Lara Bingger

Anders als beim letzten Mal

Die Depressionen sind nicht so wie beim letzten Mal.
Tatsächlich kommt es mir tagsüber gar nicht so vor, als ob ich überhaupt darunter leiden würde. Allerdings stellen sie sich ein, sobald sich der Tag dem Ende zuneigt. Ich habe das Bedürfnis mich in mein Bett zu legen und nie wieder aufzustehen. Aber am nächsten Tag tue ich es ja doch. Dann kann es ja nicht so schlimm sein…

Ich verbringe meinen ganzen Tag auf diversen Videoplattformen, denn dabei sind die Gedanken im Untergrund meines Gedächtnisses vergraben, da wo ich sie nicht fühlen kann. Am schönsten sind jene Abende, an welchen ich lachend vor meinem Handy einschlafe und nicht in dieses alles verschlingende Loch gesogen werde. Oder ich höre mir Musik an, solange bis die endlose Schleife ineinander verschwimmender und mich betäubender Töne meine Augen langsam niederdrückt.

Alles, nur nicht mit meinen Gedanken allein sein.

Wieso sollte es problematisch sein, wenn es doch so gut funktioniert? Lieber ist es mir, meine Augen tränen vor Lachen, als plötzlich und unaufhaltsam bei jeglicher Konfrontation mit meiner eigenen Lebenswirklichkeit. Das mag dramatisch klingen, denn Wirklichkeit, wie sie gemeinhin verstanden wird, sind die äußeren Zustände. Ich habe eine Familie, die sich um mich sorgt, ausreichend soziale Kontakte, ernähre mich ausgewogen, mache Sport, etc. Gewiss sind all dies Faktoren, die äußere Stabilität und Struktur bieten, doch hilft das nicht, wenn das Innere auseinanderfällt.

Ich kann wissen, dass Sport Glückshormone ausschütten wird, doch bleibt dies nur eine temporäre Stütze für ein chronisches Problem.

Ich kann wissen, dass ein Treffen mit meinen Freunden mir sozialen Halt bieten wird, doch fühle ich mich trotzdem einsam und missverstanden.

Ich kann wissen, dass ein geordneter Tagesablauf mich dabei unterstützen wird, besser einschlafen zu können, doch wie hilft mir eine Struktur ohne Inhalt?

Ich kann nicht mehr. Aber es geht jeden Tag weiter. Und ich gehe mit. Ich muss stark sein. Für die, die es nicht sind. Es wird nicht leichter. Es wird jeden Tag schwieriger. Das Bewusstsein der Situation gegenüber erschwert und erleichtert zugleich. Ich kann mir helfen, ich kenne die Möglichkeiten, ich habe das Wissen. Mir ist es doch leicht gemacht. Dahingegen geht die Wunde jedes Scheiterns doppelt so tief. Und das Scheitern ist unausweichlich.

>> Jetzt geht es dir schon wieder so erbärmlich, hast du aus deinen bisherigen Erfahrungen denn nichts gelernt? Du wirst dein Leben lang immer wieder an denselben Hürden scheitern. <<

Nett, sowas.

Aber die Depressionen schreien mir das nicht ins Gesicht. Sie verspeisen mich schadenfroh von innen, während mein Bewusstsein langsam vor dem Bildschirm verrottet. :-)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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