Christiane Mielck-Retzdorff

Ein altes Gemäuer

 

Die von Bäumen und Sträuchern gesäumte, schmale, asphaltierte Straße führte zwischen Wiesen und Feldern hindurch. Außer einigen fernen Hochspannungsleitungen zeugte nichts von moderner Zivilisation. Agneta, die ältere Tochter des Fahrers, starrte unablässig auf ihr Handy, weil sie fürchtete, in dieser Einöde keinen Empfang mehr zu bekommen.

„Bist Du sicher, dass wir hier richtig sind?“, fragte sie zweifelnd ihren Vater.

Dieser deutete nur auf das Display seines Navis, dass die Fahrtroute anzeigte.

„Wenn uns jetzt jemand entgegenkommt, müssen auf den Grasstreifen ausweichen.“, meckerte die junge Frau auf dem Beifahrersitz. „Zum Glück haben wir uns für den Geländewagen entschieden.“

Auf der Rückbank saß ihre jüngere Schwester Florin, die mit entzücktem Blick die Natur bestaunte. Schließlich sagte sie:

„Es ist unglaublich, dass sich in so kurzer Entfernung von der Großstadt eine so bäuerliche Landschaft zeigt. Ich freue mich schon auf den Spaziergang mit Tiffy.“

„Was heißt ‚kurze Entfernung‘. Wir sind schon über eine Stunde unterwegs.“

Im Gegensatz zu ihrer Schwester liebte Agneta den Trubel der Großstadt, saubere Gehwege und umfangreiche Einkaufsmöglichkeiten. In Menschansammlungen fühlte sie sich geborgen. Im Internet hatte sie viele Freunde, weswegen sie nun ein Foto schoss, untertitelt mit ‚in der Pampa‘, um deren Mitleid zu erregen. Der Erfolg stellte sich prompt ein.

„Bald sind wir da.“, beruhigte Manfred Seiler seine Tochter.

„Wieso hast Du überhaupt diesen Auftrag angenommen?“, fragte diese missmutig. „Wir haben doch genug zu tun.

Manfred Seiler besaß ein Abbruchunternehmen, dem die Wiedervereinigung und der Bauboom reichlich Gewinne eingebracht hatten. Also hatte nicht die Not ihn getrieben, sich um den Abrisses eines alten Guthauses zu bewerben. Dieses Objekt eignete sich hervorragend dafür, seiner Tochter Agneta, als erwünschte Nachfolgerin im Betrieb, ihre zukünftige Tätigkeit näher zu bringen. Ein einsam liegendes Gebäude auf einem weiträumigen Grundstück verzeiht Fehler bei seinem Abriss.

„Ich habe den Auftrag noch gar nicht angenommen, sondern wir sehen uns das Objekt erstmal an, damit wir ein Angebot für den Abriss erstellen können.“

Agneta hörte nur halbherzig zu, weil sie mit ihrem Handy beschäftigt war. Also fuhr ihr Vater fort:

„Die Aufgabe wird dann Dir übertragen.“

Diese Aussage weckte das Interesse der jungen Frau. Die Vorstellung eigenverantwortlich arbeiten zu dürfen, schmeichelte ihr.

„Schaut mal, dort auf der Wiese stehen Rehe.“, verkündete Florin begeistert.

Sie öffnete das Fenster neben sich und streckte den Kopf etwas hinaus.

„Es duftet nach Frühling. Hört ihr die Vögel zwitschern?“

Ihre Schwester und der Vater antworteten nicht, weil sich ihre Gedanken um die Unternehmensnachfolgte drehten.

„Hier muss es bald sein.“, sagte Manfred Seiler schließlich.

Agneta starrte abwechseln auf die Straße und das Navi, während Florin aufmerksam nach rechts und links blickte. Dann rief sie:

„Ich glaube, dort sehe ich die Einfahrt.“

Sie zeigte auf eine Lücke in dem dichten Knick links von der Straße. Der Vater ging vom Gas und hielt an.

„Der Eigentümer hat Wort gehalten und die Zufahrt von Gestrüpp befreit. Nun bin ich bespannt, was uns erwartete.“

Im hinteren Teil des Wagens begann Tiffy aufgeregt zu quicken. Florin hatte sich kurz nach dem Tod ihrer Mutter in diese Hündin verliebt und ihr Vater sah sich nach dem tragischen Verlust nicht in der Lage, seiner Tochter den Wunsch, das Tier mit nach Hause zu nehmen, abzuschlagen. Und wie sie es versprochen hatte, kümmerte sie sich zuverlässig um Tiffy.

Angesichts des Gestrüpps auf beiden Seiten des Sandweges maulte Agneta:

„Ich komme mir vor wie auf einer Urwaldexpedition.“

„Aber Agneta, das ist doch ein märchenhaft mystisches Gelände, das ich gleich mit Tiffy erkunden werde.“, warf Florin ein.

„Hast Du denn auch deine Machete mit?“, scherzte die Schwester ohne Verständnis für diesen Plan.

„Keine Sorge. Wir sind es gewohnt, uns durchs Unterholz zu kämpfen. Leider haben wir so wenig Gelegenheit dazu.“

Nun tauchte das alte Gutshaus vor den langsam Herannahenden auf. Es war ein trutziger Bau aus roten Ziegeln. Sein Anblick hatte beinahe etwas Bedrohliches für Agneta und ihren Vater, während Florin voller Andacht auf das Gemäuer schaute. Dann sagte sie ehrfürchtig:

„Seht mal. Überall drumherum wuchert das Grün, aber die Mauern sind ohne Bewuchs. Es scheint so, als würde die Natur respektvoll Abstand von dem Haus halten.“

„Wie erfreulich.“, kommentierte der Vater. „Das macht den Abriss einfacher.“

„Und auch die mächtige Einfangstür aus Holz und die Fenster sind noch unversehrt. Über diesem Gebäude liegt ein Zauber.“

„Florin, nun übertreib mal nicht.“, mischte sich ihre Schwester ein. „Papa, da drüben können wir parken. Zum Glück habe ich meine Video-Drohne dabei. So müssen wir uns nicht durch das Gestrüpp kämpfen. Ich lasse sie einfach um das Haus herumfliegen.“

„Gut, dass Du daran gedacht hast.“, lobte der Vater. „Lass uns damit beginnen, das Gebäude von innen zu begutachten.“

Die Drei stiegen aus dem Geländewagen. Agneta packte ihre Sachen wie Fotoapparat und Notizblock zusammen und schritt mit ihrem Vater zügig auf den Hauseingang zu.

„Hast Du den Schlüssel, Papa?“

„Der Auftraggeber sagte mir, das Haus sei unverschlossen.“

Florin kämpfte noch mit sich, ob sie zuerst das alte Gemäuer ansehen oder mit Tiffy einen Streifzug unternehmen wollte. Der Hund nahm ihr die Entscheidung ab, weil er gleich im Unterholz verschwand. Also sagte sie:

„Ich gehe mit Tiffy spazieren.“

Die beiden anderen öffneten ohne Anstrengung die schwere Eingangstür. Diese machte nicht den Eindruck, jahrelang nicht benutzt worden zu sein. Vater und Tochter sahen sich erstaunt an. Dann betraten sie die großzügige Eingangshalle mit ihren kunstvollen Bodenfliesen. Alles machte einen sauberen und gepflegten Eindruck.

„Wie ungewöhnlich, dass der Eigentümer ein zum Abriss bestimmtes Haus vor dessen Besichtigung noch putzen lässt.“, bemerkte Manfred Seiler.

Beide schauten sich beeindruckt in dem hohen Raum mit seinen holzvertäfelten Wänden um. Dann schritten sie andächtig zu einer der massiven, von dort abgehenden Türen, öffneten diese und traten ein.

 

Florin konnte nur am Rascheln unter den Sträuchern ahnen, wo sich ihr Hund gerade aufhielt. Wie sollte sie ihm folgen? Doch dann entdeckte sie einen Trampelpfad. Vermutlich fand auf ihm regelmäßig Wildwechsel statt, so dass Gestrüpp und Gras niedergetreten waren. Diesem Weg folgte die junge Frau.

Tiffy war aufgeregt damit beschäftig, ständig neue Gerüche aufzunehmen, denen zu folgen, bis sich eine andere Spur in ihre Nase drängte. Doch auch immer wieder kehrte sie auf den Pfad zurück, schaute sich nach Florin um, ob diese ihr auch folgte. Ein bisschen fühlte sich die junge Frau tatsächlich wie im Urwald, wie in eine Zeit zurückversetzt, als die Natur noch nicht größtenteils für Menschen als Naherholungsgebiet kultiviert war, noch nicht Pflastersteine das Bild einer Landschaft prägten. Verträumt blickte sie sich, vorsichtig ihre Schritte wählend, in diesem Paradies nordischer Natur um.

Plötzlich erreichte sie den Rand einer riesigen Wiese. Tiffy stand neben ihr und blickte neugierig in die Weite. Es herrschte Frühling und die Sonne bahnte sich immer wieder einen Weg durch die dahineilenden Wolken. Dann schimmerte das Gras in verlockendem Grün. In Hintergrund hämmerte ein Specht und am Himmel kreiste ein Bussard. In einem Busch neben ihnen zwitscherte eine Gruppe Feldspatzen. Kein Geräusch der modernen Zivilisation war zu hören. Florin durchströmte das Glückgefühl, Teil einer großartigen Schöpfung zu sein.

Dann meinte sie am anderen Ende der Wiese etwas zu erspähen. Galoppierte dort eine Gruppe von Reitern neben dem Knick? Tatsächlich Pferde, auf denen Menschen in roten Röcken saßen. In einem Abstand vor ihnen rannte eine Meute Hunde. Florin wusste aus dem Fernsehen, dass früher mit Hunden gejagt wurde und die Reiter dabei rote Röcke trugen. Doch um diese Jahreszeit durfte das Wild wegen des Nachwuchses eigentlich nicht gestört werden.

Gerade als Florin meinte, einer romantischen Illusion erlegen zu sein, löste sich aus der Gruppe ein Reiter und galoppierte direkt auf sie zu. Zu unwirklich kam ihr die Situation vor, als dass sie sich gerührt hätte. Seltsamerweise blieb auch Tiffy ganz ruhig und legte sich sogar entspannt zu Füßen ihrer Besitzerin.

Pferd und Reiter näherten sich schnell. Nun wurde Florin doch etwas mulmig, denn sie befanden sich ja auf fremdem Gelände. Hatten sie unwissentlich ein Naturschutzgebiet betreten? Erst jetzt bemerkte die junge Frau, dass sie die Leine für ihren Hund im Auto vergessen hatte. Auch wenn Tiffy noch immer auf dem Boden lag, keine Anstalten machte zu wildern, würde ein strenger Naturschützer sie wohl tadeln. Selbst ein Bußgeld könnte verhängt werden. Doch Florin flüchtete nicht zurück ins Dickicht, sondern wollte sich, sollte sie sich tatsächlich falsch verhalten haben, den Folgen ihres Handelns stellen.

Etwa 20 Meter vor ihnen, kam das imposante, dunkelbraune Pferd zum Stehen. Sein Reiter saß ruhig und schaute Florin an. Nicht dessen stattliche Erscheinung oder ihr schlechtes Gewissen ließen die junge Frau schweigend seinen Blick erwidern, sondern ihr Gefühl, Teil eines magischen Augenblicks zu sein. Wie hinter einem Milchglas verschwamm die Wirklichkeit. Dieser Mann mit seinen dunklen Haaren, edlen Gesichtszügen, den strahlenden Augen und der muskulösen Figur sah wie ein starker und gutmütiger Eroberer aus. Doch er trug keinen roten Jagd Rock oder eine Uniform, sondern ein kariertes Baumwollhemd wie ein Arbeiter. Während sich Florin noch diesem Anblick hingab, verschwand das Bild.

Florin lächelte, denn sie kannte ihre Neigung zu Tagträumen.

„Das war ein interessanter Typ. Was meinst Du, Tiffy?“

Die Hündin war jedoch schon aufgesprungen und wieder im Unterholz verschwunden. Also machte sich die junge Frau, immer noch erfüllt von dem phantastischen Erlebnis auf den Rückweg. Vor dem alten Gemäuer konnte sie ihren Vater und die Schwester nicht entdecken. Also ging sie in das Gebäude und war ebenfalls erstaunt darüber, wie sauber dort alles war. Die Holztreppe, die nach oben führte, machte eine stabilen Eindruck. Die Neugierde trieb Florin hinauf.

Von den ebenfalls blank geputzten Dielen der Galerie gingen verschiedene Türen ab. Langsam trat sie in einen, von dem durch die Fenster fallenden Sonnenlicht hell erleuchteten Raum. Verzierte beigefarbene Fliesen bedeckten den Boden. Die Wände waren kunstvoll durch Tapeten mit Ornamenten aus Blumen und Vögel geschmückt. Erstaunlicherweise sahen diese aus, als wären sie gerade erst angebracht worden.

Plötzlich erschien ein Schaukelstuhl vor dem Fenster, in dem lächelnd eine alte Frau, gekleidet wie in früheren Zeiten, saß. Schon wieder so ein Tagtraum, vor dem sich Florin natürlich nicht ängstigte. Und wie wollte ihn auch nicht durch Worte stören. Also schaute sie diese Erscheinung stumm an. Diese Dame schien sie willkommen zu heißen. Florin umfing das Gefühl, daheim zu sein. Doch dann hörte sie aus der Ferne die Stimme ihrer Schwester und schon war die Erscheinung verschwunden.

Erst jetzt bemerkte Florin, dass Tiffy wieder neben ihrem rechten Bein auf dem Boden lag und ruhig in die Richtung blickte, wo sie eben noch gemeint hatte, eine alte Frau im Schaukelstuhl zu sehen.

„Lass uns zu den anderen gehen.“, forderte sie ihre Hündin auf. „Agneta klang ganz aufgeregt.“

Vater und Schwester traf sie vor dem Gebäude. Beide waren mit der Fernsteuerung für die Video-Drohne beschäftigt.

„So eine Scheiße.“, meckerte Agneta. „Wie sollen wir denn in dem ganzen Gestrüpp die Drohne wiederfinden?“

Manfred Seiler freue sich über die unversehrte Rückkehr seiner zweiten Tochter.

„Da bist Du ja wieder, mein Schatz. Wir wollten die Drohne losschicken, damit sie ein Video macht, das uns die hintere Ansicht des Gebäudes zeigt. Bevor nicht das ganze Gestrüpp weg ist, kommen wir dort nicht hin. Aber nun hat Agneta den Kontakt zu der Drohne verloren.“

„Keine Ahnung, was da passiert ist.“, kommentierte die Schwester. „Ich mache das ja nicht zum ersten Mal. Aus irgendeinem Grund kommt mein Signal nicht mehr bei der Drohne an. Eigentlich kann sie nicht abgestürzt sein. Das Wetter ist trocken, kaum Wind. Ich bekomme auch keine Fehlermeldung. Sie kann doch nicht einfach weg sein.“

Florin versuchte ein Lächeln zu unterdrücken, denn für sie war diese Vorstellung nach ihren beiden Tagträumen nicht besonders verwunderlich. Doch natürlich hielt sie dem Mund.

„Was soll’s.“, gab Agneta auf. „Wir haben genug gesehen. Lasst uns nach Hause fahren. Mir geht dieser einsame, trostlose Ort sowieso auf die Nerven.“

Auf der Heimfahrt fragte Florin ihren Vater:

„Wem gehört das Gebäude eigentlich?“

„Wer der Eigentümer ist, weiß ich nicht. Ich wurde von einem Anwalt kontaktiert, der für seinen Mandanten handelte.“

„Und wie alt ist es?“

„So etwa 100 Jahre sagte der Anwalt.“

„So ein Blödsinn.“, mischte sich Agneta ein. „Nach dem Zustand des Gebäudes zu urteilen, muss es wesentlich jünger sein.“

„Da gebe ich Dir Recht.“, antwortete der Vater. „Aber für dieses Alter spricht, dass es im ganzen Haus keine elektrischen Anschlüsse gibt.“

„Gut, das verringert die Gefahr, wenn wir den Kasten platt machen.“, stellte Agneta nüchtern fest.

Wieder daheim angekommen, setzte sich die ältere Tochter gleich an ihren Schreibtisch und fasste die Daten, die sie bisher ermittelt hatten, zusammen, während sich die jüngere im Garten auf einen Stuhl gesetzt hatte und ihren Gedanken nachhing.

Manfred Seiler betrachtete voller Stolz die fleißige Agneta. Ihr begeisterter Einsatz für das Abbruchunternehmen entband ihn von der Sorge um seinen späteren Nachfolger und ließ ihn nicht mehr bedauern, dass seine Frau ihm keinen Sohn geboren hatte. Agneta verstand sich auch bei den raubeinigen, männlichen Angestellten durchzusetzen, wurde wegen ihres klugen Kopfes und des sachlichen Denkens bereits von allen geschätzt, auch wenn sie ihre Ausbildung noch gar nicht begonnen hatte.

Sein Blick ging in den Garten, wo Florin mit entrücktem Lächeln dem Tanz der zart belaubten Bäume im lauen Wind zuschaute. Sie träumte mal wieder vor sich hin. Auch wenn die Schwestern sich ähnlich sahen, unterschied sich ihr Wesen doch deutlich. Agnetas Gedanken und Taten folgten ihrem Verstand und ihrer Vernunft. Florin, auch wenn sie ihren schulischen Pflichten gewissenhaft nachkam, schien sich manchmal in einer Welt der Träume zu verlieren. Das war einer erst 15jährigen nachzusehen, doch ihre nur ein Jahr ältere Schwester war schon immer sehr bodenständig gewesen.

Immer wieder tauchte vor Florins Augen das Bild des stolzen Mannes auf dem Pferd auf. Natürlich war ihr bewusst, dass dieses nur ein, ihrer Phantasie entsprungenes Trugbild sein konnte. Aber wodurch war es hervorgerufen worden? Der Mann hatte nicht mal einem Schauspieler ähnlich gesehen, den die junge Frau vielleicht aus dem Fernsehen kannte. Und wieso war das Gebäude nicht gealtert, hatten die üppig wildwachsenden Büsche und Sträucher beinahe ehrfurchtsvoll von dessen Mauern Abstand gehalten? Lag dieser Ort wohlmöglich in einer Zeitschleife, zu der Vergangenes Zutritt hatte? Das würde auch die Erscheinung der alten Dame erklären.

Am folgenden Tag schlich die junge Frau in das Büro ihres Vaters auf der Suche nach der Telefonnummer des Rechtsanwalts, der nach einem Angebot für den Abriss des Gebäudes gefragt hatte. Diesen rief sie an und war froh, dass eine Angestellte sich meldete. Florin stellte sich als Tochter von dem Abbruchunternehmer Seiler vor und bat darum, den Namen des Eigentümers des Grundstücks zu erfahren. Diese antwortete prompt:

„Karl Augustin Friedemann Baron Demeter.“

Offensichtlich war die Frau im Stress, denn nun fiel ihr auf, dass sie dieses nicht hätte preisgeben dürfen.

„Entschuldigen Sie. Das habe ich mit einem anderen Mandanten verwechselt. Um Grundstücksangelegenheiten wenden Sie sich bitte an meinen Chef persönlich.“

Das Zittern in ihrer Stimme verriet Florin, dass dieses eine Lüge war, doch sie verabschiedete sich. In ihrem Zimmer durchforstete sie das Internet nach „Baron Demeter“. Offensichtlich handelte es sich um eine Familie, die dem alten Landadel angehörte. Diese verließ 1939 Deutschland und siedelte nach Uruguay um. Mehr war nicht zu finden.

Florin hätte das Gebäude gern noch einmal angeschaut und fragte ihren Vater, ob sie ihn beim nächsten Besuch begleiten dürfte. Die Antwort gab ihre Schwester:

„Der Abbruch wurde vorerst verschoben oder ein anderes Unternehmen hat den Auftrag bekommen. Für uns ist die Angelegenheit damit zum Glück erledigt. Ich habe den Anwalt nur noch darum gebeten, dass, wenn dort eine Videodrohne gefunden wird, diese an mich zurückzugeben wird.“

Zwar war Florin durch diese Nachricht etwas enttäuscht, aber es fiel ihr nicht schwer, aus ihrer Traumwelt ins reale Leben zurückzukehren.

 

Drei Jahre später. Nun war es Sommer. Agneta hatte ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und leitete zusammen mit ihrem Vater das Abbruchunternehmen. Florin hatte gerade sowohl ihr Abitur als auch ihre Führerscheinprüfung bestanden. Dafür bekam sie von ihrem Vater ein kleines Auto geschenkt. Zwar kostete es sie einige Überredungskunst, aber nun durfte sie ab dem Herbst Geschichte studieren. Sie liebte es, in ihren Gedanken durch alte Zeiten zu streifen.

Natürlich hatten die beiden attraktiven Frauen schon Erfahrungen in der Liebe gemacht. Doch während Agneta in einer festen Beziehung zu einem der leitenden Angestellten des Abbruchunternehmens lebte, wollte Florin vorläufig ihre Freiheit bewahren. Sie war neugierig, was für junge Männer ihr an der Universität begegnen würden.

Während Agneta schon gänzlich in die Arbeitswelt eingebunden war, konnte ihre Schwester den Sommer noch ohne Verpflichtungen genießen. So kam Florin die Idee, an diesem sonnigen Tag zu dem alten Gebäude zu fahren, wo sie mit Tiffy durch die Natur streifen konnte. Außerdem interessierte es sie, was sie an diesem Ort erwartete. Stand auf dem Gelände vielleicht jetzt ein protziger Neubau? Fröhlich machte sie sich mit ihrer Hündin auf den Weg.

Ihre Schwester saß derweil im Büro und arbeitete. Unangemeldet betrat ein Mann den Raum und stellte sich als Carlos Demeter vor.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Agneta und spürte sogleich ein Kribbeln im Bauch.

Durchtrainierte Körper kannte sie zur Genüge von ihren Angestellten, doch dieser Mann verband damit ein selbstbewusstes und vornehmes Auftreten, obwohl er keinen Anzug trug. Zusätzlich sah er ausnehmend gut aus. So wie sein klarer, wohlwollender Blick auf der jungen Frau ruhte, brache er Agneta sogar in Verlegenheit. So ein Gefühl der Unsicherheit war ihr bisher fremd gewesen.

„Ich fand kürzlich auf meinem Grundstück eine Videodrohne. Ich fürchte aber, dass die Witterung ihr zugesetzt hat. Sie wird wohl nicht mehr funktionieren. Mein Rechtsanwalt sagte mir jedoch, dass Sie wünschen, diese zurückzubekommen.“

Der Mann legte einen Pappkarton auf den Schreibtisch.

„Das ist sehr nett von Ihnen. Danke.“, antwortete Agneta schüchtern. „Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“

Der Gast nahm das Angebot an. Beide setzten sich an den Tisch im Büro und die junge Frau begann ein unverfängliches Gespräch, um ihre Verwirrung zu verbergen.

„Ihnen gehört also das Grundstück mit dem alten Gemäuer. Ist es mittlerweile abgerissen?“

„Nein, ganz im Gegenteil. Ich lasse es renovieren.“

„Oh, wollen Sie es danach vermieten?“

„Nein, ich beabsichtige mich selbst dort niederzulassen.“

Agneta nahm einen Schluck Kaffee.

„Darf ich Ihnen noch etwas Gebäck anbieten?“

„Nein, danke.“, antwortete Carlos Demeter mit einem bezaubernden Lächeln.

Agneta verschlug es kurzzeitig die Sprache, doch schnell hatte sie sich wieder gesammelt.

„Das Gebäude liegt ja auch auf einem besonders schönen Fleckchen Erde.“

„Richtig, und eignet sich durch das dazugehörige Land besonders gut, den landwirtschaftlichen Betrieb wieder aufzubauen.“

Diese Nachricht behagte der jungen Frau wenig, denn ein bäuerliches Leben auf dem Land hielt sie für wenig erstrebenswert. Sie bevorzugte das Stadtleben, doch die Anziehungskraft, die von ihrem Gast ausging, überdeckte ihr Gefühl der Abneigung.

„Das ist wirklich eine erfüllende Tätigkeit.“, rang sie sich eine Zustimmung ab.

„Damit handle ich ganz in der Tradition unserer Familie. Zwar wandelten schon meine Vorfahren nach Uruguay aus, aber betreiben auch dort im Wesentlichen Landwirtschaft.“

„Sie wuchsen also in Südamerika auf. Dafür sprechen Sie aber sehr gut Deutsch.“

„Bei uns Zuhause wurde immer Deutsch gesprochen.“, erklärte Carlos Demeter. „Meine beiden Eltern stammen aus deutschstämmigen Familien. Aber natürlich spreche ich auch Spanisch, Französisch und Englisch.“

Agneta war beeindruckt.

„Und was trieb Sie nach Deutschland zurück?“

„Ich wollte auf den Spuren meiner Vorfahren wandeln. Das Anwesen mit den ganzen Ländereien schenkte einst mein Ururgroßvater seiner Tochter, meiner Urgroßmutter, die später verfügte, dass dieses niemals an Fremde verkauft werden dürfte. Na ja, rein rechtlich ist so eine Entscheidung sicher anfechtbar, doch sie sorgte dafür, dass alles im Eigentum unserer Familie blieb. Gegenstand von Erbstreitigkeiten wurde das Anwesen nie. Also konnten meine Eltern es problemlos an mich übertragen, als ich beschloss, nach Deutschland zu gehen.“

„So dürfen Sie sich über ein außergewöhnliches Geschenk freuen. Von welcher Fläche sprechen wir denn da?“ fragte Agneta neugierig und ärgerte sich gleich darüber, wie offensichtlich sie ihr Interesse an dem Wert des Anwesens zur Schau stellte.

Carlos Demeter zögerte kurz und sagte dann:

„Das weiß ich gar nicht so genau, aber es sind etliche Hektar Wiesen, Felder und Wald.“

Agneta wollte dem Gast noch einen Kaffee nachschenken, doch er lehnte dankend ab. Mit den Worten „Ich habe noch einen Termin.“ erhob er sich. Die junge Frau begleitete ihn zur Tür. Beide standen sich gegenüber und schauten sich an. Dann reichten sie sich die Hände. Agneta rang verzweifelt darum, eine Möglichkeit zu finden, diesen Mann wiederzusehen, doch ihr versagte die Stimme. Carlos, der noch immer ihre Hand hielt, musterte sie. Schließlich sagte er:

„Darf ich Sie morgen Abend zum Essen einladen?“

„Gern!“, schoss es aus Agneta heraus.

„Gut, dann hole ich Sie um 19 Uhr ab.“

Mit einem Lächeln ging Carlos Demeter. Die junge Frau konnte ihr Glück kaum fassen. Dieser gutaussehende, selbstbewusste, starke, gebildete und reiche Mann war genau der Partner, den sie sich für ihr Leben gewünscht hatte. Wenn sie erst ein Paar waren, würde sie ihm die Idee mit der Landwirtschaft schon austreiben. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Anwesens könnten sie sich eine noble Stadtvilla leisten, große Reisen unternehmen und sorgenfrei leben. Die väterliche Firma könnte ihr jetziger Freund Noah als Geschäftsführer übernehmen. So hätten alle nur Vorteile.

Trotzdem wollte sie diese Begegnung und das bevorstehende Essen erstmal für sich behalten. Erst wenn sie Carlos Demeter fest an der Angel hatte, würde sie sich ihrem Vater und ihrer Schwester offenbaren. Nur durch Schweigen behielt sie alle Fäden in der Hand.

 

Derweil fuhr Florin mit Tiffy auf der Straße entlang, an der nach ihrer Erinnerung das alte Gemäuer zu finden war. Doch langsam befürchtete sie, sich verirrt zu haben. Mit den Knicks und Wiesen sah alles so gleich aus. Die Hündin wurde immer unruhiger, wollte endlich hinaus in die Natur. Schließlich parkte Florin in einem Sandweg, der in die Feldmark führte. Beide stiegen aus und die junge Frau sog verzückt die von verschiedenen Naturgerüchen geschwängerte Luft auf. Sie folgten dem schmalen Weg, der offensichtlich selten genutzt wurde. Schließlich endete er an einer riesigen Wiese, deren Betreten kein Tor oder Zaun behinderte.

Tiffy blieb stehen und schaute über die grüne Weite. Zuerst bemerkte Florin eine Gruppe von schottischen Hochlandrindern, die friedlich grasten und sich durch den Besuch nicht stören ließen. An anderer Stelle weideten Schafe, deren Rasse der jungen Frau unbekannt war. Rechts angrenzend an die Wiese begann ein großer Wald. An dessen Rand meinte sie Schweine, ebenfalls unbekannter Rasse zu entdecken. Plötzlich tauchten drei Esel neben der jungen Frau und ihrem Hund auf, begafften die Ankömmlinge und schritten dann gemächlich weiter.

Andächtig betrachtete Florin diese Szene, während ihre Hündin ruhig neben ihrem rechten Fuß auf dem Boden lag. Dann entdeckte sie noch einen Wagen in der Ferne stehen, den sie als mobilen Hühnerstall kannte. Außerdem gab es noch hölzerne Unterstände für die Tiere, die alle friedlich zusammen auf dieser großen Wiese lebten. Als sich dann noch eine Ricke mit ihrem Kitz dazugesellte, war das Bild eines harmonischen Miteinanders perfekt. Die junge Frau seufzte vor Freude, hatte Tränen in den Augen. Dieser Ort musste das Paradies sein.

Florin setzte sich auf den, von der Sonne erwärmten Boden und gab sich ihren Träumereien hin. So muss es auf der Welt einst ausgesehen haben, bevor die Menschen alles zupflasterten, die Tiere als Fleischlieferanten in engen Ställen hielten und alles durch Zäune voneinander getrennt war.

Plötzlich kroch Tiffy verängstigt auf den Schoß der jungen Frau.

„Was hast Du denn?“, fragte sie verwundert ihre Hündin und folgte dann deren verstörtem Blick. Aus dem Dickicht waren drei riesige, weiße Hunde hervorgekrochen und beäugten das auf dem Boden sitzende Paar. Florin kannte diese als Pyrenäen Hunde, die Herden vor Wolfsangriffen beschützten. Angriffslustig sahen diese nicht aus und es war ja ihre Aufgabe, jeden Eindringling einzuschätzen. Schnell erkannten sie, dass von der jungen Frau und ihrer Hündin keine Gefahr ausging, legten sich entspannt in die Sonne. Tiffy tat es ihnen gleich.

Auch wenn Florin gern für den Rest ihres Lebens verweilt hätte, erhob sie sich und beide gingen zurück zum Auto. Dabei fühlte sich die junge Frau als gäbe es keine Zeit mehr. Vergangenheit und Gegenwart schienen ineinander zu fließen, Wirklichkeit und Traum tanzten miteinander. Erst als sie vor ihrem Gefährt stand, schüttelte sie energisch diese Gedanken ab.

Florin wollte nach Hause fahren, doch plötzlich entdeckte sie die Auffahrt zu dem Gebäude, dass sie eigentlich gesucht hatte. Frech fuhr sie einfach den Weg bis zum Ende entlang und hielt. Dort standen auch drei Kastenwagen von einer Elektrofirme. Die Tür zu dem Haus stand weit offen. Das wirkte wie eine Einladung.

Die junge Frau betrat die Eingangshalle, in der sich nichts verändert hatte. Doch eine Tür zum Keller stand offen und von dort unten waren Stimmen zu hören.

„Verdammte Scheiße. Ich habe alle Leitungen nun schon mehrfach überprüft, doch der Strom will einfach nicht fließen.“, motzte ein Mann aus der Tiefe.

„Am Sicherungskasten liegt es auch nicht.“, erklärte ein anderer. „Sind die Anschlüsse ans Stromnetz überprüft?“

„Für wie doof hältst Du mich eigentlich. Das habe ich zuerst gemacht.“

‚Es wird also Strom im Haus verlegt.“, dachte Florin. ‚Dann soll es wohl wieder bewohnt werden.‘

Sie schaute nach oben, wo ein riesiger Kronleuchter von der Decke hing. Früher war er vermutlich mit Kerzen bestückt, diese anzuzünden sicher jedes Mal eine Herausforderung gewesen war. Doch nun nahmen deren Platz Glühbirnen ein. Neben der Eingangstür entdeckte Florin einen Lichtschalter. Ohne zu wissen, was sie dazu bewog, ging sie dort hin und drückte diesen.

Sogleich erstrahlte die Eingangshalle in hellem Licht. Erst jetzt bemerkte die junge Frau, wie wunderschön die Decke mit einem Motiv aus Himmel, Wolken und Vögeln bemalt war.

Plötzlich drang erstauntes Geschrei aus dem Keller.

„Was hast Du gemacht?“

„Keine Ahnung, aber es funktioniert. Wir haben Licht im Keller. Lass uns schnell nach oben gehen und sehen, ob der Strom auch in allen anderen Räumen fließt.“

Florin beschloss den Ort eilig zu verlassen. An der Tür schaute sie sich um und erspähte oben an der Treppe die alte Dame, die sie schon vor drei Jahren in einem der Zimmer im Obergeschoss gesehen hatte. Diese lächelte sie verschwörerisch an. Die junge Frau erwiderte das Lächeln und verschwand.

Im Auto hatte Tiffy brav gewartet, doch sprang, kaum wurde die Tür gehöffnet, heraus. Erst jetzt bemerkte Florin, dass vieles von dem wildwuchernden Gestrüpp gerodet war. Wer immer hier einzog, beabsichtigte wohl, seine Gebäudeauffahrt ordentlich gärtnerisch gestalten zu lassen. An einigen Stellen zeigte die Natur aber schon, dass sie ihre eigenen Vorstellungen hatte. Blumen sprossen hervor, Brombeersträucher versuchten ihr verlorenes Terrain zurückzuerobern.

Die junge Frau verharrte in ihren Betrachtungen. Das unerklärliche Gefühl, an diesem Ort zuhause zu sein, erfüllte sie. Sie würde schon einen sehr reichen Mann heiraten müssen, um die Hausherrin so eines großen Anwesens sein zu dürfen. Bisher waren ihre Ansprüche an das Leben nicht sonderlich hoch gewesen und das sollte sich auch nicht ändern. Also verscheuchte sie diese Gedanken. Trotzdem schaute sie sich noch einmal zu dem alten Gemäuer um. Darin stand am Fenster die alte Dame und winkte ihr zu.

 

Nach ihrem ersten gemeinsamen Abendessen, bei dem Carlos Demeter seine Begleiterin nicht nur mit der Auswahl eines sehr teuren Restaurants beeindruckte, sondern auch mit seinen Erzählungen von Reisen und Besuchen kultureller Veranstaltungen wie der Oper, trafen sich die beiden regelmäßig. Die bodenständige Agneta fühlte sich dadurch in unbekannte Welten versetzt und hoffte, mit diesem gebildeten, charmanten Mann bald Ähnliches zu erleben.

Auch wenn ihr die Zurückhaltung des Mannes hinsichtlich körperlicher Berührungen gefiel, wünschte Agneta sich doch immer sehnlicher, endlich von ihm geküsst zu werden, entschuldigte seine Schüchternheit aber damit, dass er so konservativ erzogen war, sich einer Frau erst intim zu nähern, wenn beide offiziell ein Paar waren.

Überglücklich war die junge Frau, als er sie einlud, das Anwesen kennenzulernen, in das er bald einziehen wollte. Zwar wusste er, dass Agneta es schon vor drei Jahren mit ihrem Vater in Augenschein genommen hatte, doch damals hatte sie das Gebäude als Abbruchobjekt betrachtet. Nun sollte es vielleicht ihr gemeinsames, neues Zuhause werden.

Agneta fühlte Erleichterung darüber, dass die wild wuchernden Sträucher neben der Auffahrt bereits gerodet waren. Doch als das große Haus vor ihr auftauchte, wirkte es auf sie geradezu furchteinflößend. Ihr Magen krampfte sich bei dem Gedanken zusammen, hier wenigstens vorrübergehend wohnen zu müssen. Ihr war, als strömte ihr aus jedem Stein Ablehnung entgegen. Aber als sie hörte, mit welcher Freude und welchem Stolz Carlos Demeter sein Anwesen pries, schalt sie sich eine Närrin und verscheuchte diese unvernünftige Angst.

„Die elektrischen Anlagen funktionieren schon.“, verkündete ihr Begleiter, als sie das Gebäude betraten. „Bereits in wenigen Wochen wird dieses alte Gemäuer über alle Annehmlichkeiten der heutigen Zeit verfügen.“

‚Man, muss dieser Kerl reich sein, wenn er sich das leisten kann.‘, dachte Agneta, doch beschränkte sie darauf, anerkennend zu lächeln.

Dann zeigte er der jungen Frau alle Zimmer und erklärte ihr, welche Vorstellungen von deren Nutzung und Einrichtung er hatte. Dabei deutete er Agnetas schüchternes Verhalten als Hochachtung vor diesem Gebäude und den Plänen seines Eigentümers. Doch tatsächlich schnürte Angst Agnetas Kehle zu. Sie fühlte sich von unsichtbaren Augen beobachtet, meinte ein ständig leise gerauntes „Du gehörst nicht hierher“ zu hören. Als sie wieder draußen am Auto standen, stammelte sie:

„Das alles ist wirklich großartig. Hier wird ein Prachtbau entstehen.“

Carlos Demeter runzelte die Stirn. War dieses alte Gemäuer nicht schon ein Prachtbau, auch wenn er selbst es als solchen nie gesehen hatte? Dies war der Sitz seiner Urahnen gewesen und er hielt es für seine Pflicht, diesen zu bewahren und in die Gegenwart mitzunehmen. An diesem Ort wollte er nur ein Landwirt sein. Nach einem protzigen Zuhause hatte ihm nie der Sinn gestanden. Schon länger fragte er sich, ob Agneta wirklich die Frau war, die ihn für den Rest seines Lebens begleiten sollte.

Aber er hatte von ihr geträumt. Nicht nur einmal sondern hunderte Male. Zwar war ihr Gesicht nur schemenhaft zu sehen gewesen, doch deutlich genug, um in Agneta die Frau seiner Träume wiederzuerkennen. Mit den Jahren zeigten die Träume seinen Weg in die Zukunft. Hier an diesem Ort, in diesem Haus sollte er mit seiner Traumfrau leben, Kinder großziehen und Landwirtschaft betreiben. In Südamerika glaubten die Menschen daran, dass die Ahnen uns in Träumen unser Schicksal offenbarten. Durfte er daran zweifeln?

In ihre Gedanken versunken, traten beide die Heimfahrt an. Als der Wagen vor Agnetas Heim hielt, traute sie sich, Carlos Demeter zum Abschied einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Selig huschte sie schnell davon.

 

Florin fiel sehr bald auf, dass sich die Gesichtszüge ihrer Schwester verändert hatten. Auch legte diese mehr Wert auf ihr Äußeres. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass Agnetas Partner dafür die Ursache war. Dieser war zwar ein hervorragender und zuverlässiger Angestellter des Abbruchunternehmens, doch eher grobschlächtig und besaß so wenig Feingefühl, dass er Agnetas Veränderung gar nicht bemerkte. In der Firma galten beide als Traumpaar, dessen Verbindung die Garantie für das Bestehen des Unternehmens bot. So sah es auch der Vater, Manfred Seiler.

Als die Schwestern allein und unbeobachtet waren, fragte Florin schließlich:

„Bist Du verliebt?“

Agneta war überrumpelt, doch meinte, nach kurzem Zögern, dass sie endlich ihre Familie einweihen sollte.

„Ja.“, gestand sie entrückt lächelnd. „Papa weiß aber noch nichts davon. Ich dachte, ich lade meinen Liebsten zu unserem jährlichen Sommerfest ein. Vielleicht geben wir dann unsere Verlobung bekannt.“

„Das ist ja toll.“, reagierte Florin mit aufrichtiger Freude. „Aber was ist mit Mats. Ihr seid doch noch ein Paar, oder?“

„Na ja, bisher scheute ich mich davor, ihm mitzuteilen, dass er ausgemustert ist, aber nun wird es wohl langsam Zeit. Und ich weiß schon, wie ich seinen Kummer lindere. Mein Zukünftiger ist nämlich sehr reich. Ich werde also nicht mehr arbeiten müssen. Außerdem werden wir viel auf Reisen sein. Also schlage ich Papa vor, Mats zum Geschäftsführer unserer Firma zu machen. Davon, den Laden eines Tages zu übernehmen, träumt er doch schon lange.“

„Das ist meine vernünftige, stets bestens vorbereitete Schwester.“, lobte Florin. „Du denkst an alles. Darf ich auch erfahren, wer der Glückliche ist, den Du heiraten wirst?“

„Nein, das bleibt noch mein Geheimnis. Du wirst ihn auf dem Sommerfest kennenlernen. Erstmal muss ich Papa von dieser Entwicklung berichten. Ich fürchte, ihm wird nicht gefallen, wenn ich aus der Firma aussteige. Aber da ich ihm gleich meinen Nachfolger präsentiere, wird er darüber hinwegkommen.“

Florin freute sich für ihre Schwester, dass sie den Mann gefunden hat, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Und natürlich war sie gespannt darauf, diesen kennenzulernen. Es musste schon ein außergewöhnlicher Typ sein, wenn ihre Schwester auf die Fortführung des väterlichen Unternehmens verzichtete. Eigentlich stand schon lange fest, dass Agneta in den Betrieb einsteigen würde, denn allen war klar, dass Florin keine Neigung hatte, diesen Job zu übernehmen. Da es ein Familienunternehmen war, sollte es auch in der Familie bleiben. Dieser Traum schien mit Agnetas Plänen ausgeträumt, aber Florin konnte sich durchaus vorstellen, dass es ihrer Schwester gelang, ihren Zukünftigen von dem Einstieg in das Unternehmen zu überzeugen.

Die junge Frau setzte sich in den Garten, schaute in die Bäume und Sträucher, ließ sich von der Sonne wärmen und gab sich einer leichten Schwermut hin. Auch sie wünschte sich einen Mann an ihrer Seite, wollte die große Liebe erfahren, aber etwas hinderte sie daran. Es war das Bild von diesem Reiter, welches sie nicht aus dem Sinn bekam. Immer wieder gab es junge Männer, die sich um ihre Zuneigung geduldig und sogar phantasievoll bemühten, doch sobald sie ihr Herz öffnen wollte, erschien das Bild vor ihrem geistigen Auge. Auch wenn sie sich selbst eine Närrin schalt, blieben ihre Gefühle an dieser Erscheinung haften und ließen keinen Eindringling zu.

 

Am Tag des Sommerfestes zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite. Die Sonne schien von einem makellos blauen Himmel und ein laues Lüftchen wehte. Das steigerte die gute Laune von Agneta, die nach einiger Überzeugungsarbeit ihren Vater für ihre Absichten einnehmen konnte. Gewissenhaft überwachte sie den Aufbau der Zelte, Tische und Stühle. Eine Fläche musste für die Parkplätze reserviert werden. Neben den Angestellten des Abbruchunternehmens wurden dessen Kunden, andere Geschäftsleute, einige ausgewählte Freunde und Bekannte erwartet. Florin kümmerte sich derweil um die Versorgung der Gäste mit Getränken und kulinarischen Genüssen.

Zwar war es selbstverständlich, dass sich die Schwestern und ihr Vater zu diesem Anlass herausputzten, doch Agneta hatte besondere Aufmerksamkeit auf Frisur, Make-up und Kleidung gelegt. Da Florin wusste, welchen Plan ihre Schwester hatte, sich an diesem Tag verloben wollte, hielt sie es für angemessen, sich zurückzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der Gastgeber vorbereitet war, trafen schon die ersten Besucher ein.

Schnell wurde es voll auf dem Firmengelände und dem zum angrenzenden Wohnhaus gehörenden Garten. Hände wurden geschüttelt, Getränke gereicht und Konversation betrieben. Oft ließ Florin ihre Blicke schweifen, um endlich den Liebsten ihrer Schwester zu entdecken, doch an deren Seite erspähte sie stets nur Mats, der die Trennung von Agneta offensichtlich überwunden hatte und sich bereits an der Stelle des zukünftigen Geschäftsführers sah.

Florin wurde gerade von einem Gast über ihre Zukunftspläne ausgefragt, als ihr von hinten jemand auf die Schulter tippt. Es war ihre Schwester, die voller Stolz sagte:

„Darf ich Dir Carlos Demeter, meinen Freund, vorstellen.“

Florin drehte sich um, lächelte erwartungsvoll, erstarrte dann kurz und reichte dem Mann zitternd die Hand. Dieser schaute sie zuerst wie eine unerklärliche Erscheinung an, bis er den Händedruck kräftig erwiderte. Ein Mann von der Catering-Firma rauschte heran und drängte Agneta mit den Worten:

„Bitte kommen Sie sofort mit. Die Bierzapfanlage funktioniert nicht.“

„Natürlich.“, antwortete die Angesprochene und fuhr fort:

„Ich kann Euch beide doch für einen Moment alleine lassen.“

Schon eilte Agneta davon. Carlos Demeter hatte nicht einen Augenblick aufgehört, Florin anzusehen. Diese starrte, innerlich bebend, auf den Boden. Über drei Jahre hatte sie das Bild verfolgt und nun stand dieser große, kräftige Mann mit dem Gesichtsausdruck des in sich ruhenden Erfolgsmenschen, dem so vertrauenserweckenden Blick und einer Aura aus Macht und Demut vor ihr. Das war kein Traumbild, sondern Wirklichkeit. Florins Inneres war so aufgewühlt, dass es ihr schwer viel, ihn anzusehen. Als sie es schließlich tat, versagte ihr die Stimme.

Carlos Demeters Gesichtszüge waren plötzlich verletzlich weich. Seinen Mund umspielte ein liebevolles Lächeln. Beide versanken in dem Gefühl des gegenseitigen Erkennens. Sie wehrten sich gegen den Wunsch des sich Berührens. Florins Verstand weigerte sich, die Verbindung von Traum und Wirklichkeit anzuerkennen, aber ihr Herz forderte dieses als Wahrheit ein. Carlos Demeter versuchte der lähmenden Situation zu entkommen, in dem er leise sprach:

„Ich wusste nicht, wie ähnlich ihr Schwestern euch seht, doch spürte immer, dass etwas nicht passte. Wie heißen Sie?“

„Florin,“, war die unsicher gehauchte Antwort.

„Florin, nun weiß ich, wer die Frau aus meinen Träumen ist.“

Die junge Frau hatte zwar hinsichtlich dieses Mannes das Gleiche gedacht, doch erinnerte sich erschrocken, dass dieser heute der Verlobte ihrer Schwester werden sollte. Niemals würde sie das Glück von Agneta zerstören. So drängte sich der Gedanke an Flucht in den Vordergrund.

„Es tut mir leid. Ich muss los. Ein dringender Termin erfordert meine Anwesenheit.“

Schon kehrte ihre Schwester zurück. Leicht überheblich lächelnd verkündete sie:

„Die Zapfanlage läuft wieder. Dieser Angestellte hatte wirklich keine Ahnung. Echt peinlich.“

„Du machst das wie immer super.“, sagte Florin und eilte davon.

Sie wusste, dass der Blick von Carlos Demeter ihr folgte, spürte einen Trennungsschmerz, doch hastete zu ihrem Auto. Sie rief nach Tiffy, die sogleich herangespurtet kam, stieg in den Wagen und fuhr los.

„Komm, Carlos.“, forderte Agneta ihren Liebsten auf. „Ich möchte Dich noch einigen Leuten vorstellen.“

Sie hakte sich bei ihm unter, doch schon nach wenigen Schritten blieb der Mann stehen.

„Mein Handy klingelt. Ich habe es zwar auf lautlos gestellt, aber ihr spüre den Vibrationsalarm.“

Hurtig fingerte er das Gerät aus seinem Jackett.

„Was schon heute, einen Tag früher? Das ist gerade etwas ungünstig. – Natürlich ist dabei meine Anwesenheit erforderlich. – Ich mache mich gleich auf den Weg.“

Dann entschuldigte er sich bei Agneta.

„Es tut mir leid. Die schottischen Hochlandrinder werden gleich geliefert, obwohl das für Morgen angekündigt. Sei mir nicht böse, aber ich muss überprüfen, ob die Lieferung korrekt ist. Das verstehst Du doch.“

Er verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange, bevor die junge Frau noch etwas einwenden konnte. Doch sie war trotzdem glücklich, weil er sie geküsst hatte.

 

Florin, aufgewühlt von ihren Gefühlen und dem Erlebnis hatte kein Ziel für ihre Fahrt. Erst das aufgeregte Fiepen ihres Hundes ließ sie erkennen, dass sie sich auf der Straße befand, die zu dem alten Gemäuer führte. Unerklärlicherweise beruhigte diese Vorstellung die junge Frau. Bald bog sie auf das Grundstück ein und betrachtete zufrieden die Veränderungen auf dem Gelände. Das ganze Gestrüpp mit den vielen stacheligen Brombeerbüschen war gestutzt und so eingedämmt worden, dass sich nun auch andere Pflanzen zeigten. Trotzdem wirkte die Anlage naturbelassen.

Sie parkte den Wagen und stieg mit Tiffy aus. Die Hündin entdeckte sofort, dass aus dem einstigen Trampelpfand zu der Weide, an der beide einst gestanden hatte, ein gepflegter, breiter Sandweg geworden war. Sie preschte los, während Florin noch die edlen, hohen Lampen betrachtete, die der Beleuchtung der Auffahrt dienten. Dann folgte sie.

Wieder tat sich diese weite Grünfläche vor ihnen auf und die junge Frau hoffte beinahe, dass der mystische Reiter auftauchen würde. Doch stattdessen entdeckte sie eine Gruppe von schottischen Hochlandrindern, die friedlich auf der Weide grasten. Und tatsächlich erspähte sie auch Schafe sowie drei Esel. Wenn auch Herdenhütehunde und Schweine, wie bei ihrem traumhaften Erlebnis anwesend sein sollten, hielten sich diese verborgen.

Florin hatte das Gefühl, zwischen Traum und Wirklichkeit zu taumeln. Nur wenn sie ihre Hündin, die schnüffelnd durch Gras tobte, betrachtete, bekam das Bild, dass sich ihr zeigte, einen Bezug zur Wirklichkeit. Trotzdem meinte sie, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, verstand sich und die Welt nicht mehr, versuchte ihren Verstand wieder zu mobilisieren, doch eine fremde Macht wandelte ihre innere Unruhe in wohltuende Gelassenheit. Plötzlich hörte sie eine Stimme.

„Florin, ich wusste, dass ich Sie hier finden würde.“

Sie brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass Carlos Demeter zu ihr sprach. Andächtig wendete sie sich und schaute ihm direkt in die Augen. Glück, Frohsinn und Friede erfüllten die junge Frau. Doch dann brach ihre Vernunft hervor.

„Was machen Sie hier? Warum sind sie nicht bei meiner Schwester?“

„Bedarf das noch einer Erklärung?“, antwortete er ruhig, bestimmt und voller Verständnis.

Florin wusste, dass der Mann Recht hatte, doch ihr Verantwortungsgefühl wehrte sich dagegen.

„Aber Agneta liebt sie und wollte sich heute auf dem Sommerfest mit Ihnen verloben.“

„Glauben Sie mir, Florin, auch ich dachte, in ihrer Schwester meine Traumfrau gefunden zu haben, auch wenn mich der Zweifel daran nie verlassen hat. Wollen wir uns nicht in den Schatten unter dem Baum setzen? Dann erkläre ich Ihnen, was der Grund für meinen Irrtum war.“

Da die junge Frau spürte, dass ihre Beine etwas zittrig wurden, stimmte sie zu, achtete aber darauf, nicht zu dicht neben dem Mann zu sitzen.

„Bitte nenn mich Carlos.“

Wie eine Besiegte willigt sie ein.

„Zuerst musst Du wissen, dass die Menschen in Südamerika an die Anwesenheit der Geister der Vorfahren glauben, diese sogar in ihren Alltag einbinden.“

„Da ich südamerikanische Literatur gelesen haben, ist mir das bekannt.“

„Gut. Ich wuchs in Uruguay auf und lernte früh, damit umzugehen, auch wenn meine Eltern sich stets als Deutsche empfanden. Schon in meiner Jugend suchten mich Träume heim, in denen immer wieder das Haus meiner Urgroßmutter auftauchte. Dort sah ich mich als Landwirt umgeben von unterschiedlichen Tieren, die auf den umfangreichen, dazugehörigen Ländereien ein unbeschwert natürliches Leben führen durften. Als ich Teenager war, erschien in meinen Träumen plötzlich auch eine Frau neben mir. Sie strahlte voller Liebreiz. Auch wenn ich wusste, Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, verliebte ich mich in sie. Es wurde meine Traumfrau.“

Mit einem versonnenen Lächeln betrachtete er Florin, die prompt errötete.

„Doch ich bin auch ein normaler, junger Mann, der natürlich reale Erfahrungen in der Liebe sammelte. Aber ich bekam das Bild von meiner Traumfrau nicht aus dem Kopf. Also entschloss ich mich, erstmal den Plan umzusetzen, das Anwesen meiner Urgroßmutter wieder zu bewirtschaften. Es befand sich ja erstaunlicherweise immer noch in Familienbesitz, obwohl wir Deutschland schon lange verlassen hatten. Im Rahmen der Besichtigung des Grundstücks entdeckte ich eines Tages eine Drohne. Da unser deutscher Rechtsanwalt anwesend war, fragte ich, ob er sich das erklären konnte. So lernte ich deine Schwester kennen und sie sah meiner Traumfrau verblüffend ähnlich. Deswegen gewann ich die Überzeugung, dass sich mit Agneta mein Schicksal erfüllte. Allerdings spürte ich schnell, dass sie der Idee, auf dem Anwesen zu leben und Landwirtschaft zu betreiben, wenig zugetan war. Auch hatte ich nie das Bedürfnis sie zu berühren.“

Carlos Demeter nahm Florins Hand. Sie wollte diese zurückziehen, doch ein magisches Band verhinderte dieses. Beide sahen sich tief in die Augen. Kein Zweifel trübte ihr tiefes Gefühl der Verbundenheit. Sie verharrten in diesem Moment der Freunde. Doch dann füllten sich Florins Augen mit Tränen.

„Ich darf das Glück meiner Schwester nicht zerstören. Ein Fluch würde Dich, Carlos, und mich treffen.“

„Das glaube ich nicht, meine Liebste. Das Schicksal hat uns füreinander bestimmt und die Ahnen schickten mir Träume, damit ich den Plan erkenne.“

Tröstend nahm er Florin in den Arm. Ihnen war, als würden beide Körper verschmelzen. Dann berührten sich ihre Lippen zu einem langen Kuss. Ein Vulkan der Gefühle durchströmte beide, schickte zuckende Flammen durch ihr Blut. Schließlich entwand sich die junge Frau der Umarmung und offenbarte:

„Auch ich hatte Träume und habe Dich wiedererkannt. Ich spüre, dass mit mir etwas passiert, seit ich das alte Gemäuer und das Grundstück zum ersten Mal betrat. Zeit und Wirklichkeit verschwimmen. Doch mein Verstand rät mir, das Band der geschwisterlichen Liebe zwischen Agneta und mir nicht zu zerschneiden. Bitte versteh das doch.“

„Natürlich hast Du mein Mitgefühl, aber dürfen oder können wir uns gegen unser Schicksal wehren?“, sprach Carlos Demeter mit sanfter Stimme.

„Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.“, gab Florin verzweifelt zu. „Alles was geschieht kommt mir so unwirklich vor, so als wäre das nur ein weiterer Traum, aus dem ich bald erwache.“

„Denkst Du vielleicht, mir sind solche Gedanken nicht ebenfalls schon gekommen? Halte mich bitte nicht für einen total versponnenen Typen. Ich studierte Wirtschaftswissenschaften sowie Land- und Forstwirtschaft in Uruguay, den USA und Kanada. Diese Studien erfordern einen klaren, analytischen Verstand. Aber in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, bestimmen eben auch Visionen, Träume und der Rat der Ahnen das Leben. Selbst meine deutschen Eltern erkannten irgendwann diesen Einfluss. Ich kann mich nicht dagegen wehren.“

Florin machte einen anrührend verunsicherten Eindruck.

„Spürst Du denn nicht, die herzliche Verbindung zwischen uns?“, fragte Carlos Demeter liebevoll.

Die junge Frau sah ihn tief bewegt an. Sie wollte sich in seine Arme werfen, seinen Körper spüren, seinen Geruch aufsaugen und sich ganz ihren Gefühlen hingeben, doch ihr Verstand versperrte den Weg.

„Doch.“, antwortete sie, als würde ihr Widerstand erlahmen, sie sich hilflos ergeben.

Aber dann straffte sie ihren Rücken und fuhr fort:

„Ich muss darüber nachdenken, versuchen zu begreifen.“

Carlos Demeter lächelte verständnisvoll.

„Natürlich, lass Dir Zeit. Doch leider bin ich nicht der geduldigste Mann, denn etwas von einem temperamentvollen Südamerikaners lebt auch in mir. Auf jeden Fall werde ich deiner Schwester sagen, dass ich zu dem Eindruck gelangt bin, dass wir nicht zueinander passen.“

„Das ist dein Problem.“, entgegnete Florin trotzig. „Und nun möchte ich nach Hause fahren. Auf dem Sommerfest werde ich sicher schon vermisst.“

Schweigend, jedoch Hand in Hand gingen beide zurück zu dem alten Gemäuer, wo das Auto der jungen Frau parkte. Der Abschied verlangte nach einem Kuss, doch Florin setzte Tiffy in den Wagen, stieg ein und fuhr ohne sich umzublicken davon. So sah sie die alte Dame am Fenster nicht, die versonnen nickte.

 

Die junge Frau war so aufgewühlt, dass sie beinahe eine rote Ampel überfuhr. Dieser Schreck bracht sie zurück in die Gegenwart. Zwar bezweifelte sie nicht, sich in Carlos Demeter heftig verliebt zu haben, doch erstens gehörte er zu ihrer Schwester und zweitens zeugten dieses Gerede über Visionen und Ahnen doch von einem verwirrten Geist, von jemandem, der seine Ziele nicht mit Sachlichkeit verfolgte, sondern die Verantwortung für sein Leben auf die Toten ablud.

Erleichtert über das dort herrschende, fröhliche Treiben erreichte Florin das Sommerfest. Zum Glück schien ihre Schwester nicht in Schwermut verfallen zu sein, weil ihre Verlobung geplatzt war, denn sie tanzte ausgelassen mit Mats. Überhaupt machte alles den Eindruck, als sei es wie immer. Dann sprach ihr Vater sie an:

„Wo warst Du denn? Wir haben Dich vermisst.“

„Tiffy geht es nicht gut.“, log Florin. „Sie hat Durchfall, weswegen ich lange mit ihr spazieren ging. Ich denke, ich bringe sie am besten in mein Zimmer und bleibe etwas bei ihr. Die Feier läuft doch auch ohne mich prächtig.“

Endlich allein, atmete die junge Frau tief durch. Doch bevor sie das Erlebte noch mal Revue passieren lassen konnte, klingelte ihr Handy. Sie vermutete sogleich einen Anruf von Carlos Demeter, zögerte, diesen anzunehmen, doch es meldete sich ihre Klassenkameradin Alida. Diese hätte Florin niemals Freundin genannt, denn beide waren im Wesen und ihren Interessen vollkommen unterschiedlich.

Alida war die einzige Tochter eines steinreichen Bauunternehmers, die seit ihrer Geburt von den Eltern übertrieben verwöhnt wurde. Jeder Wunsch, egal wie teuer, wurde ihr erfüllt. Selbst die Zuneigung ihrer Mitschüler versuchte Alina sich zu erkaufen, was ihr wenigstens vorübergehend auch gelang. Für diese junge Frau regierte Geld die Welt und sie war deren Königin. Obwohl sie nicht unbedingt hübsch anzusehen war, hielt sie sich für sehr anziehend hinsichtlich des männlichen Geschlechts. Was ihr an natürlicher Attraktivität fehlte, ersetzte sie durch aufwendiges Styling mit teurer Kleidung und Accessoires. Florin wusste, dass Alida nun in Berlin lebte, wo ihre Eltern ihr eine luxuriöse Wohnung gekauft hatte, weil ihre Tochter an der Universität dieser Stadt Kunstgeschichte studieren wollte.

Zuerst berichtete Alida ausschweifend von dem tollen Leben in der deutschen Hauptstadt, den Partys, zu denen sie eingeladen war, dem bunten Nachtleben, der Vielzahl der kulturellen Veranstaltungen und den reichlichen Einkaufmöglichkeiten. Florin hörte sich das mit wenig Interesse aber geduldig an.

„Meine Wohnung liegt sehr zentral, doch gegenüber gibt es einen kleinen Park, wo viele Leute mit ihren Hunden umherwandern. Ich habe auch ein Gästezimmer, sogar mit Balkon. Was hältst Du davon, wenn Du mich mit Tiffy besuchst. Noch sind ja Semesterferien.“

Florins Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Was bewog Alida zu dieser Einladung? Beste Freundinnen waren beide noch nie gewesen. Überhaupt war es dieser jungen Frau bisher nicht gelungen, ernsthafte Freundschaften aufzubauen. Ihre prahlerische Art schreckte die Meisten ab. Wollte sie vielleicht, dass Florin sie besuchte, um anschließend im gemeinsamen Bekanntenkreis davon zu berichten, wie ausgefüllt und luxuriös das Leben von Alida sich gestaltete. Schon immer gefiel es ihr, Neid zu erzeugen.

Florin kam plötzlich der Gedanken, dass ein Besuch in Berlin eine hervorragende Ablenkung wäre. Also nahm sie die Einladung an. Gleich am nächsten Tag wollte sie losfahren. Dabei war ihr bewusst, dass dieses Verhalten eine Flucht war, aber genau darin suchte sie das Heil.

 

Alidas Altbauwohnung war wirklich sehr geräumig, edel, modern eingerichtet und befand sich in bester Lage. Sie musste ein Vermögen gekostet haben. Dort angekommen, bekam Florin kaum die Zeit ihre Sachen auszupacken, schon schleppte Alida sie in ein Café, in dem sie, umgeben von den Schönen und Reichen, Stammgast war. Während beide sich dort verwöhnen ließen, stand das Mundwerk der Gastgeberin nicht still. Jeden jungen Mann, der eintrat, taxierte sie und erklärte Florin, woran zu erkennen war, ob dieser vermögend war oder nicht. Mit nur wenigen Blicken schätzte sie den Wert dessen Schuhwerks, seiner Kleidung und seiner Uhr, ergänzt darum, ob seine Frisur und die Gestaltung seines Bartes dem aktuellen Trend entsprachen. Florin lernte viel, auch wenn ihre Einschätzung von Männern sich auf Äußerlichkeiten bezog.

Nach einem Restaurantbesuch, bei dem beide ihren Hunger mit Haute Cousine stillten, zerrte Alida ihren Gast in eine Diskothek. Dort schien sie sich gut auszukennen, der Türsteher, winkte beide trotz des großen Andrangs gleich hinein. Freundlicherweise nahm er sich auch der kleinen Tiffy an. Durch gleißendes Licht begleitete von wummernden Bässen bahnte sie sich ihren Weg durch die Menge. Alida begrüßte ständig irgendwelche Männer oder Frauen mit Küsschen, während Florin brav hinter ihr her trottete. Es war weit nach Mitternacht als beide wieder in der Wohnung in einen tiefen Schlaf fielen.

Doch schon recht früh machte Tiffy sich bemerkbar. Offensichtlich musste sie ein Geschäft verrichten. Also quälte Florin sich hoch und ging im kleinen Park gegenüber der Wohnung mit ihre spazieren. Brummende Autos, ferne Polizeisirenen und laute Stimmen ließen dabei keinen echten Naturgenuss aufkommen. Florin fragte sich, was sie überhaupt an diesem Ort machte. Wenigstens hatte sie in den letzten Stunden nicht ein einziges Mal an Carlos Demeter gedacht oder gar von ihm geträumt. Folglich war dieser Besuch doch eine gute Therapie.

Florin setzte sich auf eine Bank, während Tiffy eifrig in den kargen Büschen schnüffelte. Obwohl sie das Großstadtleben kannte, schien in Berlin das Leben noch eine Stufe heftiger zu toben. Scheinbar stachelten sich die Menschen hier gegenseitig zu Höchstleistungen an, sei es in der Freizeitgestaltung oder im Beruf. Dieser Stimmung des Aufbruchs, des niemals Stehenbleibens konnte auch Florin nicht entkommen. Nur die Betrachtung ihrer kleinen Hündin ließ sie wieder den Boden unter den Füßen spüren.

Auch am folgenden Tag hetzten die beiden Frauen von Veranstaltung zu Veranstaltung, wobei ein wirklicher Kulturgenuss dabei ausgespart wurde. Sie suchten Orte auf, an denen sich Studenten oder Geschäftsleute trafen. Dort flirtete Alida ungeniert mit jedem Mann, der nach Geld aussah. Offensichtlich suchte sie einen Partner. Sobald sich einer der Begehrten Florin zuwendete, drängte ihre Gastgeberin zum Aufbruch. So erkannte die junge Frau schnell, dass sie nur eine Alibifunktion erfüllte, damit Alida nicht allein unterwegs sein musste.

Erstaunt war Florin darüber, mit welcher Leichtigkeit Alida einen Mann aufforderte, die beiden Frauen nach Hause zu begleiten. Dieser passte in ihr allein auf Wohlstand ausgerichtetes Beuteschema und fühlte sich in der luxuriösen Wohnung gleich wohl. Schnell machten Gast und Gastgeberin den Eindruck, allein sein zu wollen. Also zog sich Florin dankbar für ihre Entlassung in ihr Zimmer zurück.

Am folgenden Morgen war unschwer zu erkennen, dass der Mann die Nacht mit Alida verbracht hatte, doch sie komplimentierte ihn hinaus, noch bevor er die erste, von Florin bereits zubereitete Tasse Kaffee trinken zu konnte. Dabei argumentierte die Gastgeberin zuckersüß, sie müsse sich um ihre Freundin kümmern müsste. Alida ließ sich auf einen Stuhl am Tisch fallen und schwätzte mit genervtem Unterton:

„Der Typ war ein Blender und eine Niete im Bett. Ich ließ seine plumpen Zärtlichkeiten nur über mich ergehen, damit ich endlich schlafen konnte. So viel Geld kann seine Familie gar nicht haben, dass ich sowas noch mal ertrage. Wir Frauen müssen eben viele Frösche küssen, bis ein Prinz dabei ist.“

Florin lächelte nur verständnisvoll, während Alida begann, ihre Tagesplanung vorzutragen. Ihre Besucherin hörte gar nicht zu, denn ihr war bewusst, keinen Einfluss darauf zu haben. Stattdessen fragte sich Florin, ob nicht langsam die Zeit gekommen war, ihre Jungfräulichkeit aufzugeben. Bisher war es noch keinem Mann gelungen, diesen Wunsch in ihr zu wecken. Neugierig auf diese Erfahrung war sie zwar schon, wollte einfach wissen, was Männer wie Frauen an diesem Erlebnis so sehr reizte. Doch Alidas Schilderung galt ihr auch als Warnung. Würde dieses viel zitierte erste Mal eine Enttäuschung werden, wäre sie vielleicht für immer für diesen bedeutungsvollen Akt in einer Partnerschaft verdorben.

Carlos Demeter drängte sich in ihre Gedanken. Hatte sie bei seinem Kuss nicht etwas noch nie Erlebtes gefühlt? Aber nein, sie musste diesen Mann vergessen. Florins Handy klingelte und Alida ging zum Duschen.

„Hallo, mein Schatz, wie gefällt es Dir in Berlin?“, meldete sich ihr Vater.

„Das ist wirklich eine aufregende Stadt. Alida und ich sind ständig unterwegs. Aber das ist auch anstrengend.“

„Ich habe eine gute Nachricht. Deine Schwester Agneta hat sich nun doch verlobt.“

Florin stockte der Atem. Mühsam presste sie hervor:

„Das ist ja toll.“

„Und die Hochzeit soll schon im September stattfinden.“

„Schon so bald?“

Ein Gefühl der Verzweiflung kroch in ihr empor.

„Ja.“, jubelte Manfred Seiler. „Stell Dir mal vor, Mats hat deiner Schwester zur Verlobung einen Goldring mit einem wunderschönen Rubin an den Finger gesteckt. Die beiden passen so hervorragend zusammen und der Fortbestand des Unternehmens ist damit auch gesichert.“

Florins Augen füllten sich mit Tränen der Erleichterung.

„Das freut mich ja so sehr.“

„Auch wenn beide schon lange ein Paar sind, kam diese Entwicklung für mich doch überraschend. So gab es auch keine Feier. Dafür werde ich ein großartiges Hochzeitsfest veranstalten.“

„Aber war nicht eigentlich die Verlobung mit einem anderen Mann geplant?“, wollte Florin nun wissen.

„Das stimmt schon, aber Agneta und dieser Herr Demeter erkannten wohl, dass sie nicht zusammenpassen. Mir war eigentlich immer klar, dass Mats der Richtige für deine Schwester ist. Sie strahlt den ganzen Tag vor Glück. Nun müssen wir nur noch Dich unter die Haube bringen.“

„Aber Papa, ich bin doch erst 18 Jahre alt. Lass mir bitte noch etwas Zeit.“

Lachend verabschiedeten sich beide. Carlos hatte also sein Versprechen, mit Agneta zu reden, eingelöst. Florin war überzeugt, dass Mats und ihre Schwester füreinander bestimmt waren. Wieder so ein Gedanke von Bestimmung und Schicksal. Doch das tobende Leben in dieser Stadt Berlin ließ keinen Raum für derartige Gedanken.

Zwischen all diesen jungen, erfolgreichen Menschen, mit denen sich Alida am liebsten umgab, fühlte Florin sich wie eine Außenseiterin, an deren Kleidung und Auftreten schon deutlich wurde, wie langweilig und geregelt ihr Leben bisher verlaufen war. Die meisten Leute beachteten sie kaum, lächelten sie mitleidig an oder übergingen sie gleich ganz. Besonders die weiblichen Bekannten von Alida behandelten Florin eher wie eine Angestellte als wie eine Ihresgleichen. Das störte sie nicht, denn deren oberflächliches Gehabe, der mit Worten aufwendig polierte Schein stießen sie ab.

Andererseits konnte sie nicht verleugnen, dass diese Menschen das moderne Deutschland repräsentierten. Florin kannte solches Verhalten aus den sozialen Medien. Ließ sie sich darauf ein, würde sie schon bald dazugehören. Andersartigkeit weckte nur Misstrauen. Also bat Florin ihre Gastgeberin, als diese vom Duschen zurückgekehrt war, vormittags mit ihr einkaufen zu gehen. Mit dem Geld, dass sie jahrelang angespart hatte, und der Beratung von Alida wollte sie dann abends, beim üblichen Besuch einer Disko, wenigstens optisch zu dieser Gruppe der Sorglosen gehören. Und vielleicht würde sie sich dann sogar auf einen der Männer einlassen.

 

Der Plan gelang. Mir ihrer nun modernen, teuren Kleidung, die Florin ausschließlich nach Alidas Anweisungen erworben hatte, änderte sich das Verhalten ihr gegenüber schlagartig. Und was die Gestaltung ihrer Frisur anging, bekam sie von etlichen Frauen wohlgemeinte Ratschläge und Empfehlungen.

Es war 22 Uhr, die Diskothek voller Menschen, die sich im zuckenden Licht zur Musik bewegten oder an der Bar standen. Dort unterhielt sich Florin mit einem recht ansehnlichen, jungen Mann, der offensichtlich großes Interesse an ihrer Bekanntschaft hatte. Während Florin dem Geschehen in der Disko den Rücken zukehrte, beobachtete Alida das ausgelassene Treiben auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer.

Plötzlich entdeckte sie einen Mann, der gerade hereinkam. Er sah gut aus, war groß und stattlich. Seine Kleidung entsprach Alidas Ansprüchen. Den Wert seiner Schuhe und der Uhr konnte sie aber noch nicht ausmachen. Nicht nur ihre Aufmerksamkeit wurde durch dessen Erscheinen geweckt. Den Mann umgab eine Aura von Überlegenheit und Herzensgüte, die die Gäste ehrfurchtsvoll eine Gasse freimachen ließ. Zielstrebig schritt er auf die Bar zu. Alida nahm Haltung an.

Dicht hinter Florins Rücken kam er zum Stehen. Diese sah sich gerade einer Flirtattacke ihres Gesprächspartners ausgesetzt und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Noch bevor Alida die Initiative zum Angriff starten konnte sprach der Fremde mit einer Ernsthaftigkeit, die keine Widerspruch duldete:

„Die Dame gehört zu mir.“

Diese Worte waren unzweifelhaft an Florins Gesprächspartner gerichtet. Dieser erschrak, blieb stumm und regungslos. Die junge Frau erkannte sogleich die Stimme, drehte sich freudig um. Vor ihr stand Carlos Demeter und lächelte. Doch Alida drängelte sich sofort zwischen die beiden.

„Guten Abend. Ich bin Alida ter Stoben, die einzige Tochter des erfolgreichen Bauunternehmers Gunther ter Stoben. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Darf ich auch Ihren Namen erfahren?“

Der Mann schmunzelte ob dieser Dreistigkeit und der Tatsache, dass die junge Frau schon bei ihrer Vorstellung auf ihre Zugehörigkeit zu einer sehr reichen Familie hinwies.

„Guten Abend. Ich heiße Karl Augustin Friedemann Baron Demeter.“

Alida verschlug es die Sprache, sodass er ungehindert fortfahren konnte:

„Florin, mein Schatz, ich möchte Dich nach Hause holen.“

Sanft drängte sie ihre ehemalige Klassenkameradin zur Seite und schaute Carlos mit inniger Liebe an. Dann küssten sie sich. Aufgeregt stotterte Alida:

„Ich wusste gar nicht, dass Du einen Partner hast.“

„Du musst doch auch nicht alles wissen.“

„Das ist ja wohl eine Frechheit. Immerhin habe ich Dich bei mir aufgenommen, Dich beköstigt, Dich herumgeführt. Ohne meine Ratschläge wärst Du nicht mal anständig angezogen.“

Carlos Demeter lächelte die junge Frau nachsichtig an.

„Ich dachte mir schon, dass Florins Kleidung ihrem Einfluss zu verdanken ist. Allerdings bedarf ihre Schönheit keiner derartigen Unterstützung.“

Zärtlich, ja beinahe schüchtern nahm er Florins Hand.

„Wollen wir gehen?“

„Ja, wohin immer Du willst.“

„Aber Du hast noch deine ganzen Klamotten bei mir in der Wohnung.“, schimpfte Alida zornig.

„Ich werde sie in den nächsten Tagen abholen lassen.“, antwortete Carlos Demeter.

Dann verließen beide die Diskothek und ließen eine vor Neid wütende Alida zurück.

 

Im Auto fragte Florin:

„Wie hast Du mich gefunden?“

„Ich bin meinen Instinkten gefolgt. Die Sehnsucht findet immer den richtigen Weg.“

Nun wurde der jungen Frau bewusst, dass sie die ganze Zeit auf den Mann ihrer Träume gewartet, dieses aber aus Angst vor Enttäuschung verdrängt hatte. Sie sank in seine Arme, spürte erneut seine Lippen auf ihren und jenes Feuer in ihren Adern, das alle Zweifel einschmolz. Dann fuhren sie los. Auf der Fahrt wollte Florin nun doch wissen:

„Bist Du wirklich ein Baron oder wolltest Du nur Alida in ihre Grenzen weisen?“

„Dieser Titel steht meiner Familie und damit mir als Erstgeborenem tatsächlich zu. In Uruguay legte wir diesen vorrübergehend ab. Verzichtet haben wir aber nie darauf. Stört es Dich denn, bald eine Baronin zu sein?“

„Ich glaube, das Schicksal hat es so bestimmt.“

Dann stutzte Florin. Hatte Carlos oder besser Karl ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht? Der Fahrer des Wagens fühlte ihre Gedanken.

„Keine Sorge, ich werde ganz traditionell bei deinem Vater um deine Hand anhalten.“

„Und wer fragte mich?“, scherzte die junge Frau.

„Natürlich werde ich vor Dir noch auf die Knie sinken und Dich bitten, meine Frau zu werden. Aber können wir das verschieben, bis wir die Autobahn verlassen haben?“

Florin kicherte. Plötzlich bemerkte sie Kiwi, die tief und fest auf dem Rücksitz geschlafen hatte.

„Oh, mein Gott, Dich hätte ich beinahe vergessen.“

Die Hündin gähnte nur und legte sich wieder hin.

„Mit etwas Trinkgeld war es mir gelungen, den Hausmeister des Hauses, in dem Alida wohnt, dazu zu bewegen, deinen Hund zu befreien. Und dann haben wir beide erstmal einen langen Spaziergang gemacht.“

„Danke, danke, danke. Carlos, nein Karl, Du bist so fürsorglich. Ich liebe Dich.“

 

Es war schon weit nach Mitternacht, als beide das alte Gemäuer erreichten. Durch Laternen war der gepflegte Sandweg erleuchtet und auch im Gebäude brannte noch Licht. Florin war mittlerweile auf dem Beifahrersitz eingeschlafen, doch erwachte von dem aufgeregten Fiepen ihrer Hündin. Als die junge Frau sah, wo sie angekommen waren, erfüllte sie sogleich ein Gefühl von Heimat.

Als sie vor dem Haus hielten, der Eigentümer die Wagentür öffnete und ausstieg, sprang Tiffy sofort vom Rücksitz über den Fahrersitz hinaus. Florin beobachtete dieses erstaunt.

„Sie scheint sich hier schon vollkommen zuhause zu fühlen.“, bemerkte die junge Frau und freute sich.

Karl öffnete ihr die Autotür. Noch etwas schlaftrunken stieg Florin aus. Der Ruf einer Eule begrüßte die Ankömmlinge. Andächtig lauschte sie in die finstere Nacht. Dann erklang der Gesang einer Nachtigall.

„Träume ich das alles?“, fragte Florin gedankenversunken.

Baron Demeter legte den Arm um sie. Dann antwortete er mit einem Zitat aus dem Gedicht „Ich und Du“ von Friedrich Hebbel:

„Wir träumten von einander und sind davon erwacht. Wir leben, um uns zu lieben und sinken zurück in die Nacht.“

Voller Liebe und Vertrauen schaute die junge Frau ihn an.

„Komm, mein Schatz, lass uns hineingehen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
Die junge Frau muss gegen Ablehnung und Misstrauen kämpfen. Doch auch der Lehrer sieht sich plötzlich einer bösartigen Anschuldigung ausgesetzt. Trotzdem kommt es zwischen beiden zu einer zarten Annäherung. Dann treibt ein Schicksalsschlag den Mann zurück auf das elterliche Gut, wo ihn nicht nur neue Aufgaben erwarten sondern auch Familientraditionen, die ihn in Ketten legen.

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