Christiane Mielck-Retzdorff

Plan und Schicksal

 

 

Zu Beginn des 16. Jahrhundert lebte der Marquis de la Mont mit seiner Familie auf seinen umfangreichen Ländereien im südlichen Frankreich nahe den Pyrenäen in einem mächtigen Schloss. Seine fünf Kinder wuchsen unter der strengen Aufsicht einer Gouvernante heran, doch gerade die drei Knaben suchten auch oft die Herausforderungen der wilden, üppigen Natur in der Nähe. Der Älteste von ihnen war Leonard, der als erstgeborener Sohn auch den Titel des Vaters und damit dessen Pflichten, Ansehen und ein großes Vermögen erben würde.

Mit 18 Jahren verliebte sich Leonard in die wunderschöne, kluge, zurückhaltende Theresa, eine Dienstmagd. Dass sich männliche Angehörige der herrschenden Schichten mit weiblichem Personal vergnügten, war üblich und wurde geduldet. Aber Theresa war ein anständiges Mädchen von 16 Jahren und wollte den katholischen Vorstellungen entsprechend als Jungfrau in die Ehe gehen.

Es entsprach nicht Leonards Art, die junge Frau zu bedrängen, doch er wusste, dass er die Initiative ergreifen musste, um der Angebeteten näher zu kommen. Immer wieder versuchte er Theresas Wege zu kreuzen, mit ihr zu sprechen, was eine Dienstmagd ihm nicht verweigern durfte. Diese konnte nicht verhindern, dass die Erscheinung des äußerst attraktiven, zu ihr stets höflichen Mannes langsam Gefühle in ihr weckte. Sie begann bei Leonards Anblick zu erstrahlen, errötete bei seinen Komplimenten und erzitterte, wenn er sie zufällig berührte. So nahm das Schicksal seinen Lauf.

Nachdem beide ihre aufsteigenden Begierden befriedigt hatten, wuchs die Liebe zwischen den jungen Leuten weiter. Dabei suchten sich nicht nur die körperliche Nähe zueinander sondern erfreuten sich auch an gemeinsamen Spaziergängen, dem Lauschen des Plätscherns eines Baches und langen Gesprächen. Leonard war sich irgendwann sicher, dass er mit dieser Frau den Rest seines Lebens verbringen wollte. Und dieser Wunsch gewann noch an Ernsthaftigkeit, als Theresa schwanger wurde.

Immer wieder entstanden aus den Beziehungen zwischen Herrschaft und Personal Bastarde. Vor deren Geburt wurden die Frauen des Anwesens verwiesen und erhielten mit Glück eine Abfindung. Doch so ein Schicksal wollte Leonard seiner Liebsten ersparen. Kurzerhand suchte er mit Theresa den Pfarrer einer entfernten Gemeinde auf und heiratete sie. Dabei hoffte er mit der Schaffung von Tatsachen, seine Familie von der Ernsthaftigkeit seiner Entscheidung zu überzeugen, eventuelle Strafmaßnahmen abzuwenden.

Als der Marquis von dem eigenmächtigen Handel seines Erstgeborenen erfuhr, zögerte er nicht. Leonard wurde ohne einen Heller verstoßen, musste das Schloss und die Gegend mit seiner Gattin umgehend verlassen. Nur seine Mutter erbarmte sich und steckte ihren Sohn zum Abschied etwas Geld zu.

Seines Anspruchs auf den Titel Marquis de la Mont beraubt, nannte sich das Paar fortan Lamont. Damit die Schwangere ein Dach über dem Kopf hatte, nahm Leonard eine Anstellung als Landarbeiter auf einem Bauernhof an. Dort wurde auch sein Sohn Leon geboren. Die Familie für die Leonard arbeitete, waren Calvinisten, also Hugenotten, die schon bald fliehen mussten, um dem grausamen Gemetzel durch die Truppen des Königs zu entkommen. Vorher übertrugen diese den Bauernhof an Leonard und seine Frau Theresa. Das Ehepaar bekam noch 7 weitere Kinder.

 

Leon

 

Von dieser Geschichte wussten Ulrike und Peter Lamont natürlich nichts, als sie ihrem Erstgeborenen den Namen Leon gaben. Es war die Mutter gewesen, die sich diesen Namen gewünscht hatte, weil die Verbindung von Vor- und Nachnamen beinahe eine Verheißung in sich barg. Hießen so nicht Künstler oder Adlige? Dabei wusste sie genau, dass ihre romantischen Träume nie Wirklichkeit werden würden, weil seit Leons Geburt feststand, dass er später die Familienschlachterei übernehmen sollte. Schon in dritter Generation befand sich der Betrieb im Besitz der Lamonts, warf genug ab, um eine Familie zu ernähren und sich kleine Wünsche zu erfüllen.

Der Junge erlebte neben seiner jüngeren Schwester eine sorgenfreie Kindheit. Die Schule und selbst der Umgang mit Computern fiel ihm leicht. Er hätte problemlos das Gymnasium geschafft, doch sein Vater bestand darauf, dass ein mittlerer Schulabschluss für einen Schlachter ausreichte.

Als Leon zu einem Teenager herangewachsen war und die ersten Barthaare sprossen, unterschied er sich erheblich von seinem kräftigen, untersetzten Vater mit eher gewöhnlichen Gesichtszügen. Schnell kursierten Gerüchte, dass die Mutter ihren Gatten ein Kuckuckskind untergeschoben hatte. Diese verflüchtigten sich aber schnell wieder, weil Ulrike Lamont als anständige, ehrbare Frau bekannt war.

Fast erschien es aber so, als würde sich der Traum der Mutter von dem Künstler oder Adligen in der Erscheinung ihres Sohnes erfüllen. Doch sie war sich bewusst, dass kein Weg daran vorbeiführte, dass Leon das Handwerk des Schlachters erlernte und den Familienbetrieb übernahm. Jede andere Entscheidung würde seinen Vater tief enttäuschen.

Der attraktive, junge Mann zog früh die Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts auf sich, doch seine Interessen lagen eher beim Sport und guten Leistungen in der Schule. Trotzdem erwachte natürlich auch in ihm langsam ein gewisses körperliches Verlangen, der Wunsch nach Berührungen einer Frau oder durch eine Frau. Außerdem hatten beinahe alle seiner Freunde eine Beziehung, traten meistens paarweise auf. Leon suchte und fand schnell eine junge Frau, die ihm gefiel, machte seine ersten Erfahrungen mit dem Pussieren. Doch ein tiefes Gefühl verband ihn weder mit dieser noch deren Nachfolgerinnen.

Als er eines Tages vom Sport kam, auf dem Heimweg eine Abkürzung durch ein Waldgebiet nahm, entdeckte er auf einer Lichtung ein weibliches Wesen, das ganz allein durch die Gräser streifte, diese mit ihren Händen streichelte und mit der üppigen Natur eins zu werden schien. Der Anblick fesselte Leon so sehr, dass er sein Fahrrad ins Gestrüpp legte und sich der Lichtung näherte.

Von der jungen Frau, die entrückt zu tanzen begann, wurde er nicht bemerkt. Obwohl diese Jeans und T-Shirt trug, glich sie einer Elfe. Ihr langes, blondes, gewelltes Haar schwebte getragen vom Wind mit ihren Bewegungen. Nur wenige Vögel sangen, doch deren Melodie verband sich mit der magischen Vorstellung der jungen Frau. Dabei versprühte sie einen Liebreiz, der Leons Herz auf eine nie gekannte Weise berührte. Freude und Glücksgefühle durchströmten ihn. Schließlich riss er sich von dem Anblick los und schlich sich davon.

Schon als er wieder auf dem Fahrrad saß, schalt er sich, einem Trugbild erlegen zu sein. Doch dann erinnert er sich, dass er die junge Frau an seiner Schule gesehen hatte. Sie lernte zwei Klassen unter ihm, war vermutlich erst 14 Jahre alt, also ein Mädchen und noch keine richtige Frau. Leon hatte wohl nur einem spielenden Kind zugeschaut. Und trotzdem erfüllte ihn bei der Erinnerung eine unbeschreibliche Wärme, der Wunsch nach Nähe zu diesem märchenhaften Wesen.

