Ramon Kania

Blutregen

Der Regen prasselte gegen die Fensterscheibe. Sie trat einen Schritt näher ans Fenster heran und berührte das Glas mit der blassen Haut ihrer Finger.
Die Scheibe beschlug sogleich unter der warmen Berührung und ein kalter Hauch kroch in ihre Hand.
Vor dem Fenster lag die Stadt im düsteren Schein der Laternen. Rot war der Regen, der das Fenster hinunter rann. Wieder einmal war der Tag gekommen, an dem der Himmel selbst zu bluten begonnen hatte.
Sie schloss die Augen und lauschte.
Zunächst war da nur das Tropfen des Regens, doch als sie sich stärker konzentrierte vernahm sie endlich das entfernte Summen. Von tief unten kam es, von den Straßen dutzende Stockwerke unter ihr.
Ein Zittern fuhr ihr durch den Körper und einen Moment lang war sie festgefroren und gefangen im auf und ab der unsteten Melodie.
Erst das Klopfen an der Tür riss sie aus ihrer Trance.
"Claire, bist du da?", ertönte eine etwas Raue, dennoch sehr freundlich wirkende Männerstimme. "Der Regen... Es ist mal wieder so weit. Der verdammte Alptraum geht wieder von neuem los. Hab mich gefragt, ob du da etwas Gesellschaft haben willst, schließlich ist keiner an so einer Nacht gern allein."
Man hätte die Worte durchaus als schlechte Anmache sehen können, doch sie waren mehr als wahr. Niemand war in der Nacht des Blutregens gerne allein, ob es nun Liebhaber, Verwandte oder Bekannte waren, jeder war froh in so einer Nacht etwas Gesellschaft zu haben.
"Es ist offen, Roy. Du kannst gerne hineinkommen.", antwortete Claire also, die sich bei den Worten noch schnell einen Strickpulli überzog.
Kaum hatte sie es gesagt, ging die Tür auf und ein großer Mann mit tief schwarzem Haar stand in ihrer Tür.
Er betrat die Wohnung und schloss hinter sich fest zu. Im Augenwinkel bemerkte Claire gerade noch so, dass die Lampe im Flur wieder einmal stark zu flackern begonnen hatte, ein Phänomen, das sich derweilen immer öfter zeigte und sie jedes Mal aufs Neue beunruhigte, gerade, wenn es eine der verfluchten Nächte war.
Roy schien nichts von dem flackernden Licht völlig unberührt und setzte sich geradewegs an den gläsernen Küchentisch, eine Runde Scheibe aus matt schwarzem Glas auf drei Eisenstangen, so wie ihn die meisten auf dieser Etage besaßen.
"Schreckliche Nacht… mal wieder.", begann er sofort nach dem er sich gesetzt hatte. "Ich meine, man weiß zwar, dass es irgendwie bald wieder so weit sein muss, aber dass es dann ausgerechnet heute ist, will man einfach nie wahr haben...", sagte er und schüttelte dabei den Kopf. "Man will einfach immer, dass es eine andere Nacht ist."
"Wenigstens hat man es dann hinter sich.", erwiderte Claire und ging zum Kühlschrank. Sie nahm zwei gekühlte Flaschen Bier heraus und setzte sich neben Roy.
Mit einem Zischen lösten sich die Kronkorken und die Flaschen trafen klirrend gegeneinander.
"Auf den beschissenen Blutregen!", sagte Roy mit feierlichem Ton.
"Auf den Blutregen!", wiederholte Claire und beiden nahmen einen tiefen Schluck.
Roy setzte als erster wieder ab und wischte sich über den Mund, um ein paar Tropfen verschütteten Bieres zu entfernen. "Man, das ist echt eine Plörre, die die hier einem vorsetzen..." Er betrachte mit verzogener Miene die Flasche, auf der eine alte Mühle abgebildet war.
"Man könnte fast meinen, man schmeckt heraus, dass es woher schon von mindestens ein Dutzend Leuten getrunken wurde...", bemerkte Claire nüchtern.
"Oh! Erinnere mich nicht daran! Schon schlimm genug, immer beim Gurgeln nach dem Zähneputzen daran denken zu müssen, dass ich das gleiche Wasser im Mund habe, was jeder in der Stadt schon mindestens einmal benutzt hat..." Roy schüttelte sich sichtlich angewidert bei diesem Gedanken.
"Tja, wenn man nichts von DEM DA trinken will...", sagte Claire und zeigte dabei aus dem Fenster, "muss es wohl das hier tun." und sie hob die Flasche und die beiden Stießen erneut miteinander an.
Sie plauderten eine Weile über ganz alltägliche Dinge. Wie die Häuser immer weiter in die Höhe schossen. Wie die Straßen immer dunkler wurden und man auf ihnen kaum noch einer Menschenseele begegnete, alle blieben lieber in den Häusern und das meiste ereignete sich nur noch auf den Fluren und Treppen zwischen den Zimmern und Stockwerken.
Die Themen waren so düster, wie die Nacht vor den, mittlerweile, blutroten Fenstern und die Stimmung war alles andere als gelassen und entspannt. Nicht zum ersten Mal befanden sich die Beiden in dieser Situation; zu zweit bei einer schlechten Flasche Bier, während draußen der Himmel kaskadenweise roten Regen auf die Stadt hinunter blutete. Allerdings gelang es ihnen sonst immer das Ganze irgendwie etwas aufzulockern. Nicht heute.
Eine kurze Zeit lang hielt sich das Gespräch noch. Dann, irgendwann, verstummte das letzte Wort und es trat Schweigen ein.

Die Stille wurde von einem Geräusch durchbrochen, welches in jeder anderen Nacht wohl kaum für Aufregung gesorgt hätte, heute jedoch die beiden am Tisch sitzenden Person dazu brachte ihre Stühle zu Boden zu schmeißen und zum Badezimmer zu hechten.
Plop. Plop. Plop. Drang es gedämpft hinter der Tür hervor. Bleich und erstarrt standen sie davor, gefangen in einem Moment der Angst und Unsicherheit.
Plop. Plop. Plop. Machte es im Rhythmus eines trägen Metronoms, welches Bilder einer schrecklichen Symphonie in den Köpfen heraufbeschwor.
Claire schaute auf Roy, dieser allerdings ließ seinen Blick nicht für einen Moment vom Tropfen hinter der Tür abbringen. Erst als sie ihre Hand auf die Klinke legte erwachte er aus seiner Trance, nur um sogleich in noch größeren Schrecken zu verfallen.
„Was tust du da?!“, schrie er entsetzt, mit weit aufgerissenen Augen und totenbleichen Gesicht. Aber es war zu spät. Noch ehe er etwas anderes sagen oder tun konnte öffnete Claire die Tür aus mattem Glas und ließ sie auf das Grauen blicken, welches sich aus dem blutroten Wasser erhob, welches langsam von der Decke tropfte.
Ein Wesen, einem menschlichen Fötus von der Gestalt her sehr ähnlich, kroch über die schwarzen Fliesen, hob seine Hände in Richtung der Decke und ließ aus seiner wässrigen Kehle ein seltsames Summen ertönen. Im gleichen Augenblick schon sackte es wieder in sich zusammen, verlor an Form nur um die ganze Prozession danach wieder von Vorn zu beginnen. Gestalt annehmen, Summen und in sich zusammenfallen, dabei kam es Claire und Roy jedes Mal ein Stück näher.
„Verdammte Scheiße! W-w-wir müssen… wir müssen etwas unternehmen!“ Roys Augen quollen aus seinem Gesicht hervor. Panisch schaute er sich um, bis sein Blick auf einen Besen traf, der nicht weit von ihm entfernt an einer Wand lehnte. Zunächst sah es so aus, als wolle er ihn greifen und damit die Kreatur in das tausend Stücke zerschlagen, doch er tat es nicht. Etwas schien ihn davon abzuhalten und sein Gesicht wurde noch bleicher. Ganz langsam, so dass es Claire nicht bemerkte ging er ein paar Schritte zurück, so dass sie nun zwischen ihm und dem Badezimmer stand. Claire dagegen näherte sich dem Wesen noch ein wenig. Ja, schon beinahe fasziniert wirkte sie von dem, was sich da vor ihr abspielte.
„D-du musst es töten. D-d-da ist ein Besen. Hau es kaputt!“ Aber Claire dachte gar nicht daran. Vorsichtig, ganz vorsichtig streckte sie eine Hand aus. Nur noch wenige Zentimeter trennten sie und das Wesen aus rotem Regen.
Da wurde es Roy zu viel. Mit einer Mischung aus Schreien, Brüllen und Kreischen schnappte er sich den Besen, drängte Claire zu Seite und drosch wie im Wahn auf die Kreatur ein. Nicht mit ein, nicht mit zwei, nicht mit drei, sondern mit einem ganzen Sturm aus Schlägen, von denen mindestens die Hälfte ihr Ziel verfehlten, weil er die Augen fest verschlossen hielt, schlug er auf das Wasser, bis nicht mehr als eine rote Pfütze übrigblieb. Erst als die hölzerne Stange am Boden zersplitterte und er nichts weiter als einen spitzen Stumpf in den Händen hielt öffnete er langsam wieder seine Augen und kam schwer atmend zur Ruhe. Dann drehte er sich blitzartig zu Claire um.
„Was hast du dir dabei gedacht?!“ wutentbrannt brüllte er sie an. „Wolltest du es etwa berühren? Hast du sie nicht alle Claire!“ Er fuhr sich mit seinen Händen durchs Gesicht. „Oh man, ich fass es nicht… Es war hier mitten in unserer Wohnung, wenn ich es nicht mit dem Besen… Oh man! So eine Scheiße! So eine verdammte Scheiße!“ Er verließ das Badezimmer und lies seinen Blick über die Zimmer wandern, so als könne in jedem Augenblick ein weiteres von diesen Wesen aus den Wänden tropfen.
„Was heißt hier UNSERE Wohnung? Das ist immer noch…“ Aber Roy hörte gar nicht, was sie sagte. Hastig und mit zittriger Stimme sprach er wie zu sich selbst:
„W-w-w-wir müssen hier r-r-raus. H-h-hier ist es nicht sicher…“
„Aber es war doch nur einer und er hat uns nicht mal wirklich was…“ Keine Chance, Roy war in seinen eigenen Monolog vertieft.
„Auf den Flur… Wir müssen auf den Flur, da ist es sicherer und dann… ja dann schauen wir wie es weiter geht. Komm Claire, wir müssen hier raus!“ Schon eilte er zur Tür.
Einen Moment lang blieb Claire unschlüssig stehen. Sollte sie wirklich ihre Wohnung verlassen? Sie hatte definitiv nicht das Gefühl, dass hier nicht sicher sein sollte, nicht unsicherer als irgendwo anders. Aber in dieser Nacht wollte sie auch nicht allein sein und Roy war bereits durch die Tür getreten.
Mit einem stummen Seufzer folgte sie also dem Mann, dem die blanke Angst auf Gesicht und Körper geschrieben stand. Kaum hatte sie ihren ersten Schritt in Richtung Roy getan, da flüsterte ihr bereits eine leise Stimme ins Ohr:
„Claire mein Schatz, hast du da wirklich die richtige Entscheidung getroffen?“

Die Lichter im Flur flackerten im Rhythmus eines ängstlich schlagenden Herzens. Eckige Schatten zogen harte Linien über Wände, Türen und Decke. Die einzigen Geräusche waren das Prasseln des Regens gegen die Fenster am Ende des langen Ganges und Roys unruhiger Atem.
„Ich weiß wirklich nicht, was dich da eben geritten hat.“, sagte er, während er ihr den Rücken zugekehrt hatte und misstrauisch den Flur entlangspähte. Er machte Anstalten ihre Hand zu greifen, doch Claire tat so, als würde sie es gar nicht bemerken.
„Du musst vorsichtiger sein, in diesen Nächten kann man es sich nicht leisten gedankenlos und leichtsinnig zu werden.“, belehrte er sie und Claire widersprach nicht. Sie wusste auch nicht so recht, warum sie versucht hatte das Wesen zu berühren, aber in diesem Moment hatte sie alles andere als Angst verspürt. Bisher hatte sie die Kreaturen nur aus der Ferne sehen und summen hören können. Es war so unglaublich faszinierend gewesen eines ausnahmsweise aus der Nähe zu beobachten…
Roy entschied sich nach kurzem Zögern endlich für eine Richtung und mit gespielt sicheren Schritten stapfte er über den ausgefranzten Teppich. Sie folgte ihm, jedoch darauf bedacht nicht so viel Lärm zu verursachen und begann dabei einen genaueren Blick auf ihre Umgebung zu werfen.
Als erstes fiel ihr nur das Gewöhnliche auf. Pflanzen, die schon viel zu lange nicht gegossen, Wände, die schon viel zu lange nicht gestrichen worden waren. Ein modriger Dunst lag in der Luft und von der Decke löste sich fetzenweise die Tapete. Doch da bemerkte sie noch etwas anderes, etwas, das sie in all der Zeit, in der sie schon dieses Apartment bewohnte, nie zuvor gesehen hatte.
Und mit einem Mal verkümmerte das Prasseln des Regens zu einem erstickten Glucksen und die Lichter im Flur verblassten zu einem hauchdünnen Rinnsal. Sie erstarrte, starrte auf die Schatten am Ende des Flurs, die dort in einem so unnatürlichen Winkel über die Wände fielen. Wie die dünnen Beine einer Spinne, tastend und lauernd, schienen sie auf ihre Beute zu warten. Und sie bewegten sich. Kaum wahrnehmbar doch nicht zu übersehen zuckten die abgeknickten Schattenbeine über die ausgebleichten Wände.
Ihr Atem setzte aus, ihre Beine wurden weich. Schwindel begann sie zu packen und auf den Boden schmettern zu wollen. Sie suchte nach Halt, versuchte nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Und dann…
Dann war alles wieder vorbei, die Schatten verschwunden, die Lichter wieder in ihr zwielichtiges Flackern gefallen.
„Claire mein Schatz,“, drang es an ihr Ohr, „du musst dich zusammenreißen.“
Sie schüttelte ihren Kopf, so als müsse sie nur einmal kräftig rütteln und all ihre Gedanken wären wieder an der richtigen Stelle. Roy schien von dem Ganzen glücklicherweise nichts bemerkt zu haben. Unbeirrt schritt er geradewegs auf die Schatten zu, die sie bis eben noch für eine gewaltige Spinne gehalten hatte. Sie schluckte schwer und versuchte die Schweißtropfen auf ihrer Stirn schnellstmöglich wegzuwischen, bevor Roy sie sehen konnte.
Abhaken und weitermachen. Sie sammelte sich, keines falls wollte sie bei ihren nächsten Worten zu stottern beginnen.
„Roy, sag mal, wo willst du eigentlich hingehen?“
Er benötigte einen ganz kurzen Augenblick, um die Frage zu beantworten.
„Ich… hab da einen Ort, der dir sicherlich gefallen wird! Vollkommen sicher. Den habe ich erst vor kurzem entdeckt.“
„Und wo genau ist der?“ Sie hatten beinahe das Ende des Flurs erreicht. Hier gab es nur die Treppen, die in die tieferen Etagen führten und die waren alles andere als dafür bekannt sicher zu sein.
„Ach, nur eine Etage tiefer. Du wirst Augen machen!“
Führ den Bruchteil einer Sekunde sah sie wieder die dünnen Spinnenbeine. Entsetzen fuhr in ihre Glieder, doch dann bemerkte sie, dass es nur ein Blitz gewesen war, der hoch über ihnen durch die Wolken zuckte. Schon grölte der Donner im pechschwarzen Nachthimmel.

Sie gingen die Stufen hinunter. Fürchterliches Unbehagen kontrollierte Clairs Gedanken und sie war sich sicher, dass dies nicht dem blutroten Regen geschuldet war. Immer wieder, mit jedem Schritt dem sie Roys „sicheren Ort“ näherkam, sprangen Bilder der schattenhaften Spinne vor ihr geistiges Auge. Nicht mehr viel und sie wäre stehengeblieben und zu ihrer Wohnung zurückgekehrt, doch da kam Roy auch schon zum Halten und sagte feierlich:
„Da wären wir!“ Er zeigte auf eine mehr als unscheinbare Tür. Nicht die Tür zu seinem Apartment, so viel wusste sie, doch in ihr schrie alles danach nicht diesen Raum zu betreten.
Roy betätigte die Klinke. Knarzend schwang die Tür ins Innere und der Mann folgte den heruntergekommenen Balken auf ihren Weg in die Düsternis der Wohnung.
„Komm Claire, hier ist es sicher.“ Kein Lichtschalter wurde betätigte, keine Lampe entzündet. „Was ist Claire? Hier können wir sicher und ungestört die Nacht verbringen.“ Sie bewegte sich keinen Millimeter.
„Na komm, Claire.“ Roys Stimme wurde energischer, von Angst war plötzlich nichts mehr zu hören. „Willst du denn keine ungestörte Nacht mit mir verbringen?“
Sie wich einen Schritt zurück. Aus der Dunkelheit war ein lautes Schnauben zu vernehmen.
„So ist das also… nach all der Zeit, die wir uns nun kennen, da willst du es also immer noch nicht…“ Eine Faust knallte gegen ein Stück Holz. „Dabei habe ich alles vorbereitet… Alles geplant und präpariert… Und du hättest beinahe noch Freundschaft mit dieser… dieser Kreatur geschlossen.“ Er lachte laut auf. „Dabei sollte es dich doch nur aus der Wohnung treiben!“
Der Mann trat wieder in den Schein des flackernden Flurlichts. Sein Gesicht war jedoch kaum noch wiederzuerkennen. Der ängstliche und unsichere Kerl war verschwunden, an seiner Stelle stand nun eine vor Wut und Entschlossenheit strotzende Gestalt.
Ein Blitz leuchtete auf und mit ihm wurde der Flur von zuckenden Spinnenbeinen durchzogen.
„Claire mein Schatz, du musst rennen!“
Keine Sekunde zu spät. Schon stürzte sich der Mann namens Roy auf sie. Doch Claire hatte bereits einige Meter weit den schmalen Gang durchquert, so dass er nur ihren langen Schatten zu fassen bekam. Hinter ihr brüllte der Mann im rasenden Zorn.
„Komm her! Heute ist es meine Nacht! Hörst du Claire? MEINE Nacht!“
Sie rannte, aber voller Entsetzen stellte sie fest, dass sie die falsche Richtung gewählt hatte. Hier ging es nicht zu ihrer Wohnung zurück, hier ging es nur immer weiter die Stockwerke hinunter.
Egal. Keine Zeit, keine Möglichkeit zum Umkehren. Weiter den Flur entlang. Nicht über den Teppich stolpern, nicht den Blick nach Hinten werfen. Weiter, immer weiter.
Doch hinter ihr tobte die Bestie. Die Bestie, die einmal ein Mann gewesen war. Einem wilden Stier gleich jagte er sie durch die Korridore. Sie war schnell, sie war schon immer schnell gewesen, doch dieser Wut, diesem Zorn konnte sie kaum etwas entgegensetzen.
Wie hatte sich ein Freund nur so plötzlich zu einem Monster verwandeln können?
Plötzlich? „Claire mein Schatz, diese Spinne hat schon vor langer Zeit ihre Fäden gesponnen.“
Sie keuchte, sprang und fiel gleichzeitig die Treppenstufen hinab. Mit einem Platschen landete sie bäuchlings im Wasser.
Nur einen Augenblick lang blieb sie liegen, dann sammelte sie ihre letzten Kräfte und begann durch das hüfthohe Wasser zu waten. Unmittelbar nach ihr kam auch Roy zum Treppenende, dieser jedoch blieb beim Anblick des roten Wassers wie angewurzelt stehen.
„Du gehst lieber in dieses verfluchte Wasser, als mit mir die Nacht zu verbringen?!“, rief er ihr fassungslos hinterher. „Das ist dein Tod, Claire. Das ist dein sicherer Tod!“ Aber sie machte keine Anstalten umzukehren, oder auch nur sich umzudrehen. Also stieß Roy einige unverständliche Flüche aus, ging dann aber ohne ein weiteres Wort zu den oberen Etagen zurück.
So war Claire plötzlich allein in der matten Dunkelheit. Nur zwei Lampen beleuchteten den mit Regenwasser gefüllten Flur, gerade genug, um durch die Reflektion Decken und Wände in beißendes, blutrotes Licht zu tauchen.

Plop. Plop. Plop. Durch das gesplitterte Fenster drangen Regentropfen in den Flur. Leichte Wellen kräuselten sich auf der Wasseroberfläche, verloren sich jedoch auf den lagen Weg durch den Gang, so dass bei Claire nur das unheilvolle Plätschern ankam.
Sie sah, dass zwei der gut ein Dutzend Wohnungstüren offenstanden, doch hinter ihnen lauerte, soweit sie es sehen konnte, nur Finsternis. Niemand… oder nichts schien auf den ersten Blick mit ihr hier unten zu sein.
Sollte sie laut rufen? Womöglich gab es ja jemanden der, wie sie, darauf bedacht war keinen Laut von sich zu geben. Doch wollte sie wirklich jemanden begegnen, der unterhalb der 6ten Etage wohnte? Ihr Stockwerk war bereits von schlechtem Ruf und je tiefer man kam, je näher man sich den Schatten verseuchten Straßen näherte, desto zwielichtiger wurden auch die dort anzutreffenden Gestalten.
Dennoch begann sie langsam durch das Wasser zu gleiten. Welche Wahl hatte sie schon? Zurückkehren war unmöglich, denn auch wenn Roy gerade nicht zu hören oder zu sehen war, so war sie sich sicher, dass er bereits in diesem Augenblick am Ende der Treppe auf sie warten würde. Nein, der Weg nach Oben war für sie gesperrt. Sie musste entweder einen anderen Weg hinauf oder aber eine brauchbare Waffe finden.
Sie watete also zur ersten Tür. Geräuschlos schlich sie sich an und legte ein Ohr auf das morsche Holz. Nichts zu hören. Sekunden verstrichen, doch auf der anderen Seite schien sich nicht mal ein Windzug zu rühren. Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter. Verschlossen. Bedächtig ging es weiter zur gegenüberliegenden Seite. Dort angekommen verwendete sie das gleiche Verwahren wie zuvor, doch leider, oder gar zum Glück, auch mit dem gleichen Ergebnis.
Stückweise tastete sie sich voran. Ihre Ohren waren gespitzt, die Augen versuchten so gut es eben ging durchs rote Zwielicht zu spähen. Mit ihr zusammen verharrte alles um sie herum in verhängnisvoller Anspannung.
Auch hinter den nächsten beiden Türen war es totenstill und sie waren ebenso fest verschlossen wie die anderen. Nun würde also die erste offenstehende Tür folgen.
Mit bebenden Herzen und immer flacher werdenden Atem legte sie die letzten Meter zurück. Vorsichtig versuchte sie um die Ecke zu schielen, jedoch konnte sie nichts weiter erblicken, als ein kahles Stückchen Wand.
Nach langem Lauschen, kurzem Zögern und keinerlei verdächtigen Regungen schob sie sich schließlich durch den geöffneten Spalt.
Im Inneren begegnete ihr zunächst nur die bereits erwartete Finsternis. Dann jedoch, nachdem sich ihre Augen an die angestiegene Abwesenheit von Licht gewöhnt hatten, erkannte sie ein eigenartiges Leuchten, welches sich blasschimmernd über die Wände zog.
Neugierig drang sie tiefer in die Wohnung ein und mit jedem Schritt, dem sie sich der anwachsenden Dunkelheit weiter preisgab, bekam sie sie den Eindruck, dass es sich bei dem Schimmern um geschriebene Worte handelte.
„Der…“, versuchte sie die erste Zeile zu lesen. Es erforderte ihre gesamte Konzentration und so bemerkte sie nicht, dass sie das Gelesene leise mitflüsterte. „Mutter… ent… entrissen. Vom… V… Vater… ver…“ Sie brauchte einen Moment und einige Schritte ins Innere der Wohnung, um das Wort zu entziffern. „Verstoßen.“ Es war das letzte Wort gewesen, welches an der Wand des schmalen Flurs geschrieben stand. Für den Rest musste sie einen rechteckigen Raum betreten, der früher einmal so etwas wie das Wohnzimmer gewesen war. In der Mitte angekommen ging es wie folgt weiter:
„Kind des… Regens, wir sehen dein… Leid, wir… erkennen dein Suchen.“ und dann ging es wieder von vorne los.
„Der Mutter entrissen. Vom Vater verstoßen. Kind des Regens, wir sehen dein Leid, wir erkennen dein Suchen.“ In einer schier endlos scheinenden Spirale wanderte die krakelige Schrift die Wände hoch, bis hinauf zur Decke, vor der sie aber auch keinen Halt machte.
„Der Mutter entrissen. Vom Vater verstoßen. Kind des Regens, wir sehen dein Leid, wir erkennen dein Suchen.“ Ihr wurde schwindelig, dennoch verfolgte sie die Wörter und las sie wie im Wahn hektisch und rasend schnell vor.
„Der Mutter entrissen. Vom Vater verstoßen. Kind des Regens, wir sehen dein Leid, wir erkennen dein Suchen. Der Mutter entrissen. Vom Vater verstoßen. Kind des Regens, wir sehen dein Leid, wir...“ Erst, als sie sich dazu zwang mit der Wiederholung zu stoppen und ihre eigene Stimme verstummte, da bemerkte, sie, dass der Regen nicht mehr sanft und leise prasselte, sondern laut und ohrenbetäubend gegen das Fenster hinter ihr hämmerte.
Gerade blickte sie hindurch und sah die verschwommenen Umrisse der Stadt, schon löste sich ein heller Blitz aus den Wolken und mit ihm traten die schwarzen Silhouetten der Türme vor einen tobenden und wirbelnden Horizont.
Kaum eine Sekunde verging, ehe der Donner wütend grollte und mit ihm die Tür zum Hausflur knallend in die Angeln flog. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein in dieser Wohnung war.

Ein leises Summen kam vom anderen Ende der Wohnung zu ihr herüber. Sanft hallte es über das wellenlose Wasser hinweg und echote von den Wänden wieder. Es war eine harmonische Melodie, die entfernt an die Geräusche der regengeborenen Wesen erinnerte, sich aber in einer Sache bedeutend von ihnen unterschied; dieses Summen war abweisend und ohne einen Hauch von Wärme.
Claires Nackenhaare stellten sich auf. Unwillkürlich wich sie zurück und stieß mit dem Rücken gegen das kalte Fenster, sie spürte wie die Gewalt des Regens es zum Erzittern brachte.
Langsam kroch… schwebte… glitt? die Kreatur auf sie zu. Stück für Stück zeichnete sich eine Gestalt über der zitternden Wasseroberfläche ab. Es war ein gebückter Körper, der von schmutzigen Lacken verhüllt wurde.
Es kam näher und beim Näherkommen löste sich eine krächzende Stimme aus dem Haufen dreckiger Lumpen.
„Wer kommt da in einer Nacht wie dieser zu mir in mein vertrautes Heim? Ich sehe eine Frau. Eine Frau in einer Nacht wie dieser. Zufall? Ich glaube kaum. Aber dann, ja dann muss es doch Schicksal sein.“
„Wer sind Sie?!“, rief Claire in einem etwas höheren Ton, als sie es beabsichtigt hatte. Der… Mann? beachtete sie nicht.
„Oh Kinder des Regens, ihr tobt in dieser Nacht. Ich sehe wie ihr leidet. Und hier habe ich, wonach ihr sucht. Welch glückliche Fügung. Ach, welch glückliche Fügung dies ist.“
Im Schein eines Blitzschlags konnte sie nun erkennen, was da auf sie zu geschlichen kam. Im ersten Augenblick glaubte sie, es würde sich um Roy handeln, der sich verkleidete hatte, dann aber wurde ihr klar, dass es nur der gleiche Gesichtsausdruck war, der vorhin das Gesicht von Roy und jetzt das von diesem Mann auf dieselbe Weise entstellte.
„Komm her, mein kleines Kind und wir lassen den Regen enden.“ Zwei faulige Zahnreihen wurden in einem grinsenden Mund entblößt.
In einem Moment der Stille standen sie sich gegenüber. Dann ging alles sehr schnell.
Claire hechtete zu Seite, gleichzeitig stürzte sich der Mann auf die Stelle, an der sie bis eben noch gestanden hatte. Laut platschte das Wasser, blutrote Tropfen wurden durch die vom elektrischen Licht geschwängerte Luft geschleudert, denn Blitz und Donner fingen an die tobende Nacht in einem chaotischen Akkord zu zerreißen. Er kam ihr so nah, dass sie seinen fauligen Atem riechen konnte. Aber sie schaffte es irgendwie sich an ihm vorbei zu drücken. Sie eilte zur Haustür. Schon griff sie mit ihrer Hand nach der Klinke, doch im gleichen Augenblick spürte sie einen festen Griff an ihrem Fuß.
„Willst du nicht, dass der Regen stoppt?“ Sie trat nach dem Mann, doch sie traf nur Wasser.
„Willst du nicht, dass diese Nacht ihr endete findet?“ Mit Gewalt zog er sie von der Tür weg und näher zu sich heran. Machtlos strampelte sie wild hin und her, mit jeder Bewegung drückte erstickende Verzweiflung schwerer auf ihre Brust. Doch mit der Verzweiflung kam noch etwas anderes.
„Komm her, mein kleines Kind, und zusammen mag es uns ge…“
Sie merkte, wie die Nase und ein weiterer Gesichtsknochen unter ihrem Tritt zerbrachen. Ein lauter Schrei ertönte, doch bevor er den Raum gänzlich erfüllen konnte hatte sie sich auf den Mann gestürzt und seinen Kopf unter Wasser gedrückt. Kleine Bläschen stiegen auf, Überraschung und Entsetzen beherrschten sein bleiches Gesicht.
Der Zorn überwiegte alles, jeden Gedanken machte er in Claires Kopf zunichte. Genug hatte sie vom Wegrennen. Genug hatte sie von der Angst. Und genug hatte sie von der Nacht, in der Freunde und Fremde sich lüstern auf sie stürzten.

Die Bläschen verschwanden. Ein letztes Mal zappelte der Mann, dann schubste sie ihn voller Verachtung beiseite und ließ den toten Körper über den Flur ins Wohnzimmer treiben.
„Claire mein Schatz, was hast du nur wieder getan…“
Sie stand reglos da. Jeden Moment, so wusste sie, musste das Gefühl von Reue kommen. Doch da kam nichts. Da war nur Leere. Leere und ein einziger, brennender Gedanke.
Es ist nicht der Regen, den ich heute fürchten muss.
Verbittert ballte sie die Hände zu Fäusten, denn der Regen hatte ihr in dieser Nacht noch kein einziges Haar gekrümmt, ganz anders als die Menschen, die doch immer so energisch vor ihm warnten.
Was, dachte sie mit aufkeimender Abscheu, wenn das wahre Problem dieser Stadt nicht der blutige Regen, sondern die verkommenen Bewohner waren.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie die tiefen Schluchten zwischen den nach Sonnenlicht lechzenden, schwarzen Türmen und die Schatten, die in ihnen wandelten. Diese Stadt… kein Wunder, dass der Himmel über ihnen blutige Tränen vergoss.
Claire riss sich wieder von dem Gedanken los. Welchen Sinn hatte das Ganze. So, oder so musste sie sich der Nacht stellen, egal, wer nun ihr Feinde waren.
Mit einem letzten Blick auf den dahintreibenden Leichnam verließ sie die Wohnung. Wieder fand sie sich in dem rot leuchtenden Flur wieder und mit Schrecken bemerkte sie, dass das Wasser ihr nun schon bis zur Brust reichte. Nicht mehr lange, dann würde der Regen gegen die Lampen schwappen. Also beschloss sie ans andere Ende des Flurs zu gehen, um zu gucken, was den Abfluss nach unten verstopfte.
Ein Knoten schnürte sich enger um ihre Lunge mit jedem Zentimeter, den das Wasser höher stieg und sie weiter in den Korridor schwamm. Daher ignorierte sie alle Türen auf ihrem Weg, bis sie zu der Tür kam, die ebenfalls einen Spalt weit offenstand. Sie glaubte, dass der Regen dahinter lauter als irgendwo sonst plätscherte.
Kommen also hier die ganzen Wassermassen her?, fragte sie sich und bemerkte mit Erschüttern, dass sie keinerlei Rücksicht auf den, von ihr verursachten, Lärm gelegt hatte, als sie plötzlich eine leise Stimme hinter sich hörte.
„Sie haben die Etage blockiert, um uns hier zum ertrinken zurückzulassen.“
Claire wirbelte herum, doch vor sich sah sie nur eine geschlossene Tür.
„Hat man dich auch hier hinuntergetrieben? Ha.“ Die Stimme, eindeutig die einer Frau, lachte laut auf. „Natürlich hat man das. Diese Nächte… immer mehr bringen sie den Wahnsinn in den Menschen hervor.“
„Wer bist du? Weißt du, was hier vor sich geht?“, fragte Claire schnell, denn sie wusste, dass jetzt nicht die Zeit für lange Reden war. Doch die Frau hinter der Tür schien sie nicht zu beachten.
„Ein Opfer… ein Opfer für die Kinder des Regens… Oh, aber der Regen wird sie nicht erhören… nicht so lange der Wahnsinn im Herzen der Stadt so wild und feurig lodert…“
„I-ich verstehe nicht. Kannst du nicht die Tür aufmachen, so dass wir ungestört miteinander reden können?“ Panisch fiel Claires Blick auf den stetig steigenden Wasserspiegel.
„Entweder ertrinken wir im Blut des zornigen Himmels, oder wir verbrennen im Chaos unseres eigenen Wahnsinns… Welch grauenhaftes Schicksal uns doch ereilt...“
„Bitte mach die Tür auf!“, flehte Claire beinahe schon. Die Frau begann ihr Angst einzujagen, dennoch machte sie sich sorgen um ihr Überleben. „Die ganze Etage wird bald überflutet sein und wenn wir nicht…“
„Wir haben nicht auf sie gehört…“ Die Frau sprach langsam, fast schon lethargisch, während das Wasser unbeirrt weiter Richtung Decke kletterte. „… auf ihr Lied, das uns doch zur Vernunft bringen sollte... Wir haben weggehört… all die Zeit… Sie wollten uns warnen… doch wir haben nicht zugehört… wir haben nicht zugehört… wir haben nicht zugehört…“ Immer wieder wiederholte sie murmelnd die letzten Worte.
Claire schlug gegen die Tür, rief zu der Frau hinüber, doch ganz gleich was sie auch tat, das Murmeln ging monoton und ungestört weiter. Schließlich ließ Claire, als sie kaum noch den Kopf über Wasser halten konnte, von der Tür ab und suchte hastig nach den Treppen, die in die unteren Etagen führten.
Sie fand sie. Und mit ihnen sogleich den Grund, warum der Regen nicht seinen Weg nach Unten fand. Eine Plane versperrte den Weg. Fest an Wände und Decke getackert blockierte eine große Plane den Abfluss des Wassers.
Man hatte also wirklich versucht die Frau zu ertränken. Und das auf solch eine Weise. Oh, diese verdammte Nacht…
Claire beeilte sich. Blitzschnell stieß sie sich ab und tauchte zu den Treppen hinüber. Doch kaum hatte sie die Augen unter Wasser zur orientieren geöffnet, da hörte sie leises Zischen und das trübe Rot um sie herum wurde zu einem kräftigen Schwarz. Die Lampen waren erloschen. Wieder ein Mal gab es nur noch sie und eine von Blitzen durchzogene Dunkelheit.

Sie trat nach der Folie, riss an ihr, doch diese bog sich nur ein kleines Stück. Nichts hatte sie, mit dem sie die Plane hätte aufreißen oder durchstechen können. Unter dem Druck des Wassers schien es mit jeder Sekunde und jedem hell leuchtenden Blitz, der ihr die Unversehrtheit des Stoffes höhnend präsentierte, aussichtsloser und unmöglicher einen Ausweg aus dem nassen Grab zu finden.
War denn kein verdammtes Fenster auf dieser Etage geöffnet?! Gab es keinen Spalt, durch den das Wasser abfließen konnte?!
Da waren sie wieder; Wut und Verzweiflung. Das Paar, welches Claire in dieser Nacht jetzt schon allzu oft einen Besuch abgestattet hatte. Aber in ihrem Toben blitze plötzlich noch etwas anderes vor ihr auf, das Bild eines gesplitterten Fensters.
Natürlich!
Sie wandte sich von der Plane ab und schwamm so schnell sie konnte zum Ende des Flurs. Dort fand sie es genauso vor, wie sie sich es erhofft hatte; noch immer war das Fenster mit Rissen übersäht und schien kurz davor, bereits ganz von allein auseinanderzubrechen. Dennoch reichte ein starker Tritt von ihr nicht aus, um es zu zertrümmern. Dabei wurde die Luft in ihren Lungen langsam knapp, sehr knapp.
Wieder trat sie zu. Es war der gleiche Tritt, der vorhin noch die Knochen im Gesicht eines erwachsenen Mannes gebrochen hatte. Und wie, um dieser Tat Ehrfurcht zu zollen, spürte sie auch jetzt wieder, wie etwas unter ihrem Fuß nachgab. Endlich.
Es knackte. Zuerst zog es ganz leicht an ihrem Schuh, dann riss es an ihrem Bein und zerrte sie mit Gewalt in die Tiefen. Sie versuchte etwas zu greifen, etwas, irgendetwas. Schon wurde es kalt um sie herum, bitter kalt. Sie bekam etwas zwischen ihre Finger. Mit aller Kraft hielt sie sich daran fest und es hielt sie in der Luft. Wind spie ihr entgegen, Wasser rauschte gegen ihr Gesicht. Die Welt wurde dunkel, dunkler noch, als die Türme, die sie jetzt aus der schwarzen Nacht heraus anstarrten. Sie brauchte Sauerstoff, kühle, frische Luft zum Atmen. Doch da kam nur Wasser, Wasser, nichts als Wasser. Ihr Finger gaben nach, ihre Muskeln wurden schwach. Keine Sekunde länger konnte sie an diesem Fenster hängen. Wenn sie nicht gleich…
Sie atmete tiefer ein, als sie es jemals zuvor in ihrem Leben getan hatte. Augenblicklich wurde das dumpfe Lärmen in ihren Ohren wieder zu knallenden Donnerschläger und die verschwommenen Silhouetten vor ihren Augen zu den Umrissen einer sturmgepeitschten Stadt. Der Schwall aus Wasser hatte endlich nachgelassen und erlaubte es Claire wieder unbehindert Luft in ihre erstickten Lungen zu ziehen.
Erst nach Sekunden realisierte sie, wo sie sich befand; meterweit über den Boden. Meterweit über den von roten Regen gefluteten Straßen, in denen sich unzählige kleine Wesen dem Himmel entgegenstreckten. Die Wesen, die sich aus Matsch und Wasser erhoben und, sobald sie wieder in sich zusammenfielen, ein Summen in der Nacht erklingen ließen.
So kam es, in all ihrer Angst und all ihrem Staunen, dass Claire zum ersten Mal das vollständige Lied der Regengeborenen vernahm. Nicht ihr einzelnes oder fernes Summen, sondern die Melodie dutzender Wesen, vermengt mit dem Grollen und Trommeln eines wutentbrannten Sturms.
Es war ein Orchester, welches auf der Welt seines gleichen suchte. Es sang von Untergang, es schmetterte von Vernichtung. Es war ein Wehklagen über unverzeihliche Fehler und eine Hymne auf den kommenden Neuanfang. Auf Sturm und Regen würde der Morgen folgen, doch erst, wenn alles unter ihm in Trümmern lag. Es war eine Geschichte über den Aufstieg und den Fall der Mächtigen, über die Gier nach Macht und dem Feuer, welches sich im Inneren selbst verschlang. Noch nie hatte Claire etwas Vergleichbares gehört und sie wusste nicht, ob irgendetwas in der Welt dazu imstande gewesen wäre etwas Vergleichbares zu erschaffen.
„Oh Claire mein Schatz,“, hörte sie die Stimme in ihrem Kopf mit den anderen Summen, „warum nur haben sie ihre Türme bis in die Wolken gebaut…“ Doch ehe sie darüber nachdenken konnte schoss ein stechender Schmerz in ihre Hand.

Blut floss ihren Arm entlang, während sie sich am Fenster hinaufzog und in den Flur fallen ließ.
Noch immer ging ihr das Wasser bis zur Brust, aber wenigstens verschwand der ganze, sie ertränken wollende Rest jetzt in der Finsternis hinter dem zerstörten Fenster.
Sie musste sich nicht lange umsehen, um zu erkennen, dass es nun drei Türen gab, die weit offenstanden. Neugierig, doch zugleich mit einer gehörigen Portion Bedacht, tastete sie sich durch die stetig auf- und abblitzende Finsternis.
Schnell war klar, dass die Frau ihre Wohnung fluchtartig verlassen haben musste, denn von ihr war keine Spur zu sehen.
Ob sie unmittelbar in Roys Arme gelaufen war? Claire konnte nur hoffen, dass er sich nicht für sie interessierte.
Auch in die Räumlichkeiten gegenüber wagte Claire einen Blick und erkannte, woher die gewaltigen Mengen an Wasser kamen, die dieses Stockwerk überschwemmt hatten; aus den Wänden verschiedener Räume waren Rohre hinausgebrochen und herausgerissen worden, aus denen das blutrote Nass nun in die Zimmer strömte. Vermutlich war es nicht die einzige Wohnung, in der man ein derartiges Chaos angerichtet hatte, ansonsten wäre das Wasser wohl nicht so schnell angestiegen.
Es schauderte ihr bei dem Anblick, denn das konnte nur bedeuten, dass das gesamte Trinkwasser des Gebäudes mittlerweile mit Regen vermengt worden war.
Gerade wollte sie wieder gehen, da fiel ihr Blick auf ein Stück Metall, welches im Licht des Sturms glänzte. Sicherlich war es scharf genug die Plane zu durchtrennen, doch das führte sie auch zu der entscheidenden Frage, ob sie wirklich in die tieferen Etagen vordringen wollte. Sicher, alles wäre besser als der Weg nach Oben, doch was hoffte sie dort unten zu finden? Einen Weg an Roy vorbei? Eher nicht. Was dann? Tatsächlich eine Waffe? Schwer vorstellbar, darauf konnte man seine Hoffnungen wohl nicht setzen. Nein, eigentlich wusste sie, warum sie in die tieferen Etagen wollte; um noch ein Mal den Gesang des Regens zu hören, dieses Mal aus nächster Nähe. Diesem unwirklichen, in gleichen Maßen wunderschönen und unsagbar schrecklichen Klang lauschen. Ja, das wollte sie. Es war ein Mysterium, ein Geheimnis. Es lockte sie und sie konnte nicht anders, als ihm nachzugehen.
Also zögerte sie nicht lange. Ganz wie von selbst trugen ihre Füße sie zu den Treppen. Ein geschickter Schnitt und der Weg stand ihr offen, ohne dass das Wasser ihr folgen konnte. Fest entschlossen stieg sie hinab.
Es war Zeit dieser blutigen Nacht endlich auf den Grund zu gehen.

Da war sie wieder, die Spinne aus lebendig gewordenen Schatten. Und sie hatte Blut vergossen, kein Regen, sondern echtes, dickflüssiges Blut, überall war es über die Wand gespritzt worden. In der Dunkelheit zwischen den Lampen sah Claire noch, wie sich die Kreatur an dem Elixier der Lebenden labte.
Aber dann war alles auch schon wieder vorbei. Noch bevor sie hätte schreien, oder die Flucht ergreifen können, war die Kreatur wieder verschwunden, wie im Nichts aufgelöst.
Doch das Blut war geblieben. Es war echt, keine Erscheinung, kein Hirngespinst und Claire wusste, dass dies auch für die Spinne galt. Sie lebte. Sie lebte und sie war auf der Jagd.
Mit einem Satz hechtete Claire in den Schatten einer Tür. Das Licht flackerte kurz, dann war sie wieder da. Mit ihren abgeknickten Beinen huschte die Spinne über die Decke und Claire konnte zum ersten Mal den Kopf der Kreatur erblicken. Sechs rotglühende Augen blinzelten unregelmäßig in einem mit schwarzen Fangzähnen bestückten Gesicht. Ein Gesicht, welches einem Menschen von der Form her erschreckend ähnlichsah. Nur mit Mühe konnte Claire bei dem Anblick einen entsetzten Schrei unterdrücken.
Derweil tastete die Kreatur ihre Umgebung ab. Beine und Augen zuckten willkürlich über die Lampen und Tapetenfetzen, suchten nach etwas, dass sich bis eben noch durch den Flur bewegt hatte. Claire hielt ihren Atem an, beobachtete mit kalten Schweißperlen auf der Stirn die so unnatürlich aussehende und sich widernatürlich bewegende Kreatur. Sie kam ihr nahe, so verdammt nahe, dass Claire den kalten Hauch spüren konnte, der von ihren schattenhaften Gliedmaßen ausging.
Das Blut gefror ihr in den Adern. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht von Panik geleitet Hals über Kopf loszustürmen.
Blitze leuchteten hell gleißend in der Nacht auf. Wieder war die Kreatur verschwunden. Jetzt oder nie. Claire rannte los. Der Sturm tobte und die Wände wurden abwechselnd in schwarze Beine und weißes Licht getaucht. Die Spinne schnappte nach ihr, lange, dünne Schatten, die auf Claire hinabsausten und die Luft unter sich zerteilten. Ein Hieb traf Claire an der Schulter, Blut spritzte auf und sie hörte, wie ein zischender Schrei voller Entzücken hinter ihr den Korridor erfüllte.
Jetzt wurde Claire klar, nach was es der Kreatur verlangte. Kein Blut oder Fleisch, sondern das Elend, das bevorstehende Leid trieb diese Kreatur in ihren ekstatischen Wahn. Der Schrei ließ keinen Zweifel daran. In dieser Nacht hauste das Elend in jeder Ecke der Stadt und die Spinne war aus ihrem Nest gekrochen, aus der tiefen Dunkelheit unterhalb der Straßen, um auf Beutezug zu gehen.
Oh, welch erfolgreiche Jagd. Überall scheuchten sich die Menschen gegenseitig in ihre Fänge. Sie musste einfach nur zugreifen, einfach nur zupacken, wenn sich die Menschen gegenseitig abzuschlachten begannen.
Claire stolperte, stürzte und fiel. Sogleich drängten sich die Schatten über ihr zu einem gesponnenen Netz zusammen. Sie sah Zähne. Zähne, die funkelten und sich an ihrer Angst weideten. Es kreischte in ihren Ohren, schepperte gegen ihr Trommelfell.
„Claire mein Schatz, das Ende naht…“
Sie riss die Hände hoch zum Schutz und erwartete den tödlichen Biss, der zuvor ihr Leid ins unermessliche steigern würde. Ein wahres Festmahl gäbe sie dann ab, ganz und gar in Schreie und Schmerzen gehüllt.
Glieder hoben sie hinauf, führten sie an ein grässliches Maul. Schwarze Substanz tropfte von den Zähnen auf den Boden und fraß sich durch die hölzernen Dielen. Es stank abartig, der schwefelige Geruch von Tod und Verzweiflung umgab den gefräßigen Jäger wie eine Wolke aus dunstigem Nebel. Es wurde so kalt, so verdammt kalt im Herzen der jungen Frau…
Und dann kam Feuer. Es brach aus den Wänden. Es brach aus dem Boden. Und die Kreatur schrie, sie schrie so laut, dass es auch an Claires Nerven zu reißen begann.
Das Biest ließ sie fallen. Betäubt von dem Lärm ihrer eigenen Schmerzensschreie nahm Claire kaum wahr, wo sie war oder wohin sie fiel, sie wusste nur, dass da Feuer war, Feuer, das tänzelte, das loderte und mit beißenden Peitschenschlägen nach ihr griff.
Doch so leicht würde die Kreatur nicht von der Frau ablassen. Mit ihr stürzte sie sich in die Tiefen. Trotz der Schmerzen, welche das Feuer der Spinne zufügte, brach sie mit Claire in das Chaos der Flammen auf, in den Wahnsinn der Straßen einer verdorbenen Stadt.

Der Rauch brannte in ihren Lungen, Asche und Ruß rieselten auf sie hinab. Vor ihren Augen war nichts als rot loderndes Flammen zu sehen.
Eine weitere Explosion erschütterte die Wände, dumpf sah sie Schatten vorbeihuschen und hörte Rufe, die sich über das knisternde Feuer legte.
„Brennt… nieder! … alles nieder! Bis… Asche blutet! Reißt alles… brennt alles nieder!“
Hitze leckte über ihre Haut, aber die Schreie blieben ihr in der Kehle stecken.
Wo war die Spinne? Wo war der Schatten? Wer waren die Menschen? Sie hatte völlig die Orientierung verloren, alles in ihrem Kopf drehte sich.
Mühsam und unter Schmerzen rappelte sie sich auf. Sie torkelte, taumelte durch den Flur, während Funken ihr entgegenspien und sie hustend und mit Tränen in den Augen einen Weg durch die Flammen suchte.
„Raus hier! Raus… Ab… nächsten! Die ganze… muss…“
Sie sah eine Gestalt. In der Hand hielt sie eine Flasche mit einem brennenden Stück Stoff am Ende. Im nächsten Moment ließ sie diese in einem hohen Bogen durch die Luft fliegen und an einer Tür zerschellen. Feuer spritzte auf, nur wenige Meter von Claire entfernt, und sie stolperte bei dem Versuch auszuweichen. Keuchend fand sie halt an einer Kommode, während die Gestalt johlend zwischen den Flammen verschwand.
Sie musste ihr hinterher, irgendwo dort musste es in die Freiheit gehen, ein Weg in die frische und kühle Luft der Nacht. Doch bevor sie auch nur einen Schritt machen konnte wurden die begeisterten Jubelrufe plötzlich durch verzweifelte Schreie ersetzt und sie sah, wie sich ein Schatten am Ende des Flurs aus der Schwärze von Rauch und Asche erhob. Er hielt etwas Zappelndes und Strampelndes in den langen Gliedmaßen. Und dann zerriss er es auch schon, wie ein Stück Papier, sauber in zwei Hälften. Claire hörte das Platschen und Klatschen von Blut und Gedärmen. Hinzu gesellte sich ein letzter Ausruf des Entsetzens. Doch all das verebbte nur allzu schnell im Knacken und Knistern des rauschenden Feuers.
Sie wich zurück. Stocksteif wich sie zurück bis die Hitze ihr den Pulli am Rücken versengte. Da war sie; gefangen zwischen gefräßigem Jäger und verbrennenden Flammen. Und der Jäger näherte sich ihr. Durch Asche und Rauch krabbelte er auf sie zu, völlig unberührt vom hellen Licht, das ihm zuvor noch solche Schmerzen zugefügt hatte.
In ihrer Angst griff sie nach einem brennenden Holzscheit, der nicht unweit ihrer Füße vor sich hin gelodert hatte. Er verbrannte ihr die Hand, doch sie hielt ihn wie ein Schwert mit zitterndem Griff gerade vor sich gestreckt.
„Komm her!“, kreischte Claire mit dem Mut der Verzweifelten. „Ich werde es dir zeigen! Trau dich! NA LOS! Ich werde kämpfen, wenn es sein muss! ICH WERDE KÄMPFEN!“ Ihre Stimme schaffte es gerade so das Feuer zu übertönen, aber ihre Worte waren vollkommen ernst gemeint. Lieber kämpfend sterben, als sich Schatten und Flammen mutlos zu ergeben.
Und die Spinne zögerte. Sie zögerte tatsächlich. Denn keiner in dieser Stadt hatte es je gewagt ihr im Kampf offen entgegenzutreten. Keinen gab es, weder unter- noch oberhalb der schwarzen Schluchten zwischen den Türmen, der bei ihrem Anblick nicht kauernd und bibbernd zusammengesunken war. Niemand war jemals dazu bereit gewesen sich seinen eigenen Dämonen zu stellen, deshalb kannte die Spinne keine Gegenwehr, sie kannte nur die kopflos fliehende Beute.
Und deshalb zögerte sie. Es war nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch er genügte, um Claire die entscheidende Öffnung zu geben, als sie brüllend und erhobenen Holzes auf die Bestie zustürmte.
Das Feuer durchdrang den Mantel aus Dunkelheit, den die Kreatur um sich herum gesponnen und beißendes Licht offenbarte die Armseligkeit, die sich bis dahin im Zwielicht versteckt gehalten hatte. Es war ein allzu jämmerliches Wesen, was da schreiend die Flucht ergriff, sobald man sein wahres Antlitz offenbart hatte. Dick und fett gefressen in den Jahren, in denen es sich von der Angst und dem Elend der anderen genährt hatte. Doch unter der bestialischen Gestalt, die es sich selbst gab, war da nichts als Furcht zu erkennen. Furcht vor dem eigenen selbst. Furcht vor der eigenen Minderwertigkeit.
Das wurmartige Ding verkroch sich wimmernd in die letzten Fetzen Finsternis, die es finden konnte und ohne dass Claire ihm einen weiteren Moment ihrer Aufmerksamkeit schenkte ließ sie es hinter sich zurück.
Ihre Hände waren blutrot und rußschwarz, doch das Stück Holz warf sie erst beiseite, als sie das zerschlagene Fenster erreicht hatte und über die daran angelehnte Leiter in die Tiefen kletterte. Schon empfing sie der Regen mit kalten Armen.

Sie sah es erst, nachdem sie den letzten ihrer Füße auf den nassen Boden gesetzt hatte: die Skyline der Stadt stand in Flammen. Oder besser: sie war gerade dabei lichterloh in Flammen aufzugehen, während der Sturm betäubend laut wütete und grelle Blitze die schwarzen Wolken zerrissen. Überall sah man, wie Feuer in den unteren Stockwerken der Türme brodelte und wie es sich sogleich zischend mit dem Regen vermengte.
Passend zur in Flammen stehenden Stadt sangen die Regengeborenen ihr Lied, doch es hatte seinen Ton geändert. Da war jetzt keine Hoffnung mehr, kein Licht am Ende der schwarzen Nacht, da war nur Zerstörung, der Lobgesang auf eine in sich zusammenstürzende Welt. Claire sah die Wesen um sich herum zusammensinken und wiederauferstehen, fast so, als wären sie ins Gebet vertieft. Auch menschliche Stimmen waren hin und wieder in dem ganzen Durcheinander zu vernehmen. Sie schrien vor Schmerzen oder jubelten in begeisterter Ekstase, aber keiner von ihnen schien jetzt noch bei klarem Verstand zu sein. Es war, als wäre der Wahnsinn, der all die Jahre unter der Oberfläche herangewachsen war, doch endlich aus den Ritzen des Asphalts gebrochen und nun machte er sich daran die gesamte Stadt Stück für Stück mit sich in den Abgrund zu ziehen. Viele von ihnen versuchten in ihrem Wahn in die brennenden Türme einzudringen, doch wie immer waren die untersten Stockwerke fest verschlossen und barrikadiert und nur wenigen gelang es sich über die Leitern johlend in die Flammen zu stürzen.
Wie viele Nächte hatte es gebraucht, wie viele Nächte, in denen der blutrote Regen seine Tränen vergossen hatte, wie viele Nächte, in denen die Menschen immer weiter dem Himmel entgegengestiegen waren, um der Dunkelheit in den Straßen zu entkommen? Jetzt gäbe es endlich kein Entkommen mehr, jetzt würden sie gestürzt werden, die Reichen und Mächtigen würden endlich mit in dem Elend versinken, welches sie über so viele Jahre herangezüchtet hatten. Claire konnte nicht anders, als Genugtuung zu verspüren. Der Anblick entfachte etwas in ihr. Freude, ja es musste Freude sein, die ihr Herz laut und wild in ihrer Brust schlagen ließ.
„Claire mein Schatz, ist es das, was du immer wolltest?“
Es donnerte, zischte, prasselte und summte. Da waren Schreie und Rufe, doch Claire blickte nur stumm und schweigend empor, auf die Spitzen der Türme, die sich in den Himmel bohrten und das rote Blut aus den schwarzen Wolken pressten. An den Fenstern hoch Oben riss der Wind. Sie sah Gestalten vor dem erleuchteten Glas hin und her huschen. Sie glaubte, dass sie sie Winken sehen konnte, winken… und flehen. Doch ihr Bitten blieben ungehört.
War das Gerechtigkeit? Sah so Gerechtigkeit aus? Wenn ja, dann hätte sie auch verbrennen müssen, mit der Spinne, mit dem Turm, mit Roy, in den Flammen verbrennen. Doch sie war hier, stand mit den Vergessenen und mit den Ausgestoßenen auf den Straßen und sah zu, wie sie sich gegenseitig zerstückelten, während über ihr Claires eigene Familie vom Feuer gefressen wurde.
So lange hatte sie versucht ihnen zu entkommen. So lange, doch nie war sie nie dazu bereit gewesen in die Tiefen zu steigen. Zu viel Angst hatten ihr die Geschichten gemacht, zu viel Angst hatte sie vor dem Elend, das man ihr dort prophezeit hatte. Aber sie hatte sich nach dem Leben außerhalb und unterhalb der Türme gesehnt, jeden Monat auf den Regen gewartet, der dann die Straßen besiedelte und von Hoffnung sang. Lieber die Freiheit, als die scheinbare Sicherheit, lieber die Einsamkeit, als die vermeintliche Gesellschaft.
Man bekam nicht jede Nacht die Gelegenheit dem Leben der Stadt zu entfliehen, manchmal musste diese zuerst in Feuer und Regen untergehen.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ramon Kania).
Der Beitrag wurde von Ramon Kania auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • ramonkaniaaol.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Ramon Kania als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Alles - Nichts ist für immer von Georges Ettlin



Mein Buch beschäftigt sich mit Romantik, Erotik, gedanklichen und metrischen Experimenten, Lebenskunst, Vergänglichkeit und versteckter Satire .

Die Gedichte sind nicht autobiographisch, tragen aber Spuren von mir, wie ein herber Männerduft, der heimlich durch die Zeilen steigt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Horror" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ramon Kania

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Epilog: Heldenfall von Ramon Kania (Fantasy)
Angst von Ladre Rasa (Horror)
Der alte Mann und der Hund von Engelbert Blabsreiter (Besinnliches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen