Heinz Lechner

Unheimliche Begegnung der bayerischen Art


Lieber Alois

Du wirst dich wundern, auf diese für uns beide äusserst ungewöhnliche Weise von mir zu hören. Ja, ich schreibe dir mal eine Email.
Ich hoffe, du weisst noch wie man so eine Email öffnet. Ich habs dir ja schon öfter gezeigt. Aber mit dem computern haben wir alten Säcke ja unsere Schwierigkeiten. Gerade deshalb probier ichs mal auf diese Art.
Natürlich ist diese Meldung nicht so wichtig, als dass ich sie dir nicht auch noch erst nächsten Sonntag bei unserem Stammtisch erzählen könnte. Aber es ist mir ein Bedürfnis diese sagenhafte Neuigkeit sofort jemandem zu berichten. Und da bist gleich du mir eingefallen, weil du ja ein guter Spezi bist. Natürlich hätte ich dich auch anrufen können, aber Telefonate mit dir sind ja, wie du auch selber weisst, etwas kompliziert, weil du mich nie aussprechen lässt und aufgrund deines Singledaseins und der sich zumeist daraus ergebenden Einsamkeit mich immerzu mit deinen etwas langweiligen und besonders langatmigen Geschichten stundenlang traktierst (quälst). Außerdem kann ich diese Geschichte besser auskosten, wenn ich es mal schriftlich probiere.
Also:
Heute war ich doch in Wasserburg. Zusammen mit meiner Tochter. Die bekommt nämlich neue Dreads von ihrer Rastafari Frisörin. Ich habe sie also um halb neun dort abgeliefert. Das Mädel sagte, dass sie etwa vier Stunden für meine Tochter brauchen würde. Das war mir sehr recht, denn so hatte ich genügend Zeit, mal diese Stadt Wasserburg zu erkunden. Das wollte ich längst schon mal tun.
Du wirst ja vielleicht auch wissen, wie schön dieses Wasserburg ist und deshalb verging die Zeit meiner Exkursion wie im Flug. Es war ein wirklich gelungener Vormittag und insgesamt habe ich tatsächlich über zehn Kilometer geschafft.
Gegen elf Uhr etwa bekam ich Hunger und außerdem musste ich schön langsam mal aufs Klo. Da kam mir dieses Fast Food - Restaurant - du weisst schon welches - gerade recht und ich war überrascht wie gut das schon besucht war. Kein Wunder, denn heute war Dreikönigstag und alle kinderreichen Familien hatten wohl das gleiche Ziel wie ich.
Auch ein Polizei-Wagen parkte vor dem Restaurant und so schloss ich daraus, dass sich die Freunde und Helfer auch mit ein paar Burgern und Fritten eindecken wollten. Ich dachte mir nichts dabei.
Und dann, Alois, als ich ins lärmende Restaurant eintrat fiel mir ein grosser, kräftiger Mann in einem dunklen Anzug auf, der an der Eingangstür stand und scheinbar auf etwas wartete. Er machte auf mich den Eindruck, als wäre er ein Türsteher, nur etwas vornehmer. Ich war schon leicht verwundert, denn der passte wohl nicht recht in diese Kaschemme. Er war durchaus eine sympathische Erscheinung, obwohl ich etwas verwirrt war, da er mich so verschmitzt lächelnd anblickte.
Ich dachte mir, wie hat sich der wohl hierher verirrt? So eine distinguierte Erscheinung war das. Als ich durchgehen wollte zum Tresen wegen der Bestellungsaufgabe, fiel mir das wichtigste Ziel meines Restaurantbesuches wieder ein, kehrte um und begab mich auf den Weg zur Toilette.
Und jetzt, Alois, kommt der Gag dieser Geschichte. Aus der Toilette kam ein Mann heraus, ein grosser, stattlicher Mann in einem Anzug. Ohne zu übertreiben kann man sagen: eine Erscheinung! Er ging an mir vorbei, sah mich an und sagte „Grüß Gott“ zu mir. Ich erwiderte seinen Gruß ebenso freundlich, aber auch etwas überrascht, da es ja nicht üblich ist, fremde Menschen die auf dem Weg zum Scheisshaus sind zu grüßen.
Als er schon vorbei war, dachte ich mir: He, diese Gesicht kennst du doch, das war ja der Ministerpräsident! Ich glaub das jetzt nicht!
Unser Landesvater!
Was macht denn der hier? Hier in Wasserburg? Was ist da los? Wie kann das sein?
Er kommt aus dem McDonald Pissoir und grüsst mich! Mich unwürdigen Wurm! Er kennt mich ja nicht mal. Was hat denn der hier verloren?
Und das war nicht ein einfach so lieblos hingesagtes, wertloses, nichtsagendes „Grüß Gott“, nein, er grüsste mich nicht wie irgendeine Person oder einen Wähler, den man schon aus wahltaktischen Gründen und um sich an zu biedern pflichtbewusst grüsst. Sein Gruss hatte etwas Respektvolles, etwas Ehrerbietendes. Er blickte mich direkt an und grüsste mich, als wäre ich ein gleichwertiger, ebenbürtiger Mensch, auf der selben Stufe mit ihm und sogar, - ich habe es genau erkannt - mit einem leichten, fast schon unterwürfigem Kopfnicken, wie es meist Untergebene tun, die einen hoch geachteten Menschen vor sich haben.
Also ich war angenehm überrascht, dass muss ich schon sagen.
Sicherheitshalber drehte ich mich nochmal um, denn ich wollte mich dieses ungewöhnlichen Treffens vergewissern. Tatsächlich war auch die vermeintliche Chefin des Ladens zum Ausgang geeilt um den hohen Gast freundlichst zu verabschieden.
Es war also wirklich geschehen!
Und während ich dann vor dem Urinal stand und es laufen ließ, dachte ich mir: was für ein anständiger Mann! Er hätte es wirklich nicht nötig gehabt, mich zu grüßen. Es waren ja nicht mal Kameras auf ihn gerichtet. Und Freundlichkeit hätte er auch nicht vorspielen müssen.
Stell dir nur mal vor, ich wäre nur eine Minute früher gekommen. Dann wäre ich direkt neben ihm mit offener Hose vor dem Pissoir gestanden, beide hätten wir unsere Pimmel heraus hängen lassen, gemeinsam kameradschaftlich bei einem Smalltalk uriniert, uns vielleicht sogar Männerwitze erzählt und schlussendlich auch noch gleichzeitig abgeschüttelt.
Stellˋ dir dass nur vor! Das hätte ich meinen Enkeln erzählen können!
Später habe ich erfahren, dass er wohl den Tagungsort seiner Partei verlassen hatte und sich auf dem Weg zur Landeshauptstadt befand. Weshalb er jedoch ausgerechnet einen Fast Food-Laden zur Pinkelpause auserwählt hatte, bleibt mir wohl ewig ein Rätsel.
Aber auch sein Bodyguard war mir ja, wie ich bereits schrieb, schon positiv aufgefallen. Das war kein übel blickender Schlägertyp wie es ja oft bei Diktatoren oder Usurpatoren vorkommt, sondern ein freundlicher, wohlerzogener Mann mit Manieren.
So geriet also meine Antipathie gegen diesen Politiker kurzzeitig gehörig ins Wanken.
Trotzdem würde ich natürlich niemals sein Partei wählen, wie du ja auch nicht, Alois. Aber dass dieser Mensch, den ich bis dahin geradezu inbrünstig nicht gemocht habe, doch so eine sympathische, anständige Ausstrahlung haben kann, damit hätte ich nie gerechnet.
Also im Fernseher kommt er viel grimmiger und unfreundlicher rüber.
Als ich dann meinen Cheeseburger mit braunem Zuckerwasser zu mir nahm, fragte ich mich, ob er wohl auch eine Mahlzeit in dem Laden zu sich genommen hatte, denn eigentlich dürfen doch nur Kunden zum Pinkeln gehn,.....
So,.... jetzt hab ich beschlossen, diese Email gar nicht abzuschicken, weil ich glaube, dass der Alois das gar nicht lesen würde, weil er sicher nicht weiß, wie man einen Anhang öffnet. Es ist wohl besser, ihm das an unserem Stammtisch zu erzählen. Da trinken wir unsere Weißbiere und sitzen gemütlich beieinander. Diesen Text behalte ich trotzdem als Tagebuchaufzeichnung, wie ich es ja gewöhnt bin.

P.S.
14 Tage nach diesem Ereignis habe ich eine Rede von diesem Mann im TV gehört.
In dieser hat er wohl wieder sein wahres Gesicht gezeigt, seine politischen Gegner beleidigt und sich lustig gemacht um deren Sorgen zwecks Klimawandel und Flüchtlingsfragen. Hochnäsig und arrogant war sein Auftreten und seine Zuhörer
grölten begeistert nach jeder primitiven Äußerung von ihm.
Da habe ich meine Meinung über ihn schnellstens revidiert und mich über mich selbst nur gewundert.



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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