Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 12

Da ihre Pfoten vom vielen Laufen brannten, beschloss Blue, sich bis zum Einbruch der Nacht im „Roten Löwen“ auszuruhen. Die Erschütterung über Mitsous Tod verließ sie nicht, sie fühlte sich angespannt. Ihre Angst vor Ralf war ein wenig verflogen, der Schreck hatte sich etwas gelegt, aber die Spannungen hatten sich in eine große Sorge verwandelt. Sie fasste sich und sprang auf den Fenstersims des Dachbodens des „Roten Löwen“. Mona lag zusammen gerollt in einer Ecke und schlummerte. Erleichtert kroch Blue neben sie und wollte gerade den Kopf auf die Pfoten legen, als Omar seinen dicken Kopf durch die Türe schob. „Unten ist gutes Fressen, gekochtes Lamm mit Brühe…“, sagte er und leckte sich über die fettigen Lippen. „Ich habe zuviel hinuntergeschlungen, ich glaube fast, ich habe mich überfressen…“, stöhnte er, „ich fühle mich wie ein Röhrenknochen vollgestopft mit Mark…“ Er machte Blue ein verstohlenes Zeichen, dass sie ihm in den dunklen Vorraum folgen sollte. Blue zögerte kurz, doch dann richtete sie sich seufzend wieder auf und folgte ihm auf den düsteren Treppenabsatz. Von unten hörten sie das Stimmengemurmel der Gäste aus dem Wirtshaus und das Klappern von Tellern. Ein abgestandener Bierdunst wehte herauf. „Ich möchte Mona nicht ängstigen…“, flüsterte Omar hinter vorgehaltener Pfote, „aber ich habe einen Verdacht…“ Blue horchte auf, ihr Herz begann schneller zu pochen.

Ich würde viel tun, um dich und Mona aus der Gefahr heraus zu halten…“, sagte Omar, „ihr seid das einzige Licht in meinem zur Neige gehenden Leben…, ich würde euch nie im Stich lassen… Ich kann zwar zu Fuß nicht so mithalten, aber ich kenne das Terrain und habe gute Kontakte in allen Vororten…“ „Nun sag schon, was du gehört hast…“, drängte Blue ihn, endlich preiszugeben, was er wusste. „Aus sicherer Quelle weiß ich, dass der schwarze Korsar, der sich in letzter Zeit hier herumtreibt, schon eine Katze auf dem Gewissen hat…, sie heißt Tiffanie…“, sagte er und ließ Blue nicht aus den Augen. Blue hätte beinahe einen Schrei ausgestoßen. Plötzlich schien eine Last sie zu Boden zu ziehen, fast bog sich ihr Rückgrat nach unten. Sie presste die Pfoten auf den Boden. Omar betrachtete sie lauernd. „Er tut so, als wäre er ein Katzenversteher,…er singt Zauberlieder für sie und versetzt sie mit seinem Gesang in Trance, und dann,…“ Er machte mit der Pfote das Zeichen des Halsumdrehens. „Das ist nicht wahr, wer behauptet so etwas…“, rief Blue empört aus. Ihre Stimme klang zu grell. „Leider doch,…“, sagte Omar und senkte den Kopf, „er trägt eine Maske und behauptet, er wäre ein Troubadour,…aber das ist alles ein großer Schwindel…, er ist ein wahrer Hexenmeister der Frauenverführung,…diese Tiffanie ist spurlos verschwunden, seit sie mit ihm zusammen war…“ Die Worte Omars verwundeten Blue, sie brachen mit einer verheerenden Wucht in sie ein. Wieder schüttelte sie abwehrend den Kopf. Der ganze Speicher begann sich um sie zu drehen. „Diese Lehren der Liebeskunst, die er verbreitet,…sind ein teuflisches Werk…, man behauptet, er verkehre mit mehreren Katzen zur gleichen Zeit…“, fuhr Omar fort. „Ich selbst bin ja nur ein