Ivone Zimmermann

Der Fluss

Die Strahlen einer warmen Frühlingssonne erhellen mein Gesicht. Spritzer von Flusswasser mischten sich dazu. Tosendes Wasserrauschen und ihr Lachen. Ihr liebliches Lachen. Julie sah lächelnd über ihre Schulter zu mir nach hinten. "Das ist der beste Ausflug seit langen". Sie warf den Kopf in den Nacken und ließ ihr Gesicht von der Sonne wärmen. Sie trug eine Sonnenbrille, doch ich konnte ihre dahinter vor Freude funkelnden Augen erahnen. Die Strömung trug uns immer weiter den Fluss abwärts. Die Wildwasserrafftingtour war meine Idee gewesen. Ein Freund hatte mir davon erzählt. Und dieses Abenteuer rief geradezu dazu erlebt zu werden. Spritzendes und schäumendes Wasser floss um unser kleines Boot herum. Mit festen Paddeln in den Händen schlingerten wir uns durch die Flut. Immer schneller den scheinbar endlosen Fluss hinab. Es war nicht einer der schnellsten Flüsse, ein Fluss für Anfänger, Anfänger wie wir. Ideal um in die Kunst des Wildwasserrafftings einzusteigen. Um die Kunst zu erlernen, die es erfordert, sich zwischen Steinen und Felsen hindurch und immer weiter den Fluss hinab zu manövrieren.

Ein perfekter Tag und dann...


