Es ist drei Minuten nach Fünf.
Normalerweise liege ich jetzt mit offenem Mund im Bett und zersäge mit meinem Schnarchen abertausende Quadratkilometer des brasilianischen Regenwaldes. Normalerweise befinde ich mich zu dieser Zeit in einer totalen ‚Leck mich am Arsch‘ Phase, an der ein Wohnungsbrand ebenso unbeachtet vorüberziehen würde wie ein Einbruch oder ein Erdbeben.
Normalerweise sitze ich zu dieser unchristlichen Zeit nicht am Computertisch und hämmere wie ein Irrer mit zwei Fingern auf der Tastatur herum.
In diesem schwachsinnigen Zustand unkontrollierter Schreibsucht befinde ich mich nun seit exakt acht Stunden. Drei Kannen starken Kaffees, zweieinhalb Schachteln Zigaretten und tiefschwarze Augenränder bilden den stichhaltigen Beweis dafür, dass es sich bei mir unmöglich um einen vernunftbegabten Menschen handeln kann, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist.
Würde ich jetzt, zu dieser Minute, einen Mord begehen, gäbe es wohl keinen Richter auf der Welt, der mich nicht – nach kurzer und oberflächlicher Begutachtung – als unzurechnungsfähig in die geschlossene Anstalt einweisen würde.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf schießen, fällt mir ein, dass der einzige Mensch, den ich tatsächlich ermorden könnte, ich selbst bin. Ein Lächeln huscht über mein zerknittertes Gesicht, als ich daran denke, wie wenig mir ein verständnisvoller Richter helfen würde, wenn ich selbst mein Opfer wäre...
Sie, die Sie mich jetzt alle nicht leibhaftig sehen können, müssen sich bitte einen winzigen Raum vorstellen, in dem eine mickrige Schreibtischlampe auf einem ebenso mickrigen Schreibtisch plaziert ist. Die Schreibtischlampe gibt sich redlich Mühe, mit ihrem Licht die dicken Nikotinwolken zu durchdringen, die mittlerweile meine Sicht auf den Computerbildschirm mächtig einschränken. An den Wänden hängen, glaube ich, noch immer unzählige eingerahmte Bilder mit Motiven aus alten Kinderbüchern. Ein dunkelbraunes Holzregal ist vollgestopft mit Aktenordnern, von denen zirka die Hälfte leer ist. In der anderen Hälfte der Ordner befinden sich Millionen abgelegter und vergessener Rechnungen.
Viel mehr müssen Sie sich nicht vorstellen, da viel mehr nicht zu sehen ist, wenn man einmal von meiner Person absieht.
Meine Person?
Ich heiße Rainer Unsinn – und verbiete mir an dieser Stelle jedwedes dämliche Grinsen über meinen Namen!
So, nun wissen Sie zwar, wie bescheuert ich heiße und wie bescheuert ich bin – aber Sie wissen immer noch nicht, wieso ich so bescheuert bin und zu nachtschlafender Zeit meine Tastatur vergewaltige.
Interessiert es Sie denn? Dumme Frage. Da Sie bis jetzt lasen, was ich schrieb, wollen Sie nun auch endlich wissen, weshalb Sie sich so quälen, oder? Bestimmt denken Sie, dass es so etwas wie eine ‚Belohnung‘ ist, wenn Sie gleich eine alles erklärende Pointe vorgesetzt bekommen. So ist’s doch, ja? Sind Sie neugierig? Finden Sie, dass es jetzt an der Zeit ist, etwas über die Beweggründe zu erfahren, die Rainer Unsinn eine ganze Nacht lang am PC fesselten?
Haben Sie eigentlich die geringste Ahnung, wie todmüde ich nun bin?
Schreiben Sie mal acht Stunden am Stück – und haben Sie dann noch die Geduld, neugierigen und völlig wildfremden Leuten zu erzählen, was Sie in kürzester Zeit vom braven biederen Autoren harmloser Kindergeschichten zur wild gewordenen Schreibbestie mutieren ließ!
Ich jedenfalls habe diese Geduld nicht.
Vielleicht ein anderes Mal.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2003.
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