Irina Brenner

Der Mann ohne Zukunft

Der Mann ohne Zukunft

Ulrich schloss das Fenster, als er die rasende Lilith, das Nachtgespenst, als einen eiskalten Wind spürte, der durch sein Zimmer fegte. Lilith erschien ihm jeden Abend mehrmals. Nachdem er seine frisch gewaschene Wäsche sorgsam zusammengefaltet hatte, nahm sich Lilith ein Laken von dem Stapel schwerer gräulicher Bettwäsche und winkte ihn kokett herüber. Ulrich lag bereits aufgeregt auf seinem Bett. Er gab seinen Stimmungen jedes Mal nach, bis er eine zweite Gestalt auf seinem Bettgestell sitzend, wahrnahm. Da die Gestalt ihn verhöhnte und Grimassen schneidend ansah, schreckte er auf. Er richtete sich im Bett auf und fühlte eine kalte Anwesenheit die ihn berührte. Es war Lilith mit einem seiner Bettlaken in der Hand, vor der ihm graute wie vor einem Leichentuch. Zitternd suchte er nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe und knipste das Licht an. Er setzte sich an den Tisch. und griff nach dem Messer in seinem Gürtel. Er holte einen Apfel aus der Obstschale und zerkleinerte ihn. Die Frage warum sein Leben wie ein Puzzlespiel in Stücke fallen musste, kreiste in seinem Kopf während er Apfelstücke mit dem Messer in seinen Mund schob. Unruhig suchte er im Kühlschrank nach tröstenden Leckereien. Als er dabei war, das Teewasser aufzusetzen, klingelte es an seiner Wohnungstür. Peter, sein sportlicher Freund wollte eine Radtour in den Harz mit ihm machen. Es war neblig und kühl und Peter freute sich über einen warmen Tee. Kuchen mochte er nicht, denn für sein Aussehen folgte er einer strengen Diät zum Muskelaufbau. Ulrich liebte Süßes und nahm sich ein Stück, während Peter wie aufgezogen über Fitness und richtige Ernährung sprach. Er nörgelte über Ulrichs täglichen Zuckerkonsum und demonstrierte, wie man beim Zähneputzen gleichzeitig, ohne dabei Zeit zu verlieren, seine Waden trainieren kann. Ulrich kam überhaupt nicht zu Worte. Er trank seinen Tee, dachte dabei an den sagenumwobenen Brocken und es wurde ihm ganz warm ums Herz. In seiner Vorstellung sah er seine Nachbarin, die rote Anne, auf dem Brocken einen Besen reiten aber ihm war einfach nicht nach Fitness zumute Peter. Nachdem er Peter weggeschickt hatte, ging er zum Spiegel, blickte hinein, als wenn es der Spiegel der Weisheit wäre, und philosophierte. Auch fragte er sich, wer er sei, und wer war dieser Mann, der versuchte, die Schatten seines Lebens neu zu beleben? Er philosophierte in einem eigenartigen zerfahrenen Gemisch aus abstrusen Worten. Im Badezimmer langte er nach seinem Rasiermesser und betrachtete es im Gedankenfluss.
Es wurde nach seinem letzten Besuch im Jobcenter und angedrohter Sanktion kalt in seiner Wohnung. Er legte das Rasiermesser auf die Spiegelablage. Fröstelnd zündete er das Feuer im Kamin an und setzte sich zurück an seinen Schreibtisch. Unruhig wackelte er mit den Beinen und musste sich zwingen, nicht zu laut mit sich selbst zu reden. Die Frage, wann dieser Alptraum, der sich sein Leben nennt, endlich endete, kreiste in seinem Kopf. Auf der Suche nach Ablenkung ging er dann zu seinem Bücherregal und zog das Buch: "Gedichte und Reflexionen von Irina Brenner“ heraus, vernahm aber ein ein kratzendes Geräusch. Er schob das Buch zurück, denn aus der Ecke des Regals kam ein übler Geruch. Angeekelt schaute Ulrich in die Ecke hinein und da lag etwas. Es war wahrscheinlich eine verweste Maus. Danach war das Kratzen an seinem Fenster zu hören. Der Vorhang bewegte sich und ein Rascheln und Flüstern machten ihn starr vor Angst. Ob Lilith das Nachtgespenst dort auf ihn lauerte? Da war keine Frau, die ihn liebte. Traurig und einsam flüchtete Ulrich auf sein Bett zurück, zog die Bettdecke über seinen Kopf und schloss die Augen. Da er an seine schöne Nachbarin die rote Anne denken musste, sah er sich mit ihr ins Nichts der Schreie tanzen. Mit Worten, die an der Schwelle zum Tod mit allem Leid und der Musik verklingen werden, verfluchte Ulrich die Menschen die er vergeblich um Hilfe gebeten hatte. Ob Lilith das Nachtgespenst dort lauerte? Da war keine Frau, die ihn liebte. Traurig und einsam flüchtete Ulrich auf sein Bett zurück, zog die Bettdecke über seinen Kopf und schloss die Augen. Da er an seine schöne Nachbarin die rote Anne denken musste, sah er sich mit ihr ins Nichts der Schreie tanzen. Mit Worten, die an der Schwelle zum Tod mit allem Leid und der Musik verklingen werden, verfluchte Ulrich die Menschen die er vergeblich um Hilfe gebeten hatte.

Es war seine Nachbarin, die rote Anne, die mit einigem Abstand plötzlich begann, sich über Ulrich mit erhobener Stimme und strengen Blickes zu beklagen: „Ulrich, wir müssen reden. Deine Küchengerüche dringen durch die Klimaanlage in meine Wohnung ein. Was wird denn bei dir zu Hause nur für Fleisch gekocht?“
Ulrich, der neulich einem Kumpel Restbestände Lungenhaschee für einen Euro abgekauft hatte, hielt Annes vorwurfsvollen Blicken kaum stand. „Lungenhaschee wird aus Innereien gemacht. Die Idee kam mir im Jobcenter", stotterte er.
"Als Lilith Brandpfuhl, deine Vormieterin, hier noch wohnte, roch es nicht so modrig. Kommt denn dieser Geruch nicht auch aus deiner Wohnung?"
Der Blick der Nachbarin fiel auf eines seiner Selbsthilfebücher mit dem Titel: "Sparen mit Hartz IV.“
Anne schüttelte den Kopf: „Oje, das Lungenhaschee, Restbestände aus dem ehemaligen Ostberlin, müsssten ja deshalb schon ein abgelaufenes Verfallsdatum gehabt haben. Kein Wunder, dass es bei dir stinkt. Geh du lieber mal richtig einkaufen. Wenn du schon dem Steuerzahler auf der Tasche liegst, dann stänkere wenigstens nicht das Treppenhaus voll. Das muss bald ein Ende haben“, drohte sie. Anne warf ihr rotes Haar triumphierend in den Nacken und rauschte davon.
Ulrich sah ihr schmachtenden Blickes nach und dachte ironisch: Ich glaube, sie mag mich. Diese Frau ist viel zu schön, um selber kochen zu können.
Anne war schon beinahe an ihrer Wohnungstür, da fasste er den Mut, aufdringlich zu werden: „Komm heute Abend zum Essen vorbei. Mein Lungenhaschee solltest du zuerst einmal probiert haben. Schmeckt hervorragend – oder bist du etwa nur neidisch auf meine Kochkünste?"Ungeduldig schaute er sie an und sie sah aus, als müsse sie sich zwingen, nicht vor Ekel das Gesicht zu verziehen.
Frech plusterte er sich auf: „So zickig kenne ich dich ja gar nicht, Rotschopf. Du bist wohl vom Teufel besessen". Anne verdrehte die Augen: „Zu deiner Information, die erste Frau Adams und besessene Frauen existieren nicht in der realen Welt. Ich bin bestimmt nicht neidisch auf deine Kocherei und deine abstrusen Männerphantasien." Eine Weile stand Ulrich noch da und brabbelte vor sich her: „Dort, wo ich meine Weisheit zu Boden warf, machte der Mann und nicht das Weib Religion." Ulrich schmunzelte, weil ihn ein Gefühl der Überlegenheit und Genugtuung überkam.
Um seine Gedanken neu zu ordnen, und sich selbst zu verstehen, schrieb Ulrich in sein Tagebuch: „Bald fühlt auch ihr mit ganzer Härte die noch unsichtbaren Wunden eurer Existenz. In der Buchhandlung fielen die Puzzleteile, die ich aus meinen Fotografien machte und in Kommission gab, in der Hoffnung, damit Hartz IV zu entkommen, auf den Boden. Bestürzt bückte ich mich, sammelte die Teile ein und legte alles ordentlich zurück. Niemand hatte meine in Kommission gegebenen Puzzle gekauft und ich musste sie wieder mit nach Hause nehmen. Eine Krankschreibung vom Psychologen könnte mir helfen EU Rente zu beantragen, meine Geschäftsunfähigkeit will ich dafür nicht in Kauf nehmen. Ich kann keinen Schlaf mehr finden und grübele. Wie alle anderen Langzeitarbeitslosen stehe ich trotz meiner Krankheit am Hartz- Pranger des 21. Jahrhunderts. Eine Sachbearbeiterin im Jobcenter hatte mir steuerfrei 200 Euro extra angeboten. Dafür sollte ich an der Maßnahme zur Entsorgung atomaren Sondermülls teilnehmen. Ich wollte den angebotenen Job an der radioaktiven Entsorgung für die grüne Politik im "Merkel - Land" ablehnen. Ich wollte nicht im wahrsten Sinne des Wortes mit Hand anlegen und schlug das Angebot aus. Meine Angst vor der Strahlung war zu groß und ich wittere den Lug und Trug des steuerfreien extra Geldes. Auch trage ich das Stigma des Sozialschmarotzers. Ein solches Stigma negiert ein derartiges Opfer der Gesundheit im Nutzen der Allgemeinheit, weil es hieße, es sei für Geld verhandelt worden. Bürger sollten Armenrecht bekommen, ohne zu Menschen dritter Klasse degradiert zu werden. Von diesem Staat darf man überhaupt nichts annehmen.“
Furcht überkam ihn, und obwohl es kalt im Raum war, fing er zu schwitzen an. Er bemerkte einen strengen Geruch, der nicht wegzuwischen war, und schlief erst gegen Morgen ein. Von Alpträumen gequält warf er sich im Bett umher. Nur die Heuschrecken zirpten während er mit seinem eigenen irre klingenden Lachenin ihren Gesang einstimmte. Das Zirpen der Zikaden war so laut, das er meinte, von Betenden umgeben zu sein. Gebete, die ihm aber langsam deutlicher und verständlich zu werden schienen. Hörte er doch die eine um ihn versammelte Gesellschaft von Zikaden wie die eigene Stimme, wie die Stimme Hiobs: "Nieder der Tag an dem ich geboren.“ Ulrich griff erneut in seine Messertasche: „Ich mit der Schneide, ich kann mich noch verändern", beruhigte er sich. Entschlossen brachte Ulrich die Schneide zur Innenseite seines Oberschenkels und machte einen Schnitt. Sein Arm senkte sich schlaff zur Seite. Das Messer fiel dabei zu Boden während Blut aus seiner Ader spritzte. Das Zirpen der Zikaden wurde leiser und schrilles Klingeln deutlicher.

Ulrich erwachte und tastete auf dem Nachttisch nach dem Wecker. Er schaute suchend auf den Boden und erblickte das Messer aus seinem Alptraum. Sein Handy klingelte „ Ist ja schrecklich ”, sprach er. „ Anne ist tot.“ Nachdem er sich nicht ohne Selbsthass in sein Gesicht geschlagen hatte, ging er ins Bett zurück, und konnte wieder einschlafen. Nachdem er sich nicht ohne Selbstvorwurf in sein Gesicht geschlagen hatte, zog er sich eine Trainingshose an..
Mehrmals wurde er beim Joggen durch den Wald von einer Gruppe muslimischer Jungmänner angepöbelt. Da war ein Springmesser das mindeste, mit dem er sich bewaffnen konnte, denn so ein Messer bringt auch ein gutes Maß an Sicherheit. Ohne Pfefferspray ging er nicht mehr auf die Straße. In Polen kann man noch sicherer abends auf die Straße gehen, aber mein weniges Geld reicht nicht um auszuwandern, geschweige denn eine Familie zu ernähren, sagte er sich. Vielleicht lag Lilith gar nicht so falsch als sie ihn als "idiotischen Götzen-Menschen": beschimpfte. Wo der Mensch zum Manne wurde, zum Manne, der vom Manne genötigt wird, dem Bildnis des erfolgreichen, harten Mannes zu dienen, bleibt der Arme arm und der Reiche wird reicher. Ha, ha, ha, ha, ha ich gratuliere mir zu einem extrem lustigen Leben als armer Mann ohne Zukunftsperspektive!"
Ulrich S. wurde kurz darauf vom Hausmeister in seiner Altbau Mietwohnung tot aufgefunden.

Das war meine Kurzgeschichte aus der Reihe: "Das Zirpen der Zikaden"
Die Charaktere sind frei erfunden. Die Handlungen in der Geschichte sind fiktiv.
Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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