Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 12

Das Land der schneeweißen Katzen

 

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, kletterte Maurice los. Die Hoffnung, Fleur doch noch zu einzuholen, gab ihm neue Kraft. Er erreichte den Gipfel eines Felsen und sah hinab in ein menschenleeres Tal. Seine scharfen Augen suchten fieberhaft den Boden ab, doch nirgends konnte er Fleur entdecken. Plötzlich begann es leicht zu schneien. Verwundert starrte Maurice auf die Kristalle der feinen Flocken, die um seinen Kopf wirbelten. Es war Sommer, als er am Fluss aufgebrochen war. „Die Zeit verläuft hier schneller als anderswo,...“, hörte er hinter sich den kleinen Engel sagen, doch als er sich umsah, war niemand zu sehen. Auch seine Freunde hatte er weit hinter sich gelassen. Es begann, stärker zu schneien und Maurice musste sich vorsehen beim Abstieg. Der Schnee nahm ihm die Sicht. Einmal stolperte er über einen Steinbrocken und überschlug sich fast. Endlich erreichte er die Ebene. Überall lag weißer Schnee und ein eiskalter Wind wehte ihm entgegen. Aufgeregt entdeckte er Abdrücke von Katzenpfoten im Schnee. Er schnupperte daran und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit erkannte er Fleurs süßen Duft.

Der Wind brauste nun durch die Kiefern und gewaltige Wolken türmten sich auf. Sie hingen so tief, dass das Land fast in ihnen versank. Doch als er weiterlief, verlor der Himmel immer mehr an Farbe und war von einem fast durchsichtigen Weiß. Geduckt folgte Maurice den Spuren Fleurs. Er geriet immer tiefer in eine wirbelnde strahlende Weiße hinein, die ihn einzusaugen schien. Ein unangenehmes Gefühl beschlich Maurice. Er spürte, dass er eine unsichtbare Grenze übertreten hatte. Ein Schwingen lag in der Luft und gleichzeitig ein abgrundtiefes, beunruhigendes Schweigen. Der Wind griff nach seinem Körper und riss an seinem dichtem Fell. Maurice kämpfte sich verzweifelt vorwärts. Trotzdem schien er kaum von der Stelle zu kommen und dichte weiße Nebelschwaden raubten ihm die Sicht. Doch plötzlich lichtete sich der Nebel und staunend blieb Maurice stehen. Vor ihm erstreckte sich ein Meer blühender Kirschbäume. Sie blühten mitten im Schnee, was ihn völlig verwirrte. Überall tupften rosafarbene Blüten das makellose Weiß. Der Anblick war atemberaubend. Fleurs Spuren führten mitten durch die Kirschbäume hindurch. Plötzlich packte eine grenzenlose Erleichterung Maurice, das Land der schneeweißen Katzen war wunderschön. Fast tänzerisch lief er weiter, spielte im Vorbeilaufen mit einer seidenweichen Blüte und lachte über seine Befürchtungen. Wie dumm von den Katzen, dieses märchenhafte Land zu fürchten. Er rollte sich übermütig durch den Schnee und vergaß jede Eile.

Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch und als er sich umsah, entdeckte er verwundert den alten Zack, der bis zu den Fesseln im Schnee stand. Er sah Maurice so grimmig an, dass Maurice vor Schreck zusammenfuhr. Der alte Zack sah noch dünner und elender aus, als Maurice ihn in Erinnerung hatte, doch in seinen gelben Augen loderte eine helle Flamme, die Maurice einschüchterte. „In diesem Land ist nichts wie es scheint,...was rennst du hier herum wie ein Narr,...“ sagte er und schob blitzschnell seinen Kopf vor und presste ihn gegen Maurices Stirn. „Die schneeweißen Katzen beobachten deine kindische Vorstellung,...sie lauern hinter den Bäumen,...sobald du den Blütentempel betrittst, dürfen sie dich berühren...“ „Ach was...“, antwortete Maurice, „mit ein paar weißen Katzen werde ich auch noch fertig,...“ „Du bist wirklich ein Narr,...“, wiederholte der der alte Zack, „sobald sie dich berühren, bist du gelähmt, du verlierst deine Katzenseele und dein Recht auf neunmalige Wiederkehr,...du bist ein lebendig Toter...“ Er schüttelte wütend den Kopf über Maurice: „Und ich dachte mal, aus dir könnte vielleicht was werden...“ Plötzlich kam Maurice wieder zu sich: „Wo ist Fleur?“ fragte er hastig. Der alte Zack schüttelte müde den Kopf. „Wahrscheinlich ist sie schon im Blütenpalast...“, er seufzte tief, „weibliche Katzen sind ja besonders anfällig für diese süßlichen Düfte...“ Er verzog angeekelt das Gesicht und bevor Maurice weitere Fragen stellen konnte, war er spurlos verschwunden.

Maurices Magen zog sich zusammen. Er sah sich vorsichtig um, doch als er nirgends eine Katze entdecken konnte, folgte er weiter den Spuren Fleurs. Vielleicht irrte sich ja der Alte diesmal.

