Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 11

Als Blue erwachte, war sie mit Mona allein. Der alte Omar war noch nicht wieder aufgetaucht. Der Himmel war aufgerissen und das milde Wetter hielt an. Sie hörte draußen ein Käuzchen schreien und sah zu, wie die kleine Mona sich putzte. Blues Absicht, Sootys Tod zu rächen, war fest und klar. Sie wollte so schnell wie möglich zum Brunnen am Marktplatz aufbrechen. Von dort aus konnte sie alle Katzen zusammen trommeln, um einen Plan zu entwerfen, wie man mit Ralf fertig werden konnte. Sie sprang auf den Fenstersims und sah dem Rauch zu, der geduckt aus den umliegenden Kaminen stieg. In der Ferne hörte sie die Glocken des Doms schlagen. „Lass uns aufbrechen…“, sagte sie zu Mona, „wenn es nötig ist, frage ich Robby persönlich…“ Sie schätzte die Sprungentfernung bis zum Apfelbaum und schlängelte sich nach draußen. Der Wind wehte ihr um die Nase und einen kurzen Augenblick musste sie an den schwarzen Korsaren denken. Ein heißer Schauer lief über ihre Wirbelsäule und sie richtete ihren Schwanz steil auf. Die kleine Mona quetschte sich hinter ihr durch den Spalt im Fenster. „Du willst wirklich zu Robby in den Vorort der weißen Villen?“ fragte sie und sah Blue bewundernd an. „Wenn es nötig ist,…er muss uns einfach helfen,…er hat Ralf schon einmal besiegt im „Chat Noir“, er kann es wieder tun, niemand sonst ist dazu in der Lage…“, sagte Blue energisch. „Ja, schon…“, sagte die kleine Mona gedehnt,…aber du weißt doch, er mag dich nicht so,…für ihn bist du doch immer die Regenkatze…“ „Pass auf, dass du nicht stolperst, wenn wir zum Baum hinüber springen…“, sagte Blue, die nichts von ihrem alten Namen hören wollte. Elegant sprangen sie in den Apfelbaum und glitten am Stamm hinunter. Die Vögel, die in der Baumkrone saßen, flogen auf und schüttelten die Flügel. Unten im Hof der Gasstätte hockten mehrere Kinder und liefen ihnen schreiend nach, als sie losliefen. Wieder benetzten leichte Schneeflocken das Pflaster, die sich gleich wieder auflösten. „Zuerst holen wir Mitsou ab im „Moulin Rouge“…, die macht bestimmt mit…“, rief Blue Mona zu. Die Sonne brach durch die Wolken. Der hellblaue Himmel war mit Federwolken überzogen. Wieder musste Blue an den Korsaren denken, an seinen Mut und seine geschickte Kampfführung. Wie einfach wäre es zusammen mit ihm gewesen, Ralf und seine Gefährten zu besiegen. Einen Moment bereute sie, ihn einfach verlassen zu haben. Dann versuchte sie sich zu sammeln und in ihrem Inneren klar zu sehen. Sie redete sich ein, dass sie nichts zu bereuen hatte. Sie empfand keine Skrupel wegen ihres Verschwindens. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass sie hinter Dinge gekommen war, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren. Was konnte sie dafür, dass sie sich so gut anschleichen konnte und der Schritt ihrer Pfoten so leise war, dass sie sich unsichtbar machen konnte. Jetzt war sie jedenfalls gewarnt, was den Katzenverschleiß des Korsaren betraf. In Gedanken versunken trabte sie weiter neben Mona her. Eigentlich musste sie zugeben, dass der Korsar sie auf keine Weise betrogen hatte. Trotzdem war sie den Tränen nahe, wenn sie an diese Leonora oder die unbekannte Tiffanie dachte. Sie war nicht so naiv, dass sie sich einbildete, der Korsar habe vor ihrem Erscheinen nicht andernorts sein Glück gesucht, aber dass er mit dieser Leonora zu tun hatte, war einfach unerträglich. Sie blieb einen Augenblick hinter der kleinen Mona zurück und dachte melancholisch: „Ich für meinen Teil werde wohl nie die Liebe kennenlernen…“

 

Als sie den Pariser Platz erreichten, hörten sie schon von weitem lautes Klavierspiel. Jemand donnerte in die Tasten. Doch Mitsou war weit und breit nicht zu sehen. Der unbekannte Musikant begann nun auch noch laut zu singen. Ein trauriger, schwermütiger Gesang überflutete die Straße und drückte Blue aufs Herz. „Vielleicht ist sie wieder im Hinterhof bei den Brettern…“, sagte Mona leise. Sie drückten sich in die dunklen Gebüsche, die den Hof umringten. Der Klagegesang folgte ihnen in den Hof, wo der frisch gefallene Schnee auf dem Holzstapel flimmerte und sie blendete. In einer Ecke stand ein alter Kinderwagen voller Gerümpel. Blue und Mona suchten den Hof ab, schauten in alle Ritzen und wendeten Äste hin und her. Sie wollten schon aufgeben und weiterlaufen, da warf Blue einen Blick in eine alte, halb verfallene Hundehütte. Sie schrie entsetzt auf und ihr Körper erstarrte. Auf dem fauligen, halb verwitterten Boden lag Mitsou mit weit aufgerissenen Augen. Ihr Hals war überstreckt und ihre Pfoten steif. Neben ihr war eine Lache von saurem Erbrochenem. Im Tod sah man ihre Magerkeit und ihr verknotetes, ungepflegtes Fell. Blue konnte nicht wegsehen, immer deutlicher sah sie die Konturen der toten Mitsou. Ihr Herz schlug schneller. Sie betrachtete Mitsous verkrampfte Kiefer, die tiefen Mulden ihres Körpers. Plötzlich entdeckte sie tiefe Kratzspuren an Mitsous Hals und Reste von einem feinen weißen Pulver um den Körper herum. Immer noch drang die tiefe Stimme des Sängers durch den Hinterhof. Sonnenflecken tanzten auf dem feuchten Pflaster. Blue nahm aus dem Augenwinkel die kleine Mona wahr, die hinter dem Holzstapel hervor kroch. Blue wollte sie zurückdrängen, aber es war zu spät. Mona starrte auf die tote Mitsou und begann zu zittern und zu beben wie ein Blatt in der Hecke. Dann brüllte sie los. „Sei leise,…wer weiß, wer uns hören kann…“, zischte Blue. „Wer hat sie getötet, Blue,..., bitte Blue, sag doch endlich was…“, piepste die kleine Mona. „Jedenfalls nicht Sooty,…“, sagte Blue sarkastisch. Sie fühlte, wie sich etwas in ihr verhärtete und ein tiefer Groll in ihr hochstieg. Sie fröstelte und sagte: „Es ist ein und derselbe Täter, wenn man sich diese Kratzspuren betrachtet,… die hatte Philippine auch…“ „Blue, lass uns abhauen, bevor er uns auch noch erwischt…, schnell, lass uns davon rennen…, hier ist es zu gefährlich,…wir verstecken uns auf dem Speicher des „Roten Löwen“ und gehen nicht mehr raus…“, flehte Mona. Blue starrte immer noch böse auf die tote Mitsou. „Nein…“, sagte sie plötzlich hart, „ich werde mich nicht irgendwo verstecken,…ich werde den Täter zur Strecke bringen…“ Blue stand kerzengerade und der Wind spielte mit ihren buschigen, weißen Hosen. Ungeduldig schob sie die kleine Mona, die nicht aufhören wollte zu jammern, mit der Pfote weg. Sie grübelte. Sie glühte vor Zorn. „Ich wette, dass Ralf seine Hand im Spiel hat,…“ sagte sie plötzlich zornig, „er wird für all seine Taten büßen…, das verspreche ich dir…, Mona…, ich werde einen Weg finden…, ihn zur Strecke zu bringen…“ „Lass uns endlich abhauen, Blue, die Musik ist so unheimlich…, ich kann es nicht länger aushalten…“, piepste die kleine Mona, „ich will zurück in den „Roten Löwen“. Plötzlich brach die Musik disharmonisch ab. Eine grelle Sonne schien heiß auf ihre Köpfe hinunter und gleichzeitig waren ihre Pfoten kalt. Die kleine Mona miaute immer weiter. Sie war völlig außer sich. „Ich werde an Ralf Rache nehmen, und wenn ich ihn eigenhändig umbringen muss…“, stieß Blue hervor, die von Sekunde zu Sekunde wütender wurde. Plötzlich fiel ein Schatten auf sie und der alte Omar bog um die Ecke. Er humpelte leicht und wirkte ziemlich erschöpft. „Jetzt hat es sie auch erwischt,…ich habe sie heute im Morgengrauen gefunden…“, sagte er und wiegte bedächtig den dicken Kopf. Blue sagte schnell: „Wir müssen etwas unternehmen, wer weiß wie viele Katzen sonst noch ermordet werden…, du musst uns helfen, den Täter zu finden, du kommst doch viel herum und kennst fast alle Katzen aus der Umgegend…“ Omar druckste herum, dann rülpste er und sagte: „Ralf war es nicht, wenn du das meinst,…ich war gestern mit ihm im „Chat Noir“,…Sugar war auch dabei…und ein paar aus seiner Bande…, dieser fette Russe mit dem großen Kopf…und der andere mit dem spitzen Maul…, es war ein beschwingter Abend…“ Blue sah ihn fassungslos an: „Das glaube ich nicht,…er hat damit zu tun…“, sagte sie hartnäckig. Wieder schüttelte Omar den Kopf: „Ralf macht so etwas nicht,…eine ordentliche Schlägerei vielleicht oder eine Sauftour und Grölerei…, das schon, …aber er ermordet niemanden…, du verrennst dich da in etwas…, Blue…, ich kenne Ralf schon lange…“ Völlig außer sich vor Wut fuhr Blue ihn an: „Ach, was du nicht sagst,…er tut so etwas nicht,…er hat Sooty auf dem Gewissen und Ebony war schwer verletzt…“ Omar presste die Lippen aufeinander. Es gefiel ihm nicht, dass Blue, die soviel jünger war als er, ihm widersprach. „Das war ein offener Kampf…, du warst doch dabei…“, sagte er und es klang beleidigt. Blue überhörte seinen Einwand und sagte: „Wir müssen ihn beschatten…, ich muss zum Marktplatz und die anderen Katzen informieren…“ Omar wich ihrem Blick aus. Er gähnte und sagte leise: „Ich bin müde, ich lege mich eine Runde aufs Ohr…im „Roten Löwen“…“ Blue schüttelte den Kopf, ihr Herz zuckte wild. Nur mit Mühe unterdrückte sie eine wütende Entgegnung. Sie schluckte schwer, während Omar ohne sich noch einmal umzublicken, schwerfällig aus dem Hof humpelte.

 

Blue betrachtete noch einmal ausgiebig die tote Mitsou, um sich alles genau einzuprägen. Die Kratzer am Hals erinnerten an eine Tätowierung. Ein übler Geruch nach Vergorenem lag in der Luft. „Ich muss weg hier…“, sagte die kleine Mona wieder und zupfte Blue am Fell. Plötzlich hörten sie hinter sich das Geräusch einer Türe und die Schritte des Besitzers des „Moulin Rouge“ näherten sich. Schnell liefen sie los, machten sich ganz klein und sprangen an ihm vorbei über die Mauer. Sie rannten über den feucht glänzenden Asphalt. Es nieselte leicht. Frauen mit aufgespannten Schirmen und großen Einkaufskörben bummelten über den Marktplatz. In der Ferne hörte man das Motorengeräusch der Autos auf der Hauptstraße. Die Domglocke schlug. Sie liefen an Kübeln mit violetten und blassroten Astern vorbei zum Brunnen. Mehrere Katzen waren versammelt und duckten sich unter den Brunnenrand, wo es trocken war. Erschrocken erkannte Blue den gelben Ralf. Er war umringt von Lucy, Clarence, Sugar und Said und schwang eine seiner großen Reden. Er gestikulierte mit den Pfoten und peitschte mit seinem dünnen gelben Schwanz. Seine Ohren zuckten. Wie angewurzelt blieben Blue und Mona stehen. „Lass uns abhauen…, es ist zu gefährlich…, er wird uns angreifen…“, flüsterte die kleine Mona. Blue knurrte wütend, aber sie war viel unsicherer als sie vor Mona zugeben mochte. Sie schlüpften hinter den Fischstand und warteten. Blue wollte etwas Aufmunterndes sagen, aber ihr fiel nichts ein. Der plötzliche Anblick von Said verwirrte sie mehr als sie sich selbst eingestehen wollte. Sein silbergraues Fell glänzte im Regen und seine klugen hellen Augen blickten klar in die Welt. Fast bedauerte Blue, mit ihm gestritten zu haben. Doch in ihrem Bauch begann es zu summen und unwillkürlich