Ramon Kania

Der Puppenspieler

Der Puppenspieler

„Es kann doch nicht so schwer sein in dieser Stadt einmal echte Unterhaltung geboten zu bekommen, oder? Nur ein einziges Mal möchte ich eine Show sehen, die es wirklich wert ist angeschaut zu werden und sich nicht in ihrer eigenen Banalität und Dummheit verliert. Ist das zu viel verlangt?“
„Du bist einfach der ewige Nörgler, ganz gleich wie gut eine Vorführung ist, du wirst immer etwas an ihr auszusetzen haben. Dass die Schauspieler Tölpel sind, oder das Drehbuch kompletter Schwachsinn, du bist einfach nie zufrieden.“
Sie hatte recht, ich war niemals zufrieden. In all den Jahren, in denen wir uns hier in unserer kleinen Gruppe trafen, habe ich nicht einmal gut über eine Aufführung gesprochen. Selbst wenn alle anderen sie lobten und priesen, ich fand immer irgendetwas, was nicht perfekt war und das genügte mir um sie nieder zureden. Doch das wirklich traurige daran war... nein nicht das Kopfschütteln der Anderen, das gefiel mir sogar. Nein was wirklich traurig daran war, dass ich jede Show für nicht sehenswert erachtete, dass es in dieser verdammten Stadt im Grunde nichts anderes gab als eben diese Shows um sich von der Ödnis der Alltäglichkeit abzulenken. Und man musste sich ablenken, denn diese Stadt war ein schwarzes Loch mit endlos hohen Türmen, die das Licht der Sonne von den Straßen fernhielt und so selbst im wärmsten Sommer für frostige Temperaturen sorgten und jede Stunde des Tages wie Mitternacht schienen ließen, so dass die Straßenlaternen immer leuchten mussten. Eigentlich könnte man glauben, dass eine Stadt, die so viele Häuser und so viele Einwohner hat, voller Leben ist und man überall auf interessante Leute stoßen kann. Aber das Einzige, das an Leben in dieser Stadt erinnerte, war der Lärm, der einem vom Schlaf fernhielt, denn man begegnete niemanden, wenn man die Haustür verließ, keine Menschenseele. Es grenzt beinahe an Hexerei, wie eine so laute Stadt so leer gefegte Straßen haben konnte.
Tja, und so blieb den Bewohner nichts, außer sich selbst zu unterhalten mit Vorstellungen jeder Art und Gruppen zu bilden, die sich über genau diese Vorstellungen unterhielten.
„Und was denkst du über die neue Show, über die alle sprechen? Dieses „Puppenspiel“? Es soll perfekt sein, so heißt es.“
„Ach, es ist doch wieder nur so eine alberne Masche, oder wie kann es sonst sein, dass noch niemand den man kennt die Show gesehen hat? Alle hören immer nur davon, wie perfekt sie sein soll „echte Unterhaltung“ sagt man, aber jemand, der es bezeugen könnte, den gibt es nicht. Nein, nein, eines schönen Tages wird sich dann irgendein Theater ins Rampenlicht stellen und sagen „Hergehört! Hergehört! Die sensationelle Show „Das Puppenspiel“ wird ab heute in unserem Theater exklusiv aufgeführt. Lassen Sie sich dieses unvorstellbare Spektakel auf gar keinen Fall entgehen!“ oder so ähnlich und dann kommen sie alle und rennen ihnen die Bude ein. Der älteste Trick der Welt. Wenn die Masse einmal kocht, rennt sie dir dein Haus ein, sobald sie losgelassen wird.“
„Also du würdest nicht in die Vorstellung gehen, wenn eine diese sagenumwobenen Eintrittskarten auf deiner Schwelle liegt?“
„Wenn es diese Karten wirklich gibt und nicht nur ein Marketing-Ding ist, dann würde ich auf jeden Fall dorthin gehen, wer wäre denn besser dafür geeignet als ich um dieser ach so tollen Show ihre erste richtige Kritik zu geben?“
„Kritik? So wie letztes Mal wo du einfach mitten in der Vorführung gegangen bist?“
„Was soll ich sagen, sie war einfach stümperhaft und unecht. Jeder Idiot konnte sehen was als nächstes passieren würde. Ich habe mich zu Tode gelangweilt, natürlich verlasse ich da den Saal.“ Daraufhin lachten alle, ich eingeschlossen, und bald darauf verabschiedete sich jeder und ich machte mich auf den Weg in meine bescheidene Wohnung. Natürlich ist an dieser Stelle bereits jedem klar, was ich dann auf meiner Türschwelle fand, als ich sie erreichte. Es war ein Brief in einem mit gelben und blauen Blumen geschmückten Umschlag. Mir war sofort klar, um was es sich da handeln musste, schließlich sprachen wir seit Wochen über nichts anderes mehr als die berüchtigten und heißbegehrten gelb blauen Briefe.
Ich öffnete den Brief, ohne eine Sekunde zu zögern oder vorher noch in die Wohnung zu gehen. Ich zog den Zettel hinaus und las die darauf stehenden Worte:
„Sie sind eingeladen zu dem „Puppenspiel“. Beginn 17:30. Südviertel.“ Das war alles, was auf dem Zettel stand.
Aber 17:30? Moment, wenn die Vorführung Heute stattfand und einen Hinweis auf einen anderen Tag gab es nicht, dann würde das bedeuten das ich nur noch... Ich schaute auf meine Uhr.
Oh Gott! Nur noch neun Minuten Zeit hatte! Zum Südviertel? Gut das war machbar, wenn ich jetzt sofort losrannte.
Und das tat ich. Die Treppen runter hinaus auf die in Dunkelheit getauchten Straßen. Ein kalter Luftzug wehte mir entgegen und das matte Laternenlicht begleitete mich, indem es mir meine blassen Schatten zur Seite stellte. Immer schneller und schneller rannte ich, bis meine Lunge vom kalten Wind brannte und meinen Augen von dem Licht müde wurden, bis ich schließlich vor dem halb abgefallenen Schild stand auf dem mit verblichenen Buchstaben das Wort „Südviertel“ geschrieben stand.
Das Südviertel... Es war wohl der älteste und zugleich der heruntergekommenste Teil der Stadt, wie auch immer das funktionierte in einer Stadt, in der man auf der Straße nicht einer Person begegnet. Und hier sollte diese überaus tolle und grandiose Vorführung zu finden sein? Zumal war „Südviertel“ auch eine sehr vage Aussage. Mein Blick streifte über die alten und teilweise mit Brettern zugenagelten Häuser, während ich langsam weiterging. Da war ich wohl etwas übereilt aufgebrochen. Sicher war es ein Scherz gewesen, jemand der mich hereinlegen wollte, jemand der mal sehen wollte, wie schnell ich rennen würde, wenn...
Plötzlich öffnete sich gleich zu meiner Linken eine Tür. Ich drehte mich überrascht um und schaute direkt auf einen ganz in weiß gekleideten Mann, der eine ebenso weiße Maske trug. Wie ich ihn, so schaute auch er mich an, dann machte seine rechte Hand eine Bewegung und gab mir zu verstehen, dass ich eintreten sollte.
Ich war völlig verwirrt. Es war unmissverständlich der Eingang zur Vorführung, aber wie war es möglich das mein zufälliges Eintreffen augenscheinlich bereits erwartet wurde?
Ich zögerte und blieb stehen, aber der in weiß gekleidete Mann reagierte sofort und tippte sich aufs Handgelenk und winkte mich rein. Ich war spät dran.
Was soll's, ich werde ja doch nicht umkehren, schließlich wartete eine Kritik darauf verfasst zu werden.
Ich folgte also dem Winken des Mannes ging an ihm vorbei, blieb aber dann doch noch stehen und drehte mich zu ihm um.
„Es tut mir außerordentlich leid, dass ich so spät bin, aber die Einladung...“ Ich stockte, der Mann starrte mich an. Was... waren das… da hingen ja Schnüre aus seinem Kopf und aus seinen Armen! Da... da... das war eine Puppe! Mir klappte der Mund auf und ich blinzelte fassungslos. Der Mann... die Puppe, die mich anstarrte, tippte wieder auf sein... ihr Handgelenk und wie in Trance ging ich weiter. Dann schüttelte ich einmal den Kopf vergewisserte mich, dass das hinter mir wirklich eine Puppe war und kam wieder zu mir. Unglaublich...
Ich ging durch einen dunklen Flur. Kein Licht leitete mich, nur ein leichtes Schimmern am Ende des Ganges. Als ich es erreichte war ich nicht allzu verwundert, als ich erkannte, dass es ein Vorhang mit dem blau gelben Blumenmuster war, es schien eine gewisse Bedeutung zu haben und nachdem ich es auf dem Brief gesehen hatte, dachte ich mir schon, dass es bestimmt ein Leitmotiv dieser Vorführung sein würde. Ich ging hindurch, nach dem Treffen auf diese Puppe brannte ich förmlich darauf diese Show endlich zu sehen. Ich gab es ungern zu, aber bei so einem Empfang konnte ich mir tatsächlich vorstellen, dass die Aufführung, die mich da erwartete, tatsächlich etwas sein könnte, das es wirklich wert war es anzusehen.
Der Raum hinter dem Vorhang, war mehr als interessant. Es war ein hoher Raum, der offensichtlich aus zwei Räumen bestand, zwischen denen der Boden entfernt wurde, um so die Decke zu erhöhen. Der Grund dafür wurde mit einem Blick auf die links liegende Bühne sichtbar, denn diese bestand aus zwei Teilen, ein Teil, der von einem Vorhang bedeckt wurde und einen darüberliegenden der offensichtlich dem Puppenspieler, oder Puppenspielern als Arbeitsplatz diente. Ich war mir ziemlich sicher, dass dies einmal ein Wohnzimmer oder so gewesen sein musste, sehr erstaunlich, dass man sich für solche Umbaumaßnahmen entschieden hatte, anstatt ein richtiges Theater zu buchen...
Vor der Bühne waren in etwa ein Dutzend Tische angeordnet an denen jeweils zwei Stühle standen. Alle waren besetzt bis auf einen in der hinteren Ecke. Es war offensichtlich, dass ich der letzte eintreffende Gast war. Etwas beschämt, auch wenn ich eigentlich nichts für diese Verspätung konnte, schlich ich auf meinen Platz. Während ich mich setzte, drehte sich mein Sitznachbar um und nickte mir zur Begrüßung zu. Im Halbdunkel das herrschte fiel es mir sehr schwer genauere Konturen zu erkennen, aber ich hatte das Gefühlt, dass es sich um einen etwas älteren Herren handelte.
Kaum berührte ich den Stuhl, da ging auch schon der Vorhang auf und die Gäste begannen zu applaudieren und ich stimmte ein. Dabei hatte ich irgendwie das Gefühl, das die Show nur auf mich gewartet hatte, um zu beginnen. Ja, das war wohl der Traum eines jeden Zuschauers, eine Show nur für sich allein und man gab sich gerne diesem Trugbild hin, sobald einem auch nur das geringste Anzeichen dafür gegeben wurde, wie in meinem Fall das perfekte Timing, wobei es offensichtlich daran lag, dass ich einfach nur sehr, sehr „pünktlich“ eingetroffen war.
Auf die Bühne trat ein Mann mit Hut und im Anzug, sein Gesicht war durch den Hut vollkommen verdeckt. Er stellte sich in die Mitte der Bühne, holte tief Luft und verkündete dann:
„Meine Damen und Herren, ich präsentiere ihnen: Das Puppenspiel, ein Meisterwerk vom Meisterspieler.“ Und dann ging er auch wieder hinunter und ich schaute fragend in die Runde der Zuschauer. Was war das? Eine ernsthafte Ansage? Das musste doch ein Scherz sein... Tatsächlich schienen auch andere Zuschauer verwundert zu sein. Einige blickten sich ratsuchend um, andere tuschelten mit ihrem Nachbarn und auch ich drehte mich zu meinem um, der mich anschaute mit dem Kopf schüttelte und die Schultern zuckte. Auch er hatte keine Ahnung, was das gerade gewesen war.
