Ramon Kania

Epilog: Heldenfall

Sonnenstrahlen brennen sich durch die schattenhaften Gedanken meiner Träume. Ich öffne die Augen und erblicke das beißende Licht einer zertrümmerten Nacht.
Steh auf.
Staub und Schmutz fallen von mir, während Wolken und Wirbel meinen zweifelhaften Aufstieg begleiten. Die Sonne lacht über den Anblick des gescheiterten Helden, verspottet mich, in dem sie mir meine Narben und Wunden präsentiert.

Dies ist deine Geschichte, versuche ich mir noch immer einzureden, auch wenn keine Fanfaren meine Heimkehr begleiten und kein Schloss am Ende des Weges auf mich wartet.
Dabei hatten sie es gesagt, immer und immer wieder gesagt: „Es ist nicht deine Geschichte. Du bist kein Held, nur ein armer Tölpel, der in etwas hineingestolpert ist, das seine Macht und seinen Verstand übersteigt.“ Dennoch habe ich versucht das kleine Kind vor der Dunkelheit zu schützen und fiel ihr dabei letztendlich selbst zum Opfer.
Mutig wollte ich vorangehen. Einmal, ja ein einziges Mal nur, wollte ich der Held sein. Der, zu dem alle aufsehen würden. Dem man zujubelt. Dem man Lieder schreibt!...
Doch meine Angst wuchs in mir mit jedem Schritt den wir gingen. Ich glaubte ihr zu trotzen und bemerkte dabei nicht, wie sie mich Stück für Stück verschlang.
„Es ist nicht deine Geschichte.“
Es ist nicht deine Geschichte!
Hatte sie weinend zu mir gesagt.
„Du musst uns alleine weitergehen lassen!“
Es ist nicht deine Geschichte!
„Bitte!“
NICHT DEINE!
Dennoch glaubte ich der Held zu sein. Der Held, der das kleine Mädchen retten würde. Der sie vor dem Schatten beschützt. Der die Dunkelheit von ihr fernhält. Der die Finsternis bezwingt! Denn Helden fallen nicht der Nacht zum Opfer, sie strahlen in ihr.
Doch je weiter wir kamen, desto lauter wisperte mir ein Flüstern ins Ohr.
Sie verraten dich!
Sie betrügen dich!
Sie wollen dich nicht!
Sie BRAUCHEN dich nicht!
Und schließlich wurde es so laut, dass ich selbst zum Verräter wurde.
Wer kein Held werden kann, der ist wohl dazu verdammt der Böse zu sein. Wem es nicht erlaubt ist im Licht zu wandeln, der muss seinen Weg wohl durch die Dunkelheit nehmen.

So begann mein Abstieg, tiefer und tiefer in die Abgründe meiner eigenen Gedanken. Ich begann das Licht zu hassen, weil es die Schatten erzeugte die ich fürchtete. Der Schatten, zu dem ich selbst geworden war...
Das Licht der Sonne zeigte mir, was die Finsternis versteckte; ich war schon lange kein Held mehr, sondern nur noch das jämmerliche Abbild meiner eigenen Ängste. Ich glaubte wirklich, dass der Tag sich vor mir fürchten würde.
Tja, nun bin ich es, der sich vor dem Licht der Sonne versteckt, aus Angst sich selbst in einem Spiegel zu begegnen.

DAS ist meine Geschichte… und ihr letztes Kapitel neigt sich dem Ende.
Stille und Einsamkeit spinnen ihre Fäden, während ich mich von der Sonne abwende und dem Abend hinterherwanke. Das dichte Netz hält mich dabei mit seinen klebrigen Fingern fest, versucht mich der Selbstverachtung als Mahl darzubringen. Doch mein selbst erlernter Instinkt die Sonne zu meiden ist stärker, als die Einsicht meiner Scham.
Ich kämpfe weiter und schaue zu Boden, um von dem immer heller werdenden Licht nicht geblendet zu werden.
Kurz blicke ich zurück, auf die Trümmer meiner ehemals so glorreichen Stadt, und muss schließlich doch stehen bleiben. Die schwarzen Türme, die einst nach den Sternen griffen, versinken nun im Staub. Die Straßen, die immerzu im Schatten lagen, winden sich nun, wie Würmer, in der Morgendämmerung.
Noch deutlicher wird mir das Scheitern meiner Existenz bewusst. Was ist mein Vermächtnis? Dunkelheit, die jetzt vom Licht verzehrt wird. Die erblassten Schatten einer verblassten Welt. Ein Lied des Schreckens, welches bald schon vergessen sein wird, während man die Helden besingt, die mich bezwangen.

Und so wird mein kurzes Zögern zu meinem eigenen Untergang. Kaum bleibe ich stehen, schon fesselt mich das Netz und ich sehe, wie seine Besitzerin ihr Mahl verrichten will.
Wieder wir zwei? lächle ich, während verzehrende Erschöpfung mich wie Nebel verschlingt. Doch der Kampf ist kurz, denn das ist ihre Jagdstätte, der Morgen ist ihr Zuhause.
So also breche ich zusammen und Wolken und Wirbel begleiten meinen beschlossenen Fall. Der Fall, ich lache in den Staub der Trümmer meiner zerschmetterten Welt, eines Helden.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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