verglich sie Said mit dem Korsaren. Ihre Anspannung wuchs. Sie riss sich zusammen, ihre Liebesprobleme wirkten lächerlich angesichts der Katzenmorde in der Altstadt. „Geh du zurück…zum „Roten Löwen““, flüsterte sie Mona zu, „ich werde Ralf zur Rede stellen…“ „Du bist verrückt, Blue,…“, sagte Mona, „aber wenn du gehst, gehe ich auch…“ Blue zögerte, sie wollte die kleine Mona nicht gefährden. Ein Flugzeug donnerte über sie hinweg. Der Platz schien zu erzittern. Blue sah zum Himmel und erblickte eine dicke, weiße Wolke. Plötzlich schien sich die Wolke zu teilen und Sooty winkte Blue zu, sie ruderte mit den Pfoten und lachte. Im Rauschen des Flugzeuges hörte Blue, wie Sooty rief: „Mach weiter Blue,…vertraue deinem Instinkt…“ Sooty schien plötzlich auf der Wolke zu tanzen, sie winkte ihr wieder zu. Blue konnte es ganz deutlich sehen. Sie sah den langen Schwanz von Sooty, und den weißen Fleck, den sie wie eine Krone auf dem Kopf trug. Ihre leuchtenden Augen lagen auf Blue und Mona. Blue vergaß alles um sich herum und begann voller Entzücken über ihr Wiedersehen mit Sooty zu lachen. „Sooty…, hallo Sooty…“, rief sie fröhlich. Ihr Lachen perlte durch die regenklare Luft und sie wollte Sooty viele Fragen stellen, aber bevor sie auch nur eine davon aussprechen konnte, schloss sich die Wolke und Sooty war verschwunden. Sootys Herz wurde plötzlich schwer wie ein Stein, eine grenzenlose Traurigkeit überschwemmte sie. „Blue, was ist denn los,…Blue, wo ist denn Sooty…?“ fragte die kleine Mona und knuffte Blue mit der Pfote. Blue schüttelte sich und witterte in die frische, kühle Luft: „Nichts,…Mona, es war nichts…lass uns zum Brunnen hinübergehen…“, murmelte sie in ihre Schnurrhaare hinein. Bestürzt sah Mona sie an, aber sie sagte nichts mehr und folgte Blue wie ein Schatten.

 

Schon als sie nur noch ein paar Katzenlängen vom Brunnen entfernt waren, sah Blue das gefährliche Flackern in den ungleichen Augen Ralfs. Es war, als ob er ein Taschenmesser zückte. Sein Lächeln überdeckte nur unzureichend seine Verdrossenheit über den Anblick Blues. Blue stockte, stellte ihren Schwanz steil auf und näherte sich dann langsam Schritt für Schritt, sehr aufrecht. Eine seltsame Pause entstand, alle anwesenden Katzen schwiegen. Wieder schlug die Domuhr. Sie dröhnte über den Platz und es klang wie eine Warnung. Nur langsam lösten sich die bleiernen Kreise der Glocken in der Luft auf. „Verschwinde Regenkatze,…verschwinde in den voll gekotzten Schuppen von der alten Mumie Sooty…“, brüllte Ralf. Er sprang hoch und wirbelte herum. „Hallo Blue,…“, sagte Said plötzlich leise, bevor Ralf auf sie losschießen konnte. „Ralf hat Sooty ermordet…“, sagte Blue kalt und peitschte mit ihrem Schwanz. Plötzlich redeten und schrien alle durcheinander. Blue nahm alles um sie herum wie durch einen leichten Schleier wahr, den Dunst auf dem Platz, das Summen, die aufgeplusterten, watschelnden Tauben. Lucy miaute aufgeregt: „Das ist nicht wahr Blue, Sooty hat versucht, ihn mit schwarzer Magie zu töten, das war Notwehr,…sie hat auch schon Philippine…ermordet…“