Eunuchenkater,…und habe dieses Tor der körperlichen Liebe nie durchschritten, wenngleich man sagt, dass der Verzicht auf die Hoden besondere Intelligenz und Klugheit schenkt…“, er warf sich in die Brust. Blue geriet völlig außer sich: „Sei still, Omar…, ich will nichts mehr davon hören,…“ Blue presste sich die Pfoten auf die Ohren. Unbeirrt fuhr Omar fort: „Er benutzt Kräuter, um die Katzen rollig zu machen,…er ist durch und durch ein teuflischer Katzenbezauberer…“, beharrte Omar. Er fuhr fort: „Nun ich werde diese Geheimnisse der Liebe in diesem Leben nicht mehr ergründen…, und das ist gut so…“ „Das ist Unsinn, barer Unsinn…“, rief Blue immer wieder. Doch insgeheim musste sie sich eingestehen, dass sie davongelaufen war, weil der Korsar in so viele Liebschaften verstrickt war. Hatte er nicht auch versucht, sie zu verführen? Zweifel sprangen Blue an, sie trat von einer Pfote auf die andere. „Blue, ich bin gutherzig,…ich muss dir die Wahrheit sagen,…ich habe gehört,…nun,… du sollst Seite an Seite mit dem Korsaren gekämpft haben gegen Ralf und sein Team…“ Blue schloss die Augen halb, von unten drang ein ranziger Geruch nach Fett herauf. Der Himmel draußen war blauschwarz, die Nacht brach herein und ein neuer Schneesturm jagte die Flocken über die ziegelroten Dächer. „Ich will davon nichts hören, er hat mir zweimal das Leben gerettet…, wer hat dir das alles erzählt…?“ fragte sie gepresst und unterdrückte ein Aufschluchzen in ihrer Kehle. Omars Augen schienen plötzlich zu brennen: “Ralf hat mich mit einer engen Bekannten des Korsaren zusammen gebracht…“, sagte er, „du kannst mir vertrauen, Blue…ich habe dir doch auch diesen Unterschlupf hier im „Roten Löwen“ besorgt mit diesem hervorragenden Fressen…“ „Mit einer getupften Katze hat Ralf dich zusammen gebracht…?“ fragte Blue, plötzlich argwöhnisch. „Du kennst Leonora auch?“ entgegnete Omar, „dann weißt du ja Bescheid…“ „Ich glaube ihr nichts…, sie ist ein falsches Biest…“, stieß Blue hervor. Zum zweiten Mal an diesem Tag war sie nahe davor, mit Omar zu streiten, obwohl sie das eigentlich nicht wollte.

Blue, auch wenn du dich dagegen wehrst, dieser schwarze Korsar ist ein übler Halunke,…er gehört keinem Stadtviertel an, weil niemand sich mit ihm einlassen möchte…“, sagte Omar. Blue drehte den Kopf von ihm weg und sagte: „Ich werde darüber nachdenken,…ich muss mich jetzt ausruhen,… es war alles zuviel…“ Schnell schlüpfte sie zurück in den Speicherraum neben Mona und schloss die Augen. Sie versuchte, das Chaos in ihrem Kopf zu sortieren. Vorsichtig schielte sie noch einmal zur Türe, doch Omar folgte ihr nicht.

 

Blue konnte lange nicht einschlafen. Ihr Herz zog sich zusammen. Eine steinschwere Kälte drückte auf ihre Glieder. Sie spürte, wie ihre Augenränder heiß anliefen. Aber die Tränen, die heraus kommen sollten, liefen in der Schnauzspitze zusammen, heiß und bitter. Sie wünschte, sie könnte den schwarzen Korsaren noch einmal treffen und ihn befragen. Sie war nahe davor, trotz ihrer Müdigkeit zum Schuppen hinauszulaufen, aber sie wusste irgendwie, dass er nicht mehr dort sein würde. Sie fühlte sich erschöpft. Langsam zersplitterten ihre Gedanken und zerrannen und sie schlief endlich ein.

Zum ersten Mal seit Sootys gewaltsamem Tod, träumte Blue wieder von den roten Ahornwäldern. Sie lief zwischen den hohen Bäumen dahin und das dicke Moos tat ihren Pfoten wohl. Sie hielt kurz inne, um aufmerksam und erregt zu lauschen. Wie in einem Blitz der Erinnerung erkannte sie den Pfad, dem sie folgen musste. Ein Rausch der Freiheit befiel sie und sie lachte leise in sich hinein. Sie schlich durch ein dichtes Gestrüpp von Baumtrieben und Himbeersträuchern, bis sich der schmale Pfad weitete zu einer riesigen grünen Kathedrale. Blue fand ihre Kräfte wieder und übermütig erkletterte sie moosige Felsen, sprang über plätschernd dahin fließende, von schwärzlichen Blättern halb verschüttete Rinnsale. Sie bewegte sich sicher durch Licht und Schatten und sog die modrigen Gerüche ein, die aus den Tiefen der Schluchten aufstiegen. Sie erkannte Orte wieder, die sie schon in anderen Träumen gesehen hatte, den Fels der Feen und die Schlucht der Wölfe. Wenn sie die Ohren spitzte, konnte sie die schweren Schläge der Holzfäller im Tal unten hören. Plötzlich entdeckte sie eine in den Fels gehauene, mit Erde und Laub bedeckte Treppe. Eine plötzliche Angst und Scheu überkamen sie, die nicht im Einklang mit ihrem Charakter standen. Die Treppe fiel steil ab. Aus dem dicken, schlammig zersetzten Blätterteppich brachen Schwammpilze hervor, deren orangefarbene und violette Kuppeln beunruhigend leuchteten. Neugierig und doch ängstlich kletterte sie die Stufen hinunter. Die Sonne brach nur mit vereinzelten Strahlen durch das dichte Laub der Bäume. Auf halber Höhe entdeckte Blue den Eingang zu einer Grotte. Sie beugte sich vor und spähte vorsichtig hinein. Plötzlich hörte sie drinnen einen schleppenden Schritt. Blue erschrak. Im fahlen Dämmerlicht erschien Sootys Gesicht, es war braun und runzlig. Ihre Augen blinzelten Blue kurz an, dann wandte sie ihr den runden Rücken zu und verschwand in der Grotte. Blue zögerte nur einen winzigen Moment, dann folgte sie Sooty ins Innere. Sie erreichten eine kreisrunde geschützte Öffnung. Sooty blieb stehen und drehte sich um. Sie sagte leise, kaum hörbar: „Blue, ich bin noch einmal in dein Wahrnehmungsfeld zurückgekehrt, um dir zu sagen, dass die Katzen, die in der Altstadt wohnen, in ernster Gefahr sind, wenn du nicht handelst…“ Blue hob hilflos die Pfoten. Dann sagte sie verwirrt: „Kannst du mir nicht sagen, ob Ralf der Täter ist…ich wollte ihn zur Strecke bringen,…aber nun habe ich soviel Gerüchte gehört, dass ich wieder Zweifel habe…“ „Das kann ich dir nicht sagen, Blue,…ich darf nicht in dein Schicksal oder das der anderen eingreifen…“, sagte Sooty und bewegte erregt ihre Pfoten, „ich darf dich bloß warnen…“ Blue sah, dass ihre Vorderbeine noch knochiger geworden waren. Ihre Stimme klang ernst und fast geborsten. Sie sagte: „Eine große Gefahr schwebt über der Altstadt und stürzt alles in Düsternis. Sie kreist über ihr wie eine Schar schwarzer Raben. Der Täter schleicht Nacht um Nacht um die Häuser, alle Katzen haben Angst und selbst die Vögel schweigen…, das Misstrauen wächst täglich… ich musste als ich noch lebte, aus der Nähe des Täters fliehen, weil mich seine falschen Töne krank machten…“ Blue senkte verzweifelt den Kopf. Die Aufgabe, die Sooty ihr zugedacht hatte, lastete schwer auf ihrem jungen Gemüt. „Warum ich, warum nicht Ebony, sie hat mehr Erfahrung…“, jammerte Blue. „Ebonys Aufgabe ist sich mit dem Mond und den Pflanzen zu verbünden…bald wird sie Fieber heilen mit Schlangengift, die Gicht durch die Salze der Asseln und die Taubheit mit Ameisenöl…“, antwortete Sooty. „Und ich,…ich soll nur Katzenmörder fangen… ist das alles…“, sagte Blue enttäuscht. „Ich sehe Weite um dich und eine große Liebe, um die du kämpfen musst,…“ murmelte Sooty. „Doch nun zurück zu deiner Aufgabe…“, fuhr sie fort und ihre Stimme wurde mit jedem Wort leiser. „Ich habe nicht mehr viel Zeit,…und spüre wie ich schwächer werde,…der Katzenmörder ist der Schwärzeste von allen und innerlich ist er hart wie Erz…“, sie beugte sich vor, so dass ihr Atem Blues Gesicht streifte. Blue lauschte gespannt. „Eines Abends, als ich noch in meinem Fell lebte, beobachtete ich ihn…, ich wollte sehen und verstehen, was er tat. Er wandte den Blick in meine Richtung, ich weiß nicht ob er mich sah. Aber ich merkte, dass seine Augen aus Feuer waren, denn die meinen begannen zu brennen,…und ich musste fliehen, ich die selbst einem Wolfshund und einem Marder ins Gesicht sieht,…da hast du seine Macht…er ähnelt diesem Bären aus dem Märchen, der in der Quelle sein blutiges Fell wäscht, nachdem er ein junges Kätzchen zerrissen hat…“ Blue lief ein kalter Schauer über den Rücken, sie musste unwillkürlich an den schwarzen Korsaren denken, als Sooty von der großen Macht sprach, die er ausstrahlte. „Wen meinst du, du meinst doch nicht den schwarzen Korsaren…“, stieß Blue atemlos hervor. Doch Sooty reagierte nicht auf den Namen. Ein Lächeln kräuselte ihre grauen Lippen und entblößte das fast zahnlose Fleisch ihrer Kiefer. Heiter zupfte sie an Blues Fell mit der Pfote: „Ich werde nicht mehr oft in deine Träume kommen,…Blue, ich werde bald wieder in einen Leib schlüpfen, aber ich werde dich immer führen, wenn du das willst,…höre auf deinen Instinkt, Blue,…“ Die Konturen von Sooty wurden immer blasser. Sie blichen aus. Blue wollte sie berühren, doch Sooty entglitt in immer größere Ferne. Sie rief ihr zu: „Kleine, dein Schicksal ist schrecklich, gewaltsam und doch schön…, vergiss nie, dass du eine Maine Coon Katze bist…, du bist meine Tochter, du bist meine Schwester und deine Macht ist groß,…“ Staunend sah Blue, dass in ihren Augen eine große Weisheit und Heiterkeit standen. „Sag mir noch, wird diese große Liebe, von der du sprachst ein Perserkater sein…, werde ich den Mörder finden…?“ schrie Blue ihr nach. Doch Sooty entzog sich und verschwand in den Tiefen der grünen Grotte. „Was könnte ich dir schon sagen, das du nicht im Grunde deines Herzens weißt,…der Liebhaber mit dem schwarzen Bart wird schon kommen, er wartet schon auf dich…“, rief sie kichernd und glitt endgültig ins Dunkle.

 

Blue schreckte hoch. Verwirrt rieb sie sich mit den Pfoten über die Augen. Der Mond stand schon hoch am Himmel, sie hatte sich verspätet. Said wartete sicher schon auf ihr Erscheinen. Schnell sah sie sich im Speicher um, aber die kleine Mona und Omar waren verschwunden. Blue sprang aufs Fensterbrett. Der Nachthimmel war wolkenlos. Verwundert dachte sie an ihren Traum. Immer noch hatte sie das Gefühl, Sooty stände direkt hinter ihr im Raum. Es war, als ob eine Lichtleitung von ihr zu Blue führte. Hinter dem Apfelbaum leuchtete zart und hell die Mondsichel. Sie blinkte durch die Blätter. Das Fenster war dunstbeschlagen. Blue zwängte sich hindurch und sprang in den Apfelbaum. In ihren Gedanken waren Erleichterung und Trauer. Etwas Abschließendes lag darüber. Sie dachte an ihren kurzen gemeinsamen Weg mit Sooty, die sie sich immer als stärker und klüger vorgestellt hatte als sie selbst. Nun musste sie allein weitergehen und jeden Schritt vorsichtig bedenken. Ralf würde sicher versuchen, sie in eine Falle zu locken. Sie musste darauf achten, von ihm und seinen Gefährten nicht gesehen zu werden. Sie musste Schleichwege und Verstecke suchen. Sie machte einen großen Bogen um den Marktplatz und mied die breiten Gassen. Sie schlich durch Hinterhöfe und sprang über niedrige Dächer, achtete aber sorgfältig darauf, dass ihr niemand den Weg abschneiden konnte. Aufatmend erreichte sie schließlich den Trödelladen von Saids Besitzer. Said wartete schon hinter der Katzenklappe. Obwohl er unter normalen Umständen einer der ruhigsten Kater des Viertels war, vibrierte jetzt seine Stimme vor Aufregung. „Große Katzengöttin…, Blue, ich dachte schon, dir sei etwas zugestoßen…“, sagte er erleichtert, „vielleicht sollten wir in dieser Nacht doch nicht mehr hinausgehen,…ich glaube, es ist zu gefährlich…und der Wildlachs wartet…“ Er drängte sich dicht an Blue und leckte ihr schnell über den Kopf. Blue bemerkte, wie lange sie nichts gegessen hatte und der Speichel lief ihr im Mund zusammen, sie spürte die Kälte der Nacht bis in die Magengrube hinein. Doch sie erinnerte sich an Sootys Warnung und sagte schnell: „Said, diese Angelegenheit duldet keinen Aufschub, vielleicht sind noch mehr Katzen in Gefahr…, lass uns fressen und dann losziehen…“ Said war nicht begeistert von Blues Absicht. Er stöhnte ein bisschen und grunzte, dann führte er sie zu dem Napf, der bis an den Rand mit zartem Lachsfilet gefüllt war. Während Blue gierig fraß, hockte er da und sah sie vorwurfsvoll an. Er schüttelte sein prachtvolles Fell und gurrte leise. Aber Blue dachte nicht daran, aufzugeben. „Blue…“, begann er von Neuem, „wir sollten erst Liebe machen,…und unseren Bund erneuern,…verstehst du, was ich meine…, ich habe auf dich gewartet,…und es hat sich auf jeden Fall gelohnt für mich zu warten,…den Katzenmörder können wir immer noch fangen,…dazu braucht man ohnehin viel Geduld, das lässt sich nicht übers Knie brechen.“ Wieder rückte er Blue auf den Pelz. Er redete Blue immer weiter freundlich zu, während sie den Lachs verzehrte. Doch in Blues Kopf drehten sich andere Gedanken. Sie fühlte sich von Said bedrängt und wehrte ihn energisch ab. Sie peitschte entschlossen mit dem Schwanz: „Said, diese Mordsache duldet keinen Aufschub…, ich bin nicht zur Liebe aufgelegt…“ Said schnüffelte beleidigt und scharrte mit den dicken, weichen Pfoten auf dem üppigen Teppich. Wie damals, als Blue schon einmal hier gewesen war, war der ganze Raum erfüllt von köstlichen Düften und Wandbehänge in glühenden Farben hüllten sie ein. Blue bemerkte, wie ihre Absicht, so schnell wie möglich wieder in die Gassen der Altstadt hinauszuschlüpfen von der verzaubernden Atmosphäre des Ladens eingeschläfert wurde und Saids Zuneigung sie wie eine weiche Welle überspülte und überwältigte. Said lächelte sie wieder an und unternahm einen weiteren Versuch, ihr Gesicht zu lecken. „Blue, du Honigsüße…“, sagte er leise, „lass es uns gemütlich machen…“ Blue seufzte und überließ sich den weichen Liebkosungen seiner Pfoten. Ihre Augen verschleierten sich und sie schien auf einer unsichtbaren Wolke zu schweben. Wieder begann sie sich wie eine junge Königin zu fühlen und sie spreizte sich mit einer außerordentlichen Würde. Doch plötzlich dachte sie an den schwarzen Korsaren und sie wurde von einer seltsamen Traurigkeit erfasst. Sie schreckte auf und riss den Kopf hoch. Geräuschlos zog sich der empfindliche Said zurück. „Es tut mir leid,…Said,…“, sage Blue schwach. „Ich glaube, es ist besser, du gehst wieder…“, sagte er steif und ein leichtes Wellenkräuseln schien durch sein dichtes Fell zu laufen. Für ein paar Sekunden waren ihre Köpfe in dieselbe Richtung gewandt, zum Fenster, dann sagte Said matt: „Es ist traurig, dass ich deinetwegen meinen ältesten Freund, Robby…, Mahazedi, den großen Mahazedi,…verletzt habe…“ Blue dachte an die toten Katzen und sagte unwillig: „Und ich dachte, du wolltest mir wirklich helfen…, aber dazu seid ihr Rassekatzen euch ja viel zu fein…“ Es kam zu einem heftigen Wortwechsel zwischen ihnen und Said sagte: „Ich muss keine Detektivspielchen in den Niederungen der Altstadt spielen,…wir Rassekatzen aus altem Adel sind nicht betroffen von diesem Geschehen…“ Blue war sehr befremdet von seinem Verhalten. Sie gab einen knurrenden Laut von sich. Saids Arroganz rührte an eine tiefe Verletztheit in ihr. Wild entschlossen, dann allein loszugehen, stürzte sich Blue ohne ein weiteres Wort durch die Katzenklappe auf die nächtliche Straße.

 

Blue stand allein auf der Straße und blickte zum Himmel hinauf. Sie fühlte sich sehr klein. Die Sterne schienen in alle Richtungen davon zu stieben. Schneereste mit durchsichtigen Rändern lagen in der Gasse. Die Wipfel der Bäume schwankten im Wind. Blue überlegte, dann schlug sie den Weg zur alten Apotheke ein. Sie drückte sich eng an die Hausmauern und blieb häufig stehen, um auf verdächtige Geräusche zu horchen und in die Nacht zu wittern. Sie bediente sich ihrer langen Schnurrbarthaare als eines hochempfindlichen Leitsystems und verbarg sich immer wieder hinter Mauervorsprüngen, bis sie sicher war, dass keine andere Katze in der Nähe war. Düster und wuchtig ragte schließlich der hohe Dom vor ihr auf. Sie schlich sich an der Mauer entlang, bis sie den kleinen, begrünten Hinterhof der Apotheke erreichte und blieb erschrocken stehen. Nur ein paar Katzenlängen von ihr entfernt, unterhielten sich drei Katzen miteinander. Blues Herz schlug stark. Sie erkannte die weißliche Silhouette der Apothekerkatze und die magere Siamkatze mit den großen Ohren sofort wieder. Sie erinnerte sich an ihre Gemeinheit, als sie sie zusammen am Friedhof angegriffen hatten und dürstete danach, es ihnen heimzuzahlen. Die dritte Katze hockte im Schatten der Mülltonnen und Blue erkannte sie erst, als sie sprach. Es war die leicht näselnde, eher dünne Stimme des Eunuchenkaters Omar. „Hast du noch etwas von dieser köstlichen sauren Milch, Magnolia…?“ fragte er. „Ich habe heute wieder starke Verdauungsbeschwerden, die auf mein Herz drücken…, und nichts hilft mir so gut wie diese Milch,…sie ist seidig und leicht bekömmlich…“, sagte er. „Er muss auch überall herumschnorren,…“, dachte Blue halb belustigt. Sie versuchte, kaum zu atmen und saß regungslos hinter der Mülltonne und spitzte ihre Ohren. „Ich habe gehört, dass wieder eine Katze aus dem „Moulin Rouge“ getötet wurde…“, flötete Magnolia, „diese Barkatzen leben gefährlich…, irgendein unzufriedener Freier kann schon einmal die Nerven verlieren…“ Omar grunzte in sich hinein: „Diese ganzen leichten Weiber können einem schon lästig werden…, am schlimmsten sind die Rassekatzen,…diese Maskenkatzen…mit ihrem Getue, aber die anderen sind auch nicht viel besser…“ „Aber Omar, was redest du denn da, man erzählt sich am Brunnen, dass du mit dieser schrecklichen Regenkatze und der kleinen Mona deinen Unterschlupf teilst…“, sagte Magnolia lauernd. „Man hört viel und sollte wenig glauben…“, druckste der alte Omar herum, „das ist alles nur Gerede…, ich bin mal hier, mal da,…jetzt hol schon die Milch…“ „Mit dieser Regenkatze haben wir noch eine Rechnung offen,…sie sollte sich besser fernhalten vom Dom…, sonst landet sie bald auf dem Friedhof…“, sagte Willie und lachte unangenehm. Blues Nackenhaare sträubten sich. Sie bemühte sich, kein Geräusch zu machen. Ihre Unruhe wuchs. Der Mond verschwand hinter einer dunklen, gefräßigen Wolke, die ihn überschwemmte. Der Hof war in dunkle Schatten getaucht. Plötzlich fielen wieder dichte Schneeflocken herab und wirbelten um Blues Kopf herum. Die drei Katzen im Hof unterhielten sich über Belanglosigkeiten und Blue wurde immer ungeduldiger. Sie hielt es in ihrem Versteck kaum noch aus. Alles in ihr drängte danach, den Mörder zu finden und nun saß sie hier und hörte nichtsagendem Geschwätz zu. Plötzlich raschelte es hinter ihr und sie schrak zusammen. Lautlos glitt die kleine Mona hinter sie. Sie grinste breit. Blue sah sie vorwurfsvoll an und bedeutete ihr, still zu sein. Doch die kleine Mona lief an ihr vorbei und sprang dreist zu den drei Katzen in den dunklen Hof. Blue hielt vor Angst den Atem an. „Hallo, habt ihr noch Milch…?“ rief sie fröhlich. Magnolia schimpfte: „Kommt ihr jetzt alle her und schnorrt meine Milch,…ich bin doch keine Gassenschenke…“ Sie murrte vor sich hin, während Mona die Reste aufleckte. „Deine Milch ist eben die Leckerste im ganzen Viertel…“, piepste sie. „Sie ist ja auch eine Spezialzubereitung mit einer Essenz…“, sagte Magnolia wichtigtuerisch. „Mein Apotheker kennt sich eben genau aus mit Heilmitteln und Giften und das ist eine Heilmilch…“, erzählte sie stolz. Blue, die es kaum noch ertrug, still in ihrem Versteck zu sitzen, horchte auf. „Ach wirklich,…“schnurrte Mona katzenfreundlich, „kennst du dich auch mit Giften aus…?“ Blue staunte über die Durchtriebenheit der kleinen Mona, die sie ihr gar nicht zugetraut hatte. „Nun, ich weiß so manches, was einer Katze gefährlich werden könnte, aber ich halte meinen Mund…, dieses alchymische Wissen ist nichts für gewöhnliche Katzen, die nichts für sich behalten können…“, sagte Magnolia herablassend. „Ich interessiere mich brennend für Gifte…, Gifte sind so chic…“, säuselte die kleine Mona. Blue bewunderte ihre Schlauheit und ihre freche Art, Magnolia auszuhorchen. Doch nun wurde Magnolia langsam ungehalten: „Ich glaube, es ist besser, du verpisst dich, du bist ein unverschämtes Katzengör, und nicht mal trocken hinter den Ohren…“, sagte sie und boxte Mona mit ihrer dicken, weißen Pfote. Der Mond tauchte wieder hinter den Wolken auf und sein blasses Licht fiel auf das weißliche Fell der breitknochigen Apothekerkatze. Die Totengräberkatze flüsterte Magnolia etwas ins Ohr und grinste schräg. Blue fühlte sich von Sekunde zu Sekunde unbehaglicher. Doch die kleine Mona hüpfte scheinbar völlig unbefangen hin und her und sang: „Vielleicht wurden Philippine und Mitsou ja mit Gift umgebracht,…das Gift könnte ja vielleicht aus der Apotheke stammen…“ „Halt deinen Mund,…“ zischte Magnolia wütend und wollte sich auf Mona stürzen, die einen schnellen Überschlag machte und wie ein Pfeil davon stob. Die zurückbleibenden Katzen redeten erregt aufeinander ein, dann hörte Blue den alten Omar lachen und um eine weitere Schale Milch betteln. Vorsichtig kroch sie rückwärts zurück in die Gasse. Sie war entschlossen, der kleinen Mona eine gründliche Abreibung zu verpassen, weil sie sich so leichtsinnig in Gefahr brachte.

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