Arno Gündisch

Stregoicas Erbe

Stregoicas Erbe

 

Düsseldorf, am Aachener Platz, im Juli 2008:

„Mensch, das glaube ich jetzt nicht!“

Klaus P. verharrte fassungslos vor einem Stand auf dem Trödelmarkt. Neben einigen CD-Raritäten hielt der Aussteller noch etwas Besonderes bereit: die letzten drei Ausgaben des kultigen Magazins „Hecate’s Empire“ , das  seine Erscheinung vor zehn Jahren aus unbekannten Gründen einstellte. Und das  nach nur fünf Ausgaben, von denen die ersten zwei unauffindbar waren.

Das Magazin war seinerzeit eine wahre Fundgrube für alle Gothic-und Black Metal-Fans gewesen, weil es den tiefsten Underground der Szene kompetent und sachkundig durchleuchtete. Legenden besagten, dass alle Künstler, die vom Magazin interviewt wurden, einen Treueschwur ablegen mussten, laut dem sie niemals einen Vertrag bei einem bekannten Plattenlabel unterschreiben durften. Wer den Schwur brach, dem drohten Pechsträhnen und persönliches Unglück.

Klaus, ein junger Gothic, hatte mal ein Exemplar dieses Magazins bei einer gewesenen Freundin aufgefunden und durchblättert. Die Radikalität der Künstler, aber auch die interessanten Beiträge über Magie, Okkultismus und Verschwörungstheorien hatten es ihm angetan. Jetzt hatte er die Chance, gleich drei von diesen gesuchten Exemplaren zu kriegen!

Rasch bezahlte er die verlangte Summe, die angesichts der Rarität des Fanzines überraschend niedrig war, und machte sich auf den Heimweg.

Der Verkäufer-ein älterer, recht verwahrloster Mann mit schmierigen Haarzotteln und Rauschebart-sah ihm lange nach..

Düsseldorf-Kaiserswerth, drei Monate später:

Klaus sah gelangweilt aus dem Fenster seiner Wohnung. In der letzten Zeit war aber auch alles für ihn schief gelaufen. Zuerst gab ihm seine Freundin den Laufpaß, um sich mit einem stinklangweiligen Typen zusammenzutun, der die Toten Hosen als Krönung der Rockmusik ansah. Dass er nebenbei noch viel solventer war als Klaus, war wohl nur ein angenehmer Nebeneffekt. Dann platzte der Traum vom eigenen Gothic-Laden, den er mit einem Bekannten großziehen wollte. Die Bank wollte einfach nicht mitspielen, und der Bekannte war inzwischen nach Hessen ausgewandert, wo er einen Bioladen betrieb. Schließlich kündigte ihm noch sein Vermieter wegen Eigenbedarf-so ein Witz. Seine spießigen Nachbarn, die sein Aussehen, seine Musik und seine Weltanschauung nicht ertragen konnten, hatten sich endlich, aber doch durchgesetzt.

So gesehen, war der Kauf von „Hecate’s Empire“ das einzig Positive der letzten Monate gewesen..

Die Zeitschriften! Wieso fand er bis jetzt keine Zeit, sie zu lesen?

Wie aus einem Traum erwacht, durchforstete Klaus die Regale seiner umfangreichen Bibliothek und holte die drei Magazine heraus.

Die nächsten Stunden vergingen für ihn wie im Flug. Er war nun gerade in der Mitte des letzten Exemplares angelangt, als er fassungslos auf das obligatorische Poster starrte.

Ohne Zweifel, SIE war es. Stregoica Tenebris, die geheimnisvollste Gothic-Sängerin, die es je gab. Sie soll-so wollte es die Legende-ein einziges Album in Eigenregie aufgenommen haben, das an Genialität seinesgleichen suchte. Leider war es unauffindbar, genau wie die Sängerin, die vor Jahren spurlos verschwand.

Fasziniert betrachtete Klaus die hagere Gestalt der Frau, ihre langen, schwarzen Haare, die ihr bis zum Gürtel reichten, sowie den starren Blick ihrer dunklen Augen. Eine weitere Legende besagte, dass diese Augen einem den Schlaf rauben würden, wenn man sie längere Zeit betrachtete. ..

Einen Tag später:

Frustriert schloss Klaus die Haustür hinter sich ab und öffnete seinen Briefkasten. Neben dem vorhandenen Ärger hatte er jetzt auch noch Stress mit seinem Chef, und das wegen eines geringfügigen Fehlers, der ihm unterlaufen war. Dennoch behandelte  sein Vorgesetzter den Vorfall wie ein Kapitalverbrechen, was nichts Gutes für Klaus bedeutete.

Wohnung weg, Job weg-schläfst du demnächst unter der Brücke?

Im Briefkasten wartete ein kleines Päckchen auf ihn, unadressiert und unfrankiert. Eine neue Gemeinheit seines Vermieters?

In seiner Wohnung angelangt, öffnete er es-und blieb wie erstarrt stehen.

Das Päckchen enthielt nicht mehr und nicht weniger als das verschollene Album der Stregoica Tenebris auf CD! Ihr Foto auf der Vorderseite war dasselbe wie das Poster von Hecate’s Empire. Die CD selbst war unbeschriftet.

Wie aber war dieses Album zu ihm gelangt? Erregt drehte Klaus den seltsamen Fund hin und her. Die Rückseite der CD enthielt eine signierte Zeichnung der Künstlerin, eine Art Selbstporträt, allerdings mit leeren Augenhöhlen. Klaus überlief ein leichter Schauer. Irgendetwas an dem Bild störte ihn gewaltig..Unwirsch riss er sich los. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass er sich von einer Zeichnung beeindrucken lässt!

Auch wenn er seine Neugier auf die Musik kaum bezähmen konnte, beschloß er noch einen Tag zu warten. Dann war Halloween, ein geeigneter Rahmen für Stregoicas Musik. Insgeheim hoffte er, dass das Album radikal genug war, um seinen Spießernachbarn auf den Geist zu gehen..

Halloween 2008, in Düsseldorf-Kaiserswerth:

Es war alles angerichtet. Auf dem Tisch leuchteten drei schwarze Kerzen, deren Schein sich in der Flasche Rotwein spiegelte, die daneben stand. Ein Designer-Pokal wartete darauf, gefüllt zu werden.

Beinahe ehrfürchtig entnahm Klaus die CD aus ihrer Hülle und legte sie in den Schacht seiner Musikanlage. Dann lehnte er sich im Sessel zurück  und drückte die Starttaste der Fernbedienung.

Zuerst strömte nur a cappella-Musik aus den Boxen. Eine dunkle, nicht unangenehme Frauenstimme sang eine schamanisch anmutende Melodie in einer unbekannten Sprache. Nach einigen Minuten gesellte sich eine mit der Hand geschlagene Trommel hinzu, sowie ein Didgeridoo, dessen tiefe Töne die Illusion eines unendlichen Raumes schufen. Fasziniert hörte Klaus zu. Etwas Ähnliches hatte er noch nie gehört..

Gesellte sich da noch eine zweite Stimme hinzu? Nein, das war bestimmt ein Saiteninstrument, eine Art Geige, die eine höhnisch anmutende Gegenmelodie startete. Auch das Didgeridoo  produzierte seltsame Geräusche, wie eine Art Knurren und Bellen. Die Melodie der Sängerin verlor etwas von ihrer Entrücktheit, und die Trommel beschleunigte den Rhythmus. Allmählich wurde der Gesang wollüstiger und steigerte sich bis in animalische Raserei. Das Stöhnen, Grunzen und Keuchen der Sängerin wurde von Schreien der puren Lust abgelöst. Die Trommel  schlug dazu ein irrwitziges Muster an Rhythmen, sekundiert von den pumpenden Bass-Tönen des Didgeridoos.

Um Klaus war es geschehen. Vergessen war der Rotwein, vergessen war selbst Halloween. Ihm war, als würde er von Stregoica geritten werden, die sich in immer unfassbarere Dimensionen hineinsteigerte. Zwischen Schmerz und purer Lust hin und her gerissen, konnte er die Sound-Orgie dennoch nicht stoppen.

Stregoicas Schreie schienen nun zu kippen. Aus bestialischer Lust wurde nun eindeutiger Schmerz, der aber nur neue Lust zu produzieren schien. Klaus konnte sich nicht vorstellen, wie ein Mensch so schreien konnte. Auch die Instrumente hatten jegliche Melodie verloren und glichen einer Kakophonie der Unterwelt.

Wie gelähmt starrte Klaus auf die gegenüberliegende Wand. Ein Portal aus reiner Finsternis schien sich zu öffnen, aus dem sich eine Gestalt herausschälte-Stregoica mit leeren Augenhöhlen. Sie kam näher..

Der finale Schrei auf dem Album wurde von einem donnernden Krach unterbrochen-und dann strömte Feuer aus dem Portal…

Der Todesfall des Klaus P. wurde nie aufgeklärt. Die Brandspuren in der Wohnung konnten wohl von der explodierten Musikanlage stammen, ebenso die rußgeschwärzte Wand dahinter.

Wie das allerdings mit den  leeren Augenhöhlen der Leiche zusammenhing, konnten sich Polizei und Feuerwehr nicht erklären. Auch der Schattenriss an der Wand hinter dem Toten gab den Ermittlern Rätsel auf. Er glich einer hageren Frau mit langen Haaren.

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