Währenddessen blieb die Bühne leer, nichts geschah, es wurden keine Puppen aufgestellt.
„Entschuldigen Sie, aber wissen Sie was hier los ist?“ Fragte mich der Mann, der sich mit mir den Tisch teilte.
„Tut mir leid, ich bin ebenso sprachlos wie Sie. Das war eine sehr merkwürdige Ansprache, wie ich finde. Sie war doch gewiss als Scherz gemeint, oder nicht?“
„Da fragen sie mich was... Um ehrlich zu sein, nach dem ganzen Rumore um diese Show und wie grandios sie doch sein soll, da habe ich etwas... na wie soll ich sagen... eleganteres erwartet und nicht etwas, dass mit solch einer bizarren Eröffnung beginnt.“
„Gleichfalls, nach dieser Puppe am Eingang hatte ich bereits etwas sehr... extravagantes erwartet, etwas... meisterliches, aber mir scheint es, als wäre diese Vorführung einmal mehr wieder mehr Gerede als wahre Kunst.“ Kaum waren die Worte gesprochen, da erschien ein kleiner hölzerner Kasten auf der Bühne, der über unsichtbare Fäden von der Seite auf die Bühne gezogen wurde. Als er die Mitte erreichte klappte er sich auf und gab eine Miniatur Landschaft aus kleinen offensichtlich selbstgemachten Bäumen, Sträuchern und einem Haus preis. Sie war alles andere als „meisterhaft“ gemacht und wirkte eher so wie das stolze Werk eines kleinen Kindes. Ebenso verhielt es sich mit der Marionette, die sich nun vor dem Holzhaus aufrichtete. Sie war aus Stoff und mit groben Stichen zusammengenäht. Ein Meisterwerk also? Hah! Das ich nicht lache!
Dann setzte die Marionette an: „Es war einmal in einem fernen Wald, in einem fernen Land, dort gab es ein Haus in dem eine alte…“ Eine zweite Marionette begann sich aufzurichten, doch bevor dies geschah, wurde die Erzählung von einem Ruf unterbrochen.
„Ähem, Entschuldigung, aber soll das ein Scherz sein, wenn ich fragen darf? Mir wurde ein Meisterwerk versprochen und kein Kinderpuppenspiel.“ Auch wenn es mehr als unhöflich war das Stück schon zu Beginn zu unterbrechen, so konnte ich nicht leugnen, dass ich derselben Meinung war. Ich war hergekommen, um die Beste Vorführung zu sehen, die jemals aufgeführt wurde und nicht ein einfach und schlecht gemachtes Puppentheater.
„… Frau, die ihr ganzes Leben lang…“ versuchte die Marionette weiter zu erzählen, aber wieder rief jemand dazwischen:
„Ja, was soll das?“ Die Marionette erstarrte in ihrer Bewegung, fast hätte man Mitleid mit ihr haben können, wäre sie nicht ein Teil einer solch stümperhaften Vorstellung gewesen. „Ein Meisterwerk habe ich erwartet, wo ist es denn jetzt bitte?“
Ein „genau“ und ein „ja, wo ist es?“ raunten durch die Menge und ein Blick über das Publikum offenbarte grimmige Gesichter. Tja, das geschah wohl, wenn man ein Meisterwerk versprach und dann nur schlecht gemachtes Puppenspiel lieferte.
„Soll das ein schlechter Scherz sein? Wenn ja, dann muss ich Sie enttäuschen, nach Lachen ist mir nicht zumute.“ Rief der Mann der eben als Erster die Vorführung unterbrochen hatte und er fuhr fort:
„Könnte sich der Verantwortliche bitte auf die Bühne hinab begeben und dafür Rede und Antwort stehen? Eine Entschuldigung ist wohl das Mindeste, das hier angebracht ist!“ Alle Blicke richteten sich auf den oberen Teil der Bühne und alle schienen zu erwarten, dass sich der Puppenspieler nun zeigte, aber nichts geschah.
„Zu feige, was?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Na schön, aber eines sollten Sie wissen, wenn ich herausfinde wer Sie sind und das werde ich, dann können Sie sich sicher sein, dass Sie als Künstler keinen Fuß mehr in dieser Stadt fassen können. Das was Sie hier gezeigt haben, war mehr als eine Beleidigung an alle Kunstliebhaber.“ Ein gemeinsames Nicken zog sich durchs Publikum und man hörte vereinzelt: „Wer es wagt so etwas auf die Bühne zu bringen, der sollte dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden.“ „Verantworten soll er sich, schließlich haben wir alle unsere Zeit geopfert nur um uns diesen Schund anzusehen.“ Ein klein wenig übertrieben waren diese Reaktionen vielleicht, doch ich konnte sie vollends nachvollziehen. Zuerst Erwartungen wecken mit einer derart grandiosen Puppe am Eingang und dann so etwas auf die Bühne zu stellen... das grenzte tatsächlich an eine Beleidigung.
Dann richtete mein Sitznachbar das Wort an mich „Recht haben Sie und gut, dass es beendet wurde. Es ist eine Frechheit uns Kunstliebhabern so etwas vorzuführen.“ Ich nickte.
„Gut, dass es jetzt vorbei ist, bevor wir noch mehr Zeit damit verschwendet hätten.“ Stimmte ich ihm zu.
„Jemand der so etwas auf die Bühne stellt hat einfach nicht das Recht sich Künstler zu nennen.“
„So ist es.“ Wieder nickte ich.
„Er soll sich zeigen und uns erklären, was er sich dabei gedacht hat, aber es scheint, dass er nicht den Mut hat zu uns herunterzukommen.“
„Das glaube ich auch…“
„Wissen Sie was… ich werde ihn jetzt dazu bringen sich zu verantworten. So eine Beleidigung lasse ich nicht auf mir sitzen.“ Mit diesen Worten stand er auf.
 „Kommt, anscheinend will er nicht von selbst hinauskommen, aber ich will, dass er sich dafür verantwortet!“ Sagte mein Sitznachbar zu der Menge. „Ja, er soll sich zeigen!“ Rief einer.
„Dann holen wir ihn halt selbst hinaus!“ Rief ein anderer.
Und dann begannen einige damit aufzustehen und auf die Bühne zu klettern.
„Ha, so einfach kommt er uns nicht davon!“ Auf der Bühne angekommen mussten sie feststellen, dass es nicht so einfach war zum Puppenspieler durchzudringen. Ich überlegte, ob es vielleicht so auch besser war, denn ich war mir nicht sicher, was die Leute überhaupt vorhatten, wenn sie den Puppenspieler zufassen bekamen. Nur eines war sicher, mit jeder Sekunde, die verstrich wurden die Gesichter immer grimmiger und grimmiger.
„Verdammt, wir brauchen eine Leiter, seht ihr? Da oben ist eine Luke, er hockt sicherlich da in dem Raum und denkt er kann sich vor uns verstecken.“
„Ha, dem zeigen wir’s, sieht jemand eine Leiter?“ Ich war wie erstarrt, so schnell hatte sich alles entwickelt, aber zugleich wartete ich darauf was als nächstes passieren würde.
Irgendwie musste ich die Entschlossenheit der Leute bewundern, es mussten wirklich Menschen sein, die es als starke Beleidigung auffassten, wenn ihnen Kunst versprochen wurde und dieses Versprechen nicht eingehalten wurde. Tja, so waren Kritiker eben, man durfte sie nicht verärgern.
 „Hier drüben“ rief einer dann durch den Saal „hier drüben ist eine Leiter!“
„Schnell, bringt sie auf die Bühne.“ Kaum gesagt schon trugen drei Männer die silberne Leiter auf die Bühne und stellten sie unter der Luke auf. Ein Lächeln schlich sich auf einige Gesichter. Jetzt konnte sie nichts mehr aufhalten.
„Jetzt haben wir ihn.“ Sagte der Mann, der bis eben noch mein Sitznachbar gewesen war „jetzt holen wir ihn aus seinem Loch!“ Begeisterung machte sich breit und mit hastigen Schritten stieg der Mann die Stufen hinauf, öffnete die Luke und verschwand durch das Loch in der Decke.
Unter ihm warteten die wüteten Menschen gebannt auf seine Rückkehr. Sekunden vergingen, dann Minuten und der Mann kam nicht zurück, das Loch     klaffte schwarz und still in der Decke. Keiner sagte etwas, alle starrten nach Oben. Ich war angespannt. War dem Mann oder dem Puppenspieler etwas zugestoßen? Hatte einer der Beiden in einer hastigen Situation etwas getan, was er nun bedauerte. Aber es war nichts zu hören gewesen, was also…
Plötzlich trat ein paar Schuhe auf die Sprossen der Leiter, jedoch… ja ganz sicher! Es waren nicht dieselben die hochgegangen waren! Noch immer gab keiner der Anwesenden Zuschauer einen Ton von sich, selbst als es mehr als offensichtlich war, wer da die Leiter hinunterging, ohne Zweifel war es der Puppenspieler.
Er erreichte den Boden und nun endlich sah ich zum ersten Mal die Person, die diese Vorstellung zu verantworten hatte. Es war ein alter Mann, der über das ganze Gesicht grinste. Und obwohl er mitten unter ihnen stand, schauten die Leute weiterhin nach Oben, so als warteten sie noch immer darauf, dass der Puppenspieler aus seinem Loch gezehrt wurde.
Der selbsternannte Meisterspieler ging an all diesen Leuten vorbei und ging geradewegs auf mich zu, als keiner mehr meine Sicht auf ihn versperrte erhob er die Stimme.
„Und mein Freund, wie hat ihnen die Show gefallen?“ Fragte er während ich da saß als wäre ich vom Blitz getroffen. Was?
„Ich weiß, ich weiß, sie ist etwas kurz und dafür entschuldige ich mich ausdrücklich, aber es ist nicht einfach eine derartige Vorführung auf die Beine zu stellen. All die Fäden die gespannt werden müssen, all die Maschinen, die im richtigen Rhythmus laufen müssen. Eine unvorstellbare Arbeit. Aber genug davon, nun sagen Sie schon endlich, wie hat ihnen die Vorführung gefallen? Haben Sie es durchschaut?“ Ich war sprachlos nur langsam, ganz langsam begann ich zu begreifen, was hier vor sich ging.
„Nein, hätten Sie es durchschaut würden Sie jetzt nicht so ratlos dasitzen. Na, sagen sie schon, wurden Sie unterhalten? Wollten Sie wissen was passieren wird? Hatten Sie Befürchtungen? Waren Sie wütend?  Geben Sie es zu, Sie waren gefesselt und selbst jetzt noch sind Sie überwältigt, sprachlos, nicht wahr? Keine Sorge, ich mache es ihnen leichter.“ Der Puppenspieler klatschte zweimal in die Hände und das Licht im Saal wurde heller, sofort sah man, wie weiße Fäden aufleuchteten, die durch den ganzen Raum gespannt waren. Ein Jeder war mit ihnen verbunden. Die Erkenntnis hämmerte in meinem Kopf wie ein Hammerschlag. Es waren Puppen, das alles waren Marionetten! Es war alles eine einzige Show gewesen!
„Ein Meisterwerk, nicht wahr?“ Und jetzt endlich fand ich meine Stimme wieder.
„Es ist… unglaublich…“ Ich schluckte schwer und heilt kurz inne während ich all die Fäden betrachtete, dann wandte ich mich zu dem Puppen… dem Meisterspieler.
„Puppen… es sind Puppen.“ Schenkte ich meinen paralysierten Gedanken eine Stimme. „Aber, das ist doch…“
„Unmöglich? Nein mein Freund, es ist ein Meisterwerk.“
„In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts gesehen, was hiermit vergleichbar gewesen wäre. Ich kann es kaum fassen, es ist…“
„Ein Meisterwerk?“
„Es ist… perfekt. Eine wirkliche Illusion, eine vollendete Vorstellung, ein…“
„Meisterwerk? Sagen sie schon, ist es ein Meisterwerk?“ Ja das war es, es war ein Meisterwerk und ich konnte es nicht bestreiten.
„Herr Meisterspieler“ Ich ging klatschend einige Schritte auf ihn und setzte dann zur Verbeugung an, „Ihre Vorstellung ist ein wahrhaftes…“ Ich hielt inne.
„Ja? Sagen sie es!“ Mein Blick glitt über die Gesichter der im Publikum sitzenden Puppen. Im nun helleren Licht zogen plötzlich ihre Augen meine Aufmerksamkeit auf sich.
„Jetzt sagen Sie, dass es ein Meisterwerk ist! Sagen Sie es!“ Unüberhörbare Wut schwang nun in seiner Stimme mit und eigentlich wollte ich ihm den Gefallen auch tun, wollte das Wort sagen, nachdem er sich so zu sehnen schien. Aber die Augen der Puppen… was war nur mit ihren Augen?
„Wissen Sie“ Setzte der Meisterspieler auf einmal an und all seine Wut schien wieder verflogen zu sein. „Wissen Sie, was mir zuerst aufgefallen ist als ich zum aller erstem Mal diese Stadt betreten habe? Das es den Leuten an etwas fehlt, das sie förmlich nach etwas dursten, etwas das ihr Leben mit Farbe erfüllt in dieser grauen und trostlosen Stadt. Ich habe es versucht ihnen zu geben. Immer und immer wieder. Ich habe ihnen Geschichten erzählt von fernen Ländern mit Puppen von denen ich jede einzelne selbst geschnitzt und bemalt hatte. Mit Mühe und Sorgfalt hatte ich versucht sie so lebendig wie möglich aussehen zu lassen. Ich habe es versucht, so oft… so oft…“ Seine Stimme war mit jedem Wort weiter und weiter in die Ferne geglitten, doch dann kam sie mit einem Donnerknall wieder zurück. „Aber all diese Kritiker und Nörgler, all diese Narren mit ihren ach so tollen Meinungen. Sie wollten sich nicht verzaubern lassen, wollten nicht aus dieser Stadt entkommen, mit den Flügeln, die ich ihnen schenkte. Es war nicht echt, sagten sie. Meine Puppen waren nicht glaubhaft genug, sagten sie! Und dann gingen sie und kehrten in ihr trostloses Leben zurück und verfassten Kritiken, so dass bald keiner mehr kam, um sich von meiner Vorführung aus dieser Stadt tragen zu lassen… Aber ich habe nicht aufgegeben, nein, ich habe mich hingesetzt und so lange darüber nachgedacht, wie ich es schaffen konnte die Menschen von dieser Stadt zu befreien, bis mir endlich die Idee kam. Es lag doch eigentlich auf der Hand. Was gibt man Menschen, die sich nach echter Unterhaltung sehnen? Man gibt ihnen ECHTE Unterhaltung! Was macht man, wenn die Puppen nicht glaubwürdig genug aussehen? Man nimmt keine Puppen mehr!“ Eine leises wimmern legte sich über die Stille zwischen seinen Worten und jetzt endlich begriff ich was ich da in den Augen der Puppen sah. Es war Schmerz.
„Also verehrter Kritiker, habe ich ihnen endlich das geboten, wonach Sie gesuchten habe? Ist es das Meisterwerk, dass es endlich geschafft hat Sie von dieser Stadt zu befreien?“ Ich konnte nichts sagen, konnte mich nicht von den Augen losreißen, die so Schmerz erfüllt in die Luft starrten.
„Sind Sie der Trostlosigkeit entkommen? Konnten Sie endlich die Flügel finden, die Sie aus dieser Stadt herausbringen können? Oh ja, es hat Ihnen gefallen, aber wissen Sie, mein Freund, das Beste kommt erst noch. Sie müssen nie wieder in diese Stadt zurückkehren, die Ihnen eh nichts anderes, als stümperhafte Unterhaltung bietet. Nie wieder müssen sie alberne Kritiken verfassen. Nein mein Freund, Sie dürfen endlich diese Stadt für immer verlassen und mir dabei helfen noch mehr Menschen aus ihrem trostlosen Leben zu befreien. Willkommen bei meinem Meisterwerk.“
Und dann, mit einem Fingerschnippen, gingen alle Lichter aus.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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