Als er das Mädchen am nächsten Tag auf dem Schulhof erspähte, spürte er keinen Zauber mehr. Doch das änderte sich, als sich ihre Blicke zufällig trafen. Die Luft zwischen beiden begann zu schwingen und eine verheißungsvolle Melodie erklang, die niemand außer ihnen hören konnte. Unauffällig erkundigte sich Leon nach dem Namen des Mädchens. Sie hieß Maria.

Der Verstand des jungen Mannes verdrängte die Erlebnisse. Bald würde er die Schule abschließen und Maria nie wiedersehen. Dann begann die Schlachterlehre bei seinem Vater. Schon früh hatte Leon begriffen, dass ein so mörderisches Geschäft die meisten jungen Frau abschreckte. Er würde sich mit einer Lebensgefährtin begnügen müssen, die die Vorurteile gegenüber Schlachtern nicht teilte, sondern erkannte, was für ein einträgliches Geschäft mit dieser Tätigkeit verbunden war.

Und tatsächlich blieb Leon während seiner Lehre ohne Partnerin. Das war auch den unregelmäßigen Arbeitszeiten geschuldet, die ihm häufig die Teilnahme an Veranstaltungen am Wochenende verbot. Es war seine Vernunft, die ihn dieses klaglos ertragen ließ. Wenn er den Familienbetrieb übernommen hatte, würde ihm ein finanziell sorgloses Leben bevorstehen.

Doch es kam anders. Eines Tages eröffnete in der Gemeinde ein großer Supermarkt mit eigener Schlachterei. Dieser bot seine Fleischprodukte weit günstiger an als der kleine Familienbetrieb. Nur dessen Erhaltung der bekannt hohen Qualität und der Treue der Kundschaft war es zu verdanken, dass dieser noch einige Zeit überlebte. Aber es wurde immer deutlicher absehbar, dass die Schlachterei von Leons Vater nicht mehr lange bestehen konnte.

Als die Familie das endlich begriff, entschloss sich der Vater ohne Rücksprache mit Leon, den Laden zu verkaufen. Ein Gastronomiebetrieb zeigte großes Interesse daran. Da die Eltern steht sparsam gelebt hatten und über nicht unerhebliche, finanzielle Rücklagen verfügten, wollten sie nun den Ruhestand genießen. Seine jüngere Schwester hatte eine Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin begonnen und bald eine innige Beziehung zu ihrem Chef entwickelt. Gutaussehend, schlau und unkompliziert wie diese war, hörten viele schon die Hochzeitsglocken läuten.

Als Leon seine Lehre mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, stand er vor einer ungewissen Zukunft. Natürlich hätten etliche Großschlachtereien ihn mit Kusshand eingestellt, aber dieser Gedanke missfiel ihm. Ungebunden und ohne Sorgen um seine Familie suchte er sein Glück im Ausland. Da er recht annehmbar Englisch sprach, entschied er sich für Großbritannien. Dort fand er eine Anstellung bei einer Großschlachterei in Cornwall. Dazu hatte er sich nur entschlossen, weil er dadurch die Möglichkeit bekam, ein anderes Land kennenzulernen und seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Die Arbeit war anstrengend und für Leon wenig befriedigend. Zum Glück fand er ein kleines Zimmer mit eigenem Bad bei einer Witwe. Diese namens Winterpark lebte in einem hochherrschaftlichen Haus mit großem, wohlgepflegtem Garten. Den zu pflegen, war ihre einzige Tätigkeit, die sie gewissenhaft und mit Liebe ausführte. Wenn Leon abends, meistens recht müde in seinem Zimmer ankam, setzte er sich sofort ans Fenster und schaute auf die Bäume, Büsche und Beete, wo es üppig blühte. Das war die Freude seines Tages.

Mrs. Winterpark mochte ihren Mieter, seine Erscheinung und seine zurückhaltende Art. Schon bald bat sie ihn, am späten Nachmittag einen Tee mit ihre im Garten zu trinken. Nun konnte Leon die grüne Oase näher betrachten, war voller Bewunderung für das Werk seiner Gastgeberin. Diese fühlte sich geschmeichelt und wurde nicht müde, Leon etwas über die Pflanzen zu erzählen. So lernte er, welche miteinander nicht nur optisch harmonierten, wie die Pflege erfolgreich zu gestalten war und Unkraut von erwünschten Gartenbewohnern zu unterscheiden.

Es ergab sich von ganz allein, dass der junge Mann seiner Vermieterin half. Er entwickelte auch eigene Gestaltungsideen und gab Anregungen, die von Mrs. Winterpark dankbar aufgenommen wurden. Schließlich erkannte er schon allein am Geruch der Erde, welche Pflanzen sich in ihr wohlfühlten. So wurde der Garten immer prachtvoller. Die Arbeit in der Schlachterei wurde für Leon mehr und mehr zur lästigen Pflicht.

Um in seinen Arbeitskollegen nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, er hätte überhaupt kein Interesse an ihnen, besuchte er mit den Männern gelegentlich ein Pub. Dabei wurde er belächelt, weil er nicht so trinkfest war wie seine Kumpane, sich bei Bier und Schnaps lieber zurückhielt. War beides dann reichlich geflossen, musste Leon sich prahlerische Geschichten anhören, die meistens Frauen betrafen. Die Kellnerin des Pubs duldete mit geringschätzigem Lächeln die mit steigendem Alkoholgenuss zunehmenden, anzüglichen Bemerkungen der Männer. Leon zwang sich, wenigstens hin und wieder zu lächeln und war stets froh, wenn solche Treffen vorüber waren.

Drei Jahre lebte der junge Mann schon in Cornwall, als eines Tages ein Freund seiner Vermieterin zu Besuch kam. Es war ein herrlicher Sommertag und Leon durfte gemeinsam mit dem Gast und Mrs. Winterpark im Garten den Tee einnehmen. Der Fremde war voll des Lobes für die außergewöhnlich prachtvolle Grünanlage. Die Witwe lächelte stolz, doch scheute sich nicht, den Beitrag ihres Mieters an der Gestaltung hervorzuheben.

Der Gast war ein Franzose, der in der Provence in einem Schloss lebte. Er war so angetan von diesem Garten, dass er Leon fragte, ob er nicht auch seinen Park so fürstlich anspruchsvoll anlegen könnte. Der junge Mann errötete und gestand, dass er eigentlich Schlachter sei und auch kein französisch sprach. Das störte den Fremden nicht. Er war sogar angetan von dieser Ehrlichkeit. Mrs. Winterpark fand die Idee großartig, drängte ihren Mieter geradezu, das Angebot anzunehmen. Leon erbat sich eine Nacht Bedenkzeit.

Er saß bei offenem Fenster in seinem Zimmer, erfreute sich am Duft des Gartens, dem Zwitschern der Vögel. Sollte er das Angebot des Gastes annehmen? Die Arbeit im Garten empfand er mittlerweile als Erfüllung. Doch durfte er sich zutrauen, eine riesige Parkanlage zu gestalten? Mrs. Winterpark schien keine Zweifel daran zu hegen. Gern hätte er sich mit einer Person seines Vertrauens beraten, doch seine Eltern und seine Schwester würden bestimmt versuchen, ihm auszureden, den sicheren Beruf des Schlachters hinzuwerfen. Gleiches erwartete er auch von seinen Freunden in der Heimat.

Unvermittelt kam ihm Maria in den Sinn. Schon vor einiger Zeit hatte er von ihr eine Freundschaftsanfrage über Facebook erhalten und zugestimmt. Damit waren beide über das soziale Netzwerk miteinander verbunden. Seltsamerweise hatte er nach dem Verlassen Deutschlands oft an Maria gedacht, ohne zu wissen, warum. Doch wenn er ein Foto von ihr sah, erwärmte sich sein Herz. Allerdings wusste er, dass die junge Frau unerreichbar für ihn war, denn sie hatte sich jüngst mit einem Verwaltungsbeamten verlobt.

