Bruno de Barry

König auf Zeit

Bruno wusste: Heute ist mein Glückstag! Denn es war Freitag und morgen keine Schule, er konnte ausschlafen. Und die Großeltern waren übers Wochenende zu Besuch bei alten Freunden in München.
Ihre riesige Wohnung war also leer, gehörte praktisch ihm. Doch einzig das schwarze Klavier Marke Steinweg Nachf. hinten im Speisezimmer war das, was er begehrte.
Öfter hatte er in der letzten Zeit abends darauf akustische Spaziergänge gemacht, während Opa im Zimmer hinter der Schiebetür Zeitung las, und Oma im Wohnzimmer dahinter ihre Briefe schrieb. Aber nur bis zehn Uhr, da gingen die beiden ins Schlafzimmer im ersten Stock genau darüber. Die Töne hätten sie gehört. Seine Eltern und er selbst wohnten im 2. Stock, da war das egal.
Bruno rückte die Klavierbank zurecht, knipste das Deckenlicht aus und das Klavierlämpchen an, von oben herunterhängend mit dem Lichtkegel gerade Notenablage und Tastenfeld beleuchtend. Die Fensterläden waren dicht geschlossen, Bernie saß in dieser künstlichen Nacht, einer Klavierinsel inmitten eines dunklen Meeres.
Er schlug eine Taste an, der Ton klang nach, durch das gedrückte Pedal. Kein anderes Geräusch von draußen war zu vernehmen. Herrlich! Er allein war König im Reich der Töne, für heute abend, den ganzen Abend! Zusammen mit der Königin der Instrumente.
Bruno musste aber noch einen Tyrannen loswerden, seine Armbanduhr. Er band sie los, schob sie ganz weit nach hinten in das Notentischchen an der Seite. Der Tyrann beherrschte schon ihn morgens: 7 Uhr, aufstehen, ins Bad, anziehen. - Es ist 7. 50 Uhr, schnell aufs Rad, du kommst sonst zu spät zur Schule, lass den Kakao stehen! Tags : Es ist bald 18 Uhr! Ja und? Heut ist Mittwoch, auf zum Judo-Training! Trödel nicht, spätestens 19.15 zurück zum Abendessen! Nachts: angstvoller Blick auf den Wecker. Es ist 20 vor 1! Buch weglegen, Licht aus! Du hast nur noch sechs Stunden bis zum Aufstehen.


Bruno atmete tief durch und sagte sich: Wollen wir sehen, was wir heute Schönes finden. Oder erfinden. Es ist ja alles schon da, wartet drauf, entdeckt zu werden. Majestätsplural, denn er war ja König. 'Wir – ich und das Klavier.' Papier und Bleistift wie bei den richtigen Komponisten brauchte er nicht. Bruno kennt zwar Noten vom Schulunterricht her, aber das Papier würde ihn nur einengen in seiner Machtfülle als Herrscher.
Natürlich wusste er schon: C, D, E, F usw. - die weißen Tasten, C- Dur-Tonleiter. Die schwarzen sind Cis, Fis, As, B usw.
So wie die Buchstaben des Alphabets. Er musste jetzt nur Worte zusammensetzen. Schöne, aufregende, geheimnisvolle finden. Vielleicht auch Sätze, vielleicht eine ganze Geschichte.

Also … mit der Rechten einen Dreiklang gegriffen, mit der Linken den Grundton gesucht. Einen Basston abwärts, noch einen, noch einen: Das klang irgendwie nach Jazz. Noch weiter abwärts: Die Harmonie schwebte. Interessant. Jetzt eine Tonleiter höher und gleichzeitig zwei Harmonien mit 6 Tönen. Der Klang war schwebend, flirrend, fast ein bisschen wie bei Debussy.
Bruno probierte es mal umgekehrt: ließ den Basston liegen, änderte die Akkorde obendrüber. Wie viele Klänge möglich waren – richtig edle transparente Gestalten tauchten auf! Viel schöner als das kindliche C- Dur. Er stieß auch auf böse Gestalten: Tritonus erkannte er, den Teufelsakkord. Solche Missklänge mussten verwandelt, aufgelöst werden. Runter auf die schwarze Taste, sieh an: reines Dur; noch ein Schritt runter: reines Moll.
Ein paar kleine Bewegungen mit Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und Bruno glitt in andere Tonarten, Klangwelten. Manchmal kam er sich wie Schubert vor. Das hatte ihm Opa mal gesagt, ihm, der noch nie Klavierunterricht hatte!
Manchmal fühlte er sich wie Bela Bartok. Verwegene Bass – Harmonie-Reibungen. Bruno war sehr weitherzig bei seinen Erkundungen, aber einige Kombinationen waren eklig wie Schokolade mit Ketchup oder Eis mit Senf.
Beim Weiterprobieren fand Bruno nichts Gescheites mehr: zu langweilig, zu schräg, es war nur noch Geklimper. Schließlich wollte er den Deckel zuklappen, aber dann zögerte er. Vielleicht finde ich doch noch ein kleines Riff, für Rockmusik im Bassbereich. Sein kleiner Finger lag auf D; aufwärts E, F, G. Halt, was war das? Das ist doch diese Filmmusik!
Moment, nehmen wir das Metronom zuhilfe. Die Figur passt genau in einen Takt. Das war doch … diese Filmmusik, “Peter Gun, von Henri Mancini. Wie geht jetzt dieses Bläserthema da drüber? Dieses schräge de – da, de-de-de de-di-da. Aber richtig schräg, nicht falsch schräg!
Bruno ließ die Figur über seine linke Hand rollen, fließender. Die rechte stotterte noch. Er verlangsamte den Metronom-Takt. Mann, das war hypnotisch! Jetzt noch ein donnerndes Schlagzeug dazu wie bei Emerson, Lake und Palmer ...Bruno war ohne es zu merken vom piano ins forte geglitten,ganz unwillkürlich, weil er in, nicht außerhalb der Musik war, mittendrin.

Plötzlich öffnete sich die Tür. Bernie zuckte zusammen. Ein Ungeheuer, bleich, rotäugig, wirre weiße Haare starrte ihn an. Es war die alte Mieterin von oben, im Schlafrock. An die hatte er garnicht mehr gedacht.
„Weißt du eigentlich, wieviel Uhr es ist?“ „Nein, keine Ahnung.“
„Viertel vor Zwei! Hast du denn keine Uhr an?“ „Äh nein, hab ich vergessen.“
Verstohlen fischte er die Armbanduhr aus dem Notentischchen hinter ihm, ließ den Klavierdeckel sachte herunter und ging mit rotem Kopf, Entschuldigungen murmelnd die Treppen hoch. Vorsichtig durch die Elternwohnung hindurch zu seinem Zimmer, rasch ausgekleidet und ohne Zähneputzen ins Bett. Schloss die Augen, aber war noch aufgewühlt. Dann sprang er auf, schnappte den Wecker und vergrub ihn unten im Kleiderschrank unter einem Stapel Winterpullover.
In seinem inneren Ohr klangen die Harmonien nach, mit langem Kirchenhall. Allmählich entspannte er sich und dämmerte unter den Klängen seines imaginären Orchesters hinüber in den Schlaf. Er war diese Nacht mit der schwarzen Königin zusammen gewesen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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