Heinz Lechner

Die Anständigen


Es hatte ja geschehen müssen, - früher oder später.
Infolge eines Notarzt-Einsatzes war der Fahrplan durcheinander geraten und aufgrund dessen die S - Bahn proppenvoll. Eingepfercht zwischen all diesen Pendlern, wie auch ich einer war, hatte ich deren unangenehme Ausdünstungen zu ertragen. Die lästige körperliche Nähe steigerte meine schlechte Laune.
Ich hielt den Kopf schräg nach oben um dem verbrauchten, faulenden Atem meines Nachbars zu entgehen. Nicht nur, dass man keine Zeitung lesen konnte, es war mir nicht mal möglich mich mit meinem Tabletchen zu vergnügen. Zudem war das Abteil überheizt und ich hatte ausgerechnet heute meine fette Nordpol - Jacke an.
Also versuchte ich diese halbe Stunde vor mich hin feuchtelnd und missmutig ins Leere starrend zu überstehen. Eingeklemmt zwischen ebenfalls aromatisch dampfenden Leibern konnte ich beobachten, wie Sitzplätze frei wurden und ich zu weit entfernt stand. Es war ein arges Drücken und sich Durchschlängeln der abwandernden und neu hinzu kommenden Passagiere. Und mit einem Male, von mir unbemerkt, stand ich näher am Sitzplatz-Bereich, scheinbar von der Menge unbewusst hin gedrückt. Ich vermutete, das war ein typischer Fall von sozialem Herdenverhalten.
Mir selbst war gar nicht aufgefallen, dass ich mich plötzlich so nah an den Bänken befand. Aber ich war ja schon zufrieden, mich an einer Stange festhalten zu können.
Nun wurde ein Sitz frei und ich gab mir gar keine Mühe ihn zu erreichen, denn ich stand sozusagen in der "zweiten Reihe“ und außerdem bin ich kein „Vordrängler-Typ“.
Ein sehr brav wirkendes, sympathisches Mädchen stand günstig. Sie sah aus, als sähe sie es als ihre Pflicht an, täglich mehrere gute Taten zu vollbringen. Ein etwa 30jähriger Mann ähnlicher Couleur stand ebenfalls besser als ich. So beschloss ich, dass diese Beiden das Rennen unter sich ausmachen sollten.
Wer würde sich wohl den begehrten Sitzplatz erhaschen?
In diesem Moment musste ich daran denken, dass mir vor etwa einem Jahr von einem jugendlichen Fahrgast ein Sitzplatz angeboten wurde und ich seinen Überredungskünsten nicht widerstehen konnte. Wochenlang hatte ich noch mit dieser Erniedrigung zu kämpfen.
Heute jedoch fühlte ich mich lediglich als neutraler Beobachter. Gespannt, wer wem wohl den Vortritt lassen würde.
Aber als hätten sie sich abgesprochen drehten sich beide zeitgleich um. Sie erblickten mich und mussten wohl erkannt haben, dass ich meine sechzig Lenze schon überschritten hatte und einen sitzplatzbedürftigen Eindruck erweckte.
Ich versuchte so unbeteiligt wie möglich zu schauen. Frisch, unverbraucht und desinteressiert. Aber es gelang mir nicht. Innerlich begann ich zu schreien: "die werden doch nicht.....?"
(Insgeheim hatte ich schon erhofft, die Beiden besäßen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und würden erkennen, dass es wohl ICH war, der einen Sitzplatz bedurfte. Dass so eine Ruhestätte jetzt eine feine Sache wäre, ist wohl unbestritten, - aber sich aufdrängen deshalb? Niemals!)
Ich wollte wegblicken, aber schon sprach mich der Mann ganz unverwandt an.
Und so geschah es zum zweiten Male in meinem Leben.
"Wollen sie sich setzten?", fragte er und ich blickte kurz fragend zum Mädchen rüber, ein stummes Einverständnis erwartend. Vielleicht hatte ich mir ja doch gewünscht, sie würde diesen Platz einnehmen. Aber sie nickte nur leicht, was ich als Zustimmung für seine Frage interpretierte und ihre Augen blickten mich warm und barmherzig an und sagten: "bitte setzen Sie sich, alter Herr!"
Ich wollte “nein, danke“ sagen, brachte es aber nicht über meine Lippen.
So habe ich also dem Wunsche dieser beiden freundlichen Menschen entsprochen und mich langsam und ächzend darnieder gesetzt. Dieses Mal war ich aufrichtig dankbar das Angebot erhalten zu haben und spürte, während ich meinen Hintern schaukelnd in das weiche Lager räkelte, wie gut dass meinem morschen Körper tat.
Meine Vorurteile gegenüber jungen Menschen, die sich mit den Jahren stetig aufgebaut hatten, waren schlagartig verschwunden. Ganz im Gegenteil, so anständig war Meinesgleichen in jungen Jahren nur sehr selten.
Ich empfand tiefe Sympathie gegenüber diesen warmherzigen, mitfühlenden Menschen, und ich denke, dies war der Moment in meinem Leben, der mich erkennen ließ, dass es nun an der Zeit war, - endlich gereift und geläutert - mir meine Bejahrtheit einzugestehen.
Eingezwängt zwischen all diesen jüngeren Menschen saß ich da, fühlte mich erbärmlich und begriff, von nun an zu den Alten und Schwachen zu gehören.

Das war‘s dann.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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