Dunkle Regenwolken zogen über den blauen Frühlingshimmel hinweg. Ein Wind mit maßloser Kraft kam auf. Die Wasserfluten um uns herum wurden immer schneller. Das Boot, das in ihnen mitgerissen wurde, war immer schwerer zu manövrieren. Wir verloren die Kontrolle darüber. Ich stach mein Paddel immer wieder hinein in die Strömung, versucht das Boot auf Kurs zu halten. Das Lächeln auf Julie´s Gesicht war verschwunden. Entsetzen und furchtbare Angst spiegelte sich in ihren Augen. Eine Angst die mein Herz innerlich traf. Wir waren so begeistert zu unserem Ausflug aufgebrochen, dass wir nicht auf den Wetterbericht geguckt hatten. Donnern rollte über den dunklen Himmel und es begann zu regnen. Dicke Wassertropfen durchnässten unsere Kleidung binnen weniger Sekunden. Die Paddel lagen vergessen auf dem Bootsboden. Mit festem Griff klammerten ich und Julie uns am Boot fest. Wir konnten nichts tun, während das Boot immer mehr Fahrt aufnahm, die Strömung es stärker und heftiger durch die Fluten riss, es von einer Seite zur anderen schmiss. Wir schlitterten haarscharf an Felsen vorbei, wurden durchgeschüttelt und waren wie gebannt in der Sturmflut gefangen. Ich blickte nur noch sie an. Betrachtete jede Einzelheit in ihrem Gesicht. Versuchte mir alles genau einzuprägen. Ein kleines Lächeln zuckte über Julie`s Gesicht. Ich verstand sofort. Wir waren zusammen hier. Wir durchlebten das wenigstens gemeinsam. Wir hatten uns, würden zusammen sein, bis zum Ende dieser Fahrt. Ein Aufprall, ein kräftiger Ruck. Ich verlor den Halt. Da war nur noch Wasser. Oben und unten, rechts und links. Mein Körper wurde hin und her geschleudert. Meine Schulter prallte gegen etwas Hartes und ich spürte, wie der Knochen meines Unterarms brach. Meine Lungen brannten. Ich brauchte Luft. Luft, die meine Lungen füllen würden. Luft, die mich vor dem Ertrinken bewahren würde. Verzweifelte kämpfte ich gegen die Strömung an,! suchte nach der Wasseroberfläche, suchte einen Weg zu überleben. Prustend durchbrach mein Kopf die Wasseroberfläche. Ich röchelte nach Luft. Tiefe Atemzüge füllten meine Lungen mit Sauerstoff. Wo war das Boot? Wo war Julie? Panisch sah ich mich um. Suchte verzweifelt mit den Augen die Wasserfluten vor mir ab. Da war sie. Ich sah ihre neongelbe Regenjacke, keine zehn Meter von mir entfernt. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte ich mich durch die tosenden Fluten zu ihr durchzubringen. Ein Stück des Bootes trieb an meiner Seite. Das Boot musste gegen einen Felsen geprallt sein, es war zerstört. Ich packte das Holzstück und schwamm damit immer näher an Julie heran. "Julie...Julie..."! Ich schrie immer wieder ihren Namen. Mit der rechten Hand bekam ich sie zu packen. Ihre Augen waren geschlossen. Blut sickerte aus einer Wunde an ihrer Stirn. Fluchend zog ich Julie näher an mich heran. Die Strömung schleuderte uns immer wieder herum. Ich legte einen Arm von Julie über das Treibgut. Klammerte mich mit ihr an das letzte Stück Holz, das uns über Wasser hielt. Tastend suchte ich an Julie´s Hals nach einem Puls. Sie durfte nicht tot sein, dass konnte einfach nicht sein. Doch da - schwach aber spürbar, ein Pochen. Julie atmete. War vermutlich nur bewusstlos wegen ihrer Kopfwunde. Meinen verletzten Arm hatte ich um das Stück Holz geschlungen. Das Adrenalin sorgte noch dafür, dass der Schmerz des Armbruches betäubt war. Mit dem gesunden Arm hielt ich Julie fest. Versuchte ihren Kopf über Wasser zu halten, während wir von der Strömung weiter Flussabwärts gerissen wurden. Blitze und Donnergrollen zogen über den dunklen Himmel. Regentropfen liefen über mein Gesicht, verschleierten mir die Sicht. "Julie... Julie… komm schon, bitte wach auf." Ich drückte sie an mich. Ich strampelte mit den Beinen und versuchte uns näher an die Felsklippe heranzubringen, suc! hte nach einem Halt in dem mitreißenden Strom. Julie schlug die Augen auf. Ihr Blick war glassig. "Was... was ist passiert?" „Das Boot muss gegen einen Felsen geprallt sein. Wir sind gekentert." Julie blinzelte verwirrt. Ihr fiel es schwer, die Augen offen zu halten. „Wir werden von der Strömung mitgerissen, aber wir müssten bald in seichtere Gewässer kommen. Dann können wir an Land und alles wird vorbei sein. Dann wird alles wieder gut." „Alles wieder gut... ja." Die Strömung zog uns wieder nach unten, als wir einen Hügel des Flusses hinab fielen. Mein Kopf glitt erneut unter Wasser. Ich spürte wie meine Hand noch immer Julie´s Körper festhielt, während ich mit der anderen ruderte, um erneut an die Wasseroberfläche zu gelangen. Mein verletzter Arm fing nun heftig an zu pochen. Japsend sog ich Luft ein, zog Julie´s Körper nach oben. Zurück an die Wasseroberfläche. Doch sie zog keine gierigen Atemzüge in ihre Lunge ein. Sie trieb nur in meinem Arm neben mir her. "Nein, Julie..." Ich presste meine Hand mit Wucht gegen ihren Brustkorb, hielt sie mit meinem anderen Arm fest und strampelte heftig mit den Beinen, um über Wasser zu bleiben. Immer wieder drücke ich auf ihre Brust, presste meine Lippen auf ihren Mund und versuchte Sauerstoff in ihre Lungen zu bekommen. Tränen flossen mein Gesicht hinunter, Schmerz zuckte durch meinen ganzen Körper. Ich durfte sie nicht verlieren. Ich würde es nicht ertragen. Julie spuckte eine Fontäne von Wasser aus. Sie hustete heftig. Ihr ganzer Körper zuckte und sie schlug langsam die Augen auf. Ich hielt ihren schlaffen Körper fest. Ihr fehlte die Kraft, sich von selbst über Wasser zu halten. Verzweifelt versuchte ich unser beiden Köpfe über der Wasseroberfläche zu halten. Meine Beine brannten vor Anstrengung. „Du wirst uns nicht beide retten können" sagte Julie. Ihr Bli! ck war n och immer glasig. Doch ihre braunen Augen sahen direkt in meine. Augen, die ich so sehr liebte. „Doch das kann ich. Ich schaffe das. Der Fluss wird gleich ruhiger werden." Immer schwerer wurde ihr Körper in meinen Armen. Die Flut zog an uns, wollte uns von einander fortreißen. „Lass los Alex. Lass einfach los." „Nein" schluchzte ich. „Wir schaffen das, gleich sind wir an Land." Erneut wurden wir unter Wasser gezogen. Mit fester Hand umklammerte ich den Saum von Julie´s Jacke. Ich würde sie nicht loslassen. Niemals. Unsere Köpfe durchbrachen wieder die Wasseroberfläche. Luft durchdrang erneut unsere Lungen. Ich spürte wie die Kraft meinen Körper verließ. Wie Tropfen von Blut, die ohne zu stoppen fließend meinen Körper verließen. Wie das Blut an Julie´s Kopfwunde. "Julie..." Ich umfasst ihr Gesicht mit meiner linken Hand. Den Arm zu bewegen schmerzte fürchterlich. „Ich bin hier. Ich bin bei dir. War ich immer und werde ich immer sein." Sanfte Züge waren in Julie´s Gesicht getreten. Fast friedlich. Wie konnte sie jetzt friedlich aussehen. Jetzt, in dieser Situation. Vor uns tauchte ein Felsen in der Flut auf. Ich strampelte mit den Beinen, schaffte es uns an die rechte Seite des Felsen zu bringen. Als uns die Flut an dem Felsen vorbeischicken wollte, umschlang ich Julie´s Körper mit dem verletzten Arm. Dann packte ich mit der rechten Hand zu. Schloss die Finger um einen anvisierten Felsvorsprung. Hielt mich mit aller Macht fest. Zog unsere Körper näher an den Felsen heran. Mein Körper schien zu zerreißen. „Halt dich am Felsen fest Julie. Ich kann dich nicht mehr halten." Julie versuchte ihre Arme zu heben. Schlaff suchten ihre Finger nach halt. Noch immer war mein verletzter Arm um sie geschlungen, pochte fürchterlich. "Ich liebe dich Alex, habe ich immer und werde ich immer." Julie sah mir in die Aug! en. Eine Träne im Augenwinkel verriet mir was gleich passieren würde. Ihr fehlte einfach die Kraft. Genauso wie mir. „Nein," schluchzte ich. „Nein, ich kann dich nicht verlieren..." Ich versuchte mit meiner letzten Kraft Julie festzuhalten, während die letzte Kraft ihren Körper verließ und ihre Finger vom nassen Fels abrutschten. Ihr Körper entglitt meinen Händen. Ihre Augen, in denen so viel Liebe stand waren das Letzte was ich sah, bevor ihr Körper von den Fluten mitgerissen wurde und unter der Wasseroberfläche verschwand. Ich schrie auf, kümmerte mich nicht um mein eigenes Leben und warf mich in die Flut zurück, fort vom sichern Felsen. Ich tauchte unter. Suchte mit verschwommenem Blick nach ihrem Körper. Doch da war nichts. Kein Körper, keine Hand, die ich packen konnte. Julie war weg, verschwunden in der Flut.