Einige murmelten zustimmend vor sich hin. Ralf plusterte sich auf: „Nun sind alle Katzen der Altstadt vor der alten Bestie geschützt…, ich habe mein Leben riskiert.“ Mehrere der Katzen streckten ihre Köpfe vor und begannen drohend zu zischen. Blue fühlte sich plötzlich klein und schmächtig gegenüber den anderen. Sie rief sich innerlich zur Ordnung und wollte schon weitersprechen, da hörte sie Said sagen: „Lasst sie doch wenigstens ausreden…“ „Diese verdammte Regenkatze ist eine verfluchte Pest…“, schrie Ralf und sprang schnell auf die Brunnenbrüstung und wieder hinunter. Blue holte tief Luft: „Mitsou ist heute Nacht getötet worden…, das kann ja wohl nicht die tote Sooty gewesen sein…“ Für einen Moment wurde es totenstill um den Brunnen herum und die Luft schien erhitzt vom Atem der Katzen. „Dann ist sie zurückgekommen…durch den Katzenvoodoo,…“ stieß Ralf schließlich hervor. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht,…“ zischte Blue, „du hast sie doch selbst ermordet…“ „Halte deinen verdammten Mund,…du Stück Scheiße…, du beschränktes Arschloch…, mit dir spiele ich wie mit einer Maus…“, grölte Ralf. Er begann zu toben: „Dieses Biest ist unerträglich,…helft mir, wir müssen diese Regenkatze aus der Altstadt jagen,…sie lügt, wenn sie den Mund aufmacht…“ Doch niemand rührte sich. Sugar sah so durchscheinend aus, als würde sie jeden Moment umfallen, ihr glänzendes schokoladenfarbenes Fell wirkte struppig und ungepflegt. Die anderen starrten Blue mit offenem Mund an. Lucy sagte: „Das sagst du doch nur…, Blue, ich habe Mitsou gestern noch in den Abfällen vor der Apotheke wühlen sehen…“ „Nie, niemals würde ich dem süßen Baby etwas tun,…mit ihrem cognacfarbenen Wuschelfell, sie war so ein Süßchen…, wer kann so kalt und herzlos sein, mein Baby umzubringen…“, begann Ralf nun laut herum zu heulen. „Ich kann euch zu ihr führen…“, sagte Blue, die nach wie vor überzeugt davon war, dass Ralf Mitsou auf dem Gewissen hatte. Clarence hob seinen hellroten Kopf und sagte: „Wir müssen endlich herausfinden, wer der Täter ist…, wir müssen ihm eine Falle stellen…“ „Aber, aber wenn es eine Geisterkatze ist,…Sooty, die aus dem Schattenland geflohen ist…“, flüsterte Lucy. Blue war wütend darüber, wie dumm sie waren. „Ich kann euch versichern, dass die Kratzspuren am Hals von Mitsou von einer wirklichen Pfote stammten…“, sagte sie grimmig und warf Ralf einen vernichtenden Blick zu. Sugar zitterte wie Espenlaub und Blue bemerkte, dass sie in den Vorderbeinen leicht einknickte. Blue beobachtete sie alle mit messerscharfen Augen, sie fühlte sich plötzlich weit draußen und allein. Sie hielt sich nicht für gescheit und gehörte keiner der angesehenen Rassen an, die eine lange Geschichte hatten. Ihre einzige Begabung war, die anderen Katzen mehr oder weniger instinktiv einzuschätzen. Sie wusste, dass Ralf ihr gegenüber auf Rache sinnen würde und fand es plötzlich sehr gefährlich auch nur einen Tag zu überleben. Sie sah sich um und bemerkte, dass die kleine Mona verschwunden war. Während die anderen erregt debattierten, glitt Said lautlos neben Blue. Er schnurrte leise, dann sagte er: „Blue, lass uns abhauen, vielleicht können wir im Rosenpark Robby treffen…, ich würde gerne seinen Rat in dieser Mordsache hören…“ Blue wollte schon wütend hochfahren, als er Robby erwähnte, da erinnerte sie sich, dass sie Robby selbst um Hilfe hatte bitten wollen und nickte. Sie schlichen um die Ecke eines hässlichen, weitläufigen Hauses. Wieder ging Blue sehr aufrecht. Said sagte leise: „Ich habe dich sehr vermisst,…Blue,…es tut mir leid, dass es zwischen uns zu diesen Unstimmigkeiten kam…, ich bewundere dich sehr für deinen Mut…“ Verlegen schwieg Blue. Unwillkürlich musste sie wieder an den schwarzen Korsaren denken, sein dunkles Fell und die schönen Augen. Said war bedächtig und stattlich. Er hatte eine Tendenz zum Üppigen, dabei strahlte er eine grenzenlose Würde aus. Wo mochte der schwarze Korsar jetzt sein, ob er noch bei Ebony im Schuppen war und auf ihre Rückkehr wartete? „Du hast so hübsche Pfoten…und ein gut gepflegtes Fell… weißt du eine Dame erkennt man an ihren Pfoten…“, sagte Said und zwinkerte ihr zu. „Bei mir gibt es heute eisgekühlten Lachs…, hast du Lust mich nach Hause zu begleiten…?“ Blue überhörte diese Frage und sagte schnell: „Was glaubst du, wer Philippine und Mitsou ermordet hat…?“ Sie überquerten die Straße zum Rosenpark, die gerade frisch geteert wurde. Said zögerte, dann sagte er: „Ich habe letzte Nacht meine Runde im Viertel gemacht und bin Mitsou um Mitternacht begegnet,…sie verließ ja nur noch selten den Hof vom „Moulin Rouge“, seit Ralf sie überall unmöglich gemacht hat…, sie huschte schnell und verstohlen in den Hof dieser überspannten Apothekerkatze.“ Blue erschrak. Sie erinnerte sich schlagartig daran, wie die Apothekerkatze sie zusammen mit der Totengräberkatze am Friedhof überfallen hatte. Sie sagte: „Magnolia tut nur so vornehm,…in Wirklichkeit lauert sie unschuldige Katzen am Friedhof auf und fällt zusammen mit diesem schäbigen Willie über sie her.“ Said sah sie ungläubig an: „Magnolia ist doch eine verwöhnte Barbiekatze…, ich dachte, sie geht höchstens bis zum Dom und wieder zurück zur Apotheke…, du solltest besser nicht auf Tratsch hören, Blue,…wir müssen sorgfältig alle Fakten, die wir kennen, abwägen,…und dann zu einem Schluss kommen…“ Blue mochte es nicht, wenn er sie seine Überlegenheit spüren ließ und sie erwiderte in einem patzigen Ton: „Ich höre nie auf Tratsch,…Said, die beiden haben mich aus dem Hinterhalt heraus überfallen…, in jener Nacht, in der Sugar Robby verließ…“ Said zuckte unmerklich zusammen. „Sie hockten auf mir und saugten mir das Lebensblut aus…“, fuhr Blue fort. Sie wollte ihn ein bisschen erschrecken. „Das tut mir leid, Blue, das wusste ich nicht…“, begann Said sich ausweichend zu entschuldigen. Während Blue sich fragte, ob sie Ralf doch zu Unrecht beschuldigt hatte, erreichten sie das große schmiedeeiserne Tor des Rosengartens. Eine fahle Wintersonne hing in der grenzenlosen Leere des blassvioletten Himmels. Sie wirkte rund und schwer und schien zu rauchen. „Blue, ich helfe dir gerne, wir können uns jede Nacht zusammen in der Altstadt umsehen…, ich meine, damit die Sicherheit der Katzen wiederhergestellt wird,…“ versuchte Said umständlich seinen Fehler wieder gut zu machen. Blue blickte in die matte Sonne: „Was treibt denn Robby im Rosenpark?“ fragte sie, um vom Thema abzulenken. „Er amüsiert sich mit den Maskenkatzen…, sie treffen sich fast täglich dort…“ Blue seufzte innerlich. Sie konnte die Maskenkatzen und ihr vornehmes Getue nicht leiden. Plötzlich ahnte sie, dass die Geschichte mit Said wohl unwiderruflich zu Ende ging. Sie dachte an das dichte schwarze Fell des Korsaren und seinen breiten und doch eckigen Kopf mit den langen, stämmigen Beinen. Said blickte sie von der Seite an. Sie ahnten und fühlten es beide. Eine graudunkle Wolke schob sich vor die fahle Sonne. Eine plötzliche unangenehme Leere umgab Blue und Said, als sie sich geduckt durch die Beete mit den verwelkten Rosen schlichen. Vor einer immergrünen Hecke entdeckten sie Robby und die Maskenkatzen. Das rotgoldene Fell von Rouge loderte vor dem grauen Gebüsch wie eine strahlende Flamme. Robby sah ihnen argwöhnisch entgegen. Das Blau seiner Augen wurde heller und das hatte nichts Gutes zu bedeuten. „Said, mein Freund,…was hast du dir dabei gedacht, mit dieser Teufelin von einer Regenkatze hier in meinem Refugium aufzutauchen,…ich glaube es einfach nicht…“, sagte Robby gestelzt und senkte die Lider halb über die Augen. Blue war nahe davor, einfach umzukehren. Nur ihr brennender Wunsch, an Ralf Rache für Sooty zu nehmen, ließ sie stehenbleiben. Wieder dachte sie an das nachtschwarze Fell des Korsaren und ein seltsamer Trost ging davon aus. „Es ist etwas geschehen, Mahazedi…“, sagte Said schnell, weil er wusste, dass diese Anrede Robby besänftigte. Robby stöhnte, dann sagte er: „Ich höre, Said,…fasse dich bitte kurz…“ Die Maskenkatzen scharrten mit den Pfoten und spitzten ihre Ohren. „Mitsou, die zweite Katze aus dem „Moulin Rouge“ wurde nun auch getötet…, ich denke, ein Katzenmörder geht in der Altstadt um…“ „Was du nicht sagst…“, sagte Robby, „eine zweite Straßenkatze ist umgekommen,…eine, die auf den Strich ging…“ Er machte eine kurze Pause, dann sagte er mit einem vernichtenden Blick auf Blue: „Es ist mir so gleichgültig, was mit diesen Katzen passiert, als würde ein Reissack in China umfallen…, wie kannst du mich mit so einem bodenlosen Unsinn behelligen…“ Saids Augen wurden vor Erstaunen ganz rund. Er begann herumzustottern, sah hilflos zu Blue hinüber und setzte wieder an: „Aber Robby,…vielleicht sind wir alle in Gefahr…vielleicht ist ja Ralf der Katzenmörder, der gelbe Kater, der Sugar…, der Sugar…“ Said verlor den Faden. „Ralf,…ich kenne keinen Ralf…, wer ist das, ich wüsste nicht, was ich mit dieser Kreatur zu tun hätte…“, donnerte Robby und die Maskenkatzen hielten sich erschrocken die Pfoten vor ihr Mäulchen. Robby wandte sich grinsend Said zu und sagte: „Ich habe im Vorort der weißen Villen keine Berührung mit derlei Kreaturen, aber vielleicht bist du ja in Gefahr, werter Freund bei deinem vertrauten Umgang mit Straßenkatzen…“ Er warf Blue einen vielsagenden Blick zu. Plötzlich fühlte Blue eine betäubende Erschöpfung in den Knochen und sie konnte sich nicht länger beherrschen. „Vielleicht bist ja du der Täter,…du mit deinem grenzenlosen Rassendünkel und deinen großkotzigen Reden…“, schrie sie. Said zuckte zusammen und vergrößerte schnell den Abstand zu Blue. Nervös sah er zu Robby hinüber, der ohne mit der Wimper zu zucken, sagte: „Hat jemand von euch etwas gesagt, ich habe nichts gehört,…“ Blue war für ihn Luft. „Lasst uns zurück in den Vorort der weißen Villen gehen…“, sagte er auffordernd und wandte sich zum Gehen. Die Maskenkatzen flüsterten hinter vorgehaltener Hand und drängten sich dicht hinter Robby durch die immergrüne Hecke. Said zögerte, seine Augen wanderten schnell von Blue zu den flüchtenden Maskenkatzen und zurück. „Blue, es tut mir leid, Blue…“, begann er. „Lauf doch,…lauf ihm wieder nach, deinem Mahazedi, dem Heiligen Birmakater, der sieht…“, sage Blue böse. Sie dachte, dass es keinen Sinn hatte, mit diesen Rassekatzen noch mehr Zeit zu verlieren, es war wichtig, so schnell wie möglich den Täter zu finden. Said blieb auf halben Weg stehen, dann lief er langsam Schritt für Schritt zu Blue zurück. „Ich werde dir helfen, Blue,…Robby geht in meinen Augen zu weit…“, sagte er und senkte leicht beschämt die Augen. „Komm heute Nacht zu mir in den Laden, dann fressen wir erst das Lachs-Sushi zusammen und dann machen wir einen Erkundungsgang durch die Altstadt…“, schlug er mit einem verschmitzten Lächeln vor. Blue streckte sich. Erst wollte sie das Angebot ablehnen, doch dann nickte sie. Außer Mona, die geflüchtet war, war Said die einzige Hilfe weit und breit. Sie war entschlossen, den Täter nicht entkommen zu lassen. Auf eigenartige Weise war sie zur Anführerin der Katzen geworden, was die Aufklärung dieser Mordfälle betraf. Ohr an Ohr verließen sie den winterlichen Park. Der Gedanke, den Täter aufzuspüren, verband die beiden erneut. „Wir müssen uns auf Ralf und Magnolia konzentrieren…“, sagte Blue und Said nickte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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