Aylin

Ich wusste nichts von dir

Ich wusste nichts von dir

 

Ich wusste nichts von dir und doch wusste ich genug. Unsere Familien waren bekannt über die Kinder im Kindergarten und da deine Frau Muslimin war und kein Deutsch sprach, kümmerte ich mich ein wenig um sie, dass sie im Dorf Fuß fassen könnte. Sie war verschlossen, etwas zickig, aber freundlich und sehr klug. Auf Englisch führten wir hoch interessante Diskussionen über Kulturen und Religionen. Ihr dickes, schwarzes Haar erinnerte mich an Zuckerwatte, und ich wusste nicht genau, ob ich es schön fand oder nicht. In ihren mandelförmigen, asiatischen Augen konnte ich nicht lesen. Dennoch entwickelte sich eine Art Freundschaft, man lud sich zum Essen ein und zu Geburtstagen. Ihre Satestäbchen waren unnachahmlich gut.

Irgendwann, beim Geburtstagsfest meines Mannes, zu dem hundertfünfzig Gäste kamen, rissest du mich plötzlich im Halbdunkel an dich und küsstest mich. Der ältere Nachbar, der mich oft mit dem Hund alleine spazieren gehen sah, lächelte und tat so, als habe er nichts gesehen. Beschämt befreite ich mich und rannte ins Haus. Im Bad wischte ich mir über die Lippen und sagte fest zu meinem Spiegelbild: „Nein, das wäre nicht ich. So was mache ich nicht!“ Ich kochte Kaffee in der Küche und als ich mit zwei vollen Kannen wieder in den garten kam, warst du gegangen. Der ältere Nachbar grinste mich vielsagend an und prostete mir zu.

Von da an mied ich deine Familie, zog mich unter fadenscheinigen Gründen zurück. Auf dem Dorf nicht ganz einfach. Deine Frau empfand es als Beleidigung, denn sie bezog es auf sich und ihre indonesische Herkunft. Ich aber hatte ein schlechtes Gewissen und ich wusste nicht, weshalb. Mein Mann fragte nicht weiter nach. Er hatte seine eigenen Journalistenfreunde, die ihm wichtiger waren.

Ein halbes Jahr später standest du eines Morgens mit deinem Riesenhund vor meiner Haustür. Deine veilchenblauen Augen zogen mich an dich. “Gehen wir ein Stück mit den Hunden?“ fragtest du. Ich schaute zum Haus des älteren Nachbarn, wo sich die Gardine bewegte und sagte: „Max! Bringst du dir eine Frau aus dem Ausland mit, um sie hier zu betrügen? Die hat alles für dich aufgegeben. Sie war Hotelmanagerin und hier steht sie nur für deine Hundeplatzfreunde in der Küche und kocht!“ Ich knallte die Tür zu und schaute dir durch die Eisblumenscheibe nach, wie du zögernd fort gingst. Du warst überhaupt nicht mein Typ. Ich habe noch nie auf blond und blauäugig gestanden. Und doch. Ich schaute dir nach, bis du um die Hausecke verschwunden warst.

Immer wieder passtest du mich beim Hundespaziergang ab, ließest deinen Riesenschnauzer, der zu anderen durchaus nicht sehr freundlich war, auf mich zustürmen und mich umarmen. So wie du es vielleicht selbst gerne getan hättest. Und ich stand da und wusste nicht, wohin ich schauen sollte. In deine Augen jedenfalls nicht!

Irgendwann sagte der ältere Nachbar zu mir: „Dein Mann ist doch nie da!“. Ich wusste sofort, wovon er sprach und war bestürzt über so viel kölsche Toleranz. „Da war nix und da is nix,“ antwortete ich schlecht gelaunt. „ Eben,“ meinte er trocken, „ du lebst nur einmal, Mädschen!“

Viele Jahre sah ich dich nur noch von ferne. Richtete es immer so ein, dass wir uns nicht nahe kamen. Zwanzig Jahre ist das her. Heute rief mich die Frau des älteren Nachbarn an. „ Du,“ erzählte sie, „ es gab einen Unfall 2 Tote, einen Mann und eine Frau. Sind frontal unter einen Laster gefahren, auf der Straße vorm Hundeplatz. Man munkelt im Dorf, es könnte Selbstmord gewesen sein.“ Ich schwieg. Ich wusste nichts von dir. Gar nichts. „Du kennst die doch gut. Ward ihr nicht mal befreundet?“ „Naja,“ sagte ich, „Ist lange her.“ Ich legte den Telefonhörer zur Seite. Ein seltsames Frösteln kroch meine Arme entlang bis hinauf zum Kopf. Ich schauderte und schaute auf den Boden. Auf die weißen Balkonfliesen malten sich deine veilchenblauen Augen.

 

 

 

 

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