Mit einem lauten Aufschrei schlug ich die Augen auf. Dunkelheit umhüllte mich. Der gleiche Traum. Jede Nacht der gleiche Albtraum. Schweiß gebadet barg ich mein Gesicht in den Händen. Ich zitterte am ganzen Leib. Es gab einfach kein Entkommen. Keine Flucht, kein Weg zu vergessen. Jede Nacht durchlebte ich diesen Albtraum. Jede Nacht erlebte ich den schlimmsten Tag meines Lebens. Immer und immer wieder. Nacht für Nacht. Eine sanfte Hand griff nach meiner Schulter. „Es ist alles gut Alex. Du hast mich gerettet. Ich bin hier. Ich bin bei dir.“

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ivone Zimmermann).
Der Beitrag wurde von Ivone Zimmermann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • ivoneellisoft.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Ivone Zimmermann als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Und du erwartest zu fliegen – Auf der Suche nach dem wahren Ich von Patrick Sheridan (Übersetzer Uwe David)



Dies ist die Geschichte einer Suche nach dem Magischen und Tiefgründigen inmitten der Zwänge und Ablenkungen der heutigen Zeit, eine Chronik, die auch einen reichen Erfahrungsschatz an höheren Bewusstseinszuständen umfasst.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ivone Zimmermann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Rosenstrauß von Uwe Walter (Wie das Leben so spielt)
Frankreich sollte ein neuer Anfang sein...Teil.3. von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen