Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 13

Es war weit nach Mitternacht und Blue trieb sich selbst zur Eile an, um die kleine Mona einzuholen. Die Schatten zwischen den Häusern schienen unaufhaltsam zu wachsen und krochen mit bedrohlicher Schwere und Schnelligkeit über den Himmel. Die Gassen lagen kalt und verlassen vor Blue. Sie fragte sich, wem sie noch trauen konnte, wenn sogar der alte Omar, den sie so lange kannte, nicht zu ihr stand. Wieder bog sie um eine Ecke, in der Hoffnung Mona endlich zu finden, aber die Kleine schien wie vom Erdboden verschluckt. Windstöße wirbelten den Schnee durch die Gassen und plötzlich entdeckte Blue im frisch gefallenen Schnee vor sich die Abdrücke von Katzenpfoten. Die Spuren waren so deutlich, dass sie erst vor wenigen Minuten entstanden sein konnten. „Mona…“, rief Blue, „Mona bist du hier…?“ Sie lauschte in die Stille der Nacht hinein. Doch nur das leise Heulen des Windes antwortete ihr. Eine feuchte Stille umgab sie. Sie betrachtete die Trittspuren der Katze, die in einen dunklen Winkel hinter einer Weinhandlung führten. Sie erschienen vor ihr wie Punkte und Striche eines riesigen Schnittmusterbogens. Blues Atemhauch warf Schatten auf die Gasse. Sie zögerte. Sie scharrte mit den Pfoten im Schnee, dann tauchte sie in das hereinflutende Schattenmeer des dunklen Winkels. Es war stockdunkel darin, die tiefe Schwärze schluckte Blue. Sie stand eingekeilt zwischen den Mauern von zwei Häusern, die sich aneinander zu lehnen schienen. Plötzlich hörte sie ein leises, verlorenes Miauen in der Schwärze vor sich. „Mona,…bist du das?“ rief Blue leise. Plötzlich fürchtete sie, Ralf habe sie in eine Falle gelockt und er würde ihr nun zusammen mit seinen Gefährten von vorne und hinten den Weg abschneiden. Wie dumm von ihr zwischen diese engen Mauern zu kriechen. Wieder hörte sie ein leises, klägliches Miauen. Blue pirschte sich näher heran. Plötzlich schrie eine Katze auf, und versuchte beißend an ihr vorbei zu kommen. Die Katze jaulte und wollte wieder an ihr vorbeidrängen. Blue erkannte Sugar. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie vermutete, dass Sugar sie in eine Falle gelockt hatte und Ralf nun jeden Augenblick zuschlagen würde. Doch es blieb alles ruhig. Blue bemerkte, dass Sugar auf drei Beinen humpelte, ihr rechter Hinterfuß war geknickt. Sie schleifte ihn hinter sich her und bäumte sich in schreckhafter Hast wieder und wieder auf und verfiel in holprige Sprünge. „Sugar…“, wisperte Blue, „Sugar, warum bist du denn nicht im Loft von Ralf, hast du dich verletzt…?“ Die Luft wurde immer kühler und durch das Mauerloch pfiff ein eisiger schneidender Wind. Sugar keuchte. Blue begriff, dass sie völlig verängstigt war. Trotz ihres schokoladenfarbenen Fells wirkte sie aschbleich. „Ralf ist ein Fluch, ein Ausbund an Gemeinheit…, ein verwiderter Geist…, er hat mich ins Verderben gestürzt…, dieses langschwänzige Übel…“, schimpfte Sugar leise vor sich hin. Sie drückte sich an die Wand und Blue bemerkte, dass aus einer Wunde an ihrem Fuß Blut in den Schnee tröpfelte. Die Nacht schien sich für Blue endlos in die Länge zu ziehen, sie war endlos. Die Luft strömte eisig um ihre Schnauze herum und splitterte sich in lauter feine Nadeln auf, die sich unter ihr Fell bohrten. „Hat Ralf dich verletzt?“ fragte Blue leise. Sugar war weit weggetreten. Der Schreck saß so stark in ihr, dass sie immer wieder auf drei Beinen hin und her hüpfte. Sie schlitterte hilflos auf dem Schnee dahin und kam erst wieder zu sich, als Blue sie an die Wand drängte und sagte: „Sugar, wer hat dir das angetan…?“ „Ich wollte heute zurück in den Vorort der weißen Villen…“, sagte sie leise und stöhnte zwischen den einzelnen Worten, „da hat Robby mich zurückgetrieben,…fast hätte er mich umgebracht…er sagte, es sei eine Schande für eine Rassekatze, ihren Stand zu vergessen und ich hätte mein Leben verwirkt…“ Wieder stockte Sugar und blieb stehen. „Robby allein hat dich so übel zugerichtet…?“ fragte Blue und empfand dem weißen Birmakater gegenüber eine eisige Kälte. „Die Maskenkatzen haben ihm geholfen,…sie haben mich aus dem Vorort der weißen Villen hinausgebissen…“, sagte Sugar leise „und wahrscheinlich haben sie sogar recht damit…, ich hätte mich nie mit Ralf einlassen dürfen…“ Der Schreck schien langsam von Sugar zu weichen und der panische Wahnsinn wich aus ihren Augen. Blue dachte nach. Still und kühl überlegte sie, wie sie Sugar in Sicherheit bringen könnte. Sugar bedeutete Gefahr für sie, weil sie sich nur langsam bewegen konnte und ihre Verfolger sie leicht finden konnten. Doch sie wollte ihrer Feigheit nicht nachgeben. Unbeirrt redete sie Sugar gut zu und gab sich unerschütterlich. Als Sugar zutraulicher wurde, begann sie das blutverschmierte Hinterbein abzulecken. Sugar wimmerte und miaute leise. Mit Trauer vermischte Scham lag in ihrem Blick. „Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen,…“, murmelte Blue leise und leckte weiter an der Wunde. „Du musst dich verstecken…“, flüsterte Sugar, „Ralf und seine Meute sind hinter dir her…, sie haben einen Plan entworfen, wie sie dich überfallen können…“ Blue überraschte das nicht, sie hatte mit etwas Derartigem gerechnet. Blue säuberte weiter die Wunde und Sugar hielt nun still und streckte sich willig hin. Der Druck von Blues Zunge wirkte schmerzstillend. Blue dachte fieberhaft nach, wie sie Sugar in Sicherheit bringen konnte. Sie befürchtete, dass Sugar mit dem verletzten Bein nicht über den Apfelbaum zum Speicher hochklettern konnte. Blue leckte, bis die Wunde sauber und trocken war. Sugar sagte leise: „Du bist so groß und schnell und stark, Blue,…, ich wollte ich wäre wie du…“ Blue winkte ab. „Hier können wir nicht bleiben, Sugar, du musst dich ausruhen…ich werde dich durch das Wirtshaus in den Speicher vom „Roten Löwen“ schleusen…“, sagte sie nachdenklich. Die unendliche, undurchdringliche Nacht wurde plötzlich im Osten undicht. Einige helle Punkte tauchten auf. Das Morgenrot brach bereits an. Es begann fern und dumpf und wuchs schnell in die Tiefe und Breite, lief blau, dann gelb und schließlich rot an, wurde rost-, dann blut- und endlich feuerrot.

 

Blue kam mit der hinkenden Sugar im Schlepptau nur sehr langsam voran. „Blue, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll,…ich war nicht nett zu dir,…es tut mir alles so leid,…“ sagte Sugar leise. Der eisige Morgen strahlte schon hell, als sie endlich den „Roten Löwen“ erreichten. Blue, die sehr menschenscheu war, ging nicht gerne durch die breite Vordertüre, aber nun hatte sie keine andere Wahl. Die Mülltonnen wurden gerade geleert, als sie durch einen schmalen Spalt ins Innere des Gasthauses schlüpften. Vor der großen Küche, die jetzt still und verlassen dalag, stand der Katzennapf, aus dem sich Omar so gerne bediente. Blue schlich lautlos über den schwarz-weiß gefliesten Boden und schnupperte in den Napf hinein. Er war bis an den Rand gefüllt mit fettiger Rindfleischbrühe und klein geschnittenem sehnigen Fleisch. Blue dachte an den zarten rosafarbenen Lachs, den Said ihr angeboten hatte und seufzte. Sie winkte Sugar zu, näher zu kommen. Sugar wirkte, als würde sie jeden Augenblick zusammenbrechen. „Ich denke zwar, du bist was Besseres gewöhnt, aber du solltest etwas Brühe trinken, damit du zu Kräften kommst“, sagte Blue und steckte ihre Zunge widerstrebend in den Sud mit den Fettaugen. Sugar schleppte sich heran, roch an dem Napf und wandte sich schaudernd ab. Sugar hockte auf den Vorderläufen, ihr hinteres verletztes Bein lag hilflos auf dem Boden. Sie sah aus, als ob sie aufgeben wollte. Obwohl ihr langes Fell nun stumpf war und an einigen Stellen Knoten hatte, wirkte sie immer noch elegant und blaublütig. Blue redete Sugar gut zu und machte beruhigende Schnurrlaute. Plötzlich hörte sie hinter sich das Trippeln von Katzenpfoten und sah wie Sugar sich noch mehr zusammenzog. Der alte Omar tauchte hinter ihnen auf. Als er Sugar sah, machte er einen Buckel und seine Nackenhaare sträubten sich. Zu Blues Überraschung knurrte er böse, fast wie ein Hund. Angriffslustig sah er Sugar an. „Was hat sie hier zu suchen, ich mag keine Rassekatzen…“, fuhr er Blue an. Blue sagte besänftigend: „Sie ist verletzt, Omar, wir müssen ihr helfen…, sie hat da draußen in der Kälte mit ihrem verletzten Bein keine Chance…“ Omars Augen funkelten. „Blue, das ist mein Unterschlupf, ich habe dich und Mona ohne Murren aufgenommen,…und teile mit euch, alles was ich habe…, aber ich werde keine Rassekatze über den Winter bringen…, die hinter meinem Rücken eingebildet ihre Nase rümpft…“ Angespannt baute er sich vor Sugar auf und sagte: „Hau ab, ich will keine Rassekatze in meiner Nähe…“

Sein Rücken bildete einen Bogen, seine Augen glühten und er zischte die hilflose Sugar an. „Omar,…hör auf damit…, Robby hat sie aus dem Vorort der weißen Villen vertrieben,…sie ist vogelfrei…“, rief Blue verzweifelt. Sugar robbte rückwärts. An ihren Augen sah man, dass ihr alles zur Qual wurde. „Was habe ich damit zu tun,…das sollen diese hochmütigen Katzen unter sich ausmachen,…raus mit diesem Luxusgeschöpf…“, knurrte Omar drohend, „das ist mein Revier…“ Sugar erhob sich und bewegte sich ruckartig vorwärts, schleppte sich auf ihren drei Pfoten weiter. Sie gab keinen Laut von sich. Blue sah Omar an und schüttelte den Kopf: „Du bist keinen Deut besser als die Rassekatzen…“, schimpfte sie. Sie war untröstlich über Omars Grobheiten. Sie wollte Sugar nicht einfach dem sicheren Untergang draußen überlassen. Schon seit geraumer Zeit hatte sie das Gefühl, dass an ihrer Seite ein unsichtbarer, ständig spürbarer Abgrund entstand. Sie wünschte sich, Sooty würde sich zeigen und ihr weiterhelfen. Aber nichts geschah. Sie standen in der trüben Küche eines verwahrlosten Gasthauses und Omar trieb sie hinaus. „Gut, dann gehen wir eben…“, sagte sie böse zu Omar. Sie fühlte sich von Gegnern umzingelt, Ralf und seine Sippschaft, Magnolia, die Totengräberkatze, Robby, von allen Seiten wurde sie bedrängt. Sie stand allein und einsam da. Eine große Trauer sprang sie an, plötzlich fühlte sie sich völlig mut- und lustlos. Sugar lag wie erloschen an der Mauer und rührte sich nicht. Doch plötzlich straffte sich Blue, sie sagte sich, dass sie zu leben hatte und ihre Aufgabe zu erfüllen. Obwohl sich ihre Glieder nach der langen Nachtwanderung schwach anfühlten, richtete sie sich hoch auf und sagte: „Es ist gut Omar,…lass uns etwas von dieser Brühe trinken, dann werden wir aus dem „Roten Löwen“ verschwinden und deinem Umkreis verschwinden…“. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. Der kalte Wind draußen rüttelte an den dürren Bäumen und wieder trieben Schneeflocken gegen das hohe, trübe Küchenfenster. Blue stand sehr aufrecht und trank in großen Schlucken aus dem Napf. Sie zog die Nase kraus, um den Geruch auszublenden. Sie war entschlossen, mit Sugar hinaus zu Ebony in den Schuppen zu laufen, ein weiterer mühsamer und langer Weg stand ihnen bevor. Eine Welle der Aufregung schwappte durch ihren Bauch, als sie an den schwarzen Korsar dachte. Halb hoffte sie, halb fürchtete sie, ihn im Schuppen anzutreffen würde. Blue bezweifelte zwar, dass Sugar durchhalten konnte, aber sie mussten es auf jeden Fall versuchen. Sie musste stark sein und unglaublich entschlossen. „Sugar…“, rief sie, „komm, trink endlich, wir haben einen weiten Weg vor uns…“ Ein grausames Rachebedürfnis packte sie und überschwemmte ihren Körper, sie wollte Ralf und Robby endlich bluten sehen. Sie wandte sich Omar zu und rief wütend: „Ich bin enttäuscht von dir…, ich dachte, du wärest ein Freund von mir… “ Der alte Omar stand am Fuß der Treppe, die in den Speicher führte und überwachte jede ihrer Bewegungen. Er antwortete nicht, sondern starrte Sugar mit seinen kleinen Äuglein an. „Du hast Mona und mich schon bei Magnolia verleugnet…“, rief Blue dreist, „Hast du überhaupt kein Rückgrat…?“ Sie steckte ihre Nase hoch in die Luft. Der alte Omar lachte dreckig. „Na und, ich habe keine Rückgrat, ich bin gerne ein Wurm, solange ich genug zum Fressen habe,…komm mir nicht mit deiner dummen Katzenmoral,…jeder denkt zuerst an sich selbst…, Katzenmoral ist was für Rassekatzen ,…“ Blue warf ihm einen vernichtenden Blick zu, der ihn noch mehr erheiterte. Wieder lachte er unverschämt. So allein sie auch war, Blue war entschlossen, nicht aufzugeben. Sugar raffte sich mühsam auf und begann würgend in kleinen Schlucken von der Rindersuppe zu trinken. Bis auf die glucksenden Geräusche des Trinkens fiel ein lastendes Schweigen über das Gasthaus. Aus der Ferne hörte man dumpf die Domglocken schlagen. Tränen füllten Blues Augen, als sie langsam, doch hoch erhobenen Hauptes gefolgt von der humpelnden Sugar das Gasthaus verließ. Sie hörte Omar in ihrem Rücken befriedigt grunzen, als die Türe mit einem Knarren ins Schloss fiel.

 

Der blaue Himmel draußen stand in eigenartigem Kontrast zu der gedrückten Gemütslage der beiden Katzen, die geduckt aus dem Gasthaus schlichen. Es taute und der Wind schob und stupfte den liegen gebliebenen Schnee von den Bäumen. Es tröpfelte und rieselte überall. In der blendenden Sonne glitzerte der feine Schnee an den Seiten der Gassen. Von den Gassen stieg Wasserdampf auf. Winzige Rinnsale bildeten sich an den Seiten der Stufen, die auf die Straße stadtauswärts führten. Sugar hielt sich niedrig und stöhnte leise. „Blue, ich möchte nicht, dass du wegen mir dein Winterquartier verlässt…, ich bin nichts mehr wert…“, sagte sie leise. „Lass mich hier zurück, und gehe wieder zu Omar…, ich halte nicht mehr lange durch…“ „Nein…“, sagte Blue trotzig, „wir werden nicht aufgeben…, von diesem ganzen miesen Katern lassen wir uns nicht beeindrucken…, du wirst durchhalten, Sugar,…das bist du mir schuldig…“ Als sie die Altstadt verließen und sich langsam am Feld entlang schleppten auf den Friedhof zu, verschwand die Sonne in einem bleichen, tief hängenden Dunst und ein eintöniger Nebel hüllte sie ein. Sie waren von flachen Feldern und Wiesen umgeben, über denen krächzende Nebelkrähen hinweg flohen. Die schwarzen Vögel, die sie dreist umkreisten, erschreckten Sugar, die ohnehin am Ende ihrer Kräfte war. Nervös versuchte Blue, Sugar zur Eile anzutreiben. Sie liefen am Rand der offen daliegenden Felder entlang und hatten keinerlei Deckung. Sie boten ein gutes Angriffsziel. Ungefähr in der Mitte der Strecke ließ sich Sugar zu Boden fallen und ächzte: „Ich kann nicht mehr, Blue, es tut mir leid, ich gebe auf, lass mich hier liegen und bringe dich in Sicherheit…, um mich ist es nicht schade, ich habe nur Schande über mich gebracht…, ich habe deine Güte nicht verdient…“ Sie schloss ihre saphirblauen Augen und Tränen strömten über ihre Wangen. Sie hatte plötzlich eine Rauheit in der Stimme wie eine Heuschrecke und schien entschlossen zu sterben. Sie gab seltsame Töne von sich, die an Blues Rückgrat rieben und sie erschütterten. Sie legte ihre Pfote schwer auf Sugars Leib und fühlte wie er sich im Atemrhythmus schwach hob und senkte. Sugar öffnete ihre Augen nicht mehr und ihr Atem schien immer flacher zu werden und sich wie eine Woge in ihrem Inneren zu brechen. „Sugar…“, schrie Blue, die nahe davor war, die Nerven zu verlieren, „lass mich jetzt bloß nicht allein…“ Blue konnte es nicht länger aushalten. Sugar öffnete nur kurz die Augen und sagte: „Blue, lass mich, ich will nicht weiter…“ Blue fand es feige von Sugar, nun einfach aufzugeben, wo sie selbst so für sie gekämpft hatte und sich sogar mit Omar ihretwegen überworfen hatte. Diese Rassekatzen hatten alle kein Durchhaltevermögen. Doch sie sah, dass Sugar litt und in einem Winkel ihres Herzens tat sie Blue leid. „Es ist nicht mehr weit, und Ebony kennt Kräuter, die dir helfen werden…“, flüsterte sie Sugar ins Ohr. Sugar reagierte nicht mehr, sie schien entschlossen, in die Schattenwelt hinüberzugehen. Blues Worte erloschen. Eigentlich hatte sie Sugar nie besonders gemocht und sie für sehr eingebildet gehalten, aber als sie jetzt so hilflos und ergeben vor ihr lag, traten ihr wieder Tränen in die Augen. Sie überlegte, ob sie Sugar weiterschleifen konnte, aber sie hatte nicht genügend Kraft. Die kahlen Felder und die ganze Landschaft waren jeder Farbe beraubt. Eine große Dunkelheit ballte sich in Blue zusammen. Sie kauerte sich an Sugars Seite zusammen und starrte teilnahmslos in den Dunst hinaus. Alles in ihr schrie: „Ich bin allein, ich bin so allein…“ Von Minute zu Minute sank sie tiefer in ihren Schmerz und eine große Hoffnungslosigkeit. Von Zeit zu Zeit bemerkte sie, dass Sugar immer noch atmete. Blue wartete, sie horchte auf feindliche Geräusche. Aber nur ein paar Sperlinge huschten zwitschernd über das Feld und sahen ängstlich zu ihnen hinüber. Blue glaubte zu fühlen, wie der Tod sich ihnen näherte. Von Zeit zu Zeit meinte sie weiße Wesen zu erkennen, die sich auf dem Feld sammelten. Sie wusste, dass es gefährlich war, so lange auf offener Straße auszuharren. Sie musste weg, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, Sugar allein zurückzulassen. Sie sprang immer wieder auf und witterte in alle Richtungen.

Der Himmel war klarer geworden und schien aus rosafarbenem und blauem Rauch zu bestehen. In der Ferne sah Blue die unregelmäßigen Häuser der Altstadt verschleiert vom Dunst. Plötzlich streckte sich ein langer Hals hinter einem Baum hervor und Blue erkannte die Totengräberkatze mit ihrem zwielichtigen Grinsen. „Noch eine tote Katze,…hast du sie umgebracht, Blue,…?“ fragte sie in hämischem Ton und wackelte mit ihren großen Ohren. Blue, die unter großer Spannung stand, ging sofort in Angriffsstellung und begann zu zischen und wild zu fauchen. „Schon gut, schon gut,…du bist vielleicht humorlos…“, sagte Willie beschwichtigend. Ohne seine Busenfreundin Magnolia war er eher schüchtern und neigte zu schnellem Rückzug. „Hilf mir lieber…“, schimpfte Blue, „vielleicht können wir sie weiterschleifen…“ Willie warf einen flüchtigen Blick auf Sugar und sagte wegwerfend: „Sie ist so gut wie tot,…glaube mir, ich als Friedhofskatze kenne mich auf diesem Gebiet sehr gut aus…“ Er duckte sich und war innerhalb von wenigen Sekunden wie vom Erdboden verschwunden. Blue schrak auf, Angst rieselte durch ihren Körper. Sie musste verschwinden, bevor Willie zusammen mit Magnolia wieder auftauchte. Es war Zeit, von Sugar für immer Abschied zu nehmen. Sie wedelte mit der Pfote vor Sugars Gesicht und miaute leise und wehmütig. Sugar öffnete für einen Moment die Augen und stierte leer vor sich hin, dann schien sie kurz zu lächeln. Blue hockte vor ihr und sah zu den Sperlingsfontänen hinüber, die unter einem Baum nach Krumen suchten. Sie sah, dass Sugar ihren Aufbruch mit starrem, unerstauntem Blick hinnahm und hatte plötzlich das Bedürfnis, laut zu schreien. Sie fand alles ungerecht und unerträglich. Plötzlich raschelte es hinter einer Hecke und ein dunkelhaariger, großer Kater zeigte sich. Blue murmelte erschrocken: „Er ist es, er ist es,…der schwarze Korsar…, wie kommt er nur hierher.“ Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihm entgegen. Nur mühsam riss sie sich zusammen und sagte sich innerlich: „Wie albern du bist, Blue, hier geht es nicht um deine Liebelei, sondern um das Leben von Sugar…“ Lächelnd baute sich der Korsar vor ihr auf und wandte ihr seine dunkle Maske zu: „Wie ich sehe, Blue hast du dich wieder einmal in Schwierigkeiten gebracht,…der Geist dieses Ortes scheint dir nicht besonders wohl gesonnen zu sein…“ Obwohl der Korsar im Freien lebte, glänzte sein schwarzes Fell wie Seide und seine Pfoten waren schneeweiß. Als Blue den tiefen Klang seines wohl tönenden Baritons hörte, musste sie wider Willen lächeln. Doch sie erinnerte sich an den Verdacht, den Omar über ihn geäußert hatte und fragte stockend: „Woher kommst du, hat dich jemand zu uns geschickt…?“ „Niemand hat mich geschickt, der Ruhm Eurer Schönheit, Blue ist so groß, dass es mich ständig verlangt, euch zu begegnen…“ Plötzlich konnte Blue sich nicht länger beherrschen, die ganze Anspannung der letzten Tage explodierte in ihr und sie sprang den Korsaren aus einem fast unerträglichen Spannungsgefühl heraus an und als er ihr lachend auswich, stachelte sie das in ihrer Dreistigkeit noch mehr an. Sogleich stürzte sie sich ihm hinterher. Sie war schnell und wollte einfach nicht von ihm ablassen. Der Korsar verlangsamte das Tempo und schnappte spielerisch nach ihrem Fell. „Ich wusste schon immer, Blue, dass du eine besonders freche Katze bist…“, brummte er und wehrte sich gutmütig. Doch Blue konnte nicht mehr aufhören, immer wieder begann sie, ihn zu beißen und biss sich schließlich an seinem Nacken fest. Sie wühlte in seinem dichten Fell, wand sich und schlängelte sich unter ihm, bis er sie mit den Pfoten unten hielt und murmelte: „Was für ein unverschämtes Frauenzimmer…“ Blue tobte, tollte und raste weiter, bis er schwer zu stöhnen begann. Der Kampf zwischen ihnen war berauschend. „Habe ich dich verletzt…?“ fragte sie da schnell und ihre freche kleine Schnauze tauchte aus seinem dicken Fell auf. Der Korsar lachte: „Du hast einen samtweichen und prallfesten Körper, genau wie ich es vermutet habe…“, sagte er leise. Blue wollte sich wieder auf ihn stürzen, da sagte der Korsar: „Wir sollten uns zuerst um deine Freundin kümmern, bevor ich dich unterwerfe und dann fresse…“ Er trat zu Sugar hinüber und betrachtete ihre lahmende Vorderpfote. Er sagte weich: „Eine wunderschöne Katze, alter Adel…, es wäre schade, wenn wir sie nicht in Sicherheit brächten…“ Blue verspürte einen Stich der Eifersucht und bedauerte, ihn nicht noch fester gebissen zu haben. Der Korsar beugte sich zu Sugar hinunter und leckte mit seiner großen rauen Zunge über ihr Gesicht. Endlich öffnete Sugar die Augen. „Madame…“, sagte der Korsar höflich zu Sugar, „wenn Sie ein wenig mithelfen, werden wir Sie gemeinsam stützen und zu Ebonys Schuppen geleiten…“ Seine Kraft schien sich auf Sugar zu übertragen und sie mit neuer Hoffnung zu erfüllen. Sie rappelte sich wieder auf. Die ersten Meter schleppten und zogen sie sie, doch dann humpelte sie allein hinter Blue und dem Korsaren her. Die Dämmerung brach herein. Die ganze Last war schlagartig von Blue abgefallen und nichts mehr außer dem schwarzen Korsaren hatte eine Bedeutung für sie. Die Nacht würde ihnen gehören.

 

Während sie auf den Schuppen zuliefen, seufzte der Korsar und sagte: „Blue, darf ich dir ein paar Zeilen vortragen, zu denen mich der Reiz deiner Augen inspiriert hat…“ Blue musste kichern und nickte. Das plötzliche Auftauchen des Korsars hatte der Situation ihre Schwere genommen und seine Stimme erfüllte Blue mit einer Wonne, die sie nie zuvor empfunden hatte. „Die grünen Augen sind von der Farbe des Meeres,…“, begann der Korsar zu singen, „und ich bin ein Schiffbrüchiger der Liebe,…wenn sie ihre grünen Augen aufschlägt, spiegeln sich in ihnen die Sterne wie auf dem Grund eines Frühlingsweihers…“ Kurz drängte er sich dicht an Blue und leckte ihr über den Kopf. Blue erfasste ein leichter Schwindel. Seine Berührungen waren bestimmt und doch von einer schmelzenden Weichheit. Sie fühlte seinen muskulösen Körper an den ihren gepresst und seine Kraft riss sie in einen Strudel, in dem sie vergeblich einen Gedanken zu fassen versuchte. Sie fühlte seinen heißen Atem und bedauerte es fast, als der Schuppen in der Dämmerung vor ihnen auftauchte. Der Korsar flüsterte ihr zärtlich ins Ohr und verschwand hinter dem Schuppen. Mit klopfendem Herzen blieb Blue zurück und wartete auf Sugar, die langsam heranhumpelte. Fast erwartete Blue, Sootys abgenutztes altes Gesicht würde hinter den Sträuchern auftauchen, aber da schoss ein schwarzer Pfeil auf sie zu, sprang auf sie, umkreiste sie und miaute begeistert. „Ebony…“, schrie Blue, „Ebony, wie schön, dich zu sehen…“ Ebony war außer Rand und Band vor Freude. Sie schwang sich über Blue und raste quer über das Feld und wieder zurück. Als sie endlich zum Stillstand kam, sagte sie: „Du bist vielleicht eine treulose Freundin,… einfach abzuhauen und mich dem Korsaren zu überlassen…“ Wieder fegte sie übermütig über den Platz vor dem Schuppen, dann entdeckte sie Sugar, die an einen Baum gelehnt wartete. „Habt ihr mir eine Patientin mitgebracht,…?“ fragte sie eifrig. Sie schien froh, nicht länger allein zu sein. Sie drängten sich alle in den alten Schuppen, dessen Geruch Blue so vertraut erschien, als habe sie ihn nie verlassen. Während sich Ebony um Sugars Bein kümmerte und es mit getrockneten Kräutern bedeckte, konnte Blue ihre Augen nicht vom schwarzen Korsaren abwenden. Sie verschlangen sich mit Blicken. Eine überwältigende Sehnsucht hatte Blue ergriffen. Wie hatte sie so lange warten können, bis sie zu ihm zurückkehrte. Sie empfand eine große, helle, schwebeleichte Freude und darunter einen kleinen, drückenden Fleck aus Groll und Eifersucht. Sie wollte ihm so viele Fragen stellen. Sie ärgerte sich, dass sie so überstürzt davon geflüchtet war, ohne den endgültigen Ausgang der Dinge abgewartet zu haben. Sie hatte den Schuppen bewusst gemieden und sich mutterseelenallein durchgeschlagen. Nun aber waren sie endlich wieder zusammen und Blue wollte sich nie wieder von ihm trennen. Sie segelte auf einem grenzenlosen Hochgefühl dahin. Sie würden immer zusammenbleiben, Schnauze an Schnauze und Niere an Niere würden sie sich wärmen und einander stützen. Wie hatte sie Omars Verdächtigungen nur einen Moment lang Glauben schenken können. Wie durch einen Schleier beobachtete sie Ebony, die Sugar versorgte und ihr beflissen das Fell leckte, um den Blutkreislauf anzuregen.

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