Torsten März

Der verzweifelte Sekretär...

Irgendwann, die Sonne ging schon auf, erwachte der verzweifelte Sekretär aus einem Albtraum. War sie noch da? Lag sie noch neben ihm, so wie jede Nacht? Er drehte sich nach rechts, spürte ihre Hand und atmete erst mal aus. Die „Macht“ lag immer noch neben ihm. Er hatte sich so mit den Jahren an sie gewöhnt, dass er keinen Schritt mehr ohne sie hätte machen wollen bzw. können, auch wenn sie nur geliehen war. Er hatte sich ganz schnell an die Macht gewöhnt. Sie machte alles leichter und das Leben einfacher, obwohl er schon länger spürte, dass eine Veränderung kommen würde. Wie als ob ein innerer Ruf ihn aufgeweckt hätte und ihm leise ins Ohr flüsterte: „Du musst weg von hier, auch wenn es wehtun wird.“ Er konnte diesen inneren Ruf nicht wegdrücken oder unterdrücken. Erst zögerte er noch ein wenig, ließ dann aber die Hand der Macht los, zog sich etwas über und wollte erst mal nach draußen auf den Flur. Vielleicht nach oben fahren, um dort frische Luft auf dem Dach zu schnappen. Von dort oben hatte man eine atemberaubende Aussicht auf die ganze Stadt. Die Macht würde nichts merken, sie schlief noch fest und ruhig. Er ging zum goldenen Fahrstuhl, drückte den Knopf und er öffnet sich sofort. Ein Liftboy, den er noch nie gesehen hatte, mit einem etwas unterkühlten Lächeln stand darin und fragte: „Wo soll es hingehen?“ Wie selbstverständlich und etwas verwundert über diese Frage sagte der verzweifelte Sekretär: „Sind Sie neu hier? Natürlich wie immer nach ganz oben.“ In diesem Moment ging die Tür zu und der Liftboy fing hysterisch an zu lachen, fast wie ein Dämon. Auch das Licht im Fahrstuhl verdunkelte sich. Er schrie im Fahrstuhl: „Es wird weh tun.“ Noch ehe der verzweifelte Sekretär alles erfassen konnte, raste der Fahrstuhl in Windeseile, als ob er abstürzen würde, nach unten. Der verzweifelte Sekretär hatte das Gefühl, es würde niemals aufhören. Plötzlich wurde der Fahrstuhl langsamer und hielt. Der Liftboy, der ihn immer noch mit einem bösen Lächeln fixierte, sagte: „Wir sind am Ziel: Ganz unten. Viel Spaß beim Neuanfang. Pech, wenn man auf einmal spürt, man müsse sich verändern.“ „Das kann nicht sein, bitte bringen Sie mich nach ganz oben zurück. Ich überlebe keinen Tag hier unten“, sagte der verzweifelte Sekretär voller Angst in der Stimme. Er wollte die Knöpfe nach oben selbst drücken. Er drehte sich um und er bemerkte, dass es keine Nummern mit Knöpfen nach oben im Fahrstuhl gab. Er sah nur den Knopf mit der Zahl Null. Die Tür öffnete sich und der Liftboy sagte kühl: „Bitte verlassen Sie nun den Fahrstuhl.“ Langsam und immer noch mit zitternden Beinen ging der verzweifelte Sekretär aus dem Fahrstuhl in die große und ziemlich graue Empfangshalle. Er dachte nur: „Wer diese Empfangshalle erfunden hat, liebt keine Menschen“. Er merkte, wie er an Farbe verlor und selbst grau wurde. Er sah viele Menschen in der Eile nach links und dann wieder nach rechts rennen und dann wieder in großer Eile nach links. Er sah auf der linken und auf der rechten Seite ein großes Schild, das jeweils von einer Person nach oben gehalten wurde und das mit dem Wort „Ziel“ auf die jeweils andere Seite zeigte. Die Leute rannten von einem Pfeil zum anderen Pfeil und wieder zurück. Sie erschienen ihm völlig erschöpft und gehirnlos. Es hörte nicht mehr auf. Der verzweifelte Sekretär rannte mit und fragte eine Frau: „Was machen Sie hier alle?“ Sie sagte wie selbstverständlich: „Wir arbeiten für die Macht. Wir rennen jeden Tag von einem Ziel zum nächsten Ziel. Das ist ganz normal und das hört niemals auf. Wenn wir an dem einen Schild hier links sind, rennen wir wieder zum anderen Schild zurück. Das machen doch alle.“ Dem verzweifelten Sekretär wurde ganz übel. Irgendwo musste es doch einen Ausgang aus diesem Albtraum hier geben. Er sah eine Drehtür und ging auf sie zu. An der Drehtür angekommen, sah er durch die Scheiben hindurch. Draußen sah er eine andere Menschenmenge, die von rechts nach links und von links nach rechts rannte. Auf dem rechten Schild stand „Liebe“, und darunter wieder der Pfeil in die entgegengesetzte Richtung, und auf dem linken Schild stand auch „Liebe“ mit dem jeweiligen Pfeil. Die Menge rannte gehetzt zum einen Schild und wenn sie angekommen war, rannte sie gleich wieder zurück zu dem anderen Schild, von rechts nach links und umgekehrt. „Das kann doch nicht wahr sein“, sagte der verzweifelte Sekretär. „Doch“, sagte der Liftboy, der plötzlich neben ihm stand. „Wissen Sie, es kommt immer ein neuer Narr, der Liebe und Macht verspricht und vielleicht auch ein wenig Erlösung, das war schon immer so auf der Welt. Und alle fangen verzweifelt an zu laufen, weil sie verzweifelt daran glauben und hoffen, es gäbe dann endlich die Erlösung. Die da draußen rennen dem Gedankenkonstrukt „Liebe“ nach, nicht der Liebe. Sie wissen gar nicht, was das ist. Sie müssten wahrscheinlich erst mal stehen bleiben, aber davor haben sie Angst.“ „Bitte bringen Sie mich wieder nach oben“, flehte der verzweifelte Sekretär den Liftboy an. Dieser lachte nur arrogant: „Es tut mir leid. Ihr Platz ist schon vergeben. Ist doch ihre Schuld, wenn sie die Hand der Macht loslassen. Ein anderer schläft jetzt oben in ihrem Bett neben der Macht. Viel Spaß bei ihrer neuen Freiheit, und übrigens, sie kommen zu spät. Sie müssen sich jetzt hier in die Menge einreihen und schön mitrennen.“ Der verzweifelte Sekretär drehte sich um und glaubte es noch immer nicht, aber er sah es ja. Gerade als der verzweifelte Sekretär dem Liftboy die Frage stellen wollten: „Und glauben Sie, dass diese Menschen hier alle lieben, was sie jeden Tag…“, gerade als der Sekretär dabei war, den Satz zu beenden, drehte er sich nach rechts, doch der Liftboy war bereits wieder verschwunden – so wie die Macht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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