Tarokan Nor

Vergangenheit

Eins ist sicher: Ich hab die Einladung nicht kommen sehen. Vermutlich hatten das einige nicht, oder sogar überhaupt keiner. Jason war eben immer für eine Überraschung gut.
Aber im Gegensatz zu allen anderen, die so glücklich waren, eine Einladung erhalten zu haben, war ich mir nicht so sicher, ob ich wirklich in Begeisterung ausbrechen sollte. Denn im Gegensatz zu den anderen durfte ich schon Horrorfilme ansehen und schaute sogar recht viele davon, immer mit meinem Vater zusammen, gegen den Willen meiner Mutter. Ich hatte alle großen Gruselfilme gesehen – ich kannte mich aus. Und keiner konnte mir erzählen, dass das hier nicht die perfekte Ausgangssituation für einen Horrorfilm war.
Die Einladung war etwas natürlich Besonderes, und ich fühlte mich schon geehrt, sie bekommen zu haben. Und die Sache war auch sehr verlockend. Aber gleichzeitig ließ sie bei mir einige Alarmglocken schrillen. Jene Glocken, die auch dann losgingen, wenn ich etwas im Keller holen sollte uns es draußen dunkel war. Jene Glocken, die mich auf Trab hielten, wenn in der Dusche der Sportumkleide ein Licht flackerte und über die weißen Gefängnisfliesen blitzte, während irgendwo das Wasser herabtropfte. Oder wenn nachts irgendwo eine Fußbodendiele knackte, obwohl jeder im Haus im Bett lag und schlief. Der arme Junge, könnte man jetzt sagen. Kindern zeigt man doch keine Horrorfilme.
Aber ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass ich mehr Angst habe als andere in meinem Alter. Ich bin nur viel wachsamer. Und als ich Jasons Einladung las, dachte ich eben nicht nur ´Wow, das klingt cool, was für eine Ehre´, sondern ich dachte auch ´Huiuiui, wenn das mal nicht in einem Massaker endet´.
Selbstverständlich habe ich trotzdem zugesagt. Ich meine, ich bin ja nicht doof. Und außerdem sah Jason, als er in der Schule auf mich zukam, um zu fragen, ob ich der Einladung folgen werde, so aus, als wäre es ihm tatsächlich wichtig, dass ich mitkomme. Was eigentlich seltsam ist, denn wir hatten nie viel miteinander zu tun. Wir gehen ja nicht mal in dieselbe Klasse. Nur Sport haben wir zusammen – Jungs und Mädchen sind getrennt, also werden zwei Klassen zusammengelegt. Aber auch im Sportunterricht haben wir nur mal ein paar Worte gewechselt, wenn wir im selben Team waren, oder vielleicht in der Umkleide ein bisschen geplaudert, weil wir beide Ironman mögen oder sonst was.
Und auch die anderen, die Jason einlud, waren Kinder, die man nicht gleich mit ihm in Verbindung gebracht hätte, wie ich schnell bemerkte. Das ließ meine Alarmglocken natürlich noch lauter schrillen. ´Er will irgendwelche Experimente mit uns anstellen´, dachte ich mir. ´Er kennt die Schwäche eines jeden von uns, und er wird sie im Park offenlegen und uns zu Tode foltern. Ein Horrorklassiker, hatte ich bereits Dutzende Male gesehen.
Und nicht nur das beunruhigte mich, sondern mir war vor allem nicht wohl dabei, dass Jason ausgerechnet mich eingeladen hatte. Manchmal, im Sportunterricht, aber auch, wenn wir auf den Schulgängen aneinander vorbeiliefen, da warf er mir so seltsame, starre Blicke zu, die mir ganz und gar nicht gefielen. Seine Augen wirkten in diesen Momenten böse, obwohl er eigentlich ein netter Kerl ist.
Und nun hatte er mich eingeladen.
Beinahe wären dies schon Gründe genug gewesen für mich, doch noch abzusagen. Aber dann wurde mir bewusst, dass es ja eigentlich überhaupt kein einziges Kind gab, das man direkt mit Jason in Verbindung gebracht hätte. Er war eigentlich immer ein bisschen allein, obwohl jeder ihn kannte und definitiv jeder ihn mochte. Und vielleicht war das auch der Grund, weshalb er mich so anstarrte; er glaubte vielleicht, dass er mit mir gut ein Freund werden könnte, wusste aber nicht, wie er es anstellen sollte, und traute sich nicht, einmal etwas zu sagen. Da tat er mir auf einmal ein wenig leid. Ich wollte ihm doch nicht verbieten, mich zu seinen Freunden zu zählen. Er hatte richtige Freunde verdient, wie jeder andere auch. Natürlich, dass er keine hatte, musste aber allein an ihm liegen.
Und ich denke, das war den meisten von uns klar. Es gab da einfach diese Barriere zwischen Jason und den andern. Ich meine, wer hat schon eine Kunstdesignerin zur Mutter, die Schmuckstücke gestaltet, für die irgendwelche hochrangigen Leute dann Summen im fünfstelligen Bereich hinblättern? Und wer hat dann auch noch einen Aufsichtsrat zum Vater, der im Jahr ein sechsstelliges Gehalt nach Hause bringt?
Tja, das liebe Geld mal wieder. In Horrorfilmen gibt es oft Charaktere, die wohlhabend sind. In der Regel überleben sie nicht lange.
Ich muss zugeben, meine Zweifel waren nich gänzlich ausgeräumt, als ich an jenem Freitag mit der Sporttasche über der Schulter in den VW-Bus stieg, der vor meiner Haustür hielt. Meine Mutter wünschte mir viel Spaß, mein Vater war traurig, weil wir freitags eigentlich unseren Papa-Sohn-Nachmittag hatten, und meine Schwester war sichtlich neidisch.
Ich stieg also ein, sagte Jasons freundlicher Mutter Hallo und setzte mich neben das Geburtstagskind. Ich war der erste, den die beiden abholten. Jasons Vater war ebenfalls mit einem Bus unterwegs, um die Gäste einzusammeln, die bei uns nicht hineinpassten.
Jason hatte schwarze Haare, immer im „zerzaust-look“ gestylt, für den seine Eltern beim Friseur vermutlich einen dreistelligen Preis bezahlten. Dafür sah es auch ziemlich gut aus, und Jason war generell ein schöner Kerl. Klar, Reiche sehen immer gut aus. Umso trauriger ist es dann, wenn sie ihre teuren Klamotten mit ihrem eigenen Blut versauen.
Aus dem Autoradio kam leise Musik. Nicht klassische Musik, wie es sich gehört hätte, sondern Musik irgendeiner mir unbekannten Band. Ich tippte auf die Achtziger. Da kannte ich mich aus, denn viele Horrorfilme, die mein Vater mit mir anschaute, kamen aus den Achtzigern. Billig produziert, mittelmäßig geschauspielert, aber immer wieder für einen Schrecken gut. Genau wie die Horrorfilme von heute eigentlich.
Jasons zierliche Mutter unterdessen war taktvoll genug, nichts zu sagen, sondern lächelte nur freundlich, wenn sich unsere Blicke zufällig im Rückspiegel trafen. Jason unterdessen begann mit seiner leisen, sanften Stimme, über Fußball zu sprechen, und wir unterhielten uns sehr nett. Ich hatte aber das Gefühl, dass er ziemlich nervös war – oder wischte er sich die ganze Zeit die Hände an den Hosen ab, weil er es kaum erwarten konnte, endlich Blut zu sehen? Jedenfalls redeten wir, bis weitere Kinder einstiegen, die wir abholten. Bald war der Bus voll und es wurde laut. Aber Jason saß am Fenster, und nur ich saß neben ihm, und er führte das Gespräch weiter, als wären wir ganz allein. Die meiste Zeit starrte er geradeaus auf den Sitz seiner Mutter, aber hin und wieder warf er mir einen seiner unheimlichen, starren Blicke zu. Ich glaubte, förmlich spüren zu können, wie seine Augen über mein Gesicht tasteten. Ich hielt meine Sporttasche, die ich für die Übernachtung gepackt hatte, auf meinen Knien und kam nicht umhin, meiner Unruhe ein wenig freien Lauf zu lassen. Wieso konzentrierte Jason sich nur auf mich? Hatte er mich zu etwas ganz besonderem erkoren in dieser Nacht? Zu einer ganz besonders schweren Prüfung? Irgendetwas war hier im Busch.
Aber eigentlich wirkte Jason gar nicht so, als hätte er irgendetwas Hinterhältiges vor mit uns – trotz der starren Blicke. Er war sehr freundlich und sehr zurückhaltend – auf dem Boden geblieben, würde man wohl sagen. In Horrorfilmen eher ungewöhnlich für Reiche, deswegen hatte man auch nie Mitleid mit ihnen. Ich nahm Jasons respektvolle, höfliche Art als Anlass, mich zu entspannen.
Die Dämmerung zog bereits übers Land, als wir ankamen. Jasons Vater mit den anderen war noch nicht da. Der Parkleiter oder was auch immer er war begrüßte uns sehr zuvorkommend und erklärte, er werde uns begleiten. Ich untersuchte ihn ganz genau, denn natürlich war er einer der absoluten Hauptverdächtigen – oder das erste Opfer. Aber er war weder hager, das hätte ihn als böse ausgezeichnet, noch dick mit Schwabbelkinn, dann wäre er schon bald tot gewesen. Er war im Gegenteil ziemlich jung und recht gutaussehend. Er trug das orangene T-Shirt und die beigen Shorts des Parks, hatte sich jedoch einen blauen, wie eine Discokugel glänzenden Umhang um die muskulösen Schultern gelegt. Seine Haare waren lang, schwarz und seidig, sein Gesicht schien ein wenig sehr blass. Das waren nun allerdings typische Merkmale eines Vampirs, aber einzelne rote Sonnenstrahlen beleuchteten ihn noch und er zerfiel nicht zu Staub.
Wir durften in den Park eintreten. Man konnte schon die großen Achterbahnen in der Ferne aufragen sehen. Ich war schon einmal hier gewesen, so wie fast alle anderen auch. Aber nur mit so wenig anderen Besuchern und des Nachts, das war schon etwas.
Wie gesagt, perfekte Bedingungen für einen Horrorfilm eben.
Der Parkleiter sagte uns, wir könnten ja schon einmal durch den Kerker laufen, bis der zweite Bus ankäme. Und natürlich gehorchten wir ihm.
Der Kerker war eine relativ kleine Attraktion fast unmittelbar neben dem Eingang. Wir traten eine schmale Wendeltreppe hinab, einfach in den Boden hinein. Natürlich sah die Treppe so aus, als wäre sie uralt. Unten erwartete uns eine Ritterrüstung. Unrealistisch fette Spinnweben hingen an der Decke, und versteckt saß darin eine riesige schwarze Spinne, bei der man sich nicht wirklich erschrecken konnte, wenn man sie entdeckte. Ihre Augen glommen ein wenig rötlich. Ansonsten gab es nicht viel Licht.
Wir waren sieben Personen, und alle schnatterten miteinander, sodass das Gruseln in jedem Falle zur Unmöglichkeit wurde. Ich merkte aber, dass Jason neben mir eisern schwieg. Das ließ mich nervös werden.
Ich konnte mich von meinem ersten Besuch her nicht mehr genau erinnern, was hier im Kerker alles wartete, und lief darum gespannt vorwärts, ob nicht etwas Originelles kommen würde, zufällig an der Spitze der Gruppe. Das war ein wenig bedenklich, denn diejenigen ganz vorne sterben auch zuerst. Aber da Jason sich immer neben mir befand, drohte keine Gefahr, schließlich würde der Gastgeber des Todesfestes ja wohl in jedem Falle nicht als erstes dran glauben müssen.
Wir kamen an einigen Zellen vorbei, in denen schlimme Szenen dargestellt waren, die mich aber nicht weiter bekümmerten. Dann schoss plötzlich vor uns ein lachendes Skelett aus der Wand, was für Schreie sorgte. Jason neben mir zuckte zusammen, gab aber keinen Ton von sich. Gut. Wenn er sich übermäßig stark erschreckt hätte, wäre es ein warnendes Zeichen gewesen, und wenn er – so wie ich, der ich gegen Jumpscares zu Genüge gefeit war – überhaupt nicht reagiert hätte, dann auch. Aber mit einem Zusammenzucken konnte ich leben. So etwas war auch nur schwer vorzutäuschen. In vielen Horrorfilmen sah das genau so falsch aus, wie es auch tatsächlich war.
Uns erwarteten noch ein vollkommen dunkler Gang, durch den wir uns tasten mussten – ich stieß dabei mit Jason zusammen, das war alles, was passierte – und ein Raum, der wohl die Hölle verbildlichen sollte und wo Dämonen und ähnliches uns fangen wollten. Dann waren wir wieder heraus.
Jasons Vater war inzwischen angekommen und wir waren vollzählig, dreizehn Personen. Dreizehn! Was für ein Zufall.
Allerdings, Jason wurde ja auch dreizehn. Bei mir gab es schließlich auch die Regel, dass ich zum Geburtstag so viele Kinder einladen durfte, wie ich Jahre alt geworden war. Eigentlich blödsinnig. Aber egal.
Der Parkleiter führte uns zum Restaurant, wo das Essen bereits von zwei Herren vorbereitet worden war; Pizza, Pommes und Hähnchenschenkel. Jason saß natürlich am Kopfende, ich bekam einen Platz irgendwo in der Mitte. Die Eltern zogen sich an einen anderen Tisch außer Hörweite zurück, aßen dort selbst und tranken Rotwein.
Die Gruppe zeigte sich begeistert und war sehr gespannt. Mich überkam ja selbst auch die Vorfreude, aber dennoch, immer wieder strich Jasons Blick über mich – war dieser Blick kritisch? In gewisser Weise schon. Er war finster. Und unangenehm.
Nachdem wir gegessen und unsere Taschen in zwei Räume gepackt hatten – einen für die Jungs, einen für die Mädchen -, wo Feldbetten für uns aufgestellt worden waren – was musste dieser ganze Spaß hier gekostet haben? Ich wollte es gar nicht wissen -, zogen wir los. Wir fuhren mit einigen Achterbahnen, stiegen in den den Freifallturm und setzten uns ins Riesenkarussell, das alles andere als harmlos war. Es war ein wirklich schöner Park, alles war gehalten im bäuerlichen Stile des neunzehnten Jahrhunderts, mit viel Liebe zum Detail. Die beiden Herren, die für unser Essen gesorgt hatten, stießen hinzu und wir durften uns aufteilen. Ich besuchte diese und jene Attraktion, es war herrlich. Nur mit drei weiteren Leuten fuhr ich die höchste Achterbahn – ganz oben angekommen bot sich mir ein Blick über die nächtlichen Wälder und Felder, die den Park umgaben.
Jason gehörte nicht zu diesen drei Leuten.
Ich sah ihn tatsächlich eine ganze Weile nicht mehr, aber dann war er wieder da. Wir stiegen gerade in die „Kaffeetassen“ ein, die riesig waren und auf einer runden, gewellten Fläche platziert waren. Das ganze Ding würde sich gleich im Kreis drehen, es würde auf und ab gehen und alles würde rotieren. Ich saß allen in einer der Tassen und freute mich darauf, Platz für mich zu haben, als Jason einstieg und sich mit gegenüber auf die runde Bank setzte. Er nickte mir zu und lächelte fast schüchtern. Da wurde es mir unverständlich, wie ich seine Blicke als finster hatte interpretieren können. Ich lächelte zurück. Dann ging es los.
Wir wurden ordentlich durchgeschüttelt und rutschten auf der Bank hin und her, kamen uns dabei gefährlich nahe – hatte er vielleicht irgendetwas in der Tasche stecken? Sicher, in den Kaffeetassen um uns herum saßen andere Kinder, aber es achtete ja im Moment niemand auf die anderen. Es würde wie ein Zufall aussehen. O nein, Simon hat sich den Kopf gestoßen, es ging zu heftig im Kreis. O je, er blutet, o weh, o ach…
Aber nichts dergleichen geschah. Wir wurden langsamer und hielten an. Ich ärgerte mich, dass ich die Fahrt nicht richtig genossen hatte.
Nun wurden alle wieder zusammengetrommelt und wir trafen uns bei der Bootattraktion. Ein Wasserkanal, der verschlungen zwischen verschiedenen Gebäuden hindurchführte und auf dem man eigenständig Boote steuern musste. Auf diesen Booten waren Spritzpistolen installiert.
Dort war ein Tisch aufgebaut, auf dem die Torte auf uns wartete. Jasons Eltern waren ebenfalls da. Wir aßen – der Kuchen schmeckte köstlich. Diesmal saß ich neben Jason. Er kaute auf seiner Torte, sein Blick wanderte rastlos von einem zum anderen, mit gesenktem Kopf beobachtete er sie. Also tat er dies nicht nur mit mir. Was war denn los mit ihm?
Nach dem Kuchen machten wir natürlich eine Bootsfahrt. Ich kam nicht mit Jason zusammen in ein Boot, sondern mit Linda aus meiner Klasse. Ich steuerte, und sie versuchte, mit der Spritzpistole die anderen nass zu machen. Sie war ziemlich gut darin, aber wir selbst bekamen auch einiges ab.
Danach wollten wir verstecken spielen. Meine sämtlichen Alarmglocken schrillten auf, aber ich wollte nicht der einzige sein, der nicht mitmachte.
Der Parkleiter zeigte uns auf einer Karte des Parks, in welchem Teil wir uns verstecken durften, und schärfte uns ein, nicht darüber hinauszugehen und nirgendwo hinaufzuklettern oder sonst etwas Gefährliches zu tun. Sicherlich hatten Jasons Eltern für dieses Versteckspiel noch einmal ordentlich draufgezahlt, sonst hätte man uns das nie durchgehen lassen. All dieser Aufwand – nur für eine Geburtstagsfeier?
Wer wurde Sucher? Irgendwer halt. Bis fünfzig zählen. Kaum ging es los, da packte Jason mich am Arm.
„Komm mit!“, flüsterte er und zog mich mit sich.
Mein Herz begann wie wild zu schlagen, aber es war ja wohl kaum möglich, ihm nicht zu folgen – mit welcher Begründung? `Ich glaube, dass du mich umbringen willst´, ungefähr so – konnte mir ja gar nicht einfallen. Also eilte ich mit Jason dahin – in Richtung der Geisterbahn. Nicht zum Kerker vom Anfang, sondern zur richtigen Geisterbahn. Sie lag gerade noch so in dem Gebiet, das der Parkleiter freigegeben hatte. Jason führte mich hinein in die Dunkelheit und hinter einen großen Hexenkessel, der dort lag und aus dem ein bisschen grünliches Licht strömte. Eine Hexe stand darüber gebeugt, eine Schöpfkelle in der Hand – wir waren nicht zu sehen.
Still kauerten wir da. Wir befanden uns ganz am Anfang der Geisterbahn, ein bisschen Licht schien von außen noch zu uns. Ich hörte Jason leise atmen. Langsam beruhigte ich mich.
„Wieso denn hier?“, fragte ich.
Jason zuckte mit den Schultern und sagte nichts.
Ich schwieg. Dumpf drang der Ruf des Suchers zu uns, der fertig gezählt hatte. Eine ganze Weile war es still. Dann schüttelte Jason seine Arme und setzte sich anders hin. Ich erstarrte. Was hatte er vor? Ich war wirklich bereit, um mein Leben zu kämpfen. Das hier war ein Horrorfilm. Genauso sah das aus. Und selbst, wenn mit mir nichts geschah – ich traute mir zu, Jason im Notfall überwältigen zu können -, so musste doch jede Sekunde ein Todesschrei von irgendwoher ertönen. Dieses Versteckspiel würde blutig verlaufen müssen. Bisher war alles gut gegangen, aber das war ja schließlich immer so. Erstmal alle in Sicherheit wiegen, und wenn keiner mehr damit rechnete...
„Gefällt es dir?“, fragte Jason irgendwann zögerlich.
Was für eine Frage!
„Ja“, sagte ich so überzeugend wie möglich. „So was macht man nicht oft.“
Jason nickte nur und sah mich nicht an, sondern starrte auf den Kessel, hinter dem wir saßen. Die Stille war beängstigend. Links von uns war der durch einen schwarzen Vorhang aus Plastikstreifen verdeckte Eingang, rechts von uns die völlige Finsternis der Geisterbahn.
Es war völlig bescheuert, so verstecken zu spielen. Das dauerte doch viel zu lange!
Wir warteten also noch ein paar Minuten, bevor tatsächlich der Sucher vorbeikam, vorsichtig die Lappen des Vorhangs zur Seite schob und in die Dunkelheit rief. Er traute sich wohl nicht, hereinzukommen, was ich ihm wahrlich nicht verübeln konnte. Jason und ich hätten einfach still dasitzen bleiben können und wären nie entdeckt worden, aber ich bewegte mich und sorgte dafür, dass ich ein bisschen hinter dem Kessel hervorlugte. Glücklicherweise sah der Sucher es und fand uns also. Jason und ich gingen zurück zum Tisch mit der Torte, während der Sucher weiter seine Arbeit verrichtete.
„Warum hast du das getan?“, fragte Jason und klang beinahe verletzt.
Ich wurde verlegen – ein wenig hatte ich gehofft, dass Jason es nicht mitbekommen hatte. Aber warum ich es getan hatte, war ja offensichtlich – allein mit ihm zu sein, bedeutete akute Lebensgefahr. Ich hatte einfach Schiss.
„Es wäre unfair gewesen“, sagte ich nur, und das war überzeugend genug.
Wir waren nicht die ersten, die gefunden wurden, sondern gehörten sogar zu den letzten. Bald waren wieder alle beisammen.
Es war bereits ein Uhr morgens. Schlafenszeit.
Wir trotteten müde zurück zum Restaurant, wo die Feldbetten warteten. Es war lustig gewesen. Nun würden wir schlafen, morgen frühstücken und dann zurückfahren – ein außergewöhnlicher, sehr teurer Geburtstag.
Aber ich traute dem Frieden nicht. Mein Verstand sagte mir zwar, dass das albern sei und ich mich eben nicht in einem Horrorfilm befände, aber ich konnte nicht anders, als wachsam zu bleiben. Vielleicht hatte mein Vater es doch übertrieben mit mir, vielleicht sollte man Kindern wirklich keine Horrorfilme zeigen.0
Bald lagen wir alle auf unseren Feldbetten und das Licht wurde ausgemacht. Bei uns Jungs wurde noch ein wenig geredet, aber bald schliefen sie alle. Ich konnte nicht. Ich lag da, wirklich müde, hatte aber die Augen weit geöffnet und starrte in die Dunkelheit. Ein paar Jungs schnarchten leise, ansonsten herrschte völlige Stille.
Es musste so sicherlich eine Stunde vergangen sein, und die Müdigkeit begann nun doch, die Oberhand zu gewinnen. Immer wieder fielen mir die Augen zu, aber ich riss sie wieder auf, nun besessen von dem Gedanken, bis morgen wach zu bleiben.
Dann hörte ich es rascheln. Jemand bewegte sich. Aber sogleich sah ich in der Dunkelheit, die im Laufe der ersten Minuten etwas weniger undurchdringlich geworden war, wie jemand aufstand und über den Boden tapste, direkt auf mich zu. Natürlich war es Jason. Ich verkrampfte mich, konnte mich nicht rühren, schrie mich aber doch selbst lautlos an, dass ich mit bereitmachen müsse auf einen Kampf.
Jason beugte sich über mich und legte mir eine Hand auf die Schulter. Ich zuckte zusammen.
„Bist du wach?“, flüsterte Jason.
Ich nickte kraftlos und starrte in sein dunkles Gesicht, das ich kaum erkennen konnte.
„Komm mit“, forderte er mich auf. „Zieh deine Schuhe an.“
Ich konnte es kaum fassen. Mit einer solchen Dreistigkeit wollte er mich kriegen, so offensichtlich wollte er mich in den Tod locken?
Aber es gab keine Begründung, die ich hätte anführen können, weshalb ich nicht mitgehen konnte. Wenn ich Jason meinen Verdacht mitgeteilt hätte, wäre er sicherlich gleich über uns alle hergefallen. Im Moment war der Plan ja noch so, dass einer nach dem anderen drankam – ich war der erste.
Ich stand auf, zog mir Socken und Schuhe an wie befohlen, und folgte Jason dann in T-Shirt und Turnhose, in denen ich versucht hatte zu schlafen, aus dem Raum. Er war sehr darauf bedacht, niemanden zu wecken.
Wir kamen in das Restaurant, wo auf einem Stuhl der Parkleiter mit einem der beiden anderen Männer saß. Sie unterhielten sich leise miteinander und sahen so aus, als würden sie sich weit weg wünschen in ein warmes Bett. Ihre Blicke fielen sofort auf uns.
Jason ging auf sie zu und blieb erst direkt vor ihrem Tisch stehen. Ich verharrte hinter ihm.
„Wir wollen mit der Geisterbahn fahren“, sagte Jason langsam und wirkte wieder einmal nervös.
„Das geht jetzt nicht“, meinte der Parkleiter nicht unfreundlich. „Es ist viel zu spät.“
„Bitte“, sagte Jason. „Es war keine Rede davon, dass wir nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit fahren dürfen.“
Der Parkleiter und sein Kumpel wechselten einen Blick.
„Ehrlich, geht wieder schlafen“, meinte der Mann dann lachend.
Aber Jason schüttelte den Kopf.
Ich hatte schon Hoffnung, dass der Plan nicht aufgehen würde, aber da zuckte der Parkleiter mit den Schultern.
„Du hast Recht, davon war keine Rede“, meinte er nur und stand auf. „Aber nur eine Runde, ja?“
Jason nickte. Mir sank das Herz in die Hose.
Der Parkleiter nahm einen großen Schlüsselbund vom Tisch. „Bis später“, sagte er zu seinem Freund, dann führte er uns aus dem Restaurant. Draußen war es kühl geworden, die Sterne wurden teilweise von Wolken verdeckt. Ich lief hinter dem Mann und Jason her und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. War es das? Konnte es wahr sein, dass ich wie in einem Horrorfilm starb? Es musste doch alles Einbildung sein. Aber welche andere Erklärung gab es für diese Szene hier?
Ich ballte die Hände zu Fäusten – ich würde mich nicht einfach so zu jenem ersten Opfer machen lassen, für das sich sowieso niemand interessiert. Es gab in diesen Filmen immer Personen, die nur auftraten, um zu sterben – ich würde so nicht sein. Ich würde ein Protagonist sein und am Ende überleben. Ich war größer und kräftiger als Jason. Er mochte bewaffnet sein, aber ich wusste Bescheid und würde achtgeben.
Aber konnte er wirklich glauben, dass ich keinen Verdacht schöpfte?
Wir kamen zur Geisterbahn. Der Parkleiter schaltete sie ein und zog einen der kleinen Gondeln vom kleinen Abstellgleis. Jason und ich setzten uns hinein, nebeneinander. Sie Gondel war recht eng, unsere Ellbogen berührten sich sogar. Nicht viel Platz für einen Kampf, nicht viel Reaktionszeit, wenn es so weit war.
Und in der Geisterbahn würde es dunkel sein.
„Ihr kennt ja die Regeln, steigt bitte nicht aus. Ich vertraue euch.“ Der Parkleiter schien nun doch Spaß zu haben, nachdem er sich erst gesträubt hatte. Ob er mit Jason unter einer Decke steckte? Sicherlich.
Die Gondel setzte sich in Bewegung, ratterte und wir stießen durch den Vorhang aus schwarzen Plastikstreifen. Rechts war der grün glühende Hexenkessel, hinter dem wir uns vorhin versteckt hatten.
Jason rührte sich zunächst nicht. Wir fuhren dahin, ein paar Figuren und Geräusche gaben sich die größte Mühe, uns zu erschrecken. Aber ich war schon so entsetzt, dass ich keine Reaktion mehr zeigen konnte.
„Du fragst dich, was das hier soll“, begann Jason dann langsam. Die Gondel ratterte über das Gleis durch die enge Geisterbahn, ratterte immer lauter. Ein lachendes Monster mit roten Augen beugte sich über uns und verschwand dann wieder.
„Ich weiß doch Bescheid“, sagte ich mit trockenem Mund. Was brachte es noch, die Sache länger hinauszuzögern? Ich spannte alle Muskeln an, bereit aufzuspringen.
Jason drehte den Kopf und starrte mich an mit seinem seltsamen Blick, ich konnte ihn trotz der Dunkelheit genau erkennen.
„Wirklich?“, fragte er.
„Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“ Nun wurde ich langsam wütend. „Mach schon!“
Ich wollte nun tatsächlich aufspringen, aber die riss Jason urplötzlich die Arme hoch, schlang sie um meinen Hals und warf mich mit lautem Keuchen zur Seite. Ich schrie auf, riss selbst die Hände hoch und fuhr ihm an die Kehle, versuchte, ihn von mir zu schütteln, würgte ihn dabei, aber seine Arme blieben um meinen Hals.
„Si…mon!“, brachte er hervor. Ich konnte ihn nun meinerseits zurückwerfen, die Gondel schaukelte ein bisschen. Sie war viel zu klein für so einen Kampf.
Für einen Moment wurde es hell in dem Geistertunnel wegen irgendeines Gruseleffekts. Ich sah, dass ich Jason mit meinen Fingernägeln den Hals aufgerissen hatte. Er blutete.
„Simon, ich liebe dich!“, gurgelte Jason, fuhr sich mit den Händen an die Kehle, hob sie dann und erblickte das Blut, Entsetzen über sein Gesicht ziehend. Ich saß da ohne einen Gedanken in meinen Kopf und schaute auf ihn herab, wie er halb aus der Gondel hing und sich den Kopf irgendwo zu stoßen drohte. Aber da war die Geisterfahrt zur Ende, wir kamen wieder beim Parkleiter an, der ein wenig Licht gemacht hatte.
Der Parkleiter schrie auf.
Ich blinzelte.
Jason war tot.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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