Ramon Kania

Still Schwebend

Den Regen schob ich wie einen Perlenvorhang beiseite. Einige der eisähnlichen Tropfen platzten als ich sie berührte, andere nahmen nur eine andere Position in dem starren Geflecht ein, das ich zu durchqueren versuchte.
Wie lange war ich nun schon an diesem Ort? In Tagen und Stunden war es beinahe sinnlos eine Schätzung abzugeben. Der Mangel an Schlaf und die scheinbar in Stein gemeißelten Szenarien stutzten mein Zeitgefühl auf ein lächerliches Minimum.
Drei Tage? Ja, etwa drei Tage waren es, die ich durch Wälder wanderte die in der Blüte ihres Wuchses zum stehen gekommen waren. Durch Täler, die in Stille verharrten. Über Seen, deren Oberfläche ein Spiegel war.
Und nun, nun führte mein Weg mich durch Regenwiesen, auf denen die einzigen Tropfen die zu Boden fielen jene waren, die meine Kleidung aufsog und dann langsam abtropfen ließ.
Diese Welt war so merkwürdig. Sie war im ersten Augenblick ein Gemälde, das erst durch seinen Betrachter ins Leben fand. Dann jedoch war es zugleich der Beobachter, der sie veränderte. Ich fragte mich also, ob allein die Bewegung diese Welt zum Existieren brachte. Und je länger ich mir nun diese Frage stellte, desto mehr fragte ich mich, ob sie dann überhaupt ein Gemälde war, wenn sie niemals vollkommen stillstehend gesehen werden konnte.
Aber ob Gemälde oder nicht, sie war wunderschön. Sie war alles, was ich zu finden gehofft hatte. Ein Ort, an dem die Zeit stillstand und man alle Ruhe hatte, die man sich nur wünschen konnte.
Es war wie ein Museum, nur, dass man jedes Gemälde betreten und von innen heraus auf jedes Detail durchstöbern konnte. Dabei hatte ich mir bisher nur ganz Alltägliches angesehen. Wiesen, Berge und Wälder, aber mein ganzer Eifer brannte darauf eine Stadt oder dergleichen zu finden. Aber nicht um mit irgendwem zu sprechen, ich hoffte, dass dies unmöglich sei, sondern um das hektische Leben festgefroren in einem Moment stehen zu sehen. Ich war davon überzeugt, dass dies meine Welt war und ich sie mit niemandem teilen musste. Niemand sonst der durch ihre ewigen Regenbögen schritt, oder die schäumenden Wasserfälle durchteilte.
Der Regenvorhang wurde immer dünner und Sonnenstrahlen durchlöcherten die graue Wolkendecke. Ich verließ beim Weitergehen den Regen und betrat eine neue Wetterzone. Und dann hinter einer Hügelkuppe sah ich die schwarzen Rauchschwaden, die sich wie Tintenkleckse durch den Himmel zogen.
Endlich!    
Das Gras streckte sich wie kleine Stöcker in die Luft und die Pfützen waren schlammige Tümpel. Es war schwierig an diesem Ort eine Wanderung anzutreten, doch die Wochen und Monate, die ich zuvor durch die Wildnis gestreift war, hatten mich gestählt und ich war es gewöhnt schwierigeres Terrain zu durchstreifen.
Dann war es so weit; die ersten Hauswände bauten sich vor mir auf. Ich zwängte mich hindurch und stand mit einem Mal in dem Perfekt gemaltem Bild einer mittelalterlichen Stadt.
Das war also die Zeit, in der diese Welt gefangen war.
Kutschen mit Pferden, deren Hufe in der Luft hingen. Menschen, denen Wörter auf den Lippen klebten. Münzen, die zwischen zwei Händen schwebten und niemals ihren Besitzer fanden. An all das trat ich so nah heran, wie es mir nur möglich war, berührte die Figuren deren Tätigkeiten sich in der Zeit verloren hatten.
Ich bestaunte das stillstehende Treiben. öffnete Türen, die gerade am Auf- oder Zuschwingen waren. Wie ein Kind berührte ich alles, was mein Aufsehen erregte und beobachtete das Leben hinter Fenster und Tür, das Gewöhnliche, sowie das Außergewöhnliche. Jedes Mal ein neues Meisterwerk in Stille gebettet.
Ich atmete tief ein, während ich mich auf den Straßen drehte und kicherte.
Endlich hatte ich gefunden, wonach meine Reise sich gesehen hatte. Stille, Einsamkeit und einen Augenblick ganz für mich allein. Da war sie endlich, die Gewissheit keinem Menschen je wieder Rechenschaft schulden zu müssen.
Ich schloss die Augen und labte mich an dem Gedanken in einer Masse von Menschen zu stehen und nicht ein Wort von ihnen hören zu müssen.
Doch von Wohlgefühl allein konnte kein Mensch leben. Mein Magen knurrte. Zum Glück gab es einen Markt, an dem ich Keulen fand, die ich aus den Wolken ihrer eigenen Dämpfe herausnahm und verzehrte. Obwohl der fehlende Geschmack und die eigenartige Mischung aus kalt und warm den Appetit nicht gerade anregten und es fast schon an Arbeit grenzte das Fleisch zu kauen, so erfüllte es doch seinen Zweck.
Während ich versuchte das widerspenstige Stück Fleisch hinunter zu kriegen ging ich weiter.
Ich sah Feuer, das weder knisterte noch knackte, aber dessen Funken in der Luft wie Sterne hingen. Ich pflückte sie und gab ihnen einen neuen Platz. Drachen, Katzen und Fische konstruierte ich, aber das Schaffen von Meisterwerken verlor irgendwie seinen Reiz, wenn es keinen gab, der sie je bewundern würde.
Ziellos ließ ich mich treiben und hielt nach weiteren Wundern Ausschau. Schließlich gelangte ich auf eine Blumenwiese, über der gerade ein Sternenzelt aus Blüten hing. Gelb und rot sprenkelte die Luft und ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Ich sog die Luft tief in meine Lungen, aber da bemerkte ich, dass es nichts zu riechen gab.
Ich ging weiter und sah ein Pärchen eng umschlungen auf der Wiese liegen, verflochten in einem innigen, ewigen Kuss. Was nur konnte schöner sein? Diese Welt war fabelhaft!

Die Sonne stand an ihren festgenagelten Platz, während ich die Straßen entlanglief.
Irgendwann stand ich vor einem Schloss, dessen Türme beinahe die Wolken streiften.
Wie die Welt wohl von dort oben aussehen mochte?
Ich stieg die steinigen Stufen hoch. Unzählige, doch was kümmert es mich, wie lange ich brauchte? Erst als ich beinahe ganz oben angekommen war bemerkte ich, dass etwas anders war.
Die Flammen der Kerzen waren zu Netzen und Bögen geformt. Blumen waren in die Luft gesteckt und aus Wasser war die Tür geformt, die in die Turmspitze führte.
Die Erkenntnis erschlug mich. Ich war nicht allein, dies war die Machenschaft eines anderen, es wandelte noch jemand durch die festgefrorenen Gefilde dieser Welt.
Mit zitterndem Atem öffnete ich die Tür. Es war nicht einfach das richtige Maß an Kraft zu finden, um die wässrige Tür aufzudrücken, ohne sie dabei zu zerdrücken. Aber ich schaffte es nur kleine Dellen zu hinterlassen. Ich fühlte mich wie ein Suchender, der eine heilige Stätte betrat. Jemand hatte dies mit viel Mühe errichtet, aber die wahre Bedeutung konnte ich nur erahnen.
Als ich das Zimmer betrat war mir sofort klar, um was es sich hier handelte. Es war die Ruhestätte eines Verstorbenen.
Mit all den Formen und Gebilden, die Blüten, die nur die Still stehende Zeit sprießen lassen konnte, ihre Skulpturen aus dem ansonsten Ungreifbarem, war sie so schön wie ein anbrechender Morgen, oder die heraufziehende Nacht.
Ranken aus Sand, in denen sich keine zwei Körner berührten. Wasser und Feuer eng umschlungen in Wirbeln und Strudeln. Schwebende Tücher und zersplitterndes Glas. Ich fragte mich sogar, ob es dem Gestalter gelungen war Sonnenstrahlen zu bewegen, denn es kam Licht aus Ecken und von Gebilden, welches keine offensichtliche Quelle hatte.
Und dann, in der Mitte von alldem, still schwebend auf weißen Wolken gebettet, ein Mann dessen Kopf gerade zur Seite kippte. Die blassen Lippen waren dabei sich zu schließen und unter den Augenlidern funkelte gerade so der Schein von grünen Augen hervor.
Es war ein Mann, der seinen letzten Atemzug aushauchte.
"Wer... Bist du?“ Die Stimme war gerade laut genug, um sie flüstern zu hören. "Was machst du hier?“ Ich wirbelte herum, ein Schatten hatte sich von einer Wand gelöst und ging langsam auf mich zu.
"Ich...", versuchte ich zu antworten.
"Das ist meine Welt. Wieso bist du hier?"
"Ich war... Ich bin..." Die Gestalt trat ins Licht. Es war eine Frau, die Haut weiß wie Schnee.
"Du hast hier nichts zu suchen! Es ist meine Welt..." Erschöpfung klang in der Stimme mit, tiefe, tiefe Erschöpfung.
"Bist du... Hast du das hier gemacht?“, brachte ich nur hervor, ganz meiner Neugier verfallen. „Hast du die Zeit..."
"... eingefroren?“, ergänzte sie meine Frage. „Ja. Ich habe das getan, ich allein und nur für... ihn." Ihr Blick glitt an mir vorbei, hinüber zu dem Verstorbenen.
"Ist er... Ist er tot?", fragte ich zaghaft.
"NEIN!" Schrie sie mich an, dass die Wände erzitterten.
"ER LEBT!" Ich fuhr zusammen und warf einen zweiten Blick auf den Mann.
Ja, der Atem verließ noch seine Lippen. Es war der Moment, nachdem er sterben würde, wenn bloß noch dieser eine Augenblick verginge. Aber er tat es nicht.
“Solange sich nichts verändert, wird er immer bei mir bleiben... Solange der Moment nicht vergeht, solange er nur verweilt... So lange kann ich…” Sie machte eine kurze Pause, dann schrie sie mich wieder an:
“Geh endlich! Du bringst nur Chaos! Das ist nicht deine Welt, es ist meine! Also geh! Geh! Geh endlich…”
“Ich...”, aber sie sah mich nicht mehr an, sie dachte nur noch an den Sterbenden und den Glanz längst vergangener Tage.
Und da verstand ich es. Das Essen war geschmacklos, die Luft duftlos. Der Kuss der Liebenden war ohne den rasenden Herzschlag nur eine Berührung ohne Bedeutung. Dieser Welt wohnte gar kein Zauber inne. Ein Augenblick ohne Vergänglichkeit war nichts Anderes als Leben, das man auf ewig sterben ließ.
Das geschah dann wohl, wenn man sein ganzes Sein an einen einzigen Moment klammerte... Wenn man nicht bereit ist loszulassen, dann bleibt am Ende nichts mehr, woran man sich halten kann. Ohne Veränderung sind wir für immer in unserem eigenen Totenbett gefangen, still schwebend, als Sklave unserer Sehnsucht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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