Leon erinnerte sich an die Szene als Maria noch ein Mädchen gewesen war und verträumt auf einer Wiese getanzt hatte. Dieses Bild erschien oft in seinen Träumen. Und so geschah es auch in dieser Nacht. Doch anders als sonst veränderte es sich. Zur jungen Frau gereift kam Maria langsam und lächelnd auf ihn zu. Dann hörte er sie sagen:

„Leon, folge deiner Berufung.“.

Als er morgens erwachte, hatte er die Entscheidung, nach Frankreich zu gehen, getroffen.

Als er das Schloss seines neuen Arbeitgebers und den Park zum ersten Mal sah, fragte sich der junge Mann, ob er verrückt geworden sei, so eine große Aufgabe anzunehmen. Ihn erwarteten eine unüberschaubare Grünanlage mit alten Bäumen, großen Rasenflächen und allerlei Wildwuchs. Das Thema blühende Pflanzen war bisher eindeutig vernachlässig worden. Auch die Hecken zeigten einen Pflegerückstand.

Leon konnte glücklich sein, dass sein Schlossbesitzer ihm 8 Arbeiter zur Seite stellte, die ihn bei der Herausforderung unterstützten. Zuerst verschaffte er sich einen Überblick, zeichnete einen Grundriss von dem Park, den er auf sein Laptop übertrug. Ein eigens dafür angeschafftes Programm half ihm bei seinen Planungen. Bäume wollte er auf keinen Fall fällen lassen. Aber ansonsten gab es viel zu tun, zu verändern, zu erschaffen.

Es dauerte zwei Jahre bis der Park Leons Vorstellungen entsprach. Sein Auftraggeber war hingerissen von diesem Werk und veranstaltete eine große Feier zur Eröffnung seines Parks. Zu dieser erschien alles, was in Frankreich Rang und Namen hatte. In den Medien erschienen Berichte und Fotos. Plötzlich war aus dem zurückhaltenden Schlachter Leon Lamont ein hochgeachteter Landschaftsarchitekt geworden. Diejenigen, die sein buntes Werk schmälern wollten, in dem sie immer wieder erwähnten, dass er nur Schlachter und nicht mal Gärtner sei, verstummten bald angesichts der hervorragenden und fachmännischen Arbeit, die Leon abgeliefert hatte.

Der junge Mann wurde zu einem Star der Medien, konnte sich vor Folgeaufträgen kaum retten. Mit diesem Erfolg hatte er nicht gerechnet und fühlte sich geradezu überrollt. Es waren die extra angereiste Mrs. Winterpark und sein Auftraggeber, die ihn schließlich an die Hand nahmen. Sie ermutigten ihn, sein eigenes Unternehmen zu gründen, Gärtner anzustellen und sich sorgfältig zu überlegen, welchen Anfragen er zustimmen wollte. Da Leon mittlerweile perfekt Englisch und Französisch sprach, rieten die beidem ihn, sich erstmal auf diesen Sprachraum zu beschränken. So blieb und arbeitete Leon in Frankreich.

Aus ihm wurde ein erfolgreicher Unternehmer, der trotzdem bescheiden blieb. Sein Talent und sein Fachwissen in der Gestaltung von Parks und Gartenanlagen fand oft lobende Erwähnung in den Medien. Aus dem Schlachter war ein Künstler geworden, so wie seine Mutter es sich immer erträumt hatte.

Der Erfolg verbunden mit seinem guten Aussehen weckte nun selbst das Interesse von Frauen aus der gehobenen Gesellschaft am dem jungen Mann. Die reiche und schöne weibliche Gesellschaft buhlte geradezu um ihn. Und er wäre kein Mann, wenn er deren Drängen nicht nachgeben würde. Doch keine von ihnen konnte den Zauber in ihm wecken, der Leon einst bei dem Anblick der tanzenden Maria erfüllte. Auch langweilten ihn die Gespräche seiner Begleiterinnen, die sich am liebsten nur über Mode, Reisen und andere Oberflächlichkeiten unterhielten. Außerdem fehlte ihnen die Liebe zur Natur, den Pflanzen, Blumen und Tieren.

