Veronika Valder

Zeit im Wandel

Zeit im Wandel

 

Die Rollgitter rattern mit lautem Getöse dem Betonboden entgegen. Das schwach beleuchtete Kassenhäuschen ist plötzlich leer. Ich starre meine Eintrittskarte an: Zeit im Wandel.

 

Ich habe jemanden getötet! Normalen Schrittes, der sich für mich stelzig anfühlt, stakse ich durch den breiten schummrigen Gang des 6 Sterne Hotels. Der schwarz-weiß-karierte Marmorfußboden lässt meine spitzen Absätze in allen Enden und Ecken gespenstig widerhallen. Hinter mir wird eine schwere Mahagoni-Tür geöffnet. Ein Hotelier begrüßt mich freundlich, ohne zu wissen, dass ich eine Mörderin bin. Ich muss hier raus!

 

Ich fahre eine Anhöhe hinauf. Ich weiß nicht, wie ich an diese Luxuslimousine gekommen bin. Die Strecke ist mir bekannt, gleich sehe ich das Meer, den Strand. Gleich geht es mir besser.

 

Ich muss verrückt sein, wie zum Teufel bin ich zurück ins Hotel gekommen!? Die hohen schmalen Fenster, die schweren Mahagoni-Türen, der Marmorfußboden – die Erkenntnis, in einem der Luxussuiten liegt eine Leiche.

 

Der Kopf knallt unerbittlich an den weißen Fensterrahmen. Und nochmal, mit mehr Kraftanstrengung. Ein 5. Mal bleibt der Kopf am Fenstergriff hängen. Warme Flüssigkeit rinnt meine Finger entlang. Ich muss hier raus!

 

Langsam öffne ich meine Augen, höre Möwengeschrei. Oh Gott, ich habe getötet! Die Augen gewöhnen sich an die Helligkeit und starren ins Blau. Ich liege am Strand. Eine Welle der Erleichterung stellt sich nicht ein. Ich bin eine Mörderin! In dem Meer von Himmel sehe ich plötzlich eine halbe perlmuttähnliche Perle. Von der gleißenden Sonne angestrahlt, bleibt sie bewegungslos. In Zeitlupe setze ich mich halb auf. Mit meinem Zeigefinger tippe ich den Sommerhut leicht an, um sie besser zu sehen.   Meine Füße bohren sich in den warmen, dann kühlen Sand. Ich starre das Ding an, das Ding starrt zurück. Bewegt sich ruckartig eine Spanne. Plötzlich rast es mit Lichtgeschwindigkeit davon. Mein Kopf und meine Augen folgen abrupt ins Nichts.

 

Ich schaue mich um. Der Strand ist voller Menschen. Ein buntes Treiben in allerlei Farben. Harmonische Einheit. Niemand außer mir, scheint so erstaunt. Das Leben geht weiter seinen Gang, auf schwarz-weiß kariertem Marmorfußboden.

 

Ein dunkelhäutiger Vertrauter führt mich durch eine der Mahagoni-Türen. Auf dem nachtblauen Samt-Sofa sitzend, hält er mich im Arm. Die Nachrichten will er noch schauen.

Ich habe getötet! Ich muss hier raus. „Darling, ich habe so einen Hunger, können wir nicht etwas essen gehen?“

 

Meine Arme, gefesselt an den Armlehnen des kirschroten Kinosessels, zerren die Riemen nur noch fester um meine Gelenke. Panik kriecht meine Wirbelsäule entlang. Kalter Schweiß bildet sich unaufhörlich. Ich muss hier raus! Keine Sekunde länger will ich diese Horrorvorstellung sehen! Ich muss mich beruhigen, entspannen – vielleicht – mit viel Glück, lösen sich die Fesseln. Ich schließe die Augen und lass mich fallen. Versuche alte Vertrautheit heraufzubeschwören. Wo will ich sein? Wo will ich hin? Zehen bohren sich in den Sand. Sechs Schritte zurück – Augen auf.  Deine Spuren am Strand.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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