Gert Klimanschewski

Der Asylantrag

" Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben." (Bertrand Russell)

 

Es fing alles ganz harmlos an.

Niemand ahnte das Geringste von dem, was in den nächsten Wochen passieren sollte.

Wissenschaftlich gesehen, ein Ding der Unmöglichkeit, doch es geschah alles ohne Rücksicht auf derzeitige wissenschaftliche Erkenntnisse. Man wusste natürlich schon, dass sich der Magnetkern der Erde über die Zeit veränderte und auch die uns schützenden Magnetfelder davon in Mitleidenschaft gezogen werden.

Aber wie und warum, war bei weitem nicht geklärt.

Alles Begann mit einer besonders starken, sehr fokussierten mächtigen Sonnenprotuberanz, was man erst viel später klären konnte.

Auffällig war, dass es nur ein kleines Land auf der nördlichen Hemisphäre dieses wunderschönen Planeten betraf. Ein kleines Land, was auf diesem Planeten schon des Öfteren Mal für Unruhe gesorgt hatte. Man nannte es Deutschland. Einige Spötter sagten auch Teutschland. Noch vor kurzem war es in Restdeutschland und Rostdeutschland geteilt gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vom Norden Deutschlands bei Sylt, in einem schmalen Band zwischen den östlichen und westlichen Grenzen dieses Landes, bis genau an den südlichsten Verlauf der Grenzen zu Österreich und Schweiz, konnte im Spätsommer ein Phänomen beobachtet werden, welches sich schnell zu einem riesen Problem entwickelte.

Die Bürger dieses Landes lebten meistenteils friedlich in biederer Gemeinschaft recht glücklich miteinander. Natürlich gab es unter Ihnen auch Querköpfe und selbsternannte Weltverbesserer, die nie zufrieden waren, mit dem was in diesem Land so passierte. Die politische Elite durfte frei gewählt werden. Sie spiegelte, in Ausführung ihrer Regierungspolitik, die Meinung des größten Teils der Bevölkerung wider.

In diesem kleinen Lande gab es eigentlich nicht viele echte, um nicht zu sagen, existenzielle Probleme, aber dennoch waren Teile der Bevölkerung schon als Wutbürgerschaft betitelt worden, da sie sich doch recht schnell, bei bestimmten politischen Ereignissen, ziemlich aufregte und massiv zu Protesten bereit war. Nein, natürlich nicht gegen die Regierung, aber gegen z.B. Asylanten, Flüchtlinge, Einwanderer überhaupt und auch mal gegen Griechen, die zwar in ihrem eigenen Land lebten, aber dennoch hier schlechte Laune verbreiteten. Auch Teile der eigenen Bevölkerung gerieten in die Kritik der Wutbürgerschaft, weil sie, meist unverschuldet, arbeitslos geworden waren und nun Sozialbezüge erhielten, die man hier HartzIV betitelte.

Der klassische Wutbürger scheute sich auch nicht, gegen Entscheidungen der eigenen Regierung aufzumucken. Schließlich musste man sich die Bagage ja erziehen, aber es war seltener.

 

Im Spätsommer dieses Jahres war hauptsächlich die Diskussion über Asylanten und Flüchtlinge im Gange. Vielen war die deutsche Politik in der Sache viel zu liberal und man hörte Worte gegen die Regierung gerichtet, wie Landesverräter oder Deutschtumvernichter. Man redete sogar von Merkel-Diktatur.

Viele der aufgebrachten Bürger waren sich jedenfalls in einem einig, viel zu viele Ausländer würden ins Land strömen.

Dass der Strom der Flüchtlinge aus purer Not geschah, weil in vielen Ländern auf dieser Welt, auch mit deutschen Waffen, Bürger- oder gar Religionskriege ausgefochten wurden und die einfachen Menschen, die damit nichts zu tun haben wollten, aus Not und Angst vor dem Tode, vor Folter oder Vergewaltigung, fliehen mussten, war den um Deutschlands Kultur besorgten Bürgern, völlig Schnuppe.

Warum auch sollte man sich damit belasten, wenn es doch hier im Lande so schöne Ablenkungen gab, mit denen man in diesem inneren Frieden, einfach so dahinvegetieren konnte.

Alles in allem, war auch das deutsche Fernsehen, das sogenannte Öffel-TV und Pay-TV immer langweiliger geworden, so dass die geballte Bürgerschaft sich nun ins Internet flüchtete und an lebhaften Diskussionen teilnehmen konnte und mitbestimmen wollte, wenn überhaupt, welcher Ausländer hierherkommen darf und welcher nicht.

Die einen sagten, lasst sie kommen, wir werden uneingeschränkt helfen, aber die waren zu leise, da sie ja tatsächlich den Flüchtlingen auch halfen, waren sie auch viel zu beschäftigt, um aktiv rumschreien zu können und hatten keine Zeit für endlose Internetdiskussionen. Die anderen aber schrieben sich die Finger wund und redeten sich die Münder fusselig und manch einer wurde immer frecher und beschimpfte die Immigranten aufs Äußerste. Der einstige Führer dieses Landes hätte sich die Hände gerieben, wenn er das noch hätte erleben können.

 

Von alldem wusste natürlich weder die Sonne etwas, noch unsere Mutter Erde.

Doch als sei's diesen beiden Gestirnen, einst aus dem göttlichen Nichts entstanden, nun auch eine göttliche Aufgabe, stellten sie eine wissenschaftlich undefinierbare, aber sehr wirkungsreiche Verbindung untereinander her.

Es war, als wollten sie dem deutschen Volke eine Lehre erteilen.

 

Genau zwischen den Grenzen Deutschlands bemerkte man ganz plötzlich eine Veränderung. Der unter diesem friedlichen Lande liegende Teil des Magnetkerns der Erde, strahlten plötzlich intensive Gammastrahlen an die Oberfläche. Zuerst kaum bemerkbar aber schon messbar, dann Grenzwerte erreichend und ohne jegliche Vorwarnung die zig- und hundertfache Überschreitung dieser Grenzwerte, so dass alsbald die Alarmglocken im Lande läuteten, denn dies konnte nun doch bald zum Tode von Menschen führen.

Gammastrahlen haben eine verheerende Auswirkung auf den menschlichen Organismus. Beim Menschen treten unschöne somatische Frühschäden schon nach Stunden oder spätestens nach einigen Wochen auf. Medizinisch nachweisbar sind diese Schäden erst, wenn eine Mindestdosis (Schwelldosis) an Strahlung aufgenommen wurde, die für den Menschen zwischen 200 und 300 mSv liegt, diese aber waren schnell erreicht und in der deutschen Öffentlichkeit traten vermehrt Krankheitserscheinungen wie Übelkeit, Entzündungen der Schleimhäute oder Fieber auf.

 

Nun ja, die Politik war gezwungen zu reagieren, obwohl es nicht ihre Stärke war. Schon gar nicht schnell. Doch die täglich neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zwangen sie dazu und nach nur wenigen Wochen, die ersten Todesfälle waren auch schon eingetreten, konnte man nur feststellen, dass man das geliebte Land verlassen musste. Mit Sack und Pack, wie die Politiker bemerkten und damit ihre eigene Bevölkerung meinten.

 

Was jetzt?

Man hatte die Nachricht über die Veränderungen auch nicht mehr ganz geheim halten können, so dass in der Bevölkerung schon kleine Panikschweißperlen auf der Stirn zu sehen waren.

Alles ging dann sehr schnell und kam der ganz großen Panik zuvor. Diesmal wurden wirklich schnelle politische Entscheidungen getroffen und alle Volksvertreter, egal welcher Couleur, waren sich einig, man musste reagieren und einen Asylantrag fürs ganze geliebte Land und seine Bürgerschaft stellen und zwar schnell.

Für schlappe 80 Millionen Menschen musste die freie Welt doch noch Platz haben?

Man stellte den Antrag direkt im Weltsicherheitsrat der UNO, denn einzelnen Ländern, konnte man das ja kaum zumuten.

 

Die Weltöffentlichkeit war weitestgehend betroffen über das Schicksal der Deutschen. Sie sahen im Fernsehen die Bilder, wie die Menschen auf den Straßen Deutschlands starben oder noch dahinsiechten, denn sie waren in kürzester Zeit alle schon verstrahlt. Der eine mehr, die andere weniger.

Zuerst dachte man noch, man könnte den deutschen dabei helfen, den Prozess im Lande irgendwie aufzuhalten, aber dies verneinten alle Wissenschaftler und so musste man wohl oder übel Platz machen, für diese armen deutschen Flüchtlinge.

Man muss bemerken, dass auch die Reaktionszeit der Weltgemeinschaft deutlich besser war, als bei gewöhnlichen Katastrophen oder Kriegen und so wurden minütlich Deutsche ausgeflogen und ausgeschifft und in alle Herren Länder des Erdballs verteilt.

Der Flüchtlingsstrom raus aus Deutschland riss an die Landesgrenzen nicht mehr ab.

Eigenartig war, dass die unmittelbaren Nachbarn dieses deutschen Landes, sich relativ bockig bei der Zuteilung der Quoten verhielten.

Man hätte annehmen müssen, dass der deutsche Mensch, in Europa willkommen wäre.

Die UNO wollte nämlich zuerst so etwas wie eine Drittstaatenregelung in Kraft treten lassen. Aber Alle Anrainerstaaten Deutschlands gingen dagegen sofort auf die Barrikaden, obwohl sie solch ein Verfahren auch mal unterstützt hatten. Na ja, das war noch zu Zeiten, als sie selbst davon profitierten und die Flüchtlinge aus Syrien oder vom Balkan kamen.

Viele von den deutschen Flüchtlingen mussten nun aber nach Afrika, Asien und nach Südamerika, denn laut des Präsidenten der USA, war im Norden Amerikas wirklich kein Platz mehr, um diese Deutschen aufzunehmen.
Gestern jedoch waren diese beiden Länder noch die besten Freunde. Dachte man.

Russland bot freundlicherweise Sibirien an, wo man wirklich genug Platz hatte, doch das schien der deutschen Regierung irgendwie nicht komfortabel genug. Große Auswahl hatte man aber nicht.

 

Verblüffender Weise jedoch, konnte man innerhalb von nur 2 Wochen, die ganze deutsche Bevölkerung evakuieren und genauso verblüffend war es für viele deutschsprachige Individuen, gerade wenn sie an die entferntesten Orte gebracht wurden, dass sie sehr herzlich empfangen und aufgenommen wurden. Es war ihr Glück, denn dort wusste man gar nichts über ein Land Namens Deutschland.

Manch einer, der noch im deutschen Lande als sehr ausländerfeindlich eingestuft werden musste, erlebte jetzt, was Gastfreundschaft im eigentlichen Sinne bedeutet. Nun gut, da wo viele hinkamen, da hatten die Menschen nicht viel, manchmal nicht einmal genug tägliches Wasser, aber sie waren bereit, alles mit den Neuankömmlingen zu teilen.

 

Die, die schon in Deutschland nichts gegen Flüchtlinge hatten, arrangierten sich meist besser mit der neuen Situation in einem fremden Land.

Der harte Kern, der sogenannten 'Rechten', sozusagen die Hardcore 'Ausländerfeinde', man nannte sie auch 'Neo-Nazis', die am liebsten nur mit gleichstämmigen, gülden gelockten, weißhäutigen Menschen, in ihrem Deutschland leben wollten, hätten eigentlich aus kultureller Loyalität, ihrem deutschen Lande verpflichtet, ja eigentlich in Deutschland bleiben und sterben müssen.

Aber nein, sie rannten und rannten, damit sie noch ein Schiff oder Flugzeug bekommen konnten, um aus ihrem geliebten Deutschland zu fliehen.

Die Gammastrahlung hinterließ leider viele Tote, aber so ist das eben bei Naturkatastrophen oder Kriegen, schön wenn man da noch geregelt ins Ausland fliehen kann und nicht gezwungen ist, auf klapprigen Booten über die Weltmeere zu flüchten, mehr oder minder dem Tode geweiht.

Die Wissenschaft hat bis heute nicht ganz klären können, wie das Zusammenspiel von Sonnenprotuberanz und Erdmagnetkern zu solch einer Kontamination von abnormer Gammastrahlung führen konnte.

 

Es dauerte Jahre, bis die Gammastrahlung sank und man wieder ins deutsche Land einreisen konnte.

Viele Deutsche taten dies auch, aber erinnerten sich gerne auch an die teils harten Zeiten im Ausland. Ihr Menschenbild war durch diese Erfahrung jedoch deutlich verändert worden. Ebenso viele kehrten erst gar nicht nach Deutschland zurück und dazu gehörte sogar Horst Seehofer, der noch einmal heiratete und eine neue Liebe in Papua-Neuguinea fand. Auch Bernd Lucke kam nicht zurück, der alle seine Vorurteile über Bord warf und eine liberale Partei in Kenia gründete.

 

Und auch Frau Dr. Merkel kam nicht zurück, sondern etablierte sich in Nordkorea, wo sie als Reformistin des festgefressenen Systems in diesem Land, hohes Ansehen erlangte und später mehr verehrt wurde als Kim Jong-Il.

 

Die Moral von der Geschicht: "Frieden auf Erden bedeutet, wenn die Hautfarbe und Herkunft eines Menschen überall egal sind."  

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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