Ramon Kania

Platzregen

Die Lichter der Stadt verschwammen hinter den Wassermassen, die vom Himmel stürzten. Blinkende Reklameschriften leuchteten bunt über Fensterläden auf und versprachen Welten voller Glück und eine Zukunft ohne Sehnsüchte. Da waren weiße Strände, dichte Wälder; ein Leben außerhalb der Straßen, die niemals den Himmel sahen und im eigenen Dunst versanken. Natürlich nichts weiter, als Bilder und Filme, Illusionen, um den einfachen Verstand vor dem Wahnsinn zu bewahren, den es hier nur zu Hauf zu finden gab, denn wirklich entkommen konnte der Stadt schon lange keiner mehr.
„Flieht! Solange ihr noch könnt…“, stand es mit roter Farbe an einer Wand zwischen zwei Geschäften geschrieben. Man sah sogleich, dass es vor Ewigkeiten dorthin geschmiert worden sein musste. Denn derartige Gedanken waren schon vor langer Zeit vergessen worden. Und kaum, dass sich mein Blick in den schmalen Gang verirrt hatte, in dem die verhängnisvollen Worte standen, da sah ich auch schon die Schatten, wie sie sich flink tiefer in die Dunkelheit drückten, um meiner Aufmerksamkeit schnellstmöglich zu entgehen.  Ich wendete mich von ihnen ab. Eine gewisse Traurigkeit kam immerzu mit ihrem Erscheinen daher. Es versprach eine trostlose Zukunft, eine, die ganz und gar nicht die Sehnsüchte der Menschen stillen würde…
Eine Gestalt, mit dem Gesicht tief hinter der Kapuze eines Regenmantels vergraben, stieß plötzlich gegen mich. Wir beide gerieten ins Stolpern, doch keiner von uns gab ein Wort von sich. Wie üblich, wenn zwei Fremde aneinander gerieten blieb jede Art von Reaktion völlig aus. Vermutlich hätte ich hier und jetzt jemanden mitten ins Gesicht schlagen können und es wäre nicht mehr, als ein böser Blick als Erwiderung gekommen. Aber so war das in der dunkelsten aller Städte; keiner interessierte sich für irgendwen, nicht mal für sich selbst.
Ich erreichte den äußeren Ring eines großen Platzes, der, selbst jetzt, vollgestopft mit Menschen war. Man hätte vermuten können, dass dementsprechend viele Stimme zu hören gewesen sein müssten, doch das einzige, was meine Ohren vernahmen, war der Lärm von den Motoren und Maschinerien, die über und unter den Straßen ihrer ununterbrochenen Arbeit nachgingen.
Diese Stadt… man hatte ihr vor langer Zeit das Herz gestohlen, ihren Sinn und ihren Verstand. Jetzt war da nur noch eine klaffende Leere, die alle so fleißig bemüht waren mit irgendetwas zu füllen. Doch je länger man suchte, desto deutlicher wurde, dass einfach nichts mehr für diesen Ort übriggeblieben war außer der Vernichtung. Denn dort, wo einst das Leben pulsierte, schlug jetzt ein mechanischer Apparat und er würde erst aufhören die Menschen in seinen gierigen Schlund zu schmeißen, wenn die letzte lebendige Seele sich endlich von dem Ungetüm abwenden würde, welches sie mit Haut und Haar zu verschlingen versuchte.

Hinter einer Biegung tauchte sie endlich auf. Das schwarze Gestein verschluckte sogar die dunklen Schatten, die die Türme hinab auf die Straßen warfen. Schon der Anblick der Kathedrale ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Wie sie sich aus ihrem eigenen Dunst räkelte, der sich zu ihren Füßen versammelt hatte und sich in die verhängnisvolle Stille kleidete, die sie fest um sich wie einen Mantel zog. Hier hatte der Regen keine Bedeutung, das Wasser prasselte geräuschlos gegen das schwarze Gemäuer. Dies war kein Ort für Menschen, Menschen, die im eigenen Dreck krochen. Und auch kein Ort für Götter, Götter, die in einem viel zu weit entfernen Himmel hausten. Dies war der Ort, an dem ein totes Herz Blut in seine verfaulten Adern pumpte.
Ich zwang mich selbst dazu einen Schritt vor den nächsten zu setzen. Inmitten der Stadt und dennoch völlig auf mich allein gestellt. Ich hasste diese Aufträge, hasste alles, was mich in die Nähe dieser Kathedrale brachte. Doch welche Wahl hatte man schon beim Kampf ums Überleben, irgendwie musste man sich ja einen Platz an der Sonne sichern.
Kaum hatte ich ein paar Schritte im Schatten der Kathedrale zurückgelegt, da löste sich auch schon einer der Schatten aus einer in völliger Dunkelheit gelegenen Gasse und huschte geradewegs auf mich zu. Bereits von weitem konnte ich das blasse Glühen seiner Augen erkennen, dieser letzte Funke eines dahinschwindenden Lebens.
„guten abend“, zischte die Gestalt unter ihrer schwarzen Kapuze hervor. „man sagte mir dass du bald schon zurückkehren würdest“
Ich ging so unbekümmert wie es mir möglich war weiter und versuchte der… Person nur das Minimum meiner Aufmerksamkeit zu widmen.
„es heißt sie seien sehr zufrieden gewesen das letzte mal“ Verachtung sprudelte aus jedem einzigen seiner Worte. „hättest einen guten job gemacht jaja einen platz ganz hoch oben sei dir sicher“ Hätte er noch die Fähigkeit des Spuckens besessen, ich war mir sicher, er hätte mir genau jetzt vor die Füße gespuckt. So aber blieb ihm nur die unverhohlene Verachtung für mich.
„aber ich sage dir was mich hätten sie schicken sollen mich und ich hätte ihnen das doppelte und dreifache zurückgebracht wenn sie mir nur eine chance geben würden nur eine einzige ich würde ihnen zeigen dass ich es immer noch kann dass ich der beste sucher bin den sie jemals…“ Sein Schrei war atemlos und krächzend, als eine der Statuen stumm ihre Klauen in seinen abgemagerten Körper rammte und damit hoch in die Luft schleuderte, weit außerhalb der Grenzen meines Sichtfelds. Man hörte noch einen Moment lang das Schlagen der ledrigen Flügel, dann war ich wieder allein mit dem Regen und der Kathedrale, die all das so teilnahmslos beobachtete.
Arme Gestalt, dachte ich unter meiner Kapuze, kaum mehr ein Schatten seiner selbst. Ein Schicksal, dessen ungeheure Präsenz jedem von uns blühte, jedem, der in der Dunkelheit der Straßen wandelte. Umso wichtiger war es endlich von hier zu verschwinden, endlich wieder das Sonnenlicht zu sehen und dazu musste ich meinen Auftrag beenden. Zum ersten Mal wagte ich es den Beutel zu berühren, den ich so sicher an einer Tasche über meinem Herzen trug. Mein Ticket, um die Straßen zu verlassen, nichts hatte mir jemals mehr Angst eingejagt… oder angewidert, selbst nach einem Dutzend dieser Aufträge.

Die Treppen waren glatt und nur mit Mühe konnte ich die Stufen hinauf zu der gewaltigen Flügeltür erklimmen. Oben angekommen hörte ich bereits das wiederhallende Echo der Glocken, ihr leises, dennoch aufdringliches Bimmeln drang beständig aus dem kleinen Spalt zwischen den hölzernen Brettern.
Mit einem tiefen Atemzug stieß ich sie auf. Sogleich schwappte mir das Zwielicht der Schatten entgegen, welches durch matten Kerzenschein und vermummte Gestalten zwischen gigantischen Säulen hervorgerufen wurde. Mein Herz wehrte sich mit aller Macht dagegen in die Kathedrale hineinzugehen, meine Füße trugen es trotzdem tief ins Innere.
Mein Blick war starr auf den Boden gerichtet, um möglichst wenig von dem mitzubekommen, was um mich herum geschah. Es half nur geringfügig, denn die Priester der gottlosen Stadt schlichen so dicht an mir vorbei und huschten so nah um mich herum, dass ich mir niemals sicher sein konnte, ob es wirklich einer von ihnen war, oder nicht doch einer meiner eigenen Schatten, den das Licht der Kerzen an den Rand meines Blickfelds warf.
So schlecht es mir auch gelang ihre Präsenz aus meiner Wahrnehmung zu verbannen, so schaffte ich es immerhin ihnen nicht dabei zusehen zu müssen, wie sie ihre abscheulichen Praktiken verrichteten. Nur hin und wieder blieb es mir nicht erspart zu hören, wie eine der Glocken ihr Läuten unterbrach und etwas aus einem Behälter geholt wurde. Kurz darauf knackte und schmatzte es laut, dann wurde das Zwielicht ein wenig heller, während der Priester wieder sein Bimmeln erklingen ließ.
Ich wusste nur zu gut, was sie dort zwischen den Schatten taten. Und wie von selbst drückte sich meine Hand fest gegen den Beutel über meiner Brust, so fest, bis ich das Schlagen spüren konnte. Das Schlagen eines fremden Herzens.

Die jammernden und vor Entsetzen flehenden Erinnerungen an Blut, Feuer und Tränen traten in den Hintergrund, während ich vor den Altar aus schwarzem Marmor trat. Nur der einsame Schrei eines Kindes hallte noch durch meine Gedanken, als sich die Stimme des obersten Priesters sanft über den Klang der Glocken legte.
„Ich spüre… Erfolg.“, säuselte der Priester, ohne sich die Mühe zumachen mir etwas anderes, als seinen Rücken zuzuwenden. „Und das so schnell… du hast doch nicht etwa den Erstbesten genommen?“
„Ich… Nein, ich… würde nie…“ Selbst mit größter Anstrengung gelang es mir nicht ohne Stocken zu dieser Kreatur zu sprechen. „Ich hatte nur… ich hatte nur sehr viel Glück. Das… das ist alles…“, antwortete ich ehrlich, denn das Glück war in dieser Stadt wirklich immer auf der falschen Seite.
„Dann hol es mal her, unsere kleinen Köstlichkeiten.“ Dem Priester gelang es nicht die unverhohlene Gier in seinen Worten zu verstecken, vermutlich musste er sich wohl auch kaum die Mühe dazu machen.
„Nur… ähm… nur eine. Eine…“, korrigierte ich ihn stotternd. „… Köstlichkeit.“ Der Begriff kam mir nur mit Ekel über die Lippen.
„Nur…“, setzte er überrascht und erbost an, doch ich unterbrach den Priester hastig.
„Aber dafür eine wirklich… besondere. Glaubt mir, oder habe ich Euch je enttäuscht? Denkt nur an das letzte Mal!“
Der Priester schwieg kurz, offenbar in Überlegungen vertieft. Dann sagte er schließlich:
„Na gut. Zeig her.“ Ohne zu Zögern zog ich den Beutel aus meinem Mantel hervor und einen Moment später lag der schwarze Klumpen auf meiner offenen Hand. Sofort konnte ich das Schnaufen und Schnuppern hinter dem mir zugewandten Rücken hören.
„Oh… OH JA! Da hast du wirklich… etwas Besonderes. Ohhh… und so frisch… Wo hast du…“, er atmete noch einmal tief ein, dann drehte er sich tatsächlich zu mir um. „Wo hast du DAS HER?“ In seinen gewaltigen Augen tanzten die Reflektionen des Kerzenlichts. Verlangen und Gier tropften ihm ungezügelt aus den Mundwinkeln.
„Wie… wie gesagt, ich hatte Glück gehabt. Und für meinen letzten Auftrag, da wollte ich eben…“ Er hörte mir nicht länger zu. Mit seinen Klauen packte er den kleinen Klumpen und im Nu schob er es sich in sein mit Reißzähnen bestücktes Maul.
„JAAAA…“, seufzte er voller Lust. „Jaaaaa… oh jaaa…“ Über seine Haut zuckten die Schatten und das Flackern in seinen Augen loderte hell leuchtend auf.
„Freut mich, dass es Euch so gefällt. Wirklich. Doch wenn wir nun über mein Ticket nach Oben sprechen…“
„MEHR!“, schrie er laut scheppernd in die Halle der Kathedrale hinein. Die Glocken um uns herum verstummten abrupt.
„Aber…“, versuchte ich zu erwidern, doch der hohe Priester war wie in Trance… oder in Rage.
„Ich will MEHR DAVON!“
„Aber Ihr habt gesagt…“
„BRING MIR MEHR! ICH WILL MEHR!“
„Ich…“
Seine Klaue ließ mich durch den halben Raum fliegen. Noch in der Luft spürte ich, dass die linke Hälfte meines Gesichts und meiner Schulter aufgerissen worden war und das Blut regelrecht aus mir herausströmte. Keuchend und röchelnd versuchte ich mich aufzurappeln, doch noch während ich mich auf meine Knie stützte presste mich ein Arm gewaltsam gegen den Boden, so, dass meine Rippen knacksten und ich keine Luft mehr bekam.
„Ihr… Oh, ihr Menschen! Dass ihr wirklich noch glaubt, dass ihr etwas von uns verlangen könnt…“, Speichel tropfte aus seinem Mund auf mein Gesicht. „Ach… es amüsiert mich immer wieder, wie einfältig und dumm ihr doch seid…“ Er begann laut und wild zu lachen. „Noch immer glaubt ihr Herr dieser Stadt zu sein… dabei habt ihr uns doch schon vor langer Zeit euer Herz geschenkt!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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