Klaus D. Andreß

DER PROTAGONIST MUSS WEG

Karl Gunter wollte raus aus diesem Fingerhut von Kleinstadt, wo ihn jeder kannte und wo jeder vermutete, was er getan hatte, sogar die Pflastersteine. Wo selbst die Gräser im Park und am Wegesrand tuschelten, wenn er an ihnen vorbeiging und mit den Halmen auf ihn zeigten. Er wollte von hier weg an einen Ort, wo man nichts über ihn wusste und er neu anfangen konnte, ohne die Hypothek des Getuschels und der üblen Nachreden. Es sollte der erste Schritt in ein unbe­fleck­tes Leben werden und er tritt mitten rein in den Hundehaufen, und das mit seinen fabrikneuen, teuren Schu­hen. Na, das konnte ja heiter werden, sein neues Leben. Immerhin, es soll ja Glück bringen, wenn man in die Scheiße tritt. Na denn.

Ich merke nur kurz an: Es war ein sehr großer Hundekothaufen. Es erschließt sich mir nicht, was sich der Autor dabei gedacht haben mag. Es macht für die folgende Geschichte keinen Sinn. Ist völlig irrelevant. Manchmal frage ich mich: Kann er überhaupt etwas zu Papier bringen, was Sinn und Verstand hat?

Nun sei doch nicht so negativ. Eine Geschichte entwickelt sich Schritt für Schritt. Warts ab!

 

Karl begann in einer Kleinstadt am Rande des Odenwaldes sein dort noch unbeschriebenes Leben. Er ist hilfsbereit, gescheit, gebildet, eloquent, gelehrt und kultiviert. Ein Zeitgenosse, der klassische Musik mag und den Genüssen des Lebens nicht abgeneigt gegenübersteht. Er ist nicht unansehnlich und den schönen Dingen des Lebens zugetan. In seiner Gesellschaft fühlen sich die Menschen wohl. Besonders die Damen mittleren Alters schätzen ihn, zumal er ungebun­den durchs Leben schlen­dert. All diese positiven Faktoren ertüchtigen ihn nicht, seine Daseinsgestaltung selbst in die Hand zu nehmen. Lebensunfähig braucht er ständig Hilfe in fast allen Le­benslagen, außer beim Einkaufen der alltäglichen Dinge wie Zeitung, Klopapier und Essba­rem. Das macht ihn wütend bis zur Raserei. Und wenn er durchdreht, dann geschehen regelmäßig unschöne Dinge. Einen Totschlag und zweier Morde schreibt man ihn zu, ohne es ihm nachweisen zu können. Deshalb der neue Wohnort, wo er seine Unbe­herrscht­heit psychodyn­a­misch, scheinbar dauerhaft, in den Griff bekommen hat.

 

Was heißt denn hier „sein dort noch unbeschriebenes Leben“? Ich bin geheilt von meinen Ausrastern, ein friedvoller Mensch, der seine Ruhe sucht. Komm mir bloß nicht mit den alten Geschichten. An denen ist absolut nicht dran.Nichts als übelste Nachrede!

Du wirst doch nicht leugnen können, dass du dich eben wegen dieser Vorhaltun­gen aus dem Staub gemacht hast. Also, lass mal die Kirche im Dorf, Karl!

 

Es ist ein Sonntag im Juli. Die Sonne brennt vom Himmel. Ein Aufenthalt im Freien kommt fast einer Selbstkasteiung gleich. Karl hat sich deshalb mit Hermine, auf ihren Wunsch hin, zu einem Spaziergang unter dem kühlenden Blätterdach des nahen Odenwaldes verabredet. Sie war ihm bei der Wohnungssuche behilflich gewesen und hat sich dafür diese Gefälligkeit ausbedungen. Er hasst dieses Herumgelaufe, das nichts bringt, außer Landschaft gucken. Er hasst Wandern, er hasst es, Spazieren zu gehen, auch wenn es nur um den Block geht. Er hasst sogar die Vorstel­lung eines Spaziergangs. Viel lieber sitzt er mit einem Buch auf der Terrasse, döst gedankenverloren im Sonnenschein oder genießt einen guten Wein und guckt dabei Löcher in die Luft.

Es ist nicht auszuhalten mit diesem Autor! Das muss ich anmerken. Da beschreibt er mich mit hervorragenden Eigenschaften und Interessen und lässt mich dann Dinge tun, die meinen Widerwillen hervorrufen, die ich unerträglich finde. Spazierengehen. Grauslich.

Was hast du denn jetzt schon wieder? Die paar Schritte tun der Gesundheit gut. Du soll­test dich viel öfter bewegen. Ich überlege mir gerade, ob du nicht in einem Sportstudio Mitglied werden sollst.

Muckibude! Bist du bescheuert?!
Ich sollte mir einen anderen Schriftsteller suchen.

Lass es gut sein. Geh mit Hermine spazieren und unterhalte sie ein bisschen. Du bist doch sehr beredt.

 

Hermine, eine junge Frau, die einige Kilos zuviel auf den Hüften hat, was an ihrer Vorliebe für Torten und allerlei Süßem liegt. Hermine ist Single und immerzu auf der Suche nach einem Mann. Da kommt ihr der frisch in die Stadt gezogene Karl gerade recht. Sie hat Gefallen an ihm gefunden und erhofft sich eine intensive, vor allem dauerhafte Beziehung. Der Spaziergang in den Odenwald befeuert ihre Ambitionen. Vielleicht kann sie ihn verführen, geht ihr durch ihren, mit erotischen Bildern angereicherten, Kopf.

 

Was soll das denn jetzt? Willst du mich verkuppeln? Ich habe weder Lust noch Interesse, mich zu binden. Schon gar nicht mit dieser Frau. Schau sie dir doch mal an! Du hättest sie wesentlich attraktiver schreiben können.

Warte es ab. Vielleicht bist du mir am Ende der Geschichte dankbar, dass ich dir Hermine vorgestellt habe.

 

Karl hat seine Hände bereits zu Fäusten geballt. Gelegentlich rauscht ein kaum merklicher Windstoß durch den sonst stillen Wald. Der Geruch von trockenem Moos und Pilzen weht durch das Gehölz. Sonnenstrahlen dringen durch das Blätterdach und verbreiten eine Stimmung von Ruhe und Ausgeglichenheit. Die Luft ist erfüllt mit lieblichen Gesängen von Vögeln.

Seit dem Beginn der Wanderung kreisen Hermines Gedanken nur um dieses Thema: Gesänge vom Vögeln (oder sagt man „beim“?).

Seit zwei Stunden laufen die beiden wortlos nebeneinander her, stolpern über Stock und Stein und Baumwurzeln, die wiederholt versuchen, Karl ein Bein zu stellen. Hermine wird langsam ungeduldig. Ihre Gedanken kreisen um zwei Themen: Wann wird er mich endlich in den Arm nehmen und mich leidenschaftlich küssen und die Furcht, nicht mehr aus dem Wald zu finden, wenn er sie alleine lässt.

 

Zuerst Hundekot am Schuh und sich dann noch auf die Fresse legen. Nee, keine erbauliche Situa­tion, in der ich mich befinde. Und warum? Weil diese Schlafmütze von Autor vergessen hat, daran zu denken, ein Gesprächsthema zu formu­lieren, zumindest anzureißen. Jetzt latsche ich stumm wie ein Fisch neben Hermine durch die Pampa. Da hätte ich auch Zuhause bleiben können. Und der Herr Autor ergeht sich in Landschaftsbeschreibungen und den Gelüsten einer dicklichen Frau. Langsam reicht es mir. Ich merke, wie das Blut in mir zu kochen beginnt!

Nun sei doch nicht gleich so nachtragend. Ich doch erst bin am Anfang meiner steilen Karriere als Schriftsteller. Da kann das eine oder andere Mal­heur schon mal passieren. Und die landschaftlichen Eigenarten sind ein tragendes Element meiner Geschichte.

Landschaft? Pah, die Leser schauen sich lieber einen Dokumentarfilm an, als sich deine langweilige Beschreibung einer Landschaft anzutun. Mach dir lieber flugs ein paar Gedan­ken, wie ich aus dieser Bredouille einigermaßen glimpflich herauskomme. Hermine ist schon seit einer Weile gelangweilt und scheint genervt. Und mir kocht mein Blut auch so langsam über.

Du könntest dir ja selbst ein Gesprächthema ausdenken. Hast du mal daran gedacht, anstatt auf mir herumzuhacken?

Ach so, jetzt bin ich der Schuldige an dieser vermaledeiten Situation? Typisch für einen ideenlosen, uninspirierten Schreiberling. Kein schöpferischer Gedanke, kein guter Einfall, null Vorstellungskraft. Alles soll der Protagonist selbst machen. Hast du dir das so vorge­stellt, du verkanntes Literatur-Nobelpreisträ­ger-Genie?

Ich habe dich doch als freundlichen, zartfühlenden, sanftmütigen und rücksichtsvollen Mann beschrieben, der eloquent und hochbegabt ist. Und nach der Therapie auch sanftmütig.

Das nutzt mir in dieser sprachlosen Situation überhaupt nichts. Wieso soll ich mir deinen Kopf zerbrechen?

Mann! Man muss doch nicht immerfort miteinander reden. Du kannst ja deinen Arm um ihre Hüfte legen, mal sehen, was dann passiert. Sie wartet schon seit zwei Stunden darauf.

Wahrscheinlich wird sie mir eine Kleben. Und wieso gleich um die Hüfte? Nicht erst einmal die Pratze auf die Schulter? Schreibst du einen Porno?!

Porno?! Das ist meterweit unter meinem Niveau! Und wenn du eine Ohrfeige einfängst, der Versuch ist es wert. Dann weist du, wo du stehst.

Sind ja nicht deine Zähne, die ich danach ausspucke!

Was ist denn los mit dir? Reis dich zusammen.

Ich sollte dir einen Sack Reis kaufen, damit du ihn aufreißen kannst.

Was soll denn dieser Exkurs?

Wirst du hoffentlich noch drauf kommen. Wenn nicht, dann gehe ich an deiner Stelle zur Nobelpreisverleihung!

Lassen wir das Geplänkel. Konzentrieren wir uns auf die weitere Abfolge des Spaziergangs.

Wieso wir? Das ist allein dein Part. Weist du was, ich vergesse mal die mir angedichteten, positiven Eigenschaften und lass mal wieder die Sau raus.

Was meinst du mit „die Sau rauslassen“?

Mir geht dein Gequassel auf den Senkel. Ich werde mich an Hermine vergehen!

Du kannst doch nicht wieder in deine alten Verhaltensmuster zurückfallen? Das kann und werde ich nicht zulassen.
Du bist MEIN Geschöpf und verhältst dich so, wie ich es dir VOR-schreibe!

Papperlapapp, was willst du dagegen tun. ICH bin hier im Wald allein mit Hermine, nicht DU! Weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Kilometerweit von einer bewohnten Behausung entfernt. DIR fällt doch zu der Geschichte eh nichts mehr ein! Du hast die Stille, die Einsamkeit vorgegeben. Das nutze ich jetzt aus. Was auch immer gleich passiert, ist nicht meine Schuld! Ich will jetzt auch ein wenig Spaß!

Das kannst du nicht machen! Ich verbiete dir solche Gedanken. Ich schreibe dir JETZT vor, was du zu tun und zu lassen hastst.

Wie ich sehe, geht dir die Tinte aus. Der feine Herr Autor muss ja unbedingt mit dem geklauten Füll­federhalter von Günter Grass sein Manuskript fertigen, um später die Handschriften für gutes Geld an den Mann zu bringen. Gier, wohin man schaut. Diese Computertipperei findet er popelig. Na, dann schreib mal schön, wie ich mich zu verhalten habe. Ehe du die Tinte in deinem unordentlichen Haushalt findest und das Schreib­gerät aufgefüllt hast, habe ich Hermine mehrfach auf dem bemoosten Waldboden, der einem flauschigen Teppich erlesener Qualität nicht unähnlich ist, genommen und lasse sie danach heulend und am „ ast“baumelnd zurück in der sternenüberkuppelten Dunkelheit,.

Ich werde dich verschwinden lassen!!

Keine Ideen aber eine große Klappe, wenn es schief läuft. Und jetzt noch Morddrohungen. Das ich nicht lache!

Ich

Hallo, Schreiberling! Wortlos wie immer? Keine Tinte auf dem Füller? Haha, ich habe genug Tinte für Zwei!! Jetzt bringe ich die Story zu Ende!

 

In der Zwischenzeit ist es finster geworden und Hermine gesteht Karl ihre Furcht vor der Dunkelheit und den jetzt unheimlich erscheinenden Geräuschen und dem wirren Schattenspiel im abendlichen Wald. Karl hegt ähnliche Sorgen. Endlich bricht Hermine ihr stundenlanges Schweigen. „Ich fürchte mich. Und ich habe Angst, dass wir nicht mehr aus dem Wald hinausfinden bei der Dunkelheit.“

 

Puh, da habe ich zum Glück noch rechtzeitig die Tinte gefunden und wohl Schlimmes verhindern können. So, jetzt wollen wir die Geschichte zu einem erfreulichen Ende führen und DU spielst nach meinen Zeilen mit.

ICH schreibe die Geschichte jetzt weiter und du hast jetzt Pause! Und PAUSE groß geschrieben!! Hier ist MEINE Version!

 

Missvergnügt schaut Karl Hermine von der Seite an und denke bei sich: Scheiß auf die Therapie. Ich will jetzt auch meinen Spaß haben. Die dumme Pute hatte ihn ja über Stunden mit dem Spaziergang im Grünen. Jetzt bin ich dran mit Vergnügen!

Unvermittelt bleibt er stehen, wende sich Hermi­ne zu, greift sie fest bei den Oberarmen, schaut in ihre ängstlichen geweiteten Augen und flüstert mit frostiger Stimme, zusammengekniffenen Augenlidern und einem diabolischen Grinsen im Gesicht: »Was soll ich denn sagen. Ich muss gleich den ganzen Scheißweg alleine zurücklaufen.«

Karl spürt körperlich, wie Hermines Herzschlag aussetzt,

 

Na, Schreiberling, ist das eine Pointe?!

Du wärst da nie drauf gekommen! Bei dir muss man als Protagonist alles alleine machen, Plot entwickeln, Personen erfinden, Charaktere entwickeln, Handlung erdenken, ausführen und dann noch `n super Ende finden.

 

Weg. Der Protagonist muss weg.

Hahaha, pass auf, dass dir nicht wieder die Tinte ausgeht, bevor du mich weggeschrieben hast.

 

 

* * *

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