Ramon Kania

Feuer

Ich sehe, wie die Zeit verfällt. Wie flüchtige Gebilde sich in die Ewigkeit meißeln. Wie immer fließende Gezeiten in Stillstand geraten. Rote Linien prangen am Firmament, dort, wo der tobende Sturm gen Himmel prescht.
Ich spüre den Augenblick, den Moment, in dem sich Wirklichkeit und Fantasie in einem aufblühenden Aufschrei vereinen. In dem sich der Horizont fest an den Boden nagelt, so dass er nie mehr fortgerissen werden kann, so dass er für immer mit ihm vereint ist.
Sterne brechen aus den Wolken hervor, aus dem vom Abendrot getränkten Wolkenschwaden, und brennen voller Sehnsucht nach dem Ruf der sie rufenden Heimat. Sie fallen hernieder, um in ihresgleichen aufzugehen und sich auf ewig in ihnen zu verlieren.
Ich greife nach ihnen und lasse ihre Wärme in meine Brust einfahren.
Ich höre den Herzschlag, das Trommeln der Erde. Eine Herde unzähliger Reisender, die die Welt erzittern lassen. Sie brechen über die ewigen Weiten der Hügel und Täler hinweg und stürmen auf den Augenblick zu, den ich in einem Atemzug gefangen halte.
Sehnsucht reißt an mir mit zerstörerischer Kraft.
Lass ihn los! Er will davon!
Es schreit aus den Posaunen und Trompeten der Gegenwart.
Lass ihn los! Er gleitet davon!
Aber ich halte ihn, halte ihn so fest ich kann. Presse die Luft in meine Lungen, lasse jeden meiner Sinne seine Grenzen erblicken.
Er soll nicht fort, er soll bleiben wo er ist. Der Sturm, das Feuer, das Brausen, das Toben. Es gehört hier hin! Zu mir! Zu mir! Zu mir gehört es!
Aber der Wind flaut ab, die Hitze entschwindet, die Glut entweicht und Kälte kriecht hervor. Eiskristalle bedecken den Boden und Nebel zieht auf. Es wird dunkel und ich beginne mich umzusehen.
Allein? Ganz allein?
Ich öffne meine Hand und ein kleiner Funke glüht auf.
Nein, nicht gänzlich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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