Leon wusste, dass irgendwo das Glück, die Liebe auf ihn wartete. Warum ihm dabei immer wieder Maria in den Sinn kam, konnte er nicht erklären. Sie lebte ein ganz anderes Leben als er und würde bald heiraten.

 

 

 

Maria

 

Schon früh war das Mädchen dazu erzogen worden, Regeln ohne Widerworte zu befolgen, auf Pünktlichkeit zu achten und bei allein Entscheidungen vor allem ihren Verstand zu gebrauchen. Dieses zu begreifen, konnte natürlich von einem Kleinkind noch nicht erwartet werden. So wurde ihr oft träumerisches Spiel von den Eltern anfangs noch geduldet. Kaum dass Maria laufen und sprechen konnte, tanzte und sang sie gern. Als sie dann aber meinte, phantastische Wesen wie Elfen, Feen und Zauberer zu sehen, griffen ihre Eltern ein und führten sie auf den Weg der Vernunft.

Ihr Vater war Verwaltungsbeamter, der es ohne Universitätsstudium bis in den höheren Dienst geschafft hatte. Solange die beiden Kinder klein waren, arbeitete ihre Mutter halbtags in der Behörde. Mit zwei Beamtengehältern samt Kinderzuschlag verfügte die Familie über ein ansehnliches Einkommen. Und die Eltern von Maria und ihrem jüngeren Bruder ließen nie einen Zweifel daran zu, dass auch beide Kinder eine Beamtenlaufbahn einschlagen sollten.

Maria verbrachte eine sorglose Jugend. In der Schule hatte sie keine Probleme, war anpassungsfähig und wohlerzogen. Nur wenn sie alleine und unbeobachtet durch die Natur streifte, traute sie sich zu singen und zu tanzen. Sie fühlte, dass in ihr noch eine, vom Verstand wenig zu kontrollierende Seite schlummerte, die sie zwar unterdrückte, die sich aber trotzdem immer wieder einen Weg suchte, ins Licht zu treten.

Schon als Teenager interessierte sie sich für Kunst und klassische Musik, was grundsätzlich durchaus zu einem gebildeten Mädchen passte, doch ihre Eltern für vollkommen überflüssig hielten. Sich mit schöngeistigen Dingen zu beschäftigen, galt ihnen als unvernünftig vergeudete Kraft. Auch Marias Liebe zur Natur, zum Genuss des Duftes nasser Bäume, der Bewunderung von den leuchtenden Farben der Blumen und den tanzenden Gräsern auf einer Wiese erzeugte bei den Eltern lediglich Missfallen. Solche Gedanken passten nicht in die sachliche Welt treuer Staatsdiener.

Maria wollte nicht ungehorsam sein, auch wenn in ihrem Innersten etwas gegen eine strenge Ordnung rebellierte. Heimlich schlich sie sich davon, um in der Einsamkeit unter Blattwerk zu träumen. Und eines Tages erkannte sie auf dem Schulhof in nur einem Blick von Leon einen Seelenverwandten. Andererseits konnte sie dieses nicht in Einklang mit der Vorstellung bringen, dass ihr Schulkamerad Schlachter werden wollte. Trotzdem schlich er sich immer wieder in ihre Gedanken.

Wie allseits erwartet, machte Maria eine Lehre zur Verwaltungsbeamtin. Sie war eine sehr ansehnliche, junge Frau, was den Männern nicht entging. Doch es drängte sie nichts, sich auf einen Mann einzulassen. Ihr Eltern hatten Maria gelehrt, dass sie die Wahl eines Partners mit sehr viel Vernunft angehen sollte. Als sie ihren ersten Freund, einen Studenten der Geschichte, ihren Eltern vorstellte, lehnten sie diesen ab, weil mit diesem Studium kaum eine Karriere zu machen war.

