Alexander Piepenhagen

Zum Abendmahl beim Henker

Ein gewöhnlicher Mann, Angestellter, 35 Jahre alt, adrett gekleidet, muss sich all-wöchentlich bei seinem Vorsteher vorstellen. Hier geht es um wenig mehr als dem Herrn zu zeigen das die Partei immer noch fest im Sattel sitzt. Anfänglich verläuft das Gespräch in alter Gewohnheit. Herr Verdugo, der Vorsteher, geht zügig seinen Fragebogen durch und leitet dann schnell über zu seinen mehr sadistischen Neigungen. Er selber ist ein hagerer Mann mit wenig Charme und vermutlich nur wenigen sozialen Kontakten. Er hat eine Vorliebe seine ihm Zugeschriebenen zu demütigen. Manchmal kommt er an mit rhetorischen Fragen wie: "So, Ihr Doktor teilte uns mit das Sie Erektionsprobleme haben. Der Vollständigkeit halber, wollen Sie uns dazu noch etwas sagen?" Normalerweise reagiert Hagen auf diese Fragen trocken und versucht den Trieb nicht zu befriedigen. Aber dieser Tage war er schlechter gelaunt als üblich. Es lag etwas in der Luft, das er nicht mehr unterdrücken wollte.
    "Herr Verdugo, worüber reden wir hier wirklich? Sie stellen mir Fragen zu denen Sie die Antworten schon kennen, oder welche Sie nicht interessieren. Jede Woche sitzen wir uns gegenüber als wenn Sie mir zeigen möchten, wie großzügig und allmächtig Sie sind. Sie spielen sich zu einer Person auf, die Sie nicht im Geringsten sind. Sie sind niemand! Nicht allwissend, nicht allmächtig, ganz und gar irrelevant."
Regungslos blickt Verdugo ihn an. Ein leichtes Grinsen ist zu vernehmen und entspannt lehnt er sich zurück.
    "Herr Hagen, ich verstehe Ihre Frustration. Bitte untergraben Sie aber unsere freundschaftliche Beziehung nicht wegen Kleinigkeiten."
Hagen ist irritiert. Er hatte nicht vor in dieser Deutlichkeit mit Herrn Verdugo zu reden. Es ging alles zu schnell in seinem Kopf. Wie ein Wasserfall kam es aus ihm heraus. Außerdem, es fühlte sich zu gut an, als das er es unterbrechen wollte. Viel zu gut! Zum ersten Mal bietet Verdugo ihm etwas zu trinken und essen an. Erstaunlicherweise wirkt er sogar entspannter als jemals zuvor. Herr Verdugo begann sogar zu plaudern. Es war surreal. Die Routinebeurteilung entwickelte sich zu einer Achterbahn der Gefühle. Anstatt dem erwartenden Wutausbruch kam nichts außer einem gesteigertem Selbstbewusstsein. In überraschender Klarheit gab Verdugo ihm ein Stück Realität.

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