einen weiteren Angriff durchzuführen. Er hatte mithin keine Wahl, ungeachtet der Stimmen, die ihm weiterhin hartnäckig das Scheitern seiner Mission prophezeiten.

Nach weiteren fünf Minuten Trabens durch den nachtschwarzen Wald verlangsamte er das Tempo, bis er Bors schließlich den Befehl gab, auf einer kleinen Lichtung anzuhalten. Diesen Treffpunkt hatten sie zuvor vereinbart, und Sid wartete nun mit bangem Herzen auf das Eintreffen seiner Kameraden, die diesen den Platz dank der hervorragenden Nachtsicht ihrer Tiere problemlos finden würden, vorausgesetzt, sie wären hierzu noch in der Lage.

Der erste, der eintraf war Arum, auf dessen Gesicht ein breites Grinsen lag, als er in den blassen Mondschein hineinritt, der die Lichtung in ein fahles Licht tauchte. Sid begrüßte seinen alten Mitstreiter erfreut. Nach und nach traf nun ein Bärenreiter nach dem anderen ein, bis auch der letzte des Clans eingetroffen war. Erfreut stellte Sid fest, daß sich niemand ernsthafte Verletzungen zugezogen hatte. Lediglich ein paar leichte Schnittwunden waren zu beklagen, und Mongur, der jüngste der Bärenreiter und Hitzkopf der Einheit, hatte sich eine Stichwunde im Oberschenkel zugezogen, aber glücklicherweise war keine Arterie verletzt worden. Er grinste schief, als Sid ihm riet, beim nächsten Angriff ein wenig mehr Zurückhaltung zu üben. Dann erläuterte er seinen Plan.

 

Wird fortgesetzt, mal sehen, wer überlebt.....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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