Auch andere Kandidaten fanden aus den unterschiedlichsten Gründen nicht die Zustimmung der Eltern. Doch dann stellte Maria ihnen Thomas vor, einen Finanzbeamten im gehobenen Dienst. Dieser entsprach genau den Vorstellungen der Eltern, war von durchschnittlich attraktiver Erscheinung, sparsam und vernünftig. Zwar hegte die junge Frau keine tiefen Gefühle für diesen Mann, doch ihre Mutter hatte ihr stets versichert, dass sich bei der Wahl eines zuverlässigen Partners die Liebe von selbst einstellen würde.

Deswegen zwang sich Maria, ihren Wünschen und Träumen zu entsagen und die Vernunft über ihre Zukunft entscheiden zu lassen. Doch sie konnte sich nicht gegen das Wohlgefühl wehren, das sie erfüllte, wenn sie an Leon dachte. Zwar sagte ihr der Verstand, dass sie diesen gutaussehenden Mann gar nicht kannte und sie bei einem brutalen Schlachter nicht wissen konnte, ob er nicht zu Gewalt gegenüber seiner Partnerin neigte, aber das unerklärliche Sehnen ihres Herzens verwarf solche Gedanken umgehend.

Als Maria eines Tages eine Zeitschrift aufschlug, traute sie ihren Augen nicht. War dieser attraktive Mann, der als genialer Architekt von Parks und Gärten gefeiert wurde, nicht ihr Schulkamerad Leon Lamont? Zwar hatte sie ihn gelegentlich auf Facebook gesucht, doch nur wenige Bilder oder Berichte über sein Leben gefunden. Einige Fotos von Büschen und Blumen, die sie auf seinem Profil entdeckte, hatten sie jedoch tief berührt. Auf den Bildern, die sie fortan in Zeitschriften sah, war Leon oft flankiert von weiblichen Schönheiten, so als würde sich die Presse mehr für Leons Liebesleben als für seine genialen Arbeiten interessieren.

Diese Anblicke stachen in Marias Herz. Ihr war, als würde damit an den Grundfesten der irdischen Ordnung gerüttelt. Aufgewühlt schalt sie sich eine Närrin. Dieser Leon hatte mit ihrem Leben doch gar nichts zu tun. Sie warf die Zeitschriften in den Papierkorb.

Anlässlich ihrer Verlobung schenkten Marias Eltern dem Paar eine Reise durch Frankreich. Thomas hätte zwar lieber eine Radtour durch die Eifel unternommen, wagte aber nicht, das großzügige Geschenk abzulehnen. Also tröstete er sich damit, sein Rennrad mitzunehmen und in Frankreich zu radeln. Maria wollte sich lieber Museen, Schlösser und Parks anschauen. So verbrachten sie einen Großteil ihres gemeinsamen Urlaubs getrennt.

Als Maria ein sehr altes Schloss am Fuße der Pyrenäen besuchen wollte, plante ihr Verlobter eine Bergtour mit dem Rad. So war sie allein, als sie das Gemäuer betrat und andächtig durch die Räume schritt. Dieser Ort übte eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie aus, sie fühlte sich beinahe daheim, umgeben von freundlichen Geistern.

Schließlich stand sie vor einem Gemälde, auf dem ein junger Mann abgebildet war. Ihr Atem stockte, sie erblasste. Plötzlich stand jemand neben ihr und sprach sie auf Französisch an. Sie stammelte etwas auf Deutsch, worauf der Mann ihr akzentfrei antwortete. Er war ziemlich alt mit schlohweißen Haaren und geradezu magischen Augen. Er fragte behutsam:

„Was erschreckt Sie so an diesem Gemälde?“

Maria sammelte sich und antwortete:

„Wer ist dieser junge Mann? Er gleicht einem ehemaligen Schulkameraden von mir wie ein Ei dem anderen.“

Der Alte lächelte auf eine seltsam wissende Art.

„Sie sehen hier Leonard de la Mont, den erstgeborenen Sohn des Marquis de la Mont.“

Die Verwirrung der jungen Frau hätte ob der Namensähnlichkeit nicht größer sein können. Sie riss sich zusammen.

