Doris Fischer

Mein Schutzengel

Ich war gerade zwei Jahre alt, als ich die Bekanntschaft mit meinem „Schutzengel“ machen durfte. Wie aus dem Nichts kam er daher geflogen und rettete mich vor einem folgenschweren Unglück.

Damals wohnten meine Eltern zusammen mit meiner Oma und zwei kleinen Hunden in einer Zweizimmer Wohnung in einem älteren Mietshaus. Das war eine sehr kleine Wohnung mit einer der damaligen Zeit entsprechenden einfachen Einrichtung. Es gab kein separates Bad , lediglich eine abgetrennte Nasszelle in der Küche, die der zentrale Raum der ganzen Wohnung war. Dort wurde gekocht, gegessen und gewaschen und abends saß die ganze Familie um den großen Tisch herum und ließ den Tag ausklingen. Ich saß spielend unter dem Tisch und die beiden Dackeldamen tanzten schwanzwedelnd um mich herum.

Für das wöchentliche Badevergnügen diente eine alte Zinkbadewanne, in der ich immer samstags ausgiebig plantschen durfte. Da es in dieser Zeit auch noch keine Waschmaschinen gab, wurde die Badewanne außerdem noch als Waschtrog genutzt. Unser Waschtag fand immer montags statt und war jedes Mal ein ganz besonderes Ereignis.

Als erstes füllte meine Mutter die Badewanne mit kochendem Wasser, das sie zuvor in einem großen eisernen Topf auf dem Herd abgekocht hatte. Dann tauchte sie die schmutzige Wäsche ins Wasser und rührte sie mit einem langen hölzernen Löffel kräftig durch. Das war immer Schwerstarbeit für meine Mutter. Nachdem sie dies alles erledigt hatte, stellte sie die Wanne mit der dampfenden Wäsche auf den Boden in der Küche.

Als sie an diesem Montagmorgen kurz aus der Küche ging, nutzte ich die Gunst der Stunde und näherte mich mit kindlicher Neugierde der Badewanne mit der heißen Wäsche. Da ich mir das alles ganz genau ansehen wollte, beugte ich mich über die Wanne, um meine Finger kurz in das heiße Wasser zu tauchen. Das war gar keine gute Idee, denn ich stieß einen kurzen Schrei aus und zog meine Hand blitzschnell aus dem Wasser zurück. Weinend vor Schmerz und bleich vor Schreck verlor ich zu guter Letzt auch noch das Gleichgewicht und stürzte innerhalb von Sekunden mit dem rechten Arm voran in das heiße Wasser. Mein markerschütterndes Geschrei war im ganzen Haus zu hören und meine Mutter war erschüttert und rang um ihre Fassung, als sie mich in der Wanne liegen sah. Der alarmierte Notarztwagen brachte mich auf der Stelle ins Krankenhaus, wo ich sofort notfallmäßig versorgt wurde. Trotz der schrecklichen Schmerzen und der starken Verbrühungen an meinem Arm hatte ich noch Glück im Unglück. Wäre ich nämlich mit dem ganzen Körper ins kochende Wasser gefallen, hätte ich es wahrscheinlich nicht überlebt.

Außer ein paar kleinen Narben am Arm habe ich aber diesen Unfall jedoch körperlich und seelisch gut überstanden – dank meines Schutzengels, der glücklicherweise an diesem Tag ganz leise und unbemerkt zu mir kam.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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