Bernhard Pappe

Der Segen von Wat Prah Yai


Umsteigen von einem großen Schiff auf ein kleines Schiff. Ein Tenderboot bringt mich an die Gestade der thailändischen Ferieninsel Koh Samui. In dem kleinen Hafen wartet ein Bus, um mich über die Insel zu kutschieren. Natürlich ist es mir bewusst, dass man mit so einer Art des Reisens nur einen oberflächlichen Eindruck von Land und Leuten gewinnen kann. Die Tempel auf Koh Samui wollte ich mir unbedingt ansehen. Sie sind Symbole einer fremden Kultur, die mich fasziniert.

Das Wahrzeichen der Insel ist Wat Prah Yai oder The Big Buddha Temple. Der Name bedeutet Heimat eines Giganten. Die Buddha-Figur ist eine imposante Erscheinung, auch wenn die Sonne ihren vergoldeten Körper im Augenblick nicht erstrahlen lässt. Mein Foto von Big Buddha fällt daher nicht ganz so spektakulär aus.

Ich beginne, die Stufen hinaufzusteigen. Währenddessen ergibt sich für die Sonne eine Lücke. Sie gießt ihr Licht auf den goldenen Körper des Buddhas. Große Figur, großes Bauwerk, große Erhabenheit, große Verehrung? Ist es, wie in jeder Religion? Ich gelange oben an und sehe mich dieser riesigen Figur gegenüber. Der Buddha ist groß, der Mensch ist klein. War Buddha nicht auch ein Mensch vor weit über 2000 Jahren? Hier oben spüre ich nichts Überirdisches, Ich lerne, dass die Statur noch nicht einmal so alt ist, wie ich selbst. Eine Touristenattraktion oder als Tempel doch ein spiritueller Ort?

Am Fuß der Treppe zu Big Buddha residieren, jedenfalls tagsüber, die Mönche des Klosters, zu dem Wat Prah Yai gehört. Dort ist ihr eigenes Reich. Kein Gigantismus, aber Authentizität. Spuren der Alltäglichkeit offenbaren sich. Der Staub der Zeit ist gegenwärtig. Hier herrscht kein Streben nach der Vollkommenheit der Erscheinung. So ein Mönch ist kein Aufpasser. Einheimische und ebenso Touristen betreten seinen kleinen Tempel. Jeder lässt einen Obolus in die Spendenbox am Eingang fallen. Man kann für sich Räucherstäbchen abbrennen und ein wenig innehalten. Sicher wird das eine oder andere Gebet dabei gesprochen. Ich registriere, dass man den Mönch um seinen Segen bitten kann. In meiner Hosentasche findet sich ein geeigneter Geldschein und er landet im Bauch der Spendenbox. Ich gehe in die Hocke, nehme mir ein Räucherstäbchen, zünde es an einer benachbarten Lampe an und platziere es in dem Topf mit Sand, in dem es ungefährdet abbrennen und seine Aromen verteilen kann. Gegenüber ruht ein Buddha mit geschlossenen Augen. Was für ein friedliches Bild, welches auch mir Ruhe spendet. Spontan kommt mir in den Sinn, gelesen zu haben, dass Buddha als Mensch in so einer Stellung friedlich verstarb. Ich gehe hinüber und knie vor dem Platz nieder, der dem Mönch vorbehalten ist. Er kommt heran, nimmt alsbald seinen Lotussitz mir gegenüber ein. Mit einer Art Wedel entnimmt der Mönch Wasser aus dem irdenen Krug rechts neben ihm und beginnt seine Zeremonie. Er taucht den Wedel mehrfach ein, bespritzt mich und spricht seine Segensworte, die ich natürlich nicht verstehe. Als Zeichen seines Segens bindet er mir ein buntes Band aus Wollfäden um. Ich verneige mich und bedanke mich auf Englisch und als ich mich erheben will fragt mich der Mönch: „Where are you from?” Meine knappe Antwort: “From Germany“ Der Mönch setzt ein breites Lächeln auf. Es folgt umgehend aus seinem Munde ein: „Guten Tag.“ und ein Lachen, wie es nur ein buddhistischer Mönch lachen kann. Er freut sich diebisch über die gelungene Überraschung und an meinem wahrscheinlich erstaunten Gesichtsausdruck. Ich erhebe mich und verneige mich noch einmal vor ihm. Nach ein paar Schritten drehe ich mich um. Der Mönch steht wieder am Eingang seines kleinen Reiches, er lächelt immer noch. Ich blicke auf das Band an meinem Arm und spüre, dass mir das Besondere in Wat Prah Yai doch noch begegnet ist.

 

Beim Aufschreiben dieses Erlebnisses, das Monate zurückliegt, trage ich dieses Band, ich trage es seit jenem Tage auf Koh Samui. Es erinnert mich an die Reise und an die damit einhergehenden intensiven Eindrücke. Es erinnert mich, und das ist mir wichtiger, an die Begegnung mit dem Mönch, die gefühlt intensiv und ebenso herzlich war. Ich habe für die kleine Erzählung als Zeitform bewusst die Gegenwart gewählt. In meiner Erinnerung ist alles lebendig. Ich weiß, Erinnerungen können trügerisch sein. Das Band jedoch ist sinnliche Realität in meiner Gegenwart.

Vielleicht erinnert mich dieses bunte Band daran, dass das Leben bunt ist und gelebt werden will. Es gewährt mir, so hoffe ich, ausreichend viele Momente inneren Friedens. Es schließt gewiss Überraschungen, wie das „Guten Tag“ der Mönchs, mit ein. Gelingt mir bei jeder Überraschung im Leben ein Lächeln?

© BPa / 06-2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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