Christa Astl

Heimepisoden: Zufriedenheit

Zufriedenheit

 

Frau Hedwig habe ich im Garten kennen gelernt. Im Rollstuhl sitzend, „spazierte“ sie die Wege entlang. An jeder Bank machte sie Rast, umso lieber, wenn dort schon jemand saß und zu einem Schwätzchen aufgelegt war.

Sie war damals bereits 92 Jahre alt, sah aus wie eine Bilderbuchoma: Gemütlich-mollig, strahlte sie schon von weitem Zufriedenheit aus, sie trug immer einen Rock, hatte die Haare wie die Omas früher zu einem dürftigen Knoten aufgesteckt. Ihre Ausstrahlung: Mit einem Wort: Ruhe. Dazu trug auch ihre langsame, leicht singende Sprechweise bei. Sie stammte aus der Wiener Gegend, was ich sofort erriet. Bereitwillig erzählte sie mir, von woher sie war und wie sie hierher verschlagen wurde. Obwohl die Familie klein war, war sie doch von ihr geprägt. Der Sohn, bereits Rentner, besuchte sie fast täglich, wechselte dabei auch mit mir einige Worte.

An diesem ersten Tag saß sie auch gegen 17 Uhr noch im Garten, es wäre schon Zeit zum Abendessen. „Die werden mich schon holen, es ist noch so schön in der Sonne“, war die Antwort auf mein Angebot, sie mit ins Haus zu nehmen. Später meinte sie allerdings: „ Am Ende haben sie mich vergessen!“ Jetzt durfte ich sie in den Speiseraum ihres Traktes bringen. Nach näherem Kennenlernen erfuhr ich, dass sie trotz Hörgerät sehr schlecht hört, kaum mehr sieht, lesen kann sie schon lange nicht mehr, es bleibt ihr nur die Unterhaltung mit Menschen, die sie noch nicht aufgegeben hat.

Bei allen im Heim angebotenen Beschäftigungen war sie eifrig dabei: Turnen, Singen, auch die Heimgottesdienste besuchte sie regelmäßig und ihr Gottvertrauen war sehr groß. Besonders gerne nahm sie am Bingo-Nachmittag teil. Einmal traf ich sie danach, stolz den Pokal schwenkend. „Ich habe gewonnen!“, rief sie mir von weitem zu. Ihr Sohn, der auch gerade des Weges kam, flüsterte mir kopfschüttelnd zu: „Wie kann sie das denn, sie sieht ja kaum was.“ Die Freude durfte man ihr nicht nehmen, auch wenn wir beide skeptisch waren.

Nach dem Gottesdienst brachte ich sie entweder in den Garten oder im Winter ins Zimmer. Wohin ich sie stellen sollte? „In die Sonne bitte!“, war immer ihr Wunsch. Am sonnigsten Fleck parkte ich den Rollstuhl, natürlich darauf bedacht, dass die wandernde Sonne ihr nicht allzu lang ins Gesicht schien. Sie war glücklich und strahlte regelrecht mit der Sonne um die Wette.

Still und zufrieden ging sie auch eines Morgens in die Ewigkeit ein.

Ja, glücklich konnte man sie nennen, und so sagte sie auch von sich. „Jammern hilft nichts, es kommt halt, wie es kommt. Man muss zufrieden und dankbar sein.“

Ich wünschte mir, ich könnte im Alter dann auch so sein.

 

 

ChA 04.12.20

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