Klaus D. Andreß

ALLES IN MEINEM KOPF

Dein Antlitz,

das verbannte Bild,

gegenwärtig.

Ich sehe es

vor meinen Augen.

 

Dein Lachen,

der gelöschte Klang,

wahrhaftig.

Fröhlich klingt er wieder

in meinem Ohr.

 

In der Blüte des Lebens,

der Rose Blattwerk welk,

das Sonnenlicht erloschen.

 

Jahre folgten,

finster wie die Nacht,

wo strahlend’ Glanz

sich zeigen sollte.

 

Ich seh’ mich stehn,

vor deiner Tür.

Öffnest du mir nicht?

Reichst mir nicht

die Hand zum Gruße?

 

Hör´ ich dich nicht sagen:

»Tritt ein mein Freund.«

Schenkst mir nicht

ein vom roten Wein?

 

Lauschest du nicht

meinen Worten

mit geneigtem Kopf?

Du redest doch mit mir!

 

Das alles nur

in meinem Kopf?

Das kann nicht sein!

 

Ich bin verwirrt,

ich schau dich an,

spüre deinen Blick,

der sich mit meinem kreuzt!

 

Du sollst gestorben sein?

Nicht mehr im Leben?

Trügen meine Augen mich?

 

Nein!

Ich sehe dich!

Blicke doch in dein Gesicht!

 

Rinnt eine Träne

der Erinnerung

über mein Gesicht?

Weine ich um dich?

 

Seh’ ich ein Irrlicht?

Seh’ ich dich?

Ich bin verwirrt,

ich weiß es nicht.

 

Du sollst gestorben sein?

Nicht mehr im Leben?

 

Seh’ ich ein Irrlicht?

Seh’ ich dich?

 

*  *  *

 

 

Was sich an jenem Abend zugetragen hat,

das strapaziert die Vorstellungskraft eines jeden Menschen.

 

* * *

 

Sprachlosigkeit

Mein Leben lang werde ich diesen Moment nicht vergessen, als sie an jenem Wintertag in mein Leben tritt. Selbst wenn die Erde zu meinen Lebzeiten aufhören würde, sich um die Sonne und sich selbst zu drehen. Sie sitzt neben mir, wunderschön und vertraut, und ich bin aufgewühlt und fassungslos.

Ergriffen und wortlos schaue ich in das Antlitz neben mir. Ich sehe sie an, blicke in ihre Augen, in die ich vor ungezählten Jahren geschaut habe. Ich erinnere mich ihrer Tränen, als sie von mir gegangen ist. Ich blicke in ihre Augen als wäre es zum ersten Mal in meinem Leben. Ich erlebe sie wie vor Jahrzehnten. Wie Quecksilber, glanzvoll, flüssig und zugleich greifbar. Unmöglich festzuhalten.

Wahrhaftig!

 

Meine Ruhe, meine Ausgeglichenheit, löst sich auf, verdampft förmlich. Darunter bin ich roh. Mein Verstand hört allmählich auf zu arbeiten, leert sich, flüchtet ins Nichts, als könnte er die Trauer aus der verdrängt geglaubten Vergangenheit nicht verkraften. Er setzt ein, zwei Herzschläge lang aus und eilt aufgewühlt los, stolpert über sich selbst und bleibt an den scharfen Kanten der Erinnerung hängen. Im gleichen Moment sprudelt ihr Name aus der verborgenen Tiefe hoch und explodiert in meinem Schädel. Das Blut flieht aus meinem Kopf. Halt suchend klammere ich mich an der Tischkante fest. Ich spüre, wie meine Gelassenheit ins Wanken gerät, kreischend aus der vorgegebenen Rille in eine andere rutscht. Meine aufgewühlten Sinne dürsten nach einer Ohnmacht. Meine Disziplin hindert mich, die Fassung zu verlieren. Verzweifelt versuche ich, sie zu bewahren.

Bisher war mein Leben ungestört. Ich hatte die Erinnerung ausgesperrt. Schlagartig ist das Andenken an den geliebten Menschen gegenwärtig.

In meinem Kopf!

 

Die Zeit scheint zu zerfließen, sich zu dehnen wie ein langes Gähnen. Verharrt dann wie in Spiritus eingelegt. Dauerhaft.

Gibt Raum für Gedanken und Erinnerungen.

Es ist der Augenblick der Wahrnehmung.

 

Aus dem Meer der Zeit schwappt eine Welle aus der Vergangenheit über den Strand der Gegenwart, schwemmt im Zurückfluten den Sand des Vergessens von den Steinen der Geschichte und legt verschüttete Erinnerungen frei, die mir uralt erscheinen, wie das Licht der Sterne am nächtlichen Himmel.

Das Andenken zeichnet mit zaghaften Federstrichen vage Konturen des verdrängt geglaubten Bildes in meinen Kopf und die Erinnerung füllt mit wehmütigen Pinselschwüngen die verschwommen Umrisse. Meine Gedanken verweilen in diesem Augenblick. Sie reihen sich still hinter der Erinnerung ein und nehmen gebannt das entstehende Bildnis in meinen Kopf wahr.

Mauern weichen zurück, um grenzenlosen Raum für die Schweigsamkeit zu schaffen. Lautlosigkeit dehnt sich aus und füllt das Vakuum zwischen den Wänden, der Decke und dem Boden. Sie überschwemmt den Raum, ergießt sich in das Gebäude, schwappt über den Vorplatz, flutet in die Straße, brandet über die Stadt und wird die Welt ertränken, bevor es Abend wird.

Die Geräuschlosigkeit dröhnt in meinen Ohren.

Betäubt betrachte ich, wie sich am Horizont die Wände auflösen und sich der Fußboden in die Vergangenheit wellt. Die Decke öffnet sich und Zeitlosigkeit drängt machtvoll herein. Von einem Moment auf den anderen bin ich gedankenfrei. Nur Schmerz bleibt der übrig, sonst nichts.

Schmerz.

Auf einen einzigen Punkt konzentriert.

 

Langsam breitet sich die Geräuschlosigkeit im abendlichen Lärm aus, die mich mit sich nimmt und in eine andere Sphäre trägt. Ein Atemzug der Vollkommenheit stellt sich ein, ein Gefühl unendlichen Glücks.

 

Es ist der Augenblick der Stille.
 

In diesem Moment der Friedfertigkeit dringt die Melodie des Largo ,Aus der Neuen Welt' von Antonin Dvorak in mein Bewusstsein und die Erinnerung hält mich in ihren Armen wie ein ängstliches Kind.

Kein Wort, …

keine Geste, …

kein Augenaufschlag, …

kein Gedanke.

Nichts. Nur Stille.

Stille, ...

 

Und die intime Nähe dieses ewig währenden Augenblicks.

 

Sie muss ihr Leben darauf lang gewartet haben, dass ich ihr hier und heute begegne in diesem Moment himmlischer Ruhe. Dieser erhabene Augenblick dauert den Hauch einer Sekunde, hält einen Lidschlag lang und füllt die Ewigkeit.

 

Wohin soll ich meinen Blick richten?

Ich bin fasziniert wie ein Kind. Ein Kind, das mit einem Mal die Welt begreift.

Erstaunt. Erschreckt.

Fassungslos.

 

 

Wortlosigkeit

Im Spiegel erblicke ich die Wanduhr über dem Schanktisch und sehe, wie die Zeiger in die Vergangenheit rücken und mit jedem Zucken schaben sie meine Erinnerungen frei.

Ein überwältigendes Gefühl der Dankbarkeit streift mich und feuchtet meine Augen.

Es ist lange her, als Sprache mit einfachen Begriffen ihren Anfang nahm. Heute füllen Worte umfangreiche Nachschlagewerke. Mir fallen in diesem Augenblick weder passende Worte noch geeignete Begriffe noch taugliche Redewendungen ein, die meine Verwunderung, meine Verwirrung, meine Empfindung in diesem Moment annähernd beschreiben könnten. Weder ein Wort noch einen einzigen Buchstaben kann ich denken.

Ich möchte sie wissen lassen, was mich bewegt, um es mir leichter zu machen. Aber die Sprache hält den Atem an. Worte verpuffen. Fliegen mir aus dem Kopf, bevor ich dazu komme, sie zu begreifen, geschweige denn auszusprechen. Ich schmecke Buchstaben, Silben, Worte, ja ganze Sätze auf der Zunge, aber ich weiß nicht, ob sie süß oder bitter sind.

Ich fühle mich in ihrer Nähe wie ein Analphabet, wortlos, stumm, gehemmt, wie auch an den folgenden Tagen, an dem sie in meiner Nähe ist. Ich bin nur in Gedanken bei ihr.

Noch Tage danach fehlen mir die Worte.

 

Denkblockade

Versuche ich meine Erinnerungen festzuhalten, fliegen sie davon wie ein windgescheuchter Haufen herbstlich gefärbtes Laub. Sie verschwinden wie Blätter, die im Wind ihre Richtung ändern, sobald ich sie fangen will. Ich sehe tatenlos zu, wie sie kommen und schnell entschwinden. Kurze, flüchtige Gedanken ziehen schnell vorbei wie Kometenstaub am nächtlichen Himmel und vergehen, bevor sie ankommen.

 

Als ich meine herumlungernden Gedanken aufscheuche, Buchstaben zusammenzutragen, um die passenden Begriffe zusammenzusetzen, mit denen ich meine Gefühle, die Erregung, und Benommenheit beschreiben kann, wird mir schlagartig bewusst, dass es aussichtslos ist. Den Mut, sie anzusprechen, ihr mit kargen, ungelenken Gesten versuchen klarzumachen, was sie ausgelöst hat, welche Erinnerungen sie geweckt hatte, bringe ich nicht auf.

Nicht jetzt, nicht heute.

Später.

Irgendwann.

Vielleicht.

 

Erinnerung

Zuhause angekommen, reibe ich mir die kalten Hände warm, setze mich in den Ohrensessel und lege die Füße übereinander. Angespannt und gedankenfrei schaue ich durch die Scheibe hinaus in die dunkle, windige Nacht. Mein Blick hat sich an dem alten Walnussbaum festgemacht, der im Garten steht und das Haus bewacht.

Erinnerungen treiben mit Träumen und Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen in der Dunkelheit als buntes, welkes Laub, vom Schein der Gartenleuchte angemalt, am Fenster vorbei. Sie entschwinden meinen Augen, lassen sich auf das Gras und den Fußweg nieder und beginnen ihre Reise mit der Windsbraut erneut.

Mein Blick verlässt die wirbelnden Erinnerungen und Fantasien vor der Scheibe und kehrt zurück in die Ruhe des Zimmers. Im Kamin lecken blasse, gelbrote Zungen müde über die noch glimmenden Scheite. Ab und zu knackt es im Holz und eine Flamme züngelt aufge­schreckt empor. Ich nehme das Notizbuch zur Hand, in dem ich Gedanken und Erinnerungen, Träumen und Hoffnungen notiert habe. Das Kornblumenblau des Einbandes ist über die Jahrzehnte verblichen und an den Kanten und Ecken abgeschabt. Die von Hand aufgetragene Beschriftung „Blauseide"[1] ist abgegriffen, verblichen und nur noch in Ansätzen zu erkennen. Durch die Risse im Einband, die wie gezackte Narben wirken, ist die braune Pappe darunter zu erkennen. Die Schutzhülle aus Plastik wellt sich an den Rändern und ist eingerissen wie trockene, abgestorbene Haut.

Als ich die Kladde aufschlage, seufzt die Bindung und die Seiten flattern aufgeschreckt aus ihrer Ruhe unruhig hin und her. Einige Blätter sind unsauber herausgerissen und haben anklagende Reste hinterlassen.

„So leicht lassen sich Gedanken und Erinnerungen tilgen", geht es mir durch den Kopf.

Das Papier ist dünn, die Kanten vom wiederholten Blättern ausgefranst und angeschmutzt. Ich streiche mit dem Finger über den verwischten Namen, der auf einer der ersten Seiten steht. Es ist ihr Name.

Monika.

 

Ich schließe die Augen und berge das Gesicht in die Hände, um mich an mich selbst zu erinnern. Die eintretende Dämmerung in meinem Kopf wächst sich zur Schwärze aus, bis sich die tiefe Trauer zu noch Grauenhafterem wandelt: zu dem verdrängt geglaubten Sterben.

Und mit dieser Erinnerung kommt die Angst. Sie liegt bleischwer auf meiner Brust. Nimmt mir die Luft. Ich ersticke. Atemlos und mit schmerzenden Lungen springe ich auf. Die Augen weit aufgerissen. Mein Herz pumpt. Ich spüre, wie die Zeit diesen Augenblick umkrallt.

 

Verdrängte Momente

Jedes Mal, wenn ich sie ansehe, an sie denke, stellt sich die verdrängte Erinnerung ein, kommen die vergessen geglaubten Bilder.

Ein weiteres Mal bewältige ich das schmerzvolle Ereignis.

 

Ich sehe das flackernde Blaulicht auf dem nassen Asphalt. Ich sehe Feuerwehrleute, die versuchen, sie aus dem Wrack zu befreien. Ich sehe Polizisten herumlaufen. Ich weiß, dass einer von ihnen mir später sagen wird, dass sie tot ist.

Ein Sanitäter legt mir eine Decke um und führt mich zum Rettungswagen. Meine Beine fühlen sich an wie aus Pudding. Es ist ein Wunder, dass ich nicht verletzt bin.

Ich will sie in die Arme nehmen und an mich drücken. Ich will ihr sagen, dass alles gut wird. Ich will ihre Nähe und ihre Wärme spüren. Ihren Atem auf meiner Haut. Den Druck ihrer Hand. Ihren liebevollen Blick, der meine Augen sucht.

 

Irgendwie habe ich es geschafft, aus den Rettungswagen zu kommen.

Irgendwie habe ich es geschafft, zu ihr zu gelangen.

Ich durchlebe, wie sie ihren Blick aus der Ferne holt, sich mir zuwendet, mich Ewigkeiten lang anschaut mit furchtbar geweiteten Augen, die die meinen in einer schier endlosen Ferne suchen und finden. Mit angstvollen Augen blickt sie mich an. Stumme Tränen rinnen unaufhörlich über ihre Wangen. Ihre blassen Lippen hauchen: »Ich will nicht sterben.«

Mir krampft das Herz, als ich sie tröste.

»Du musst keine Angst haben. Du wirst nicht sterben. Du gehst auf die die stille Seite des Lebens. Du bist nicht weit weg von mir. Wenn ich in einen Spiegel schaue, dann sehe ich dich. Fühlt meine Hand das Glas, lege die deine an. Du spürst dann die Wärme meiner Hand. Sei nicht traurig, ich bleibe bei dir, bis wir uns auf der stillen Seite wieder in die Arme nehmen und gemeinsam unseren Weg gehen.«

Unendlich langsam und widerstrebend gleitet ihre Hand aus meinen Fingern, als ließe sie den einen Funken Hoffnung los. Sie schaut zu mir auf, lächelt schwach, sieht mich lange und schmerzvoll an und ihr Mund formt fast lautlos die Worte: »Wir ... wir sehen uns wieder«.

Ihr Blick vergräbt sich in den Tiefen meiner Seele. Dunkelheit drängt das Licht aus ihren Augen. Das Leben verstummt. In diesem Moment stirbt auch ein Teil von mir.

Bestürzung. Furcht. Finsternis.

Die Dunkelheit verdichtet sich, wächst an, kriecht in meinen Kopf, füllt den ganzen Raum aus. Ich schreie auf. Angst. Schwärze.

Und mit der Schwärze in meinem Kopf kommt das Entsetzen.

Ich weiß, dass alles meine Schuld ist.

 

Weit nach Mitternacht liege ich auf dem Bett und versuche zu verstehen, was heute passiert ist. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird.

 

Erklärung

Es gibt Dinge, die weiß man und es gibt Dinge, auf die man inständig hofft. Treten sie ein, ist man fassungslos.

Es hat ungezählte Jahre gedauert, ehe es Tage gab, an denen es mir gelang, nicht an sie zu denken. Irgendwann gab es Stunden, in denen es mir vergönnt war, traumlos zu schlafen. Irgendwann gab es Minuten, in denen ich gewillt war, unseren Traum zu leben. Irgendwann wurden mir Sekunden geschenkt, in denen ich zaghaft hoffte, dass es ohne sie eine Zukunft für mich gibt. Es war eine lange und schmerzvolle Zeit.

Eines Tages gewährte mir das machtvoll vorwärtsstrebende Leben den Moment, in dem ich mir verzeihen konnte und nachsichtig zu Gott wurde, weil er sie zu sich genommen hat.

An jenem kühlen Winterabend in der Gastwirtschaft fühle ich, nein, ich sehe, dass sie in der Gegenwart zurück ist, als wolle sie mir sagen, dass ich mich an das erinnern soll, was sie hinterlassen hat. Als habe sich nichts verändert. Als wolle sie mit ihrem alten Leben fortfahren. Nicht ahnend, das ihr Leben durch einen Unfall endete, dass sie tot ist.

Es sind ihre Augen und es ist ihr Gesicht, in das ich an jenen Abend geschaut habe. Es ist ihr Lächeln, das sie in mein Bewusstsein rückte. Es ist die Erinnerung, die mich verwirrt und fasziniert seit jenem Abend.

Nichts scheint unmöglich. Einem beschränkten Geist kommen gewisse Dinge und Vorkommnisse rätselhaft, unbegreiflich, unerklärlich vor. Ich glaube, dass die Grenzen des Geistes noch lange nicht erreicht sind, alles für möglich zu halten, auch das vermeintlich Unmögliche. Es ist eine Frage der Zeit. Zeit, die man braucht, um zu verstehen, was möglich sein wird, was möglich sein kann.

Mir ist bewusst, dass sie es nicht ist, dass sie es nicht sein kann. Dennoch möchte ich glauben, dass sie ihr Leben weiterführt, als wäre nichts geschehen.

Sie hätte es verdient.

Es gibt eine versteckte Ecke in meinem Herzen, die sich nicht füllen lässt. Dort sitze ich davor und warte, ...

... und warte.

Jeden Tag.

 

Jeden der verdammt langen Tage eines Jahres ohne sie. Wieder und wieder stelle ich mir die Frage: "Wie kann ich eine Tote um Vergebung bitten?"

Jedes Jahr beginnt mit einem unbeschriebenen Blatt, auf das ich zaghaft meine Träume und Wünsche in bunte Formulierungen fasse. Am Ende jeden Jahres ist das Licht der Zuversicht erloschen, sind meine Träume erneut zerplatzt und meine farbenfrohen Wünsche in graue Schattierungen zerflossen. Ein weiteres Jahr wird folgen. Und ein weiteres.[2]

 

Ich glaube, ich vermisse sie mehr, als irgendwen sonst. Sie ist die riesige Lücke in meinem Leben, das dunkle, bodenlose Loch in meiner Seele. Ich vermisse die Zukunft, die wir hätten haben können. Vor wenigen Wimpernschlägen war ich mir sicher, dass mir nichts fehlt, dass ich wunderbar zurechtkomme und dass mein Leben toll ist.

Sie ist nicht mehr im Leben.

Dennoch blicke ich in ihr Gesicht, sehe ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund und ihre Lippen. Ihr Gesicht lebt mit einem anderen Körper, mit einem stillen Lächeln in Schweigsamkeit, als hielte die Sprache dauerhaft den Atem an.

Ist es meine Fantasie, dass ich sie wieder im Leben sehe?

Ist es mein ungestillter Wunsch?

Ist sie es doch?

Oder ist alles nur in meinem Kopf?

Kurze, flüchtige Fragen, die schnell vorbeiziehen wie die sturmgepeitschten Wolken an meinem Fenster.

 

Seitdem betrachte ich sie in den Momenten, in denen sie in meiner Nähe ist. In vergänglichen Augenblicken, in kurzen Sekunden, in rasch vergehenden Minuten, in schnell verstreichenden Stunden.

Ich sehe ihr ins Gesicht. Angespannt.

Verstohlen aus dem Augenwinkel. Erwartungsvoll.

Jede ihrer Regungen registriere ich. Achte auf ihre Mimik. Bemerke, wenn sie mit den Händen redet. Versuche, zu verstehen. Manches Mal spielen ihre Finger gedankenverloren mit den Haaren, streichen über die Wangen, während sie den Blick über den Tisch, in die Karten vor sich, durch den Raum und über die Gesichter schweifen lässt.

Sie hat mich bezaubert. Es ist eine Faszination, die mir ein stilles Lächeln über das Gesicht gleiten lässt und mich an vergessen geglaubte Augenblicke meiner Jugend erinnert. Sie wirkt in sich gekehrt und strahlt ein stilles Selbstvertrauen aus.

Sie hat meine Blicke bemerkt, lässt aber nicht erkennen, ob es ihr gefällt, dass ich sie ansehe. Erwidert sie meinen Blick, vergisst mein Herz zwei, drei Schläge. Dann ruht sich die Zeit aus. Das Wasser beendet sein Geplätscher und hört auf zu fließen. Festgefroren hängt es am Zapfhahn ohne ein Zeichen von Frost. Auch der kühle Lufthauch, der durch den Raum streicht, hält plötzlich inne. Man kann ihn noch in den wehenden Haaren sehen und über die Haut streichen fühlen. Gardinen und Vorhänge, vom Wind in eine Richtung gezwängt, verharren regungslos in der Bewegung. Ein Schmetterling, der sich dem Wind hingegeben hat, hängt wie gemalt in der Luft, ein Schnappschuss des Augenblicks. Alles steht still. Nichts bewegt sich. Nicht einmal das Leben. Die Gegenwart bleibt zwei Herzschläge lang stehen und lässt die Zukunft warten, um der Vergangenheit eine kleine Zeitspanne der Erinnerung zu schenken. Umarmt mich ihr Blick, berührt er meine Seele und Ewigkeiten vergehen. Ein schwaches Kräuseln auf der Oberfläche des Meeres der Vergangenheit trägt mich zurück in die Gegenwart. Verlegen löse ich den Blick. Der Moment ist vorbei und die Welt beginnt, sich wieder zu drehen.

Das Vergangene wird Geschichte und die Gegenwart wird Vergangenheit. Die Zeiger der Uhr mühen sich redlich, die verloren gegangene Zeit aufzuholen. Mein Puls regt sich. Klopft hart. Feiner Schweiß perlt auf meiner Stirn. Meine Kopfhaut zieht sich zusammen. Die Hände werden klamm. Hinter der Stirn entwickeln sich wirre Gedanken.

Monika.

 

Alles nur in meinem Kopf?

 

Mein Blick verschwimmt. In meinen Augen schimmern Tränen. Ich habe Verlorenes, Vergessenes, Verdrängtes wiedergefunden. Es ist wunderbar. Wunderbar und schrecklich zu-gleich.

Es werden sich Wochen, Monate, vielleicht Jahre einstellen und vergehen, ehe ich in der Lage sein werde, dieses Geschenk der Erinnerung zu begreifen.

 

Irgendwann werde ich darüber sprechen können.

 

 

 

Ich freue mich!

Es ist schön,

dass es dich gibt!

Es ist schön,

dich zu sehn.

Mir fehlt der Blick

in dein Gesicht.

Es ist der Blick

auch in das Gesicht

von Monika.

 

Ich wünsche mir, du hättest sie gekannt.

 

Lange habe ich diesen letzten Satz betrachtet. Nachdenklich.

Schwarz. Auf Papier.

So geduldig.

So endgültig.

 

Schwachsinn, habe ich gedacht.

Ich weiß, dass ich mich besser ausdrücken kann.

Vor dieser Begegnung wären die Worte aus mir herausgeströmt und hätten sich auf dem Papier verteilt wie leicht hingeworfenes, buntes Konfetti. Jetzt ist alles schwerfälliger geworden, verkrampft, schwerfällig und zäh ...

 

Ich fühle mich besser, nachdem ich den letzten Satz durchgestrichen habe.

 

Jetzt habe ich wieder nichts.

Kein Ende.

 

Und keinen Anfang.

 

* * *

 

 

 
  1. BLAUSEIDE (Björn-Erik Nydal) © 2008 Books On Demand ISBN 987-3-8370-4357-0

[2] Frei nach Maria Sassin: "Unbeschriebenes Blatt"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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