Bald entdeckte er vor sich einen kleinen Palast mit einem Kuppeldach. Die teegrünen Wände fluoreszierten im Sonnenlicht, als wären sie mit Gold durchwirkt. Vor dem Gebäude saß Fleur und starrte bewundernd auf die schillernde Pracht. „Fleur...“, rief Maurice, „warte, geh nicht weiter,...ich muss mit dir reden...“ Erstaunt drehte sich Fleur nach ihm um und Maurice sah ihre verschiedenfarbigen Augen blitzen. Er wollte vorwärts stürzen, doch im gleichen Augenblick streifte ihn ein fremder Blick. Zwei eisblaue Augen waren auf ihn gerichtet. Sie fassten zu wie scharfe Messer. Erschrocken entdeckte Maurice zwischen den Baumstämmen eine riesige weiße Katze mit einem löwenartigen Kopf. Sie war von einer einschüchternden Größe und ließ ihn nicht aus den Augen. Maurice sah hinter sich und fuhr zusammen. Hinter ihm lauerte eine zweite Katze, die der anderen aufs Haar glich. Maurice erstarrte. Wieder blickte er zu Fleur, die überrascht zu ihm hinüber sah. Schlagartig erinnerte er sich an Zacks Worte: „...sobald, du den Blütentempel betrittst, dürfen sie dich berühren...“ Solange er sich von dem Tempel, dessen schwüler Geruch zu ihm herüber drang fernhielt, durften sich die schneeweißen Katzen ihm nicht nähern. „Bleib stehen, geh keinen Schritt weiter...“, schrie er Fleur zu und stürzte auf sie zu. Noch während er lief, wurde ihm quälend bewusst, dass die riesigen Katzen ihm folgten. Ihr heißer Atem streifte seinen Nacken. Doch noch hielten sie einen hauchdünnen Abstand. Vor Fleur bremste er haarscharf ab. „Betrete den Blütentempel nicht,...Fleur, oder du wirst eine Gefangene der schneeweißen Katzen sein.. sie werden dich lähmen...“, sagte er schnell und merkte, wie er sich vor Aufregung verhaspelte. Ein Erkennen flackerte über Fleurs Gesicht: „Hast du nicht einmal in der Altstadt vor meinem Fenster mit dem großen Grauen gekämpft...?“ fragte sie, während die weißen Katzen unmerklich näher an sie heranrückten, so dass sie Fleur fast mit ihrem dicken Pelz streiften. Maurice nickte, plötzlich fehlten ihm die Worte und ein dicker Knödel steckte fest in seinem Hals. Fleur lächelte und sagte: „Ich weiß gar nicht, was du hast, hier ist es doch viel schöner, als in der schmutzigen Altstadt..., dieser Duft und diese rosa Blüten..., ich möchte gerne diesen Tempel von innen sehen...“ Eine der riesigen Katzen stieß mit ihrer Pranke die Türe auf und Oleanderduft wehte heraus. Maurice reckte seinen Kopf und sah im Inneren ein grünliches Wasserbecken, aus dem Dämpfe aufstiegen. Rund herum lagen apathische Katzen, die alle zu schlafen schienen. „Fleur,...ich habe mein Leben für dich riskiert,...geh keinen Schritt weiter...“, rief Maurice außer sich vor Besorgnis. Die schneeweißen Katzen hatten sich nun rechts und links von Fleur aufgebaut und leckten über ihre rosigen Schnauzen. In ihren listigen kleinen Augen funkelte es bösartig. „Tritt ein..., Fleur..., es wird dir bei uns gut gefallen,...“, sagte eine der Katzen in einer eigenartigen rollenden Sprechweise. Fleur sah Maurice an und sagte zögernd: „Woher willst du das alles eigentlich wissen,...das ist doch ein wunderschöner Palast...“ „Wir freuen uns, wenn dir unser bescheidenes Teehaus gefällt...“, sagte eine der schneeweißen Katzen. Maurice hielt den Atem an. Fleur hob eine Pfote und setzte sie auf die unterste Stufe des Blütentempels. Im gleichen Augenblick berührte die größere der Katzen mit der Pfote ihren Hinterlauf. Fleur blieb stehen. Ihre Augen weiteten sich. „Mein Bein...“, sagte sie und ihre Augen suchten Maurice, „es fühlt sich plötzlich so taub an...“ „Das bildest du dir ein...“, sagten die beiden Katzen wie aus einem Mund. Doch plötzlich verstand Fleur. Schnell hinkte sie von den Stufen hinunter und humpelte auf Maurice zu. Die schneeweißen Katzen stießen einen grellen Schrei aus, ihre Augen verengten sich vor Wut. Doch Maurice stützte Fleur und Meter für Meter zogen sie sich aus dem Land der schneeweißen Katzen zurück.

Ohne viel zu reden, erreichten sie die unsichtbare Grenze, wo die Nebel fielen. Maurice bedauerte, dass Fleurs Bein nun gelähmt war und er versuchte ungeschickt sie zu trösten. Doch Fleur drückte ihr Näschen an seine Schnauze und sah ihm tief in die Augen. Dann sagte sie leise: „Danke Maurice..., dass du mich zurückgeholt hast ins Leben...“

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