„Finden sie nicht, dass eine große Ähnlichkeit zwischen ihm und dem berühmten Gärtner Leon Lamont besteht?“

„Natürlich, besonders da ich weiß, dass Leonard de la Mont einst seinen Titel aufgeben musste und sich fortan Lamont nannte.“

Dann erzählte der Mann die Geschichte von der Liebe des jungen Adligen zu der Magd Theresa, die seinen Vater dazu veranlasste, seinen Erben zu verstoßen. Das verheiratete Paar bekam 8 Kinder, von denen der Erstgeborene Leon hieß.

„Meinen Sie wirklich, Leon Lamont könnte ein Nachfolger dieser Familie sein?“, fragte die junge Frau ungläubig.

„Ich bin ganz sicher. Wichtig ist auch noch, dass Leonhard sich mit seinem Vater an dessen Sterbebett versöhnte, aber freiwillig auf seinen Titel verzichtete. Er war glücklich und zufrieden mit seinem Leben und wollte seinem jüngeren Bruder nichts wegnehmen. Die Familie fand wieder zusammen und nahm nun auch Theresa in ihrer Mitte auf. Folgen Sie mir bitte.“

Maria war vollkommen aufgewühlt, zitterte leicht, so dass der Alte ihre Hand nahm und sie vorsichtig mit sich zog. Beide gingen nur einen Raum weiter, wo die Gemälde von verschiedenen Frauen an der Wand hingen. Vor einem von diesen blieb der Mann stehen. Maria schaute hoch auf das Bild und ihre Beine versagten den Dienst. Sie sackte in die Arme ihres Begleiters. Rücksichtsvoll setzte er sie auf einen alten, edel bezogenen Stuhl, dessen Benutzung Besucher sonst verboten war. Doch die beiden waren ganz allein.

„Ich fürchtete bereits, dass auch dieses Gemälde Sie erschrecken wird. Aber sorgen Sie sich nicht, denn dass sie heute hier sind, entspricht einem Plan des Schicksals. In wenigen Minuten wird Leon Lamont erscheinen, um die Parkanlage des Schlosses in Augenschein zu nehmen. Erst jüngst erzählte ich ihm die Geschichte seiner Vorfahren und es war ihm ein Bedürfnis, kostenlos die Gestaltung der Grünanlagen des alten Schlosses seiner Familie zu übernehmen. Natürlich werde ich ihn auch durch diese Räume führen und er wird erkennen, wie ähnlich er Leonard de la Mont sieht und in dem Gemälde von Theresa ihr Antlitz sehen.“

Plötzlich fühlte Maria wie die Ketten der Vernunft, die ihr Herz und ihr Hirn ihr ganzes Leben lang umschlugen hielten, im Feuer der Gewissheit verglühten. Sie stand auf und ging zur Tür. Dort blickte sie sich noch einmal zurück, doch der alte Mann war verschwunden. Als sie sich wieder umdrehte, stand Leon vor ihr. Kein Zweifel trübte das, in beiden aufsteigende Gefühl inniger Liebe. Mit einem tiefen Blick in die Augen streichelten sie einander die Seelen. Dann sank Maria wie selbstverständlich in Leons Arme.

 

Das alte Schloss wurde von einer Stiftung, die durch Spenden und Erbschaften über ein beträchtliches Vermögen verfügte, verwaltet. Diese bot Leon an, während der Neugestaltung des Parks in einem ungenutzten Teil des Schlosses zu wohnen. Dort zog er mit Maria ein. Nachdem er sein Werk vollendet hatte und die Besucher in Scharen Eintritt bezahlten, um durch die prachtvolle Grünanlage zu schlendern, wurde dem Meister des Gartenbaus ein lebenslanges Wohnrecht im Schloss übertragen. Dort lebten Maria und Leon als Ehepaar mit ihren vier Kindern glücklich und zufrieden. Dabei gehörten die Geister der Vergangenheit auch zur Familie.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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