Ramon Kania

Märchenwald

Die dunkelste Stunde der Nacht war angebrochen. Die Bäume standen wie riesige, gebeugte Beobachter rechts und links von der Straße, wie in einem verdorbenen Märchenwald, und streckten ihre verdorrten Arme nach mir aus. Neben mir, dem armen Mann, der neben seiner dampfenden Motorhaube stand und völlig ratlos in die Stille starrte.
Im Scheinwerferlicht waberten Nebelschwaden, die Luft stand still. Mit einem hoffnungsvollen Blick schaute ich ein letztes Mal auf die Netzanzeige meines Smartphones.
Tot.
Ich schüttelte den Kopf und seufzte. Natürlich musste mich mein Fahrzeug genau hier und genau jetzt verraten und im Stich lassen. Hier, Kilometer von der letzten Ortschaft entfernt, in einem Wald, der mit jedem Knarzen der Äste zu flüstern schien.
"Kannst du die Kreaturen sehen? Die grässlichen Kreaturen, die sich in meinem Schatten verstecken?"
Ich fröstelte, obwohl es gar nicht so kalt war.
Es knackte laut. Reflexhaft zuckte ich zusammen und fragte stotternd:
"Is... Ist da wer?" Zur Antwort und zu meinem Schrecken huschte ein Schatten zwischen den Bäumen entlang und ein Schnaufen drang an meine Ohren. Im ersten Augenblick glaubte ich den Umriss eines Hirsches oder Pferdes zu erkennen, der kurz in seiner Bewegung innehielt, als er meine Stimme hörte.
Ich war kurz davor auf ihn zuzugehen, um ihn aus der Nähe sehen zu können, dann aber dachte ich mir, was das überhaupt bringen sollte.
Ein Tier war schließlich kein Mensch und konnte mir wohl kaum aus diesem Wald hinaushelfen.
Ich beschloss, nach kurzem Überlegen, wieder in meinen Wagen zu steigen und dort die Nacht auszuharren. Womöglich würde irgendwann ein Auto vorbeifahren und mich aufsammeln können, zumindest wäre es so oder so besser bei Tageslicht einen gescheiten Plan zu entwickeln.
Ich schaltete das Licht ab und kuschelte mich so gut es ging in meinen Pullover. Die Augenlider schlossen sich und ich schlummerte tatsächlich nach kurzer Zeit ein.
Ein Geräusch weckte mich wieder. Blinzelnd öffnete ich die Augen. Der Nebel war dichter geworden, das erkannte ich sofort, doch da war noch etwas, was sich verändert hatte. Vor mir auf der Straße stand ein Pferd, oder viel mehr glaubte ich eine pferdeähnliche Gestalt zu erkennen, vergleichbar mit jenem Wesen, welches ich vorhin im Wald zu sehen geglaubt hatte.
Es war also sein Schnaufen gewesen, das mich geweckt hatte, schloss ich aus meinen schlaftrunkenen Erinnerungen.
Es schaute mich geradewegs an, soviel konnte ich durch die von Sternen- und Mondlicht erhellte Dunkelheit erkennen.
Zuerst wollte ich mich wieder schlafen legen und schloss dafür die Augen, doch als ich sie für einen ganz kurzen Moment wieder öffnete sah ich, dass mich das Tier nach wie vor anschaute. Regungslos, mit dicken Atemwolken vor dem Maul. Etwas beunruhigte mich zu tiefst an diesem Anblick. Wieso ging es nicht weiter? War ich und mein Auto wirklich so interessant? Vermutlich. Einfach ein Tier, das ein sonderbares Objekt in seiner Umgebung genauer untersuchen wollte.
Aber da war irgendetwas, was mich daran hinderte das Tier einfach zu ignorieren. Es machte mich mit seinem stillen Blick nervös, bis ich mit einem Mal wieder hellwach war.
Gott, war ich wirklich so verdammt faszinierend für das Pferd? Konnte es nicht einfach weitergehen?
Dann fiel mir das Scheinwerferlicht meines Wagens ein. Zusammen mit der Hupe sollte es doch möglich sein das dumme Tier zu vertreiben.
Ich schaltete die Zündung an und drehte am Lichtschalter. Die Hupe sollte sofort folgen, doch ich erstarrte in mitten meiner Bewegung zum Lenkrad.
Das Pferd... Nein, das war kein Pferd… Die KREATUR stand im Lichtkegel und glotzte mich mit großen Augen an. Ein Pferd war es nur von Form und Körper her, doch der Kopf... Oh Gott… der Kopf!
Das Tier wieherte und schlug mit den Hufen in die Luft, dann galoppierte es in den Wald. Ich war bewegungsunfähig, meine Gedanken ganz und gar eingenommen von dem grauenhaften Bild, welches sich mir eben gezeigt hatte.
Ein menschlicher Kopf auf einen Pferdekörper und noch dazu völlig verzerrt, entsetzlich verstellt. Und dazu ein glänzendes Horn auf der Stirn! Und diese weißen Augen… diese toten und gleichzeitig doch vor Wahnsinn rasenden, weißen Augen!
Verdammte scheiße, was war das gewesen?! Was war da gerade von meinem Wagen weg in die Nacht galoppiert?!
Ich Strich mir über die Augen, aber das Bild blieb nur allzu real, wie eingebrannt, in meinem Gehirn stehen.
Ich versuchte mich langsam wieder zu beruhigen. Ich musste mich geirrt haben, meine Augen mussten mir im nächtlichen Zwielicht einen Streich gespielt haben! Doch die Angst war mir fest in die Knochen gefahren und mit einem Mal fühlte ich mich wie gefangen in meinem kleinen Wagen.
Würde es wiederkommen? Würde es im Wald stehen, wenn ich einmal hinausgehen würde? Würde es...
Glas zersplitterte. Metall schepperte. Ich wurde gegen die Wand meines Autos geschleudert und sah im Flug die weiß tobenden Augen und das glänzende Horn, wie es sich mitsamt dem Kopf durch die Wagentür gebohrt hatte.
Dann setzte es zurück und nahm erneut Anlauf.
WEG HIER!, kreischten meine Gedanken und ich suchte panisch nach dem Türgriff.
Ein zweites Mal erzitterte das Metall und zwei der vier Räder erhoben sich in die Luft, so dass ich für einen kurzen Augenblick befürchtete der Wagen würde umkippen.
Blut rann über den entstellten Kopf der Kreatur, als er, wenige Zentimeter von mir entfernt, zum Stillstand kam.
Nun konnte ich den Atem des Tieres riechen, welcher stark an verfaultes Fleisch erinnerte. Schlagartig überkam mich Übelkeit.
Es begann damit schwankend, und begleitet von knirschendem Metall, ein drittes Mal Anlauf zu nehmen und mir wurde in dem Augenblick klar, dass es so lange weiter machen würde, bis es entweder sich selbst, oder mich, in einen blutigen Tod befördert hatte.
Noch lauter schrie alles in mir, jede Faser, jeder Muskel: Öffne endlich diese verdammte Tür!
Das Einhorn stürmte los. Gerade, als es die gesamte linke Seite zerriss und wie ein weißer Pfeil, von dicken Blutspritzern begleitet, durch den Innenraum des Wagens schoss, stolperte ich durch die Tür und fiel auf die asphaltierte Straße.
Das Einhorn war mit seinem ganzen Körper in den Wagen eingedrungen. Es schnaubte und wieherte und wollte ein weiteres Mal zurücksetzen, doch es hatte sich verfangen. Rasend schüttelte und wandte es sich, während seine Haut immer mehr blutige Risse bekam und gewaltige Brocken aus Glas, sowie Metall, in seinen eigenen Körper rammte.
Auf allen Vieren krabbelte ich keuchend von dem fürchterlichen Anblick weg. Dann sah ich, unfähig wegzuschauen, wie das Tier, in Wut und Zorn, seinen immer schwächer werdenden Todeskampf bestritt.
Die Lichter des Wagens flackerten, der Nebel tanzte in Schlieren und Schlaufen, als das Einhorn ein letztes Mal zuckte und schließlich tot zusammenbrach, die weißen Augen weit aufgerissen, der leblose Blick in seinem letzten Flimmern auf mich gerichtet und ich glaubte bodenlosen Hass darin zu erkennen.
Die aufkommende Stille war Atem raubend. Der Wald stand in all seiner Düsternis da und verkreuzte seine dürren Arme über mir. Ohne es zu beabsichtigen hatte ich in meiner Panik die ersten Baumreihen durchquert und saß nun unter dem schwarzem Blätterdach.
Zitternd, völlig benommen, versuchte ich mich auf meine Beine zu stellen. Es gelang mir nur mit viel Mühe und der Stütze eines herunterhängenden Astes.
Ich musste hier weg. Sofort. Alles suchten meine panisch blinzelnden Augen ab, nur nicht den grauenhaften Anblick auf der Straße.
Und was fand ich wieder jeder Erwartung und jeder Hoffnung? Einen Weg, nicht weit von mir entfernt. Wie hatte ich den bisher von meinem Auto aus übersehen können?
Es war mehr als ein bloßer Trampelpfad. Der hier war von Menschen angelegt worden. Zivilisation? Ich wagte es kaum zu hoffen.
Aber... Wollte ich wirklich tiefer in diesen Wald hineingehen? Denn dahin führte der Weg ganz ohne Zweifel. Wäre es nicht besser auf der Straße zu bleiben? Irgendwann müsste diese mich ja unweigerlich zu einer Ortschaft bringen.
Dann, ohne Vorwarnung, erstrahlten die Bäume in rotem und gelbem Licht. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was geschehen war. Lampen waren am Rande des Weges angegangen und zeigten nun ganz deutlich, wohin der geschwungene Pfad entlang des Waldes führte.
Was zum Teufel war hier los? Aber mein Entschluss stand sogleich fest: Ich würde nicht dem Weg folgen und tiefer in den Wald hinein gehen. Was auch immer hier geschah, ich machte mich jetzt daran schleunigst davon wegzukommen.
Ich wandte mich Richtung Straße und sah gerade noch den riesigen Schatten einer geflügelten Kreatur über das kaputte Auto und das tote Einhorn huschen. Ich warf mich gerade noch so in die Büsche unter den Bäumen, dann landete etwas im beinah erloschenen Scheinwerferlicht. Ein Vogel... Begann ich eine Vermutung, bis es seine Flügel spreizte und eine, wie aus Stein gehauene Gestalt, offenbarte.
Speichel spie aus seinem Mund, während es mit einem bestialischen Schrei die Schatten der Nacht erzittern ließ. Das schrille Geräusch verklang zwischen den Bäumen und mit einem gewaltigen Flügelschlag schwang sich das Wesen wieder in die Luft. Die Blätter über mir raschelten, doch schienen sie dicht genug zu sein, um das Tier von mir fernzuhalten.
In welche Hölle war ich hier nur geraten? Welcher Schlund hatte nur derartige Bestien ausgespien!
Mit blutleerem Gesicht schaute ich zum beleuchteten Weg hinüber. Er war ganz gewiss Teil dieser grotesken Vorstellung, doch er war das Einzige, was von hier fortführte, ohne, dass ich die Sicherheit der Bäume verlassen musste. Und ich wollte hier weg. So weit es eben ging weg von hier.
Über mir raschelten die Blätter und erneut ertönte ein markerschütternder Schrei.
Nein, es war beschlossen, hier würde ich nicht bleiben, alles war besser, als die Nacht in der Nähe dieser beiden Kreaturen zu verbringen. Und das eine davon tot war machte die Sache keinesfalls erträglicher.
Ich ging los, schlich mich mit weit aufgesperrten Ohren durch die Büsche, achtete auf jedes Geräusch und gelangte schließlich auf den beleuchteten Pfad. Schnell zeigte sich, dass er nicht nur vermutlich, sondern definitiv Teil dessen war, was hier inszeniert wurde. Denn schon bald wuchsen zu meiner Seite nicht nur Bäume und Sträucher, sondern vor allem Pilze. Riesige Pilze, größer als ich selbst. Und das war nicht alles. Einige von ihnen waren ausgehöhlt, zu Möbeln oder zu einem Teil des Weges selbst verarbeitet und hergerichtet worden.
Welcher wahnsinnige Verstand war hier nur zu Werke gewesen? Hatte man versucht Alice im Wunderland…
Ein weißes Kaninchen kreuzte meinen Weg. Es hoppelte auf die Steine und blieb vor mir stehen. Jemand hatte es in einen kleinen Anzug gesteckt und als es sich zu mir umdrehte erkannte ich eine kleine Uhr, die es in der Pfote hielt. Erst, als es weiterging bemerkte ich, dass es humpelte, denn die Taschenuhr war auf irgendeine Weise fest mit dem kleinen Kaninchen verbunden worden...
Hier hatte sich wirklich jemand einen Märchenwald gebastelt, einen abscheulichen und perversen Märchenwald. Was für ein krankes Gehirn konnte sich Derartiges nur ausgedacht haben?
Doch auch, wenn ich es abstoßend fand, kam ich um eine Sache am Ende nicht herum: Dass ich, abseits des Horrors und des Schreckens, der Widernatürlichkeit und des Ekels, eine leichte Faszination zu spüren begann. Ein wahrgewordener Alptraum war das hier, doch ohne die blanke Angst um mein Leben, da hätte es fast so etwas wie die Fahrt eines Themenparks sein können.
„Absurd!“, redete ich mir ein, „Dein Verstand kann einfach nicht mit der Situation umgehen. Der Ort ist grauenhaft, nichts anderes.“
Die Landschaft veränderte sich beim Weitergehen. Und... Ja, ich glaubte irgendwann sogar Vogelgezwitscher zu vernehmen. Die Pilze verschwanden, die Bäume lichteten sich und vor mir richtete sich ein grüner Hügel auf. Über mir hörte ich noch das Krächzen von Raben, doch am schwarzen Himmel konnte ich nichts erkennen.
Und da, am obersten Punkt des Hügels streckte sich ein kleines Häuschen empor. Bunt gestrichen in quietschenden Farben, schief gebaut, als hätte eine zu starke Windböe es eines Tages einfach in Schräglage versetzt.
Das war dann also das Haus des alten Großmütterchens… oder das der buckligen Hexe.
Sollte ich also nicht einfach hier Draußen bleiben? Warten, bis der Tag anbricht, anstatt geradewegs in den mehr als sicheren Tod zu stapfen?
Ein tiefes Grollen half mir bei der Entscheidung. Ich drehte mich um und zog gerade noch rechtzeitig meinen Kopf beiseite. Scharfe Klauen blitzten im bunten Licht der Wegbeleuchtung auf. Bruchteile später schmetterten die Zahnreihen eines gewaltigen Mauls, nur wenige Haaresbreiten von mir entfernt, gegeneinander. Mir war, als hörte ich Beton krachen.
Die Kreatur heulte laut auf und dicke Speichelfäden tropften aus dem Maul. Einen Moment blieb ich wie versteinert stehen und erkannte seine Gestalte. Es war eine Kreatur, die aufrecht gehend auf zwei Beinen stand, doch Klauen statt Hände und Schnauze statt Mund besaß. Es war ein Wolf und doch hatte es etwas Menschliches an sich. „Werwolf“, so könnte man das Ding wohl bezeichnen, doch offensichtlich war das Ding hier nicht bloß eine Sage aus Mythen und Legenden. Narben zeichneten das Wesen und es schien, wie das Einhorn, lediglich eine verzerrte Version seines märchenhaften Vorbilds zu sein.
Aber mir blieb keine Zeit die Feinheiten in der Erscheinung der Kreatur herauszuarbeiten. Ohne Vorwarnung stürzte es sich erneut auf mich.
Dieses Mal konnte ich dem Biss nicht entkommen, die scharfen Zähne gruben sich in mein Fleisch hinein, als es sich meine Schulter schnappte.
Schmerz explodierte und für einen Moment entschwand jede Kontur aus dieser Welt. Ich schrie auf. Wild und panisch versuchte ich mich loszureißen. Dabei musste ich die Kreatur irgendwie ins Auge getroffen haben, oder etwas Vergleichbares, denn diese heulte plötzlich wehleidig auf und lockerte ihren Biss. Sofort ergriff ich die Gelegenheit, löste mich und stürmte zu dem Haus hinauf.
Ohne mich umzusehen riss ich die Tür auf und schmetterte sie hinter mir wieder in die Angeln. Ich stemmte mein ganzes Gewicht dagegen und spürte sogleich ein furioses Kratzen und Hämmern, eine wilde Raserei, die von der anderen Seite versuchte hindurchzukommen. Aber so kümmerlich das Haus und seine Tür auch erscheinen mochten, sie hielt stand, zumindest fürs Erste.
Ich sah mich nach etwas um, das ich an meiner statt als Barrikade benutzen konnte und fand sogleich einen Schrank zu meiner Linken. Er war schwer, doch auch hoch genug, um ihn recht schnell zu Fall zu bringen. Ohne viel Mühe krachte er vor die Tür und versperrte mit all seinem Gewicht das Durchkommen.
"Scheiße...", stöhnte ich, während ich mich erschöpft zu Boden sinken ließ.  Welcher Wahnsinn war nur in diesen Wald gezogen?
Scharf zog ich die Luft in meine Lungen, als ich sogleich die Antwort auf meine Frage erhielt.
DIESER WAHNSINN WAR ES.
Zitternd klebte mein Blick an den Zeichnungen, welche überall verteilt herumlagen. Es waren Notizen und Skizzen. Einmal lange feinsäuberlich geschriebene Texte, präzise mit Zeichnungen und Formeln unterlegt, wie bei einer Wissenschaftlichen Arbeit. Ein anderes Mal ging das Ganze nicht über die Fähigkeiten eines kleinen Kindes hinaus, dann stand dort so etwas wie "Pferd + Horn = Einhorn" und darunter befand sich eine mehr als simple Zeichnung eines Pferdes mit Horn.
Teilweise mischten sich sogar die Stile und flossen ineinander über, so, dass kein Zweifel daran bestand, dass es sich, trotz des ersten Anscheins, um das Werk eines einzelnen Menschen handeln musste.
Nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Mir rann es eiskalt den Rücken hinunter und doch konnte ich nicht anders, als mir die Zettel genauer anzusehen und fasziniert den mehr als verrückten und überaus wirren Gedankengängen zu folgen.
Ich musste mir eingestehen, dass ich irgendwo, so sonderbar es auch war, ein Verständnis dafür empfand. Hier hatte jemand versucht etwas zu erschaffen, einen Traum zu verwirklichen, so kindlich und wahnsinnig dieser auch war, ich konnte nicht anders, als dieser Willenskraft meinen Respekt zu zollen. Aber… was dachte ich denn da? Respekt? Für solche Monster? Für solche Abscheulichkeiten? Das war sicherlich eine Art des Stockholmsyndroms. Entwickelte ich doch tatsächlich Sympathie für diese furchtbare Situation.
Nachdem ich damit fertig war die Unterlagen durchzustöbern stand ich auf und sah mich im restlichen Haus um. Zimmer für Zimmer durchstreifte ich und stellte dabei fest, dass die gesamte Einrichtung darauf bedacht war, vertraut und heimisch zu wirken. Wäre nicht das Kratzen und Schnuppern des Werwolfs gewesen, welches ich immer wieder durch die Wände hindurch hören konnte, so hätte ich mich hier ohne weiteres wohlfühlen können.
Erst, als ich die Treppe in den ersten Stock hinaufging, ergriff mich das Unbehagen wieder im vollen Umfang. Und die Übelkeit. Der Raum, in dem Ich wiederfand, war bis unter die Decke vollgestellt. Eingeweide in Gläsern, Körperteile an Drähten befestigt. Und sie bewegten sich. Die Gliedmaße zuckten krampfhaft und unregelmäßig, doch ich konnte nicht erkennen, ob es tatsächlich, wie ich zunächst vermutete, Stromschläge waren, die den abgetrennten Armen und Beinen neues Leben verliehen, denn nirgendwo sah ich eine Maschinerie, nirgends einen Funkenschlag, der diese offensichtliche Interpretation bestätigt hätte.
Und dann das Stöhnen. Aus der Dunkelheit hinter den Pulten, hinter den Gläsern und den Apparaten, da erklangen Geräusche. Entsetzliche Geräusche und ich glaubte sogar Worte in ihnen erkennen zu können.
„Vaaaaatttteeerr…“, gähnte es qualvoll aus den Schatten, „Wieso hast du uns allein gelassen…“
„Vater!“, zischte es aus dem Zwielicht, „Wieso bist du fortgegangen?“
Rücklings stolperte ich zurück und auf mich zu kamen bleiche Gesichter gekrochen. Ketten raschelten und mitten im Raum wurden sie dazu gezwungen stehenzubleiben. Ein halbes Dutzend toter Augen starrten mich an, welche davon Männer und welche Frauen waren, ließ sich nicht mehr sagen. Jedes von ihnen war auf eine ganz einzigartige Weise furchtbar anzusehen, nur eines Stach sogleich heraus, denn es hatte einen Zettel auf die Stirn geklebt bekommen. Von meiner Position aus konnte ich folgendes darauf lesen:

„Bewertungsbogen
An mein hochgeschätztes Selbst,“ Es war eindeutig die feine und säuberliche Handschrift des Wissenschaftlers.
Weiter hieß es:
„Es freut mich wirklich sehr, dass ich es geschafft habe an meinen kleinen Lieblingen lebendig vorbeizukommen und nun dazu in der Lage bin den ‚Märchenwald' (bald eingetragenes Markenzeichen) selbst, objektiv und neutral bewerten zu können.

Frage 1: Wie überzeugt war ich davon, dass ich mit dem Auto liegengeblieben und rein zufällig an diesem Ort gelandet bin?
1 = ich wusste es die ganze Zeit, so leicht lass ich mich nicht von mir selbst reinlegen
10 = ich glaube selbst beim lesen dieser Frage noch nicht, dass ich derjenige bin, der für all das verantwortlich sein soll
(Anmerkung: falls 10 zutreffend, bitte am Ende des Bewertungszettels Abschnitt „anhaltende Amnesie" beachten)

Frage 2: Wie haben mir die einzelnen Fabelwesen gefallen?
Bitte Authentizität, Angstfaktor, Ästhetik und Aggressivität bewerten.
Einhorn
Gargoyle
Werwolf
Und falls begegnet:
Weißes Kaninchen
Riesen Schnecke
Unsichtbare Raben (mehrmals durchgestrichen)

Frage 3: Wie überzeugt war ich vom gesamten Erlebnis?
Zutreffendes bitte Ankreuzen:
Es könnten ein paar mehr Fabelwesen sein, das ganze wird recht schnell eintönig und langweilig [  ]
Ich habe mich richtig gefürchtet, für Abwechslung war gesorgt [  ]
Das Konzept wirkt etwas seltsam. Wieso groteske und furchteinflößende Kreaturen in einem Märchenwald? [  ]
Was soll der ganze Scheiß?! Was zum Teufel geht hier vor? Was sind das für Kreaturen? Wo bin ich hier! [  ] (falls angekreuzt, bitte umgehend Abschnitt „anhaltende Amnesie" durchlesen!)
Alles in allem benötigt der ‚Märchenwald‘ (bald eingetragen Markenzeichen) noch sehr viel [  ]/ ein klein wenig [  ]/ so gut wie gar keine [  ] Überarbeitung mehr
Bitte nenne den größten Vorzug und das größte Manko des ‚Märchenwalds‘ (bald eingetragenes Markenzeichen):
Vorzug:

Manko:


Frage 4: Gab es Komplikationen? (Tote Fabelwesen und andere Zwischenfälle)
Bitte beschreiben:

 

Hier endete die Seite. Hastig stand ich auf und riss alle Seiten von der Stirn des blassen Gesichts. Dann las ich weiter.

„Anhaltende Amnesie
Sollte ich diesen Abschnitt lesen habe ich wohl mit dem ‚Amnestetikum‘ (bald eingetragenes Markenzeichen) etwas geschludert und ich immer noch keine Ahnung was zum Teufel hier los ist. Oder viel eher: Ich kann gar nicht glauben, was hier angeblich los sein soll. Aber keine Panik. Im Folgenden sind Zeichnungen, die ich (also auch du) in der Kindheit angefertigt habe, diese sollten alle Erinnerungen wieder an den richtigen Platz rücken und dir verständlich machen, wer du bist. Bitte beachte aber, dass dies auch eine Chance darstellt und es mir ermöglicht eine wesentlich neutralere Aussage zu erhalten, als wenn ich meine Erinnerung bereits wiedererlangt hätte. Nimm dir also die Zeit und beantworte zuerst die Fragen, wenn möglich. (Anmerkung: Nicht möglich sollte es mir sein, wenn ich zu lange getrödelt habe. Vor allem der Werwolf ist in letzter Zeitig wirklich bissig und wie besessen ins Haus zu gelangen. Sollte das der Fall sein bitte direkt dazu übergehen die beigelegten Bilder anzuschauen, ansonsten fürchte ich, dass ich nicht wissen könnte, wie ich mit dem kleinen Beißerchen umzugehen habe)“

 

 

Von unten ertönte ein ohrenbetäubendes und vor Wut rasendes Brüllen, begleitet vom Zersplittern und Zerbersten einer hölzernen Tür. Es folgte ein Schnauben und ein Schnüffeln, dann hörte ich, wie gewaltige Schritte rasend schnell auf mich zugestürmt kamen.
Mit Eile blätterte ich die letzten Seiten durch. Aber da war nichts. Da war nur ein Kind, welches inmitten einer Horde bunter Tiere stand. Jedes Mal mit der Überschrift „Mein Märchenwald“ betitelt.
Was für eine verdammte-
Ich konnte meine eigenen Zähne an mir vorbeifliegen sehen, während sich die Welt hastig in einen dunklen Mantel der Bewusstlosigkeit zu kleiden begann.
„Vateeeerrrr“, hörte ich noch ein tiefes Knurren an meinen Ohren und um meinen Kopf herum ertönen. Dann schloss sich der gewaltige Kiefer.

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ramon Kania).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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