Frank N. Stein

Zugticket

Gar nichts los. Ich sitze im Zug und schaue aus dem Fenster. Draußen spielt sich ein typisches Herbstwetter ab. Wind, der Bäume hin und her weht und dürre Blätter von Ästen. Im Zug selbst sind außer mir nur wenige weitere Leute. Weiter vorn habe ich beim Einsteigen einen Mann mit einem schwarzen Hut gesehen, der still dasaß und eine Frau, die Zeitung las. Hier, etwas weiter hinten, sehe ich niemanden. Plötzlich tritt ein Mann in den Flur des Zuges. Wo ist der auf einmal hergekommen? Ich sah die ganze Zeit über niemanden durch den Zug gehen. Bevor ich mir darüber weiter Gedanken machen kann, fällt mir auf, dass der Mann wie ein Schaffner aussieht. Er trägt eine schwarze Hose und eine Jacke in der gleichen Farbe. Auf seinem Kopf sitzt eine schwarze Mütze. Als er näherkommt, erkenne ich, dass er Uniform der Bahn trägt. Er sieht sehr alt aus. Seine Haut ist faltig und blass, seine Augen leicht eingefallen. Weiße Haare schauen unter der Mütze hervor. Der Mund ist schmal und die Lippen sind kaum zu erkennen. Sein Rumpf wirkt zerbrechlich in der Uniformjacke. Dünne Finger an bleichen, faltigen Händen ragen aus den Ärmeln. Als er an mir vorbeikommt, bleibt er stehen, dreht sich zu mir und verlangt meine Fahrkarte. Hastig krame ich in meiner Jacke und hole einen schmalen Papierstreifen hervor. Als ich ihm diesen zeige, kneift er die Augen zusammen und sieht sich das Ticket genau an. Fast als würde er etwas suchen. „Äh…dieses Ticket war aber nur gestern gültig.“ Verdutzt beginne ich, zu überlegen. Was hab‘ ich beim Automaten gedrückt? Einzelticket? Glaube schon. Das müsste auch heute noch gültig sein, obwohl ich gestern gekauft habe. „Solange ich doch nur einmal damit fahre?“ schießt es mir durch den Kopf und ich bin kurz davor, dem Schaffner zu widersprechen. Mit den Augen suche ich die Fahrkarte ab. Ja, es ist ein Einzelticket. Wa! rum soll te das nur an dem Tag gültig sein, an dem ich es gekauft habe? Ich weise den Mann darauf hin. Er antwortet: „Nein, nein, das war nur gestern gültig, an dem Tag, an dem sie es gekauft haben. Sie müssen am nächsten Halt aussteigen und außerdem kostet das 60€.“ Verwirrt und leicht wütend versuche ich zu widersprechen: „Aber, das ist doch ein Einzelticket. Die müssen normalerweise nicht sofort genutzt werden, oder?“ „Doch. Ihre Fahrkarte ist nicht mehr gültig. Sie bekommen einen Fahrpreisnacherhebungsbeleg“ Dann greift er in eine schwarze Tasche an seiner Seite, holt einen Zettel heraus und beginnt, diesen mit einem Kugelschreiber auszufüllen. Nachdem er den Beleg bis unten ausgefüllt und unterschrieben hat, gibt er ihn mir. Noch immer durcheinander schaue ich mir den Zettel an. Wahrscheinlich, um vielleicht doch noch einen Fehler zu entdecken, der mich retten könnte. Aber in meiner Verwirrung und wegen der Plötzlichkeit des Ereignisses kann ich mich nur schwer auf die Eintragungen konzentrieren. Also packe ich den Zettel weg. Die langsamere Fahrt des Zuges kündigt die nächste Haltestelle an. Missmutig stehe ich auf und gehe zu einer der Türen. Der Schaffner folgt mir. Quietschend kommt der Zug zum Stehen. Ich öffne die Tür und trete auf den Bahnsteig. Der Himmel voller grauer Wolken wirkt auf einmal viel realer als durch ein Fenster. Kalter Wind schlägt mir entgegen. Zu seinem Rauschen mischt sich das Geräusch des wieder anfahrenden Zuges. Um den Fahrtwind nicht zu sehr abzubekommen, drehe ich mich weg und schaue in Richtung des Bahnhofsgebäudes. Nur Sekunden später bin ich mit dem Schaffner allein am Bahnsteig. Glaube ich jedenfalls. Denn als ich mich wieder umdrehe und schauen will, ob der Mann in der alten Uniform mir noch etwas sagen möchte, stelle ich fest, dass er weg ist. Verschwunden. „Hä? Das kann doch gar nicht sein?“ schießt! es mir durch den Kopf. Ist er vielleicht wieder eingestiegen, nachdem ich draußen war und ich habe es nicht gemerkt? Wo ist der auf einmal hin? Fragen über Fragen gehen mir durch die Gedanken. Auch, nachdem ich mich mehrmals umgeschaut und in die Ecken des Gebäudes gesehen habe, sehe ich den Schaffner nirgendwo. Schließlich denke ich, dass es das logischste ist, dass er wieder eingestiegen ist. Also gehe ich zum Automaten und kaufe mir ein neues Ticket. „Das alte ist ja nicht mehr gültig!“ äffe ich wütend in Gedanken den alten Mann nach. Dann fahre ich mit dem nächsten Zug nach Hause.

Abend. Die Sonne ist schon untergegangen und der Wind weht so stark, dass man ihn teilweise laut heulen hört. Dazu kommt ein Regen, der schier unaufhörlich gegen die Fenster trommelt. Ich sitze in meinem Wohnzimmer und sehe die Nachrichten. „Bei einem schweren Zugunglück sind heute 20 Menschen ums Leben gekommen. Weitere 14 wurden teilweise schwer verletzt. Aus bislang ungeklärter Ursache war ein Regionalzug entgleist und mehrere Meter weit eine Böschung hinabgestürzt. Die Ermittlungen zur Unglücksursache dauern noch an.“ höre ich den Nachrichtensprecher sagen. Wie erstarrt schaue ich auf den Bildschirm. Die Strecke kenne ich. Es ist die Strecke, die ich fast jeden Tag in die Stadt fahre. Die Strecke, mit der ich auch heute gefahren bin, bis mich der alte Schaffner rausgeworfen hat. Die Möglichkeit, dass ich jetzt auch unter den Toten sein könnte, wenn diese Kontrolle nicht gewesen wäre, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. „Gut, dass du anscheinend das falsche Ticket gekauft hast.“ denke ich mir als nächstes. Laut atmend versuche ich, in den nächsten Sekunden zu verarbeiten, was ich da eben sah und heute erlebte. Die Nachrichten höre ich gar nicht mehr, meine Gedanken kreisen nur noch um dieses Ereignis und darum, dass ich nur knapp auch hätte tot sein können. Nach einer Weile weicht der Schock allmählich der Erleichterung. Meine Gedanken beruhigen sich. Als ich wieder an etwas Anderes denken kann, suche ich nochmal den Zettel, den mir der alte Mann gab. Habe ihn beim Nachhausekommen auf den Tisch in der Küche gelegt. Da steht das Ereignis in Form eines kurzen vorformulierten Textes, neben dem ein Kästchen angekreuzt wurde. Außerdem der Name des Schaffners, Datum, Uhrzeit, Zugstrecke und das Konto, auf das ich die 60€ überweisen soll. Muss morgen mal nachfragen, was es mit damit auf sich hat, ob Einzelfahrkarten wirklich nur an dem Tag gültig sind, an dem man sie kauft! . Mit ei ner Mischung aus Verwirrung und Erleichterung geht der Tag zu Ende.

Am nächsten Morgen rufe ich bei der Bahn an, um wegen der Sache nachzufragen. Ich erzähle, was passiert ist und nenne den Namen des Schaffners. Am anderen Ende der Leitung ertönt das Tippen einer PC-Tastatur. Bis die Stimme eines Servicemitarbeiters mir sagt: „Also…ein Schaffner mit diesem Namen arbeitet nicht bei der Bahn. Weder bei den Regionalzügen noch im Fernverkehr.“ Irritiert überlege ich und antworte: „Gibt es eine Möglichkeit, diesen Schaffner zu finden?“ Ich werde ans Archiv der Bahn verwiesen. Immerhin wird der Fahrpreisnacherhebungsbeleg aufgehoben. Aber irgendwie bin ich dennoch irritiert. Wer war der Mann, wenn er kein Schaffner bei der Bahn ist? Jemand, der andere nur veräppeln wollte? Oder war er dement und dachte, er arbeitet immer noch bei der Bahn? Nachdem das mit meiner Fahrkarte erfolgreich geklärt werden konnte und ich aufgelegt habe, packt mich die Neugier. Ich will herausfinden, wer der mysteriöse Schaffner war. Also mache ich das, was mir am Telefon geraten wurde. Ich beschließe, ins Bahnarchiv zu fahren. Eine Außenstelle davon ist in der Stadt. Da die Zugstrecke nach dem Unglück noch gesperrt ist, fahre ich mit dem Bus. Dauert halt fast eine Stunde länger, weil der Bus über mehrere Dörfer fährt, aber immerhin komme ich so in die Stadt. Im Archiv sitze ich zwischen Regalen mit alten, in Leder gebundenen Büchern, die bis zur Decke reichen. Im hellen Licht der Lampe blättere ich ein Buch mit früheren Mitarbeitern der Bahn durch. Eine Seite für jeden Mitarbeiter. Als ich beim richtigen Buchstaben angelangt bin, lese ich mir die Namen durch. Schließlich finde ich den Nachnamen, der auch auf dem Beleg steht, den ich bekam. „Wie viele Leute mit dem gleichen Nachnamen bei der Bahn gearbeitet haben.“ denke ich mir. Während ich blättere, macht mich eine Seite plötzlich stutzig. In der oberen rechten Ecke ist ein kleines Bild.! Es zeig t den Schaffner, der mich gestern kontrolliert hat. Das, oder jemand sah ihm verdammt ähnlich. Ich überprüfe den Namen. Stimmt aber auch. Es scheint wirklich der Mann gewesen zu sein. Als ich die Angaben über ihn lese, springt mir etwas ins Auge. Nein! Das kann nicht sein! Das ist absolut nicht möglich! Ich sehe mich hektisch nach einem Archivar um. Als ich einen in der Ecke des Raumes sehe, stürze ich fast in seine Richtung los. Ich kann einfach nicht glauben, was ich gelesen hatte. Als wolle ich eine Bestätigung, dass ich weder verrückt bin noch einen Zahlendreher hatte, erkläre ich dem Archivar die Situation. Er folgt mir zu dem Tisch mit dem Buch. Prüfend schaut er sich die Angaben in dem Mitarbeiterverzeichnis und die Daten auf dem Beleg an. Dann nimmt er eine Lupe von einem benachbarten Tisch und untersucht die Unterschriften. Zu jedem Mitarbeiter ist neben einem Foto und Informationen wie Einstellungsdatum bei der Bahn, Tätigkeitsbereich und Weiteres auch die Unterschrift abgedruckt. Der Archivar beugt sich näher an das Buch heran. Er scheint jeden einzelnen Strich zu überprüfen. „Also, ich würde sagen, die sind identisch. Aber ich werde den Kollegen nochmal drauf schauen lassen.“ Mit diesen Worten legt er die Lupe beiseite und geht aus dem Raum. Ich werde in der Zeit, in der er nicht da ist, immer nervöser. Nach ein paar Minuten kommt er zurück, hinter ihm wohl ein weiterer Archivar. Dieser hat eine Brille mit angebrachten Vergrößerungsgläsern auf. Auch er sieht sich die Unterschrift genau an. Und sagt schließlich: „Ja. Die sind identisch.“ Als könnten sie es beide nicht richtig glauben, schauen mich beide Mitarbeiter des Archivs an. Ich kann es ihnen bis heute nicht übelnehmen, es nicht zu glauben zu können. Das Archiv versicherte mir danach nochmal, dass die Informationen korrekt sind. Es könnte eigentlich nicht sein. Und dennoch war es. Bei den Angaben zu diesem Schaffner stand:

Name: Schrach, Vorname: Michael

Geburts- und Sterbedatum: 27.10.1925-30.02.2003




Wir haben 2013.

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Gestatten, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Pedro und bin ein Graupapagei, ja, genau, der mit dem schwarzen Krummschnabel, der weißen Maske, dem grauen Gefieder und den roten Schwanzfedern. Meine drei Freunde Kasimier, genannt »Karl-Karl Kasel«, Grete, genannt »Motte-Maus« oder »Prinzessin«, Peter, genannt »O«, und ich leben seit Dezember 1994 in einem schönen Einfamilienhaus in einem Dorf in der Vorharzregion. Ich habe mir vorgenommen, aus meinem Leben zu berichten, was mir alles so passiert ist, wie mein Tagesablauf ist und war und was mich